Testphase bei Rewe Südwest erfolgreich überstanden: 130 Märkte in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland bieten nun dauerhaft Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn an. Das Angebot soll den Möglichkeiten entsprechend weiter ausgebaut werden. Doch in einem Punkt gilt es noch eine entscheidende Hürde zu nehmen.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Paukenschlag auf den Öko-Feldtagen 2023: „Wir brauchen ein Zweinutzungshuhn, das an den ökologischen Landbau angepasst ist“, sagte Tobias Menig, Vorsitzender der Geschäftsführung der Rewe Südwest. Der Lebensmittelhändler kündigte ein Pilotprojekt an, um Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn und Bio-Fleisch vom Zweinutzungshahn in die Filialen zu bringen. Im ersten Schritt unterstützte Rewe die gemeinnützige Ökologische Tierzucht (ÖTZ) mit einer Spende in Höhe von 20.000 Euro.
Bio-Zukunft Zweinutzungshuhn
Die Zukunft der ökologischen Geflügelhaltung verortet Rewe Südwest bei Zweinutzungsrassen. Diese verfügen anders als die einseitig auf Hochleistung gezüchteten Tiere wieder über eine ausgeglichene Balance zwischen Eierproduktion und Fleischansatz. Somit eignet sich das männliche Tier wieder für die Mast, auch wenn es deutlich länger als die spezialisierten Mast-Rassen benötigt, um das Schlachtgewicht zu erreichen. Der Bruderhahn der einseitig auf eine hohe Eierproduktion gezüchteten Legehennen hingegen verbraucht vergleichsweise viel Futter, setzt im Grunde zu wenig Fleisch an, welches für sich betrachtet im schlimmsten Fall nicht auskömmlich vermarktet werden kann. Die heimische Nachfrage ist teils überschaubar bis in manchen Segmenten nicht vorhanden.
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Die ökologische Aufzucht der Bruderhähne ist bei den Anbauverbänden Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis Pflicht. Die Geschlechtsbestimmung im Ei – reift ein männlicher Embryo heran wird er samt Ei aussortiert – lehnen die Verbände ab. Die jahrzehntelange einseitige Zucht gelte es aufzubrechen und den Bruderhahn zu überwinden. „Die Branche braucht das Zweinutzungshuhn. Denn Bruderhahnaufzucht oder Geschlechtsbestimmung im Ei können nur vorübergehende Konzepte sein, um das Kükentöten zu vermeiden. Der Anfang soll in der Bio-Branche gemacht werden“, hieß es damals in einer Pressemitteilung von Rewe.
Rewe Südwest hat Bio-Eier (vom Zweinutzungshuhn)
Am 7. Oktober 2024 war es soweit: In 111 Märkten im Gebiet von Rewe Südwest hielten Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn unter der Eigenmarke und als Naturland ausgelobt testweise Einzug. Für eine ansprechende Preisoptik sorgt seitdem der Viererkarton zu 2,29 Euro, was einem Preis pro Bio-Ei von 57 Cent entspricht. Die Kundschaft scheint das Angebot ausreichend zu würdigen, so dass es dauerhaft auf 130 Märkte ausgeweitet werden konnte.
Spannend zu wissen
Ab Herbst 2021 waren in ausgewählten nordhessischen Filialen von Rewe Mitte Bio-Eier von ÖTZ-Zweinutzungshühnern unter dem Label von „Du bist hier der Chef!“ erhältlich. Die Verbraucherinitiative lässt nach Wünschen der Konsumenten Lebensmittel produzieren und bringt sie zu „fairen Preisen“ in den Handel. Als Eierlieferant konnte damals der nach Naturland-Richtlinien zertifizierte Mustergeflügelhof Leonhard Häde aus dem nordhessischen Alheim-Heinebach gewonnen werden. Nach rund einem Jahr war wieder Schluss und die Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn ausgelistet.
Zum Einsatz kommen Zweinutzungshühner der Rassen Coffee und Cream der Ökologischen Tierzucht. Als im wahrsten Sinne des Wortes könnte es sich als förderlich erweisen, dass in Baden-Württemberg – wo die Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn für Rewe Südwest produziert werden – für tiergerechtes Halten von Zweinutzungshennen eine Prämie von acht Euro pro Tier und Jahr im Rahmen des Förderprogramms FAKT II an die Landwirtinnen und Landwirte ausgezahlt wird. Der Biolandhof Maier, Rewe Südwests erster Lieferant der Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn, hat sie bislang nicht in Anspruch genommen. Konrad Halder, der seit diesem Jahr 1.400 Legehennen für das Projekt hält (Maier und Halder liefern über die Packstelle Natürlich Bio Ei), hat sie beantragt. „Als Anschubfinanzierung braucht es sie auf jeden Fall, der Schritt des Förderprogramms geht in die richtige Richtung“, betont er im Telefonat. Für einen dauerhaften Erfolg müssten sich die Zweinutzungshennen allerdings grundsätzlich wirtschaftlich selbst tragen können. „Im Handel werden wir langfristig nur eine Chance haben, wenn der Landwirt auch davon leben kann.“
Dies würdigt Rewe Südwest beim Einkauf Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn, die beiden Landwirte sind durchaus positiv gestimmt und zeigen sich mit der Partnerschaft sehr zufrieden. Generell kann man es durchaus als Signal des konventionellen Lebensmittelhandels betrachten, dass sich Rewe Südwest dem Thema Zweinutzungsrassen nicht „nur“ akademisch, sondern in der Praxis widmet.
Ohne Fleisch keine Eier
Doch auch bei Zweinutzungsrassen wächst pro Henne ein Hahn auf; ohne Fleisch gibt es keine Eier. Daher wollte Rewe im weiteren Projektverlauf prüfen, wie eine Lieferkette zum Verarbeiten des Fleisches aufgebaut werden kann. Zum jetzigen Zeitpunkt gäbe es hierzu offiziell nichts Neues zu vermelden. „Weiterhin herausfordernd ist die perspektivische Vermarktung des Fleisches in einem Produkt für unsere Supermärkte“, schreibt Rewe-Pressesprecher Thomas Bonrath auf Anfrage. Zu Hürden und welche Produkte möglich wären, möchte sich Rewe derzeit nicht äußern. Eine für das Projekt verantwortliche Person steht aktuell für kein Interview bereit.
Als ganzes Tier wird sich der Zweinutzungshahn höchst wahrscheinlich schon alleine aufgrund des höheren Preises verglichen mit einem Bio-Masthähnchen (spezialisierte Rassen kommen in auch in weiten Teilen der ökologischen Landwirtschaft zum Einsatz) kaum durchsetzen können. Halder sieht vor allem die Kommunikation mit dem Kunden als herausfordernd, denn das Fleisch vom Zweinutzungshahn unterscheidet sich und muss dementsprechend anders als das gewohnte Brathähnchen zubereitet werden. ÖTZ-Geschäftsführerin Inga Günther-Bender verortet daher die Chancen eher in verarbeiteten Produkten wie Maultaschen oder ähnliches. Sie wird wird nicht müde zu betonen, dass Zweinutzung bedeute Eier und Fleisch gehören zusammen – auch in der Vermarktung.
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