Bio? Logisch!

Bio-Fachhandel: Bruderhahn ja oder nein?

Zu jeder Legehenne wächst garantiert ein Hahn ökologisch auf: Dieses Versprechen geben derzeit noch die Anbauverbände Bioland, Naturland und Demeter. Alle anderen erlauben als Alternative das Töten männlicher Embryonen. Wo steht der Bio-Fachhandel in der Debatte und welche Rolle spielt der Bruderhahn für die Kaufentscheidung im Laden? Würde es nicht auch ohne Bruderhahn gehen – und wären dann die Bio-Eier günstiger? Darüber und mehr geben führende Bio-Fachhändler Auskunft.

BID Bruderhaehne Elke Bartussek ueber bio
Wie hätte es gerne der Bio-Fachhandel: Wird der Bruderhahn aufgezogen oder bereits als Embryo getötet?
Bild: Elke Bartussek/Brudertier Initiative Deutschland

Es mag oftmals das gute Gewissen mitschwingen, wenn die Endkundschaft zu Bio-Eiern mit garantierter ökologischer Aufzucht der Bruderhähne greift: wieder niedliche Küken gerettet. Ursprünglich waren sich die Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis einig, dass zu jeder Legehenne ein Bruderhahn aufwächst – auch wenn dieser durchaus in der Kritik steht (viel Futter, wenig und teils schwer zu vermarktendes Fleisch). Demeter bleibt weiterhin beim Bruderhahn. Spätestens, seit Ende April Biokreis als Alternative die Geschlechtsbestimmung im Ei (auch In-Ovo-Selektion genannt: reift ein männlicher Embryo heran, wird er samt Ei geschreddert) mutmaßlich ohne gültiges Votum der Mitglieder erlaubt, ist bei den Anbauverbänden Bewegung in die Debatte gekommen. Das Präsidium von Naturland prüft derzeit eng abgestimmt mit Bioland, unter welchen Voraussetzungen man ebenfalls das Töten von Embryonen zulassen könnte. Randnotiz: Seitdem die Technik verfügbar ist, erlauben die Anbauverbände Biopark, Ecoland und Verbund Ökohöfe die Geschlechtsbestimmung im Ei – auch wenn Biokreis-Geschäftsführer Simon Krischer im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk (Sendung „Unser Land“ vom 26. Juni) behauptete, Biokreis ermögliche als erster Verband diesen Weg. Diese Aussage ist falsch.

Doch wo steht der Bio-Fachhandel in der Debatte um den Bruderhahn? Wie entscheidend ist seine Aufzucht für den Bio-Eierkauf? Wie würde der Bio-Fachhandel reagieren, wenn Naturland und/oder Bioland die verpflichtende Aufzucht kippen und landwirtschaftliche Betriebe auf das Töten der männlichen Embryonen setzen: Bleiben Lieferanten weiterhin gelistet und wenn ja, werden dann die Bio-Eier günstiger? Um ein möglichst breites Stimmungsbild liefern zu können, hat „über bio“ eine Umfrage an führende Bio-Fachhändler geschickt. Trotz mehrfacher Anfrage haben nicht alle geantwortet, daher fehlen die Stimmen beispielsweise von ebl Naturkost, Aleco und LPG Biomarkt. Manche sind zudem nicht in allen Punkten direkt auf die Fragen eingegangen. Dieser Beitrag liefert daher kein repräsentatives Bild des gesamten Bio-Fachhandels, aber einen ersten Überblick.

So steht der Bio-Fachhandel zum Bruderhahn

„Seit 2016 setzt Alnatura mit der Bruderhahn-Initiative ein klares Zeichen für mehr Verantwortung in der ökologischen Geflügelhaltung“, gibt der Bio-Fachhändler an. Ob Bio-Eier als frische Ware oder als Zutat in Alnatura-Produkten über die Ladentheke gehen, ist der Bruderhahn Pflicht. Erzeugerbetriebe, die stattdessen auf das Töten von Embryonen setzen, können Alnatura und die Alnatura-Produzenten (zumindest für die Alnatura-Produkte) nicht beliefern.

beenhere

Gemeinsam „über bio“ ermöglichen

Dieser Artikel sowie alle Inhalte von „über bio“ sind für Sie kostenfrei.
Hochwertiger Journalismus kostet neben Zeit für Recherche auch Geld. Ich freue mich über jede Unterstützerin und jeden Unterstützer, die/der das Magazin via Banküberweisung, Paypal oder jederzeit kündbares Abo bei Steady ermöglicht. Seien Sie auch mit dabei.

