Bio? Logisch!

Neue Hühner braucht die ökologische Landwirtschaft

Weg von Hochleistungs-Hybriden und zurück zum Ursprung: In der ökologischen Landwirtschaft sollen wieder so flächendeckend wie möglich Zweinutzungshühner in den Ställen einziehen. Die Hennen legen genügend Eier, die Hähne eignen sich zur Mast – und beide benötigen kein konventionelles Futter. In der entsprechenden ökologischen Zucht entscheiden sich derzeit richtungsweisende Systemfragen.

Die ökologischen Landwirtinnen und Landwirte befinden sich bei der Geflügelhaltung vielfach im gleichen Dilemma wie ihre konventionellen Kollegen. Seit Jahrzehnten prägen Hybrid-Rassen das Bild. Mast-Hybride wachsen enorm schnell und sind nach nur 30 Tagen schlachtreif. Lege-Hybride produzieren jährlich bis zu 320 Eier. Deren männlichen Küken setzen nicht genügend Fleisch an und eignen sich kaum für die Mast. Daher wurden in Deutschland jährlich etwa 45 Millionen Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet – und damit ist ab 1. Januar 2022 Schluss. Dann tritt die Novellierung des Tierschutzgesetzes in Kraft, welches das Kükentöten in der Bundesrepublik als erstes Land weltweit verbietet.

Auf breiter Front lehnen Bio-Anbauverbände und Bio-Branche zudem die Geschlechtsbestimmung im Ei ab. Reift ein männlicher Fötus heran, wird er samt Ei geschreddert. Es gelte vielmehr, das System der einseitigen Zucht nach etlichen Jahrzehnten aufzubrechen.

Nicht ohne meinen Bruder

„Durch die reine Zucht auf Eierlegeleistung wurde der Hahn regelrecht vergessen und daher in der Vergangenheit so schnell wie möglich getötet“, sagte Philipp Egger von der Eierpackstelle Biovum im Zuge einer Online-Diskussion anlässlich der diesjährigen Biofach. Das wollen einige Akteure nun ändern. So wie die von den beiden Anbauverbänden Bioland und Demeter 2015 gegründete gemeinnützige Ökologische Tierzucht (ÖTZ). Der Hahn wird von Anfang an konsequent mitgedacht. Wenn ein Bio-Betrieb bei der ÖTZ Küken bestellt, muss er stets eine Mischung aus weiblichen und männlichen Tieren abnehmen und die Hähne entweder selbst aufziehen oder dafür einen Partnerbetrieb finden.

Inga Günther (links) auf der Biofach 2020.
Archivbild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Gleich drei Zweinutzungsrassen hat die ÖTZ im Angebot. Die reinrassigen Bresse Gaulouise eignen sich besonders für die Mast und sind als alte Wirtschaftsrasse in Frankreich auch heute noch im Einsatz. „Wir halten das sehr gute züchterische Niveau, den Fleischansatz möchten wir nicht maßgeblich steigern“, erklärt ÖTZ-Geschäftsführerin Inga Günther und führt weiter aus: „Die ausgewogene Balance zwischen Eierlegeleistung und Fleischansatz hält die Tiere gesund, was die vollständige Bio-Fütterung ermöglicht.“ Mast-Hybride gehören ihrer Meinung nach in der ökologischen Landwirtschaft dringend abgeschafft, weil sie als Futterzusatz konventionelles Eiweiß beispielsweise aus Kartoffeln benötigen. „An dieser Stelle halten wir unser Qualitätsversprechen bei Bio nicht ein.“ Reines Bio-Futter liefert für die schnelle Gewichtszunahme der Hybride zu wenig Nährstoffe und auch die Hybrid-Hennen legen ohne den Zusatz tendenziell weniger Eier. Laut europäischer Bio-Verordnung dürfen in der Geflügelmast bis zu fünf Prozent konventionelles Futter zum Einsatz kommen. Ab nächstem Jahr ist allerdings nur noch Bio-Futter erlaubt. Dann sind im schlimmsten Fall Mast-Hybride in der ökologischen Landwirtschaft unterernährt. „Die würde man großhungern“, bringt es Günther auf den Punkt. Aber auch der Einsatz von Lege-Hybriden auf Bio-Betrieben steht schon lange in der Kritik. Dr. Christian Lambertz leitet am Forschungsinstitut für biologischen Landbau den Bereich Tierwohl. Gegenüber dem Fachmagazin BioTOPP sagte er: „Hochspezialisierte Hybrid-Legehennen machen die Landwirte und Landwirtinnen abhängig von wenigen Brütereien, die den Markt beherrschen, und haben noch nie zur Bio-Landwirtschaft gepasst.“

Wer möchte, kann die reinrassigen Bresse Gaulouise auf seinem eigenen Hof nachziehen und sich somit von Brütereien emanzipieren. „Das unterstützen wir ganz gezielt“, sagt Günther. In der arbeitsteiligen Praxis wird die hofeigene Zucht allerdings eine Nische bleiben. Entscheidend sei, die freie Wahl bieten zu können.

Als Kreuzungspartner hilft Bresse Gaulouise zudem den Rassen New Hampshire (Ergebnis: Coffee) und White Rock (Ergebnis: Cream) mehr Fleisch anzusetzen. Die Allrounder Coffee und Cream kommen auf rund 230 Eier im Jahr und erreichen ungefähr zwei Drittel des Schlachtgewichts von Mast-Hybriden. Seit ein paar Jahren sind die Zweitnutzungsrassen auch in größeren Herden bis zu 3.000 Tiere in der Erwerbslandwirtschaft im Einsatz. So zum Beispiel auf dem Mustergeflügelhof Leonhard Häde im hessischen Alheim-Heinebach.

Alte Hühnerrassen bewahren: Projekt RegioHuhn

Altsteirer, Augsburger, Bielefelder Kennhuhn, Mechelner, Ostfriesische Möwe, Ramelsloher. Diese lokalen und teilweise stark gefährdeten Rassen möchte der Anbauverband Naturland gemeinsam mit dem Friedrich-Loeffler-Institut für Nutztiergenetik, der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft und der Universität Bonn im Projekt RegioHuhn erhalten und wieder fit für die Erwerbslandwirtschaft machen. In den letzten Jahrzehnten wurden sie hauptsächlich in der Hobbyzucht gehalten, in der Schönheit wichtiger als eine gute Eierlege- und Mastleistung sind.

Gab auf der diesjährigen Biofach Einblicke in Sachen Bruderhahn.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

„Die Hühner sollen möglichst lange gesund gehalten werden können und dabei über zwei Jahre eine stabile Legeleistung erbringen. Es soll nicht sein, dass die Legehennen durchstarten und am Masthahn ist nichts dran“, erklärt Olivia Müsseler, Naturland Beratung. Mehr Eier oder mehr Fleisch – das sind entgegengesetzte Zuchtziele, am Ende ist bei den Zweinutzungsrassen die Balance entscheidend. Der Hahn muss sich wirtschaftlich zumindest selbst tragen, die Henne auf jeden Fall Gewinn bringen, so die Kalkulation aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

Um möglichst rasch Nutztiere für die Erwerbslandwirtschaft bieten zu können – das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Projekt RegioHuhn ist erst im vergangenen Jahr gestartet – nimmt man sozusagen eine Abkürzung. So werden die Mütter der Legehennen und Masthähne aus industrieller Zucht mit den Hähnen der alten Rassen gekreuzt. White Rock von der Lohmann Tierzucht soll die Eierlegeleistung erhöhen und Ranger von Aviagen für einen höheren Fleischansatz sorgen. Beide Unternehmen gehören zur EW Group. Die Aufzucht der Elterntiere hat Anfang des Jahres begonnen, diesen Sommer werden die ersten gekreuzt und im Herbst sollen die Kreuzungen auf den 22 Praxisbetrieben Einzug halten. Ab nächstem Jahr sind für weitere Bio-Landwirte wieder Küken verfügbar, falls sie sich auf das Experiment einlassen möchten. Welche Leistungen die Kreuzungstiere tatsächlich bringen, wird sich erst noch zeigen.

Das Projekt steht allerdings bezüglich des Rückgriffs auf Tiere der großen Zuchtunternehmen auch in der Kritik. Ob die Kreuzungen ab einem gewissen Punkt in ihren Merkmalen dermaßen stabil sind, dass sich sich emanzipieren können, steht in den Sternen. „Wir sind froh, mit etablierten Unternehmen der EW Group zusammenarbeiten zu können, die uns gute Zuchttiere zur Verfügung stellen. Wir werden bezüglich dieser Kooperation kritisiert, aber unsere Landwirte brauchen schnelle Lösungen. Mittelfristig sind wir für Kooperationen mit weiteren Partnern offen.“ Ideologisch möchte man keine als sinnvoll empfundene Zusammenarbeit ausschließen. „Diese Zuchtfirmen haben ihren Fokus nicht auf den ökologischen Landbau“, moniert allerdings Günther.

Müsseler betont den Vorteil, parallel mittels der Kreuzungen möglichst schnell Bio-Erwerbslandwirte mit geeigneten Tieren versorgen zu können und gleichzeitig in der reinrassigen Zucht der alten einheimischen Rassen schrittweise auf Leistung zu selektieren. Schließlich werden auch für die Kreuzungen möglichst starke reinrassige Tiere benötigt. Die ausschließliche reinrassige Selektion ist langwierig und teuer. Die Eierlegeleistung muss pro Henne über einen Zeitraum von 72 Wochen erfasst und dafür jedes Ei der Henne zugeordnet werden. Eine elektronische Nesterkennung sei in der Forschung leider kein Standard. Und bereits bevor die Leistungsprüfungen abgeschlossen sind, müssen die Tiere für die Weiterzucht bereits ausgewählt sein. Dann heißt es, in der nächsten Generation wieder über 72 Wochen den Zuchtfortschritt zu überprüfen. Wenn das Projekt RegioHuhn 2023 abgeschlossen ist, wird die Universität Bonn die reinrassige Zucht weiter koordinieren.

Aus den Resten das Beste

„Der Anteil von Zweinutzungstieren an der gesamten Bio-Hühnerhaltung liegt nur bei circa ein bis zwei Prozent“, schreibt Hella Hansen im Fachmagazin BioTOPP. Für den weiteren Ausbau sei es unerlässlich, an der Futterschraube zu drehen; davon ist Günther überzeugt. Getreide, Mais, Soja – was in den Trögen landet, ist teilweise für den direkten menschlichen Verzehr geeignet. Geflügel ist längst ein Nahrungskonkurrent, obwohl Hühner im Grunde Allesfresser und damit die perfekten Resteverwerter sind. In der Lebensmittelproduktion bleibt genug übrig: Ölpresskuchen, Trester, altes Brot, Molke und Schlachtabfälle – über Huhn und Hahn entstehen daraus Eier und Fleisch für unsere Mahlzeiten. „Erst diese Vorgehensweise macht die Geflügelhaltung ökologisch sinnvoll“, betont Günther. „Allerdings dürfen seit der BSE-Krise keine Eiweiße tierischen Ursprungs verfüttert werden. Wir halten die Tiere seitdem als Zwangs-Veganer und erwarten trotzdem Höchstleistungen. Das passt nicht zusammen und bedeutet zusätzlichen Stress.“ Ihr Aufruf: „Wir müssen daran arbeiten, dass die Bio-Reststoffe als Futtermittel zugelassen werden und man braucht gleichzeitig Tiere, die mit solch einer Fütterung umgehen können. Die Zweinutzungshühner sind dafür sehr gut geeignet.“

Zweinutzungshühner der Rassen Coffee und Cream – Bild: Mustergeflügelhof Häde

Bio-Futter mit einem hohen Anteil an Rohfasern ist in puncto Nährstoffen weniger konzentriert, was Zweinutzungshühner durch eine höhere Futteraufnahme ausgleichen müssen. Schließlich sollen sie optimal ernährt und gesund ihre Leistung erbringen. Daher steht bei deren Zucht auch ein großer Magen und der passende Verdauungstrakt im Fokus. „In einigen vergleichenden Studien deutet sich an, dass Zweinutzungshühner weniger hochwertiges Eiweiß brauchen und mit geringer wertigem Futter klarkommen. Das müsste man in der Züchtung noch ausbauen. Das Optimierungspotenzial bei Haltung und Fütterung von Zweinutzungshühnern ist noch groß. Hier zeigt sich, dass wir uns erst seit ein paar Jahren intensiv damit beschäftigen“, sagte Lambertz dem Fachmagazin BioTOPP.

Bleibt die Frage, wenn Hochleistungs-Hybride sich nicht für die ökologische Landwirtschaft eignen, warum hat die Bio-Branche Jahrzehnte gebraucht, um mit einer eigenen Zucht zu reagieren? Günther erklärt es sich mit einer Art Schockstarre. „Man hat ja gar nicht mehr gesehen, wo man überhaupt noch ansetzen kann. Die Problematiken der einseitigen Zucht sind immer schlimmer geworden.“ Zudem sei es in der Bio-Branche schwer, nur Schwierigkeiten anzusprechen, wenn man keine Lösungen bieten könne. Ein klassisches Henne-Ei-Problem.

Kein Huhn für alle Fälle

Egal welchen Weg die Zucht beschreitet, unter dem Strich bleiben Zweinutzungsrassen stets ein Kompromiss in Sachen Eierlegeleistung, Fleischansatz und Futterverwertung. Das Super-Huhn, welches in allen Bereichen top abschneidet und sich gleichermaßen für alle (Bio-)Betriebe eignet, wird es nicht geben. „So vielfältig wie unsere Landwirte, müssen auch unsere Hühner sein“, bringt es Müsseler auf den Punkt.

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