Hintergrund

Durchblick bei Kükentöten, Bruderhahn und Zweinutzungshuhn

Ab 1. Januar 2022 ist das Kükentöten in Deutschland verboten. Dann müssen in der ökologischen Landwirtschaft alle Bruderhähne der Lege-Hybride aufgezogen werden, obwohl das unwirtschaftlich ist. Daher sind Zweinutzungshühner das langfristige Ziel. Mittels Geschlechtsbestimmung im Ei lassen sich männliche Embryonen frühzeitig erkennen – die dann samt Ei geschreddert werden: ein Weg der konventionellen Landwirtschaft. Damit Konsument*Innen stets den Durchblick behalten, hier alle wissenswerten Fakten und Hintergründe.

Was ist ein Hybrid-Huhn?

Hybrid-Hühner sind Hochleistungstiere, die so gezüchtet sind, dass sie entweder viele Eier legen oder schnell wachsen und dabei viel Fleisch ansetzen. Sie entstehen aus Kreuzungen hoch gezüchteter und oft auf wenige Merkmale optimierter Rassen, wobei auch Inzuchtlinien zum Einsatz kommen. Welche Rassen bei den komplexen Kreuzungen genutzt werden, ist Betriebsgeheimnis des jeweiligen Zuchtunternehmens. Dank des Heterosis-Effekts bringen die Hybride eine deutlich höhere Leistung als ihre Elterntiere hervor – allerdings nur in der ersten Generation (F1). Schon in der zweiten „zerstreuen“ sich ihre Merkmale. Daher benötigen Eierproduzenten und Mastbetriebe einen stetigen Nachschub von F1-Hybriden. Den weltweiten Markt beherrschen eine Handvoll Unternehmen, wie beispielsweise

  • EW Group (Lohmann Tierzucht, Aviagen-Group) aus Deutschland,
  • Hendrix Genetics aus den Niederlanden und
  • Tyson Foods aus den Vereinigten Staaten.

In der konventionellen wie ökologischen Landwirtschaft sind seit Jahrzehnten hauptsächlich Hybrid-Rassen in Einsatz.

Hybrid-Legehennen Lohmann Classic Brown: In der konvetionellen wie ökologischen Landwirtschaft weit verbreitet – Bild Hof Alpermühle

Probleme durch die einseitige Zucht der Hybride

Bei den Mast-Hybriden eignen sich männliche wie weibliche Tiere gleichermaßen. Anders sieht es bei den Lege-Hybriden aus. Die männlichen Tiere legen keine Eier und setzten zu wenig Fleisch an, ihre Mast ist unwirtschaftlich. Daher werden sie meist direkt nach dem Schlupf getötet, was in Deutschland ab 1. Januar 2022 allerdings verboten ist. Werden die männlichen Tiere der Lege-Hybriden in der Mast aufgezogen, spricht man von Bruderhähnen.

Hybride benötigen in Sachen Nährstoffdichte konzentriertes Eiweißfutter, um ihre Höchstleistungen erbringen zu können. Für das ökologische Halten von Lege-Hybriden und die Aufzucht von Mast-Hybriden ist das ein Problem, denn die Tiere brauchen auch hier oftmals konventionelles Eiweiß als Futterzusatz, welches beispielsweise aus Kartoffeln, Sonnenblumen- oder Sojakuchen besteht. Ansonsten wären sie mit Nährstoffen unterversorgt. Bislang darf der Anteil an konventionellem Futter in der Bio-Geflügelhaltung fünf Prozent betragen. Ab 1. Januar 2022 ist laut EU-Bio-Verordnung nur noch Bio-Futter erlaubt. Dadurch wird sich die Legeleistung der Hybrid-Hennen in der ökologischen Landwirtschaft verringern, was auch für die Aufzucht der Bruderhähne finanziell erschweren wird. Schließlich subventionieren die Lege-Hybride mit einem höheren Eierpreis die per se unwirtschaftliche Mast. Auch für die schnell wachsenden Mast-Hybride liefert reines Bio-Futter tendenziell nicht genügend Nährstoffe. Man würde die Tiere „großhungern“, befürchtet Inga Günther, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Ökologischen Tierzucht. Daher plädiert sie, Mast-Hybride in der ökologischen Landwirtschaft so schnell wie möglich abzuschaffen.

Es zeigt sich das Grundproblem, dass Hybrid-Rassen nicht für die ökologische Landwirtschaft gezüchtet werden und daher nicht optimal geeignet sind. Die Zucht von geeigneten Zweinutzungsrassen ist ein Ausweg, steht allerdings noch relativ am Anfang.

Was ist ein Bruderhahn?

Werden männliche Küken von Hybrid-Legehennen aufgezogen, spricht man vom Bruderhahn. In der Regel subventionieren die Hybrid-Hennen mit ihrer hohen Legeleistung und einem höheren Eierpreis die prinzipiell unwirtschaftliche Mast der Bruderhähne. Manche Höfe bieten auch Bruderhahn-Patenschaften an, bei denen die Kunden die Kosten für die Aufzucht tragen und dafür in der Regel nach dem Schlachten des Bruderhahns entsprechende Produkte erhalten.

Für Mitglieder der Bio-Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter, Biokreis und Gäa ist die Aufzucht von Bruderhähnen auf dem eigenen Hof oder auf Partnerbetrieben Pflicht – im Falle von Demeter und Gäa ab 2022. Ebenso haben sich die Verbände gegen die Geschlechtsbestimmung im Ei entschieden, so dass diese den Mitgliedern verboten ist.

Der Bio-Anbauverband Biopark steht der Geschlechtsbestimmung im Ei offen gegenüber und seine Mitglieder müssen Bruderhähne nicht aufziehen.

Kritik an der Aufzucht der Bruderhähne

Im Gegensatz zu Mast-Hybriden setzen Bruderhähne deutlich weniger Fleisch an, befinden sich länger in der Mast und benötigen folglich mehr Futter. „Bruderhähne sind lebendig gewordene Futterverschwender. Die Tiere sind so ineffizient, dass unser ökologischer Fußabdruck riesig geworden ist,“ sagte Carsten Bauck, Demeter-Landwirt und Mitgründer der ersten Bruderhahn-Initiative (heute Brudertier Initiative Deutschland), dem Fachmagazin BioTOPP („Alternativen zum Kükentöten: Immer ein Kompromiss“, Ausgabe 1/2021). Statt im Trog zu landen, sind Getreide, Mais und Soja auch für den direkten menschlichen Verzehr geeignet. Somit sind die in der Mast unwirtschaftlichen Bruderhähne verschwenderische Nahrungskonkurrenten. „Außer das Kükentöten zu beenden, spricht nichts für die Aufzucht der Bruderhähne von Lege-Hybriden“, kritisiert Fabian Häde, Geschäftsführer des Mustergeflügelhofs Leonhard Häde.

Die Aufzucht von Bruderhähnen wird in der Bio-Branche allgemein als kein dauerhaft tragfähiges Konzept angesehen. Vielmehr dient sie als Übergangslösung, bis Zweinutzungsrassen, die eine ausgewogene Eierlege- und Mastleistung vorweisen, so flächendeckend wie möglich in der ökologischen Landwirtschaft zum Einsatz kommen (können).

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Bild: Jens Brehl CC BY-NC-SA 4.0

Wachsen die Bruderhähne von Bio-Betrieben auch ökologisch auf?

Die Bio-Anbauverbände Naturland, Demeter, Biokreis und Gäa schreiben die Aufzucht von Bruderhähnen auf ökologisch bewirtschafteten Betrieben vor. Eier von Demeter-Betrieben dürfen ab 2022 nur dann mit dem Zusatz „Bruderhahn“ beworben werden, wenn die Bruderhähne auch auf Demeter-Betrieben aufwachsen.

Nur Mitglieder des Anbauverbands Bioland dürfen Bruderhähne auch in die konventionelle Mast abgeben. Das sei nach eigenen Angaben allerdings nicht die Regel. Werden die Eier mit dem Hinweis „Bioland Ei mit Bruderhahnaufzucht“ vermarktet, muss die Mast der Bruderhähne gemäß EU-Bio-Verordnung erfolgen.

Was sind Zweinutzungsrassen?

Zweinutzungsrassen weisen eine Balance zwischen Eierlegeleistung und Fleischansatz auf. Erst vor wenigen Jahren wurde systematisch mit der ökologischen Zucht von Zweinutzungsrassen für die Bio-Erwerbslandwirtschaft begonnen. Nachdem seit gut 60 Jahren die einseitig entweder auf eine hohe Eierlegeleistung oder Fleischansatz spezialisierten Hybrid-Rassen in der konventionellen wie auch in der ökologischen Landwirtschaft dominieren, ist die Ausgangslage entsprechend schwierig.

Zweinutzungshühner der Rassen Coffee und Cream – Bild: Mustergeflügelhof Häde

Lediglich eine handvoll Zuchtunternehmen beherrscht den globalen Markt. Zudem haben nur wenige für die Erwerbslandwirtschaft geeignete Zweinutzungsrassen bis heute überlebt – wie zum Beispiel Bresse Gaulouise. Diese alte Wirtschaftsrasse eignet sich besonders gut für die Mast und ist nach wie vor in Frankreich im Einsatz.

Viele alte (heimische) Zweinutzungsrassen wurden in den letzten Jahrzehnten lediglich in der Hobbyzucht gehalten. Dort liegt der besondere Fokus auf äußerliche Schönheitsmerkmale und nicht auf der Leistung. Daher gilt es, diese Rassen züchterisch wieder so weit „aufzuwerten“ – sprich entsprechend zu selektieren und gezielt zu vermehren – , dass sie sich für die Erwerbslandwirtschaft eignen.

Bei der Zucht von Zweinutzungsrassen gibt es mehrere Ansätze:

  • Reinrassige Zucht: Hier werden bestehende Wirtschaftsrassen, sowie alte (einheimische) Zweinutzungsrassen gezielt nach Tiergesundheit und Leistung selektiert. Projekte wie das Herrmannsdorfer Landhuhn und die gemeinnützige Ökologische Tierzucht – hier speziell mit der Rasse Bresse Gaulouise – gehen diesen Weg.
  • Kreuzungen: Durch Kreuzungen verschiedener Rassen sollen Merkmale sinnvoll miteinander kombiniert werden. So verhilft bei der gemeinnützigen Ökologischen Tierzucht das Einkreuzen von Bresse Gauloise den Kreuzungsrassen „Coffee“ und „Cream“ zu einem besseren Fleischansatz.
  • Kreuzungen mit Hochleistungsrassen: Um die Leistungen von alten (heimischen) Rassen, die seit Jahren nur in der Hobbyzucht gehalten wurden, möglichst schnell zu verbessern, werden diese mit den Mutter-Hennen der Hochleistungsrassen gekreuzt. Diesen Weg geht der Bio-Anbauverband Naturland mit seinem Projekt RegioHuhn.
beenhere

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Weitere Informationen zur Zucht von Zweinutzungsrassen sind auch im Artikel „Neue Hühner braucht die ökologische Landwirtschaft“ zu finden.

Vor- und Nachteile von Zweinutzungsrassen

Zweinutzungsrassen sind immer ein Kompromiss zwischen Eierlegeleistung, Fleischansatz und Futterverwertung. Auch in ihren Verhaltensweisen – beispielsweise wie brütig Hennen sind, wie stark Auslauf genutzt wird und mehr – unterscheiden sich die einzelnen Rassen voneinander. Ein Super-Huhn, welches sich gleichermaßen für alle Betriebe eignet, wird es nicht geben.

