Bio? Logisch!

Bruderhahn: Töten von Embryonen bleibt bei Demeter ausgeschlossen

Ursprünglich waren sich die vier mitgliederstärksten Anbauverbände einig: Der Bruderhahn der Legehenne muss ökologisch aufgezogen werden. Seit Ende April erlaubt Biokreis als Alternative das Töten von Embryonen, Naturland prüft diesen Schritt – und stimmt sich eng mit Bioland ab. Demeter bleibt bei der Absage und steht damit fest zum Bruderhahn. „Wir respektieren ungeborenes Leben“, sagt im Interview Jörg Hütter, Leitung Politik, Richtlinien und Qualitätsentwicklung. Ökologische Geflügelhaltung sieht er als ganzheitliches System, in dem Henne und Hahn zusammengehören. Steht hier womöglich Ideologie der Wirtschaftlichkeit im Weg? Verbraucht der Bruderhahn nicht zu viele Ressourcen? Und was macht eigentlich die Lösung Zweinutzungsrassen, die man in der ökologischen Landwirtschaft noch mit der Lupe sucht?

Jörg Hütter, Anbauverband Demeter
Demeter bleibt dem Bruderhahn treu und wird weiterhin das Töten von Embryonen verbieten, betont Jörg Hütter.
Bild: Demeter

Angesichts des in Deutschland geltenden Verbots des Tötens von Küken direkt nach dem Schlupf, waren sich Naturland, Bioland, Demeter und Biokreis einig, dass die ökologische Aufzucht der Bruderhähne verpflichtend ist. Sie lehnten die Geschlechtsbestimmung im Ei ab – reift ein männlicher Embryo heran, wird er samt Ei geschreddert. Biokreis hat letzteres seit Ende April als Alternative zum Bruderhahn erlaubt, auch wenn es dafür nach jetzigem Kenntnisstand kein gültiges Votum der Mitglieder gibt. Das Naturland-Präsidium prüft im Auftrag der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ende Mai stattgefundenen Delegiertenversammlung die Voraussetzungen einer möglichen Zulassung und stimmt sich dabei eng mit Bioland ab. Wo steht Demeter in dieser Debatte?

In einer Befragung sprach sich eine klare Mehrheit der Demeter-Geflügelbetriebe gegen die Geschlechtsbestimmung im Ei und für die Aufzucht der Bruderhähne aus.

Aus welchen Gründen lehnt eine Mehrheit das Töten von Embryonen ab?

Ökologische Geflügelhaltung denken wir als Ganzes: Henne und Hahn gehören zusammen. Dieses Prinzip weiterzuentwickeln hat für uns höchste Priorität. Es macht die Haltung konsequenter, glaubwürdiger und stimmiger.

Die Aufzucht der Bruderhähne ist zwar anspruchsvoll, kann aber wirtschaftlich tragfähig gestaltet werden. Die Vermarktung des Bruderhahnfleisch gelingt jedoch nicht überall gleich gut. Während die Strukturen in Süddeutschland seit Jahren funktionieren und auch in Berlin die Nachfrage stimmt, gilt es vor allem im Westen und in Teilen Norddeutschlands noch mehr Vermarktungsstrukturen aufzubauen.

Wie viele Bruderhähne werden jährlich bei Demeter-Betrieben in Deutschland aufgezogen?

Insgesamt gibt es 250.000 Legehennenplätze, und zu jeder Henne wird ein Hahn aufgezogen. Seit der Einführung der verpflichtenden Bruderhahnaufzucht und den starken Schwankungen am Bio-Eier-Markt infolge der Corona-Pandemie halten viele Betriebe ihre Legehennen länger. Früher waren in etwa zwölf Monate Standard, heute erreichen einzelne Betriebe 18 bis 20 Monate. Das reduziert die Anzahl der Bruderhähne. Denn neue Bruderhähne gibt es nur, wenn neue Hennen in den Stall kommen.

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Da sich bislang nicht in ganz Deutschland Wertschöpfungsketten für Bruderhahnfleisch etablieren konnten, haben Sie Verständnis dafür, das Töten der Embryonen als Alternative zuzulassen? Oder ist das in Ihren Augen ein Verrat an ökologischen Idealen?

Wir als Demeter-Gemeinschaft halten entschieden daran fest, dass es ethisch geboten ist, den Hahn aufzuziehen. Wir bleiben bei unseren Idealen und vertreten konsequent unsere Werte. Für uns ist es nicht entscheidend, an welchem Tag der Brutvorgang abgebrochen wird, das ist eine technische Feinheit. Wir respektieren ungeborenes Leben und möchten solche Eingriffe deshalb vermeiden. Zugleich verurteilen wir niemanden, der nach Abwägung der Marktsituation zu einer anderen Entscheidung kommt. Von „Verrat“ kann deshalb keine Rede sein.