„Die Anteile an Bruderhahn-Eiern am gesamten Eierabsatz zeigt die hohe Relevanz der Aufzucht der Bruderhähne bei unseren Kund*innen“, teilt Lukas Nossol, Leiter Unternehmenskommunikation Dennree mit. „Wir gehen davon aus, dass die meisten Kundinnen das Töten männlicher Küken vermeiden möchten – unabhängig davon, welcher Weg dorthin führt. Eine konkrete Entscheidung bezüglich In-Ovo selektierten Eiern prüfen wir, sobald ein konkreter Fall vorliegt.“ Wie sähe es aus, wenn sich ein Lieferant vom Bruderhahn verabschiedet und damit auch die Kosten für dessen Aufzucht vermeidet? „Die ethische Frage zum Schutz des Embryos spricht klar gegen diese Methode. Gleichwohl versprechen wir als Händler unseren Kund*innen mögliche wirtschaftliche Vorteile für sie auch zu verfolgen und zu prüfen.“

„Aus Kapazitätsgründen“ wollte Bio Company die Umfrage nicht beantworten, die Pressesprecherin verwies im Gegenzug auf die Internetseite. Dort ist zu lesen: „Bereits seit 2021 sind 100 % unserer Eier mit Bruderhahn-Initiativen verbunden.“

„Wir führen ausschließlich Bio-Eier mit Bruderhahnaufzucht. Die hohen Absatzzahlen bei den Eiern bestätigen uns, dass unsere Kunden Wert drauf legen“, teilt Vollcorner mit.

Für SuperBioMarkt ist die garantierte ökologische Aufzucht der Bruderhähne „Dreh- und Angelpunkt“ in der Kundenkommunikation. Würde ein bestehender Lieferant stattdessen auf die Geschlechtsbestimmung im Ei setzen, müsse man sich noch eine fundierte Meinung bilden. „Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir noch keine finale Positionierung zu diesem Thema“, schreibt Marketingleiter Linus Weistropp. Fallen die Kosten für die Bruderhahnaufzucht weg, würde man beim Lieferanten einen entsprechenden Preisnachlass fordern und diesen teilweise an die Endkundschaft weiterreichen, „da wir dann auch das Thema als solches transparent den Kunden gegenüber kommunizieren würden.“

Die garantierte ökologische Aufzucht der Bruderhähne ist für die Kundenkommunikation und auch für die Kundschaft selbst wichtig, wie Klaus Lorenzen, geschäftsführender Vorstand von EVG Landwege mitteilt. Die Geschlechtsbestimmung im Ei sieht er kritisch. Wie gut das Verfahren zur ökologischen Landwirtschaft passt, müssten allerdings die Erzeuger entscheiden und nicht der Handel. Bio-Höfe, die sich vom Wegfall der Kosten für den Bruderhahn einen wirtschaftlichen Vorteil versprechen, säßen allerdings einem Trugschluss auf: Die Einkaufspreise würden entsprechend sinken. Könne ein Lieferant schlüssig darlegen, warum er auf die Geschlechtsbestimmung im Ei setzt, „könnten wir den Weg mitgehen und die damit einhergehende Preisveränderung auch an die Kundschaft weitergeben.“

Bei Vorwerk Podemus ist die Bruderhahnaufzucht in der Kommunikation kein zentrales Element. „Viele Kunden wollen den Standard Bio garantiert haben. Für Bruderhahnaufzucht zahlen sie dazu den Mehrpreis, ohne expliziert danach verlangt zu haben. Es geht vielen Kunden um den Geschmack der Eier und die regionale Herkunft. Viele Kunden nehmen es eher als ein ‚nice to have‘ mit.“

Für Biomare aus Leipzig spielt der Bruderhahn in der Kundenkommunikation hingegen gar keine Rolle. „Ich war von Beginn an skeptisch gegenüber dem Konzept Bruderhahn. Für mich macht es keinen Unterschied, ob die Hähne als Eintagsküken oder nach x Wochen getötet werden, ohne dass ein echter Ernährungsbedarf besteht, beziehungsweise Mastrasse-Tiere durch sie ersetzt werden können“, bringt Inhaber Malte Reupert eine gängige und durchaus berechtigte Kritik auf den Punkt. Doch wie steht er allgemein als Bio-Fachhändler zur Geschlechtsbestimmung im Ei? „Ich bin in diesem Thema unentschieden. Mich stört, dass es in der Branche sehr oft von emotionalen Reflexen bestimmt diskutiert wird. Unser menschliches Gehirn ist leider so gebaut, dass Emotionen dem rationalen Verstand das Ergebnis vorgeben, also ein ergebnisoffenes Denken damit quasi lahmgelegt ist. In der Folge fehlt da oft ein ehrlich-nüchterner und vor allem auch selbstkritischer Blick. Wenn man die tatsächlichen Alternativen nebeneinander legt, stehen auch gewichtige Gründe für die In-Ovo-Selektion im Raum.“

Bio-Fachhandel und Bio-Fleischprodukte vom Bruderhahn

Darf das männliche Küken leben, wird es aufgezogen und spätestens nach vierzehn Wochen geschlachtet. Wer folglich mit seinem Bio-Eierkauf die Aufzucht ermöglicht, müsste um den Kreislauf zu schließen auch Bio-Produkte mit Bruderhahnfleisch kaufen. So viel sei klargestellt: Diesbezüglich klafft eine deutliche Diskrepanz.