VorteilNachteil
Männliche Küken eignen sich besser für die Mast, als die Bruderhähne der Lege-Hybride.Die Leistungen der spezialisierten Lege- und Mast-Hybride werden Zweinutzungsrassen nie erreichen – was auch nicht die Zuchtziele sind.
Reinrassige Zweinutzungstiere können auf den Bio-Betrieben selbst nachgezogen werden, da sie in ihren Leistungen anders als Kreuzungen und Hybridrassen stabil bleiben. Somit können sich Höfe von Brütereien unabhängig machen.Die Mast der Hähne muss sich wirtschaftlich selbst tragen. Die eigentlich unwirtschaftliche Mast von Bruderhähnen der Hybrid-Legehennen subventionieren hingegen die Schwestern mit ihrer hohen Legeleistung und einen höheren Eierpreis. Zweinutzungshühner legen weniger Eier.
Zweinutzungsrassen benötigen anders als oft die Hochleistungsrassen kein hoch-konzentriertes Futter, um ihre Leistungen zu erbringen.

Wo finde ich Bio-Betriebe, die Hühner und/oder Hähne von Zweinutzungsrassen halten?

Auf der interaktiven Karte finden Sie Bio-Betriebe in Deutschland, die teilweise oder sogar ausschließlich Zweinutzungsrassen halten. Die Karte wird stetig aktualisiert.

Derzeit ist der Anteil von Zweinutzungsrassen in der Bio-Geflügelhaltung noch verschwindend gering. Etwa ein bis zwei Prozent schätzt Hella Hansen vom Forschungsinstitut für biologischen Anbau in einem Artikel („Alternativen zum Kükentöten: Immer ein Kompromiss“, Fachmagazin BioTOPP 1/2021).

Die Leistungen von Hybridhühnern, Bruderhähnen und Zweinutzungsrassen im Vergleich

Je nach Rasse, Futtermittel, bio oder konventionell, Qualität der Betriebsführung, gewählter Schlachtzeitpunkt und örtlichen Gegebenheiten fallen die Leistungen der Tiere stark unterschiedlich aus.

Eier pro JahrSchlachtgewicht / Mastdauer
Hybrid-Legehenne
bis zu 320 (konventionell)
bis zu 290 (bio)
1,3 – 1,6 kg, 11 – 14 Wochen (konventioneller Bruderhahn)
1,0 – 1,3 kg, 10 – 14 Wochen (Bio-Bruderhahn)
Mast-Hybridekeine Angabe1,6 – 2 kg / 4 – 6 Wochen (konventionell)
Zweinutzungsrassen180 – 230 (bio)1,4 – 2 kg / 3,5 – 5 Monate (bio)

Warum werden männliche Küken getötet?

In weiten Teilen der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft kommen seit Jahrzehnten in der Eierproduktion und der Mast spezialisierte Hybride zum Einsatz. So genannte Mast-Hybride wachsen sehr schnell und setzen viel Fleisch an. Lege-Hybride können bis zu 320 Eier pro Jahr legen. Da sie ein Großteil ihrer Kraft auf die Eierproduktion fokussieren, setzen sie weniger Fleisch an. Die männlichen Küken dieser Rassen legen keine Eier und eignen sich nicht für die Mast. Ihre Aufzucht als Bruderhahn ist angesichts der geringen Gewichtszunahme bei hohem Futterbedarf und längerer Mast unwirtschaftlich.

Daher wurden in Deutschland jährlich etwa 45 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlupf mit CO2 eingeschläfert und landeten beispielsweise als Tierfutter in Zoos.

Ab 1. Januar 2022 ist das Kükentöten direkt nach dem Schlupf in Deutschland verboten.

Verbot des Kükentötens in Deutschland

Ab 1. Januar 2022 ist das Kükentöten direkt nach dem Schlupf in Deutschland als erstes Land weltweit verboten. Dann tritt die entsprechende Neuregelung im Tierschutzgesetz in Kraft. Demzufolge müssen ab diesem Zeitpunkt auch die männlichen Küken der Lege-Hybride aufgezogen (Bruderhähne) oder bereits als Embryo getötet werden. Bei letztgenanntem kommt die Geschlechtsbestimmung im Ei zum Einsatz, um männliche Embryonen zu erkennen und deren Brutvorgang frühzeitig zu beenden.