Die ökologische Aufzucht der Bruderhähne steht auch in der Kritik, weil die Tiere vergleichsweise viel hochwertiges Bio-Futter verbrauchen und dafür wenig Fleisch ansetzen. Und dann müssen die Tiere bei Demeter sogar mindestens 14 Wochen aufgezogen werden (Vergleich Bioland bei Kennzeichnung „Bioland-Ei mit Bruderhahnaufzucht“ sind es mindestens zehn Wochen). Wäre die Geschlechtsbestimmung im Ei nicht geeignet, um Ressourcen zu sparen und Kosten zu senken? Kurz gesagt: Steht Ideologie der Wirtschaftlichkeit im Weg?

Die Frage ist berechtigt. Beim Futter muss ein Umdenken stattfinden: Es muss mehr für den menschlichen Verzehr nicht geeignetes Getreide wie beispielsweise Triticale eingesetzt werden und an ganz neuen Ansätzen geforscht werden, wie etwa die Verfütterung von alten Brotresten.

Welches Alter Bruderhähne erreichen sollen, ist auch bei uns eine offene und immer wieder diskutierte Frage – denn man könnte die Tiere grundsätzlich auch früher schlachten. Je älter die Bruderhähne werden, umso komplizierter ist deren Haltung. Auch nimmt circa ab der vierzehnten Woche das Verhältnis zwischen Futteraufnahme und Schlachtgewichtzunahme ab, daher wurde dieser Zeitpunkt gewählt. Je früher man schlachtet, desto eher muss man sich die nicht einfach zu beantwortende ethische Frage stellen, ob die Bruderhähne zuvor ein erfülltes und angemessenes Leben hatten.

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Symbolbild Bruderhähne: Elke Bartussek/Brudertier Initiative Deutschland

Trotzdem bleibt die Aufzucht der Bruderhähne ein Kostenblock.

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Abkehr vom Bruderhahn den landwirtschaftlichen Betrieben keine wirtschaftlichen Vorteile bringt. Fällt die Aufzucht weg, verlangt anschließend der Handel niedrigere Einkaufspreise für die Eier.

Generell sind wir ein Verband mit eher kleinen Strukturen in der Geflügelhaltung, entsprechend sind unsere Richtlinien darauf ausgerichtet. In einem Stallgebäude dürfen bei Demeter maximal 3.000 Legehennen gehalten werden (bei Naturland und Biokreis sind in voneinander getrennten Herden von je maximal 3.000 Tieren pro Stallgebäude maximal 12.000 Legehennen erlaubt – Anmerkung Jens Brehl). Die aufwendigere Tierhaltung führt zu höheren Preisen für Demeter-Eier. Diese lassen sich aber begründen. Sie passen nicht zu jedem Geldbeutel, aber das Senken von Standards ist für uns nicht die richtige Antwort. Wir setzen daher auf das ganzheitliche System und erklären, warum die Mehrkosten entstehen.

Das muss die Endkundschaft aber auch wissen und verstehen.

Natürlich ist es herausfordernd, die komplexen Zusammenhänge der ökologischen Geflügelhaltung verständlich und ansprechend zu vermitteln. Deshalb pflegen wir den Ruf der Demeter-Landwirtschaft als ganzheitlich verstandenes System mit Idealen und Werten über klare, profilstarke Richtlinien. Diese müssen nicht in jedem Punkt die strengsten sein. Das ist zielführender als die Kommunikation vieler Einzelaspekte.

Es ist durchaus denkbar, dass Demeter am Ende als einziger Verband in Deutschland am Verbot des Tötens von Embryonen festhält. Wie würde sich ein solcher Alleingang auswirken?

Zunächst hatten wir uns über die verbandsübergreifende Einigkeit gefreut, weil sie die Verbände insgesamt stärkt. Biokreis ist inzwischen aus diesem Konsens ausgestiegen. Natürlich macht eine Zersplitterung die Lage nicht einfacher.

Für Demeter sehen wir jedoch die Chance, ein klares Alleinstellungsmerkmal zu erhalten und es entsprechend an die Kundschaft zu kommunizieren. Ein starker Wachstumskurs in der Legehennenhaltung ist nicht unser Ziel. Wir wollen bäuerliche Strukturen erhalten und stärken. Auch wenn ein solcher Alleingang nicht einfach wäre, bietet er die Möglichkeit zur klaren Profilbildung.

