Meinung

Nach Schlachthof-Skandal: Biomanufaktur Havelland schweigt sich aus

Kommentar

Transparenz wird in der Bio-Branche gerne als besondere Qualität hervorgehoben. Doch auch Öko-Unternehmen mauern bei als unangenehm empfundenen Fragen gegenüber der Presse – wie der brandenburgische Fleischverarbeiter Biomanufaktur Havelland. Noch bevor der Skandal im mittlerweile geschlossenen Bio-Schlachthof Färber in Neuruppin Anfang des Jahres öffentlich bekannt wurde, beendete die Biomanufaktur die Kooperation: schnell und richtig gehandelt. Doch seit Monaten weicht das Unternehmen konkreten Fragen von „über bio“ aus. Ein Grund mehr, genauer hinzuschauen und eine verpasste Chance zu betrauern.

Schweine wurden getreten, geworfen, mit Haken blutig geschlagen und im schlimmsten Fall falsch betäubt, so dass vereinzelte Tiere augenscheinlich das Töten mehr oder weniger bewusst miterlebten. Im August 2020 hatte das Deutsche Tierschutzbüro drei Tage lang im Bio-Schlachthof Färber in Neuruppin mittels einer versteckten Kamera mutmaßliche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz dokumentiert und das Filmmaterial letztendlich der Presse zugespielt. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Neuruppin gegen zwei ehemalige Mitarbeiter und geht darüber hinaus der Frage nach, wer von den Missständen gewusst hatte.

Alles richtig gemacht!? Viele offene Fragen!

Im Dezember 2020 erfuhr die Biomanufaktur Havelland von den Missständen und kündigte die Zusammenarbeit mit dem Färber-Standort auf. In einer öffentlichen Stellungnahme hieß es Anfang Januar: „In allen bisherigen von uns beauftragten und unangemeldet stattgefundenen Tierwohl-Kontrollen im Betrieb sind derlei Praktiken nie offenkundig geworden. Dies betrifft sowohl die gesetzlichen, als auch die von uns persönlich durchgeführten Kontrollen. Da aber diese Misshandlungen offensichtlich außerhalb dieser Kontrollen stattfinden, werden wir in Zukunft das höchste Maß an Überwachung auch vertraglich festlegen. Dazu gehören noch strenger formulierte Forderungen zum Wohle des Tieres, sodass lückenloser kontrolliert werden kann.“

Seit Ende April hat „über bio“ mehrfach Fragen an die Pressesprecherin geschickt und nachgehakt, jedoch keine Antworten erhalten. Mittlerweile reagiert die für die Presse Verantwortliche gar nicht mehr. Wer mit den Tierwohl-Kontrollen beauftragt war, wann sie stattfanden und welche Bereiche dabei nach welchen Kriterien geprüft wurden: keine Antwort. In welchen konkreten Punkten Forderungen zum Tierwohl noch strenger formuliert wurden: keine Antwort. Welches höchste Maß an Überwachung konkret vertraglich festgelegt wurde: keine Antwort. Wo die Biomanufaktur Havelland schlachten lässt: keine Antwort.

Geschäftsführer Thomas Schubert machte deutlich, dem Statement von Anfang Januar nichts hinzufügen zu wollen. Für ein Interview steht er nicht zur Verfügung, eine Mitarbeiterin nannte zeitliche Gründe. Im Augenblick konzentriere man sich auf das Tagesgeschäft und den Ausbau des schönen Betriebs, wie Schubert mitteilte.

Wo die Biomanufaktur Havelland schlachtet: von Färber über Tönnies zurück zu Färber

Anfang Januar informierte die Biomanufaktur Havelland seine Kunden unter anderem darüber, wo man nach dem Aus der Kooperation mit dem Färber-Standort in Neuruppin schlachten – oder wie es im entsprechenden Schreiben heißt „verarbeiten“ – lässt. Auffallend: Mit Kellinghusen ist zwar der Ort, aber nicht der Name des Schlachthofs genannt: R. Thomsen, ein zur Tönnies-Gruppe gehörender Standort. „(…) dies ist aber nur ein notgedrungener Kompromiss. Momentan sind wir auf der Suche nach einem neuen, bestmöglich arbeitenden Verarbeitungsbetrieb in der Region“, heißt es in dem Anschreiben an die Geschäftskunden, welches „über bio“ vorliegt. Ob man noch in Kellinghusen schlachten lässt oder von wann bis wann die Zusammenarbeit stattfand – man ahnt es bereits: keine Antwort.

Die Biomanufaktur Havelland ist ein 100%iges Tochterunternehmen der Bio-Supermarktkette Bio Company aus Berlin, die sie auch beliefert. Einem Privatkunden, der vom Lebensmittelhändler wissen wollte, wo die Tiere für die Biomanufaktur geschlachtet werden, antwortete das Unternehmen mit Halbwahrheiten. Nur ein Teil der Tiere würden im Auftrag der Biomanufaktur geschlachtet – und Schweine und Rinder dies stets in kameraüberwachten Betrieben. „Bei den Rindern übernehmen die Schlachtungen die Anbauverbände, bei den Schweinen können wir nur einen Teil selbst organisieren, der Rest wird ebenfalls durch Anbauverbände organisiert.“ Das ist natürlich Quatsch.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Anbauverbände stellen Richtlinien auf, zertifizieren ihre Mitglieder und dergleichen. Aber kein Anbauverband schlachtet oder organisiert Schlachtungen. Sehr wohl tun dies unter anderem Vermarktungsgesellschaften. Was man – warum auch immer – nicht offen kommunizieren möchte, ist nach Recherchen von „über bio“ ein Lieferant: die Biopark Markt Erzeuger- und Vermarktungsgesellschaft mbH aus Mecklenburg-Vorpommern. Bundesweit kauft das Unternehmen Tiere direkt bei den Landwirtinnen und Landwirten, lässt jeweils im Auftrag regional schlachten, zerlegen und weiterverarbeiten. An die Biomanufaktur Havelland liefert man nach eigenen Angaben Kalb-, Rind-, Schwein- und Lammfleisch.

Als der Kunde nachfragte, wo die selbst organisierten Schlachtungen der Schweine stattfinden, hieß es kurz darauf bei den beiden Färber-Standorten in Belgern-Schildau (Sachsen) und Luckenwalde (Brandenburg). Allerdings ist letztgenannter Standort ein reiner Zerlegebetrieb, geschlachtet wird dort gar nicht. Der Schlachthof Belgern-Schildau setzt auf Elektrobetäubung. Die Schweine werden dazu fixiert, was Betäubungsfehler minimiert. Eine Fixierung gab es am Standort in Neuruppin nicht und hätte bei einer Wiederaufnahme des Schlachtbetriebs nachgerüstet werden müssen, wie es das Veterinäramt in Neuruppin vorschrieb. Ob der Standort in Belgern-Schildau kameraüberwacht ist, konnte das für den Landkreis Nordsachsen zuständige Veterinäramt nicht sagen, das Unternehmen selbst ließ eine schriftliche Anfrage unbeantwortet.

Bio von regionalen Schlachthöfen abhängig

Im Prinzip gäbe es eine Erfolgsgeschichte zu erzählen à la „Wir haben sofort reagiert, folgende Maßnahmen ergriffen, um solche und ähnliche Vorfälle in Zukunft so weit wie möglich auszuschließen und uns in den Punkten x, y und z zu verbessern.“ Stattdessen gräbt sich die Biomanufaktur Havelland ein, lässt alle Fragen abperlen. Die Strategie ist vollkommen ungeeignet, um eventuell verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen. Unter dem Strich bleibt es eine Kommunikations-Katastrophe von Anfang bis Ende, welche der Bio-Branche im Allgemeinen einen schlechten Dienst erweist.

Zudem ist eine Chance vertan, um auf ein gesellschaftlich relevantes Thema hinzuweisen. Denn die Bio-Branche ist von regionalen Schlachtmöglichkeiten abhängig. Die Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter, Biokreis, Gäa und Biopark sind sich einig: Tiertransporte sollen maximal über eine Strecke von 200 Kilometer erfolgen, die Transportzeit maximal vier Stunden betragen und vom Aufladen der Tiere bis zur Ankunft beim Schlachthof sind acht Stunden das Limit. Gerade im Osten Deutschlands sieht es mager aus. In Brandenburg existiert mit dem Vion-Standort in Perleberg nur ein großer Schlachthof, der auch Bio-Schweine annimmt. Bio-Landwirte und Verarbeiter wie die Biomanufaktur Havelland sind von der ihnen gebotenen Infrastruktur abhängig, die es zu erhalten und mancherorts auch im Sinne des Tierwohls auszubauen gilt.

1 Kommentar zu “Nach Schlachthof-Skandal: Biomanufaktur Havelland schweigt sich aus

  1. Vielen Dank für dieses ausführliche Update!
    Das Vorgehen und die ausbleibende Kommunikation kann ich absolut nicht nachvollziehen. Wie du es schon angedeutet hast: Gegenüber Bio-Produkten gibt es so viel Skepsis und Zweifel, inwiefern diese wirklich besser und ob gerade bei tierischen Erzeugnissen die deutlichen Mehrausgaben gerechtfertigt sind. Offenheit und schnelle Reaktionen sind so wichtig, um beim Verbraucher Vertrauen aufzubauen und zu halten.

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