Gerichtsurteil: Kükentöten in Deutschland rechtswidrig

Am 13. Juni 2019 urteile das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG 3 C 28.16), dass die Praxis des Kükentötens nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Dort ist in § 1 zu lesen: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Das Gericht stellte klar: „Das wirtschaftliche Interesse an speziell auf eine hohe Legeleistung gezüchteten Hennen ist für sich genommen kein vernünftiger Grund i.S.v. § 1 Satz 2 des Tierschutzgesetzes (TierschG) für das Töten der männlichen Küken aus diesen Zuchtlinien. (…) Zweck der Erzeugung sowohl der weiblichen als auch der männlichen Küken aus Zuchtlinien mit hoher Legeleistung ist allein die Aufzucht von Legehennen. Dem Leben eines männlichen Kükens wird damit jeder Eigenwert abgesprochen. Das ist nicht vereinbar mit dem Grundgedanken des Tierschutzgesetzes, für einen Ausgleich zwischen dem Tierschutz und menschlichen Nutzungsinteressen zu sorgen.“

Mit Aussicht auf marktreife Techniken zur Geschlechtsbestimmung im Ei entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass das Töten der Küken nur noch übergangsweise zulässig ist. Daher galt es, das Tierschutzgesetz dementsprechend anzupassen.

Brisant: Das Tierschutzgesetz ist seit 1972 in Kraft, von Beginn an ist im § 1 der Satz „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ enthalten. Seit Jahrzehnten war das Kükentöten in Deutschland demnach eine illegale aber tolerierte Praxis.

Kritik am Verbot des Kükentötens in Deutschland

Das Kükentöten ist ab 1. Januar 2022 nur in Deutschland und nicht in der ganzen Europäischen Union verboten. Deutsche Brütereien sind dann wirtschaftlich im Nachteil:

  • Höhere Kosten: Während sie die Zusatzkosten für die Geschlechtsbestimmung im Ei tragen müssen, werden im Ausland männliche Küken günstiger direkt nach dem Schlupf getötet.
  • Preisdruck: Junghennen der Hybrid-Legerassen können konventionelle Betriebe kostengünstiger aus Ländern importieren, in denen das Kükentöten weiterhin gängige Praxis ist. Dieses Schlupfloch ist bei den Bio-Anbauverbänden Bioland, Naturland, Demeter, Biokreis und Gäa geschlossen. Die Aufzucht von Bruderhähnen ist Pflicht. Es sind bei einem Import entsprechende Nachweise zu erbringen, dass die männlichen Küken nicht getötet, sondern als Bruderhähne aufgezogen werden.

Für ein europaweites Verbot gibt es in absehbarer Zeit keine politischen Mehrheiten. Da das Bundesverwaltungsgericht das Kükentöten für rechtswidrig erklärte, stand die Bundesregierung unter Zugzwang.

Bislang wurden die direkt nach dem Schlupf getöteten Küken unter anderem als Tierfutter an Zoos verkauft. Wären diese nicht verfügbar, müssten extra Futtertiere wie Mäuse gezüchtet werden. Das Argument ist allerdings derzeit weniger stichhaltig. In ganz Europa werden jährlich über 200 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlupf getötet, demnach dürfte es zu keinem Engpass kommen. Dies könnte sich ändern, wenn sich die Geschlechtsbestimmung im Ei flächendeckend bei Brütereien etabliert.

Weiterer ethischer Knackpunkt: Ist das Leben in der (konventionellen) Mast für die Tiere angenehmer, als ein früher und beim Einschläfern mit CO2 schmerzfreier Tod?

Was ist die Geschlechtsbestimmung im Ei?

Ziel der Geschlechtsbestimmung im Ei – auch In-Ovo-Selektion genannt – ist es, noch während der Brutphase Eier mit männlichen Küken zu erkennen, auszusortieren, sie anschließend zu schreddern und beispielsweise zu Tierfutter zu verarbeiten. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat seit 2008 mit insgesamt rund 6,5 Millionen Euro Forschungsvorhaben gefördert.

Es gibt mehrere Methoden zur Geschlechtsbestimmung im Ei:

  • Beim endokrinologischen Verfahren wird mittels eines Lasers ein winziges Loch in das etwa neun Tage bebrütete Ei geschnitten, eine geringe Menge Allantoisflüssigkeit entnommen und die Geschlechtshormone bestimmt. Das Seleggt- und das ähnliche Plantegg-Verfahren arbeiten nach dieser Methode und sind bereits im Praxiseinsatz.
  • Beim spektroskopischen Verfahren werden die etwa vier Tage bebrüteten Eier ebenso mittels eines Lasers geöffnet. Durch das Loch wird ein spezieller Lichtstrahl geschickt. Anhand der unterschiedlichen Frequenzen des zurückgeworfenen Lichts lässt sich das Geschlecht bestimmen. Dieses Verfahren ist allerdings noch nicht marktreif. Eine vom Zuchtkonzern EW Group nach dem Verfahren entwickelte Methode funktoniert derzeit nur bei braunen Eiern ab dem 13. Bruttag.

Ab 1. Januar 2024 muss die Geschlechtsbestimmung im Ei schon vor dem siebten Bruttag erfolgen, um ein Schmerzempfinden der zu tötenden Embryonen sicher auszuschließen. Alle derzeit marktreifen Verfahren können das Geschlecht frühestens am neunten Bruttag ermitteln, wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mitteilt. Daher ist es noch offen, ob die Geschlechtsbestimmung im Ei rechtzeitig weiter entwickelt werden kann und eine zukunftssichere, flächendeckende Lösung in Deutschland darstellen wird – oder aber entsprechende Ausnahmen beziehungsweise Übergangsfristen gewährt werden. Letzteres ist nach dem ab dem 1. Januar 2022 in Kraft tretenden geändertern Tierschutzgesetz bislang nicht vorgesehen.

Die Geschlechtsbestimmung im Ei in der Praxis

Seit 2018 ist die Seleggt-Methode des Unternehmens respeggt GmbH im Einsatz, welches ein endokrinologisches Verfahren nutzt, um das Geschlecht im Ei zu bestimmen. Bei Rewe, Penny und teilweise bei Edeka sind Eier mit der Auslobung „ohne Kükentöten“ und „respeggt.com“ im Handel.

Die Grundlagenforschung fand an der Universität Leipzig statt, welche vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung finanziell gefördert wurde. Die Rewe Group und das niederländische Brütereitechnologie-Unternehmen HatchTech gründete in Kooperation mit der Universität Leipzig als Joint Venture die Seleggt GmbH. Die Seleggt-Methode ist derzeit in den Niederlanden und Frankreich im Einsatz. Weitere Länder sollen folgen.

Der Discounter Aldi kooperiert bei der Geschlechtsbestimmung im Ei mit dem Unternehmen PLANTegg GmbH, welches die Plantegg-Methode nutzt. Auch hier wird dem Ei eine geringe Menge Allantoisflüssigkeit entnommen. Anschließend wird sie mittels eines PCR-Tests molekulargenetisch untersucht. Aldi Nord und Aldi Süd wollen bis Ende 2022 das Schaleneier-Sortiment vollständig ohne Kükentöten anbieten. Dann werden entweder Bruderhähne aufgezogen oder die Geschlechtsbestimmung im Ei kommt zum Einsatz.

Problem: Derzeit ist die Geschlechtsbestimmung im Ei mittels der Seleggt- und Plantegg-Methode erst am neunten Bruttag möglich. Ab 1. Januar 2024 muss sie in Deutschland allerdings bereits vor dem siebten Tag erfolgen, wenn daraufhin männliche Embryonen aussortiert und getötet werden sollen. So soll ganz sicher das Schmerzempfinden der Embryonen ausgeschlossen werden. Nach eigenen Aussagen arbeitet die respeggt GmbH daran, das Geschlecht früher bestimmen zu können. Ergebnisse seien Stand Juli 2021 allerdings nicht absehbar. Zudem verstärke man den Fokus auf das Ausland.

Der Geflügelzuchtkonzern EW Group hat zwei spektroskopische Verfahren entwickelt. Das erste kann das Geschlecht bereits am 4. Bruttag bestimmen, ist aber noch nicht marktreif. Die zweite Methode hat eine Genaugigkeit von 95 Prozent und das Ei muss nicht geöffnet werden. Allerdings funktioniert sie nur bei braunen Eiern und erst ab dem 13. Bruttag, wie Tanja Busse in ihrem Buch „Fleischkonsum (33 Fragen – 33 Antworten)“ berichtet.

Was bedeutet der Hinweis „ohne Kükentöten“ auf der Eierschachtel?

Der Hinweis „ohne Kükentöten“ sagt nicht aus, ob die Bruderhähne aufgezogen oder ob männliche Embryonen mittels Geschlechtsbestimmung im Ei aussortiert und getötet wurden. Es gibt keine rechtlich verbindliche Definition.

Bei Rewe, Penny und teilweise Edeka sind Eier im Handel, auf deren Schachteln der Hinweis „ohne Kükentöten“ in einem gelben Herz mit dem Zusatz „respeggt.com“ zu finden ist. In diesem Fall wird der Brutvorgang der männlichen Embryonen mittels der Seleggt-Methode vorzeitig beendet, eine Aufzucht der Bruderhähne findet nicht statt. Gleiches beim Discounter Aldi Nord und Aldi Süd, dort steht auf den Eierschachteln „Die Aldi Initiative ohne Kükentöten“. Hier kann der Brutvorgang mittels der Plantegg-Methode vorzeitig beendet worden sein.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Mit der Auslobung „ohne Kükentöten“ hätten Verbraucher noch weniger Durchblick, welche Produkte sie kaufen sollen, wenn sie männlichen Küken das Leben ermöglichen wollen. Das monierte Inga Günther, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Ökologischen Tierzucht, während einer Diskussion auf der Biofach 2020.

Auch die Anbauverbände Bioland und Demeter halten die Vermarktung mit dem Zusatz für irreführend. Was nach Tierwohl klinge, sei Kükentöten in anderem Gewand, erklärten die Verbände in einer gemeinsamen Pressemitteilung. „In der Branche, Politik und bei Tierschutzorganisationen ist es Konsens, dass die Auslobung ‚ohne Kükentöten‘ richtig ist“, erklärte hingegen Rewe-Pressesprecher Thomas Bonrath auf Anfrage.

Orientierung beim Eierkauf bieten die Siegel der Bio-Anbauverbände: Bei Bioland, Naturland, Demeter, Biokreis und Gäa ist die Geschlechtsbestimmung im Ei verboten, die Aufzucht der Bruderhähne ist Pflicht. Bei entsprechend ausgelobter Ware werden keine Embryonen getötet.

Wie stehen die Bio-Anbauverbände zur Geschlechtsbestimmung im Ei?

Die Bio-Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter, Biokreis und Gäa haben sich gegen die Geschlechtsbestimmung im Ei entschieden, daher ist sie ihren Mitgliedern verboten und die Aufzucht von Bruderhähnen Pflicht. Ein Hauptgrund ist, dass die Verfahren nicht die Grundprobleme der einseitigen Tierzucht auf eine hohe Eierlege- oder Mastleistung lösen. Zudem würde das Töten der Küken lediglich zeitlich vorgezogen.

Als Endziel sollen in der ökologischen Landwirtschaft so flächendeckend wie möglich Zweinutzungsrassen zum Einsatz kommen. Sich einerseits für deren Zucht einzusetzen und gleichzeitig die Geschlechtsbestimmung im Ei zu erlauben, sah man als nicht miteinander vereinbar an.

Der Anbauverband Biopark schließt hingegen die Geschlechtsbestimmung im Ei nicht aus. Dessen Mitglieder sind zudem nicht zur Aufzucht von Bruderhähnen verpflichtet.

2 Kommentare zu “Durchblick bei Kükentöten, Bruderhahn und Zweinutzungshuhn

  1. … es gibt auch schon Zweinutzungs-Hybride … Die Industrie ist ja nicht dumm. Also achtet bitte auf Rassehühner, die kann der Bauer/die Bäuerin selbst vermehren!

  2. Eine schöne Übersicht und Erläuterung zu vielen Punkten dieses aktuellen Themas, was nicht ganz so einfach ist wie man schnell annehmen kann. Vielen Dank!

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