Ein langer Weg: Zweinutzungsrassen in der ökologischen Geflügelhaltung

Kommen wir mal vom Symptom auf die Ursache. Die Aufzucht der Bruderhähne sollte ein (möglichst kurzer) Zwischenschritt sein, bis sich in der ökologischen Geflügelhaltung so breit wie möglich Zweinutzungsrassen etablieren können. Das wäre ein echter Systemwechsel weg von der einseitigen Zucht auf Hochleistung dominiert von wenigen konventionellen Zuchtkonzernen – hin zu Tieren, die wieder eine ausgeglichene Balance zwischen Eierlegeleistung und Fleischansatz aufweisen und besser ins System ökologische Landwirtschaft passen. Auch unter dem Aspekt Tierwohl wäre es ein wünschenswerter Schritt. Haben die Anbauverbände dieses Ziel aus den Augen verloren?

Demeter hat es nicht aus den Augen verloren. Im Gegenteil engagieren wir uns wieder verstärkt in der gemeinnützigen Ökologischen Tierzucht (ÖTZ), deren Gesellschafter wir gemeinsam mit Bioland sind.

Seit Jahrzehnten züchtet man im Geflügelbereich vor allem spezialisierte Tiere: entweder für eine hohe Legeleistung oder für schnelles Wachstum in der Mast. Diese Züchtungs-Entwicklung lässt sich nicht von heute auf morgen umkehren und durch Zweinutzungsrassen ersetzen.

Zweinutzungsrassen konnten sich bislang allenfalls in der Nische etablieren. Das Gros der ökologischen Geflügelhaltung – und damit auch Demeter – setzt umgangssprachlich ausgedrückt nach wie vor auf „Hochleistungstiere“.

Hauptgrund sind die wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Sie erschweren es den landwirtschaftlichen Betrieben, größere Investitionen zu tätigen und unternehmerische Risiken einzugehen – etwa durch das Halten von Zweinutzungsrassen. Die ökologische Zucht befindet sich noch im Aufbau und kann daher das angestrebte Zuchttier noch nicht liefern. Zweinutzungsrassen legen weniger Eier als herkömmliche Hybriden, und ihre Mast dauert länger. Sie sollen diese Leistungen auch nicht erreichen. Gleichzeitig verteuert sich die landwirtschaftliche Produktion. Die daraus entstehenden Mehrkosten müssen Handel und Verbraucherinnen und Verbraucher akzeptieren.

Deshalb kommen wir beim erwünschten Einsatz von Zweinutzungsrassen langsamer voran als erhofft. Wir sind mit viel Idealismus gestartet, haben auf dem Weg aber mehr Hürden vorgefunden als erwartet. Heute wären wir gerne schon viel weiter. Dennoch hält Demeter an diesem Weg fest, auch wenn wir das Tempo anpassen müssen.

Vor drei Jahren war eine feste Quote im Gespräch: Geflügelhaltende Demeter-Betriebe hätten bis Ende 2027 zu einem Fünftel Zweinutzungsrassen einsetzen müssen. Ein entsprechender Antrag wurde allerdings dann doch nicht gestellt. Wären rückblickend betrachtet feste Vorgaben zielführend gewesen?

Die Quote hätte uns einerseits geholfen, heute schon einen Schritt weiter zu sein. Wir hätten aber viele Betriebe nicht mitnehmen können. Es wurde damals klar gesagt, dass dieser Weg nur bei einem sehr eindeutigen Votum beschritten werden soll, und dieses wurde nicht erreicht. Konsequenterweise haben wir uns dann auch nicht dafür entschieden.

Was braucht es, damit Zweinutzungsrassen verstärkt in der gesamten ökologischen Geflügelhaltung Einzug halten?

Der Einstieg muss für die landwirtschaftliche Betriebe leichter werden. Die neue ÖTZ-Rasse Chili könnte dabei eine Brücke sein. Sie legt mit rund 270 Eiern pro Jahr mehr Eier als die ÖTZ-Rassen Coffee, Cream und Caramel mit etwa 250 Eiern. Damit verringert sich der Abstand zu herkömmlichen Legehybriden (bis zu 290 Eier in der ökologischen Haltung – Anmerkung Jens Brehl), was die Wirtschaftlichkeit verbessert. Zugleich sammeln die Betriebe praktische Erfahrungen mit Zweinutzungsrassen. Das kann den weiteren Umstieg durchaus erleichtern.

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