Bio? Logisch!

Mit dem Bruderhahn auf dem Weg zum Zweinutzungshuhn

Anfang 2022 ist das Kükentöten in Deutschland flächendeckend verboten. Zweinutzungsrassen, bei denen Hühner genügend Eier legen und die Hähne ausreichend Fleisch ansetzen, sollen künftig in der ökologischen Landwirtschaft hauptsächlich anzutreffen sein. Bis dahin ist es – auch züchterisch – noch ein weiter Weg. Den soll ausgerechnet der Kompromiss, für die Mast eher ungeeignete Bruderhähne aufzuziehen ebnen.

Die ökologische Landwirtschaft und die Bio-Branche haben gut 60 Jahre verschlafen und stehen dank einseitiger Tierzucht vor den gleichen Problemen wie die konventionellen Betriebe – darin waren sich die Teilnehmer einer virtuellen Diskussion im Zuge der Biofach einig. „Durch die reine Zucht auf Eierlegeleistung wurde der Hahn regelrecht vergessen und daher in der Vergangenheit so schnell wie möglich getötet“, sagte Philipp Egger von der Eierpackstelle Biovum. Geflügel-Experte und Geschäftsführer der Naturland Beratung, Thomas Neumaier, stimmte zu: „Man stelle sich vor, man würde jedes zweite Kalb erschlagen, nur weil es für die Mast nicht taugt. Der Aufschrei wäre riesengroß. Bei Küken hat man das Töten über Jahrzehnte toleriert.“

So genannte Hybridhühner werden entweder auf eine schnelle Gewichtszunahme oder eine extrem hohe Eierlegeleistung getrimmt. Im letzten Fall eignen sich männliche Küken nicht für die Mast, weil sie viel zu wenig Fleisch ansetzen und dafür zu viel Futter verbrauchen. Die Aufzucht ist nicht wirtschaftlich, daher wurden in den letzten Jahrzehnten etliche Millionen Küken direkt nach dem Schlupf getötet. Ein ethisches Dilemma, welches bald der Vergangenheit angehört.

Fleisch und Ei – es geht doch beides

Seit einigen Jahren besinnt sich die Bio-Branche wieder auf Zweinutzungsrassen, deren Tiere für Eierlege- und Mast-Betriebe geeignet sind. „Der Anteil von Zweinutzungstieren an der gesamten Bio-Hühnerhaltung liegt nur bei circa ein bis zwei Prozent“, schreibt allerdings Hella Hansen im Fachmagazin BioTOPP.

Olivia Müsseler von der zum Anbauverband Naturland gehörenden Öko-Beratungsgesellschaft möchte dies mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern ändern. Im letzten Jahr starteten Naturland mit dem Friedrich-Loeffler-Institut für Nutztiergenetik, der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft und der Universität Bonn das Projekt RegioHuhn. Ziel: alte, heimische und vom Aussterben bedrohte Rassen wie die Augsburger oder Ostfriesische Möwe züchterisch weiterzuentwickeln. „Bislang befanden sich die Rassen in den Händen von Hobbyzüchtern“, sagte Müsseler. Am Ende sollen sich die Tiere für die Erwerbslandwirtschaft eignen.

Doch jedes Zweinutzungstier sei ein Kompromiss in Sachen Eierlegeleistung, Fleischzunahme und Futterverwertung – die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau wird es nicht geben. Eierlegeleistung und Fleischzunahme sind züchterisch zwei entgegengesetzte Ziele. Für Zweinutzungsrassen ist die Balance entscheidend. „Jeder Betrieb muss die für ihn passende Rasse finden, deswegen sind Artenvielfalt und ein breiter Genpool wichtig“, bekräftigte Müsseler. Mit den Hochleistungsrassen können Zweinutzungstiere demnach nur schwer konkurrieren, was sich im Handel durch deutlich höhere Preise widerspiegelt. Auch deswegen sucht man deren Eier und Fleisch im Supermarkt meist vergeblich und wird eher in Hofläden fündig. Schließlich gelte es dem Kunden zu erklären, warum er bis zu 70 Cent pro Ei bezahlen soll.

In Sachen Fleisch ist demnach auch der schmalbrüstige Bruderhahn eine harte Konkurrenz. Dieser wurde bislang bei auf hoher Eierlegeleistung getrimmten Hühnern vielfach direkt nach dem Schlupf getötet. Doch die Aufzucht der eher ungeeigneten Tiere hat sich zumindest in der ökologischen Landwirtschaft in Teilen etabliert. Seine vergleichsweise aufwendigere Mast finanziert ihm seine Schwester durch einen höheren Eierpreis; und da sie einer Hochleistungsrasse angehört, liefert sie entsprechend viele Eier. „Der Bruder muss sich künftig selbst tragen“, brachte Müsseler den Hauptknackpunkt bei Zweinutzungstieren zur Sprache.

Nicht ohne meinen Bruder

„Der Bruderhahn ist definitiv eine Brücke zum Zweinutzungshuhn“, stellte Neumaier klar. Die Krux: Laut neuer EU-Bioverordnung dürfen männliche Tiere von ökologischen Betrieben anschließend in konventioneller Mast aufwachsen. Ein Unding, wie Neumaier fand. Er war treibende Kraft hinter dem Beschluss, dass Bruderhähne von Naturland-Betrieben nur ökologisch aufgezogen werden dürfen. Die entsprechende Richtlinie soll diesen Juni beschlossen werden. Biokreis möchte auf der Mitgliederversammlung in diesem März eine entsprechende Richtlinie verabschieden. Der größte Anbauverband Bioland möchte diesbezüglich ebenfalls im März in einer neuen Richtlinie Klarheit in Sachen Aufzucht von Bruderhähnen schaffen, da diese bisher nicht geregelt ist. Demeter möchte ab Januar 2022 seinen Mitgliedern vorschreiben, dass Bruderhähne auf Demeter-Betrieben aufwachsen müssen. Bislang ist dort der Weg in die konventionelle Mast versperrt, wenn mit dem Begriff „Bruderhahn“ geworben wird. „Uns war bereits 2016 klar, dass Bruderhähne auf Bio-Betrieben aufwachsen müssen. Ich kann gegenüber den Konsumenten nicht mit der Aufzucht des Bruderhahns werben, wenn dies möglicherweise in einem konventionellen Stall geschieht“, sagte Marcus Wewer, Referent Ökologischer Landbau der Rewe Group.

Abnehmer für das Bio-Bruderhahnfleisch gebe es genügend, da sich mittlerweile ein Nachfragemarkt etabliert hätte, wie Egger betonte. Diana Schaack, Marktanalystin bei der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI), ist hingegen skeptisch. Sie hat die Menge an Bruderhahnfleisch ausgerechnet, die auf den Markt kommt, wenn alle Verbands- und EU-Tiere aufgezogen werden. Dem Fachmagazin BioTOPP sagte sie: „Wir hätten bei sechs Millionen Tieren rund 8.400 Tonnen Schlachtgewicht an Bruderhahnfleisch, das sind 32 Prozent mehr Angebot an Geflügelfleisch als 2019. Schon die Suppenhennen gehen derzeit nicht alle in Bio-Qualität weg, sondern werden teilweise konventionell vermarktet, weil die Nachfrage nicht hoch genug ist.“

Bruderhahn aufziehen und männliche Embryos schreddern: Rewe fährt zweigleisig

„Weil Bruderhähne aufwendig zu mästen sind, wird das Zweinutzungshuhn die Folge sein“, prognostizierte Wewer. Mittel- bis langfristig würden sich die Zweinutzungsrassen in der ökologischen Landwirtschaft durchsetzen. Rewe fährt derweil zweigleisig: Seit 2020 werden im Segment der Bio-Eier alle Bruderhähne auf deutschen Bio-Betrieben groß gezogen. Allerdings fehlen noch entsprechende Fleischprodukte im Regal. „Wenn man Lieferanten vorschreibt den Bruderhahn aufzuziehen, müssen wir uns auch um die Vermarktung des Fleisches kümmern. Bis jetzt gibt es bei uns allerdings nur ein konventionelles tiefgekühltes Hühnerfrikassee im Sortiment.“ Für ein Bio-Produkt gäbe es noch nicht genügend Fleisch in den von Rewe benötigten Mengen. Ein Problem sei die dezentrale Lieferstruktur, man sei allerdings dabei die Lücke zu füllen.

Verwirrend: „Ohne Kükentöten“ bedeutet getötete Embryos.
Archivbild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Bei konventionellen Eiern hat sich das Handelsunternehmen allerdings für die Geschlechtsbestimmung im Ei, der so genannten In-Ovo-Selektion, entschieden. Markenname der Eier: RespEGGt. Wächst ein männlicher Embryo heran, wird er mitsamt Ei geschreddert und das Mus zu Tierfutter verarbeitet. Bis Ende dieses Jahres werden auch die Eier der Marke „ja!“ entsprechend umgestellt und umgetauft in „nein! Zum Kükentöten“. Vermutlich gehen Rewe-Kunden beim Slogan „ohne Kükentöten“ davon aus, dass die männlichen Nachkommen aufgezogen werden. Bei einer entsprechenden Diskussion auf der letztjährigen Biofach sagte Inga Günther von der gemeinsam von Bioland und Demeter betriebenen gemeinnützigen Ökotierzucht: „Das ist eine Verschlimmbesserung der Situation. Wenn der Verbraucher versteht, dass dennoch männliche Küken getötet werden und der Energieaufwand aus ihnen Ferkelfutter zu machen sehr hoch ist, wird er ‚RespEGGt‘-Eier nicht mehr akzeptieren.“ Anbauverbände und Bio-Branche lehnen auf breiter Front die In-Ovo-Selektion ab, die endgültige Lösung des Dilemmas sei das Zweinutzungstier. „Im konventionellen Bereich wird sich zeigen, inwieweit sich In-Ovo-Selektion mit ihrer kostspieligen Technik durchsetzen kann“, meinte Wewer.

Hinweis:

Wie Bioland, Biokreis und Demeter in Sachen ökologischer Aufzucht der Bruderhähne verfahren, habe ich bei den Anbauverbänden nachgefragt. Das wurde bei der Online-Diskussion nicht thematisiert.

Weitere Informationen stammen aus dem Artikel „Alternativen zum Kükentöten: Immer ein Kompromiss“, der im Fachmagazin BioTOPP Ausgabe 1/2021 erschienen ist.

Nachtrag 10. März 2021: Biokreis hat am 6. März 2021 neue Verbandsrichtlinien verabschiedet. Die In-Ovo-Selektion ist den Mitgliedern verboten und Bruderhähne müssen auf ökologisch wirtschaftenden Betrieben aufgezogen werden.

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