Das bestätigt auch Dennree: „Aktuell führen wir nur vereinzelte Produkte mit Bruderhahn-Auslobung. Umfangreiche Tests in der Vergangenheit haben gezeigt, dass unsere Kund*innen die Bruderhahnaufzucht zwar positiv bewerten, das Interesse an entsprechenden Fleischprodukten jedoch insgesamt gering bleibt.“

Ein ähnliches Bild zeichnet Biomare: Man habe immer wieder versucht, entsprechende Produkte zu etablieren. „Aber die Wahrheit ist, dass sich die Kundschaft regelmäßig dagegen entschieden hat.“

Anders bei SuperBioMarkt, denn alle Filialen bieten an ihren Bedientheken eine Fleischwurst mit und ohne Knoblauch sowie eine Grillwurst an. Zusätzlich eine Currywurst und eine Bolognese im Glas. Frikassee im Glas soll noch folgen.

Vollcorner setzt beim Bruderhahnfleisch vollständig auf Konserven: Vom Fonds, über Suppen, Frikassee, Geschnetzeltes, Chicken Masala bis Chili con Carne. Weitere Produkte sind allerdings nicht geplant, denn Frischfleisch und Wurstartikel wurden von der Kundschaft nicht angenommen.

„Auch das Fleisch der Bruderhähne wird sinnvoll verwertet und findet Verwendung in einer wachsenden Zahl von Alnatura Produkten, darunter Geflügel-Bratwurst, Babynahrung und Fertiggerichte“, teilt Alnatura mit.

Bio-Fachhandel und Zweinutzungsrassen

Die Aufzucht der Bruderhähne sollte eigentlich nur ein möglichst kurzer Zwischenschritt sein, bis sich in der ökologischen Landwirtschaft so breit wie möglich Zweinutzrassen etabliert haben. Diese verfügen wieder über eine ausgeglichene Balance zwischen Eierlegeleistung und Fleischansatz. Daher eignen sich die männlichen Tiere – anders als der Bruderhahn – für die Mast. An die Hochleistungen einseitig gezüchteter Lege- oder Masttiere kommen Zweinutzungsrassen nicht heran – und sollen sie auch nicht. Sie legen weniger Eier und die Mast dauert länger, was die Produkte vergleichsweise teuer macht.

Bis dato haben sich Zweinutzungsrassen allenfalls in der Nische eingefunden, entsprechende Produkte sucht man im Bio-Fachhandel vielerorts mit der Lupe oft vergebens. Aber: Bio-Betriebe, die Zweinutzungsrassen halten, vermarkten häufig über den eigenen Hofladen, wie die interaktive Karte zeigt.

„Inwieweit bei den im Sortiment befindlichen Produkten Zweinutzungsrassen eingesetzt werden, ist für uns derzeit nicht transparent nachvollziehbar“, teilt Dennree mit. Alnatura ist in diesem Punkt nicht explizit auf die Frage eingegangen.

Biomare legte die Weichen in Richtung Zweinutzungshuhn recht früh, denn vor 15 Jahren begann bereits eine Partnerschaft mit einem landwirtschaftlichen Betrieb. Der Anteil an Zweinutzungsrassen nahm dort sukzessive zu. Für die Bio-Eier hat der Filialist eine eigene Marke kreiert, trotz des höheren Preises ist der Absatz von Beginn an gut. Das Problem liegt in der Fleischvermarktung: „Es schmeckt zwar viel besser, aber kaum jemand ist bereit, die viel höheren Preise zu zahlen, die die deutlich längere Aufzuchtzeit mit sich bringt“, so Reupert.

SuperBioMarkt setzt auf seine Bedientheken, denn dort gibt es ein Mal im Monat frische Hühnerbrust vom Zweinutzungshuhn.

Für EVG Landwege ist die Glasware, wie Frikassee oder Curry vom Zweinutzungshuhn ganz bewusst eine Besonderheit, um sich als Bio-Fachhandel abzuheben. Weiterer Clou: Alle Produkte stellt die hauseigene Küche her.

1 Kommentar zu “Bio-Fachhandel: Bruderhahn ja oder nein?

  1. Das Zweinutzungshuhn / Hahn ist eher etwas für regionale Metzgereien mit nur einem Laden mit Vollbedienung und Beratung. So werden die Kunden fachgerecht über Aufzucht und Produkte informiert. Die Naturfleischerei Wefers in Krefeld verkauft ausschließlich Fleisch und Produkte von Coffee/Cream Hähnen, hat jegliches andere Geflügel aus dem Sortiment gestrichen, das mittlerweile schon seit über 5 Jahren. Fast wöchentlich wird frisch geschlachtet und verarbeitet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert