Es ist die Mutter aller Fragen: Warum existiere ich? Um nicht weniger ging es am ersten Tag der Mitgliederversammlung des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN) diesen Dienstag in Berlin. Welche Rolle spielt der Bio-Fachhandel in einer Welt, in der Bio-Lebensmittel längst in allen Handelsstrukturen zu finden sind? Vier Zukunftsszenarien und entscheidende Erfolgsfaktoren wurden intensiv diskutiert. Wie essentiell das gemeinsame Finden von Antworten ist, zeigte sich durch die Kooperation mit der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller (AöL).
„Welche Rolle kann der Bio-Fachhandel in einer Welt spielen, in der Bio selbstverständlich ist, und durch Lidl, Aldi, Norma & Co. demokratisiert ist?“ Um diese Kernfrage drehte sich der Impulsvortrag von Colin Fernando, Partner der Agentur Brand Trust. „Bio wurde selbstverständlich gemacht, der Bio-Fachhandel hat sein Monopol verloren“, so Fernando. Discounter und konventionelle Supermärkte graben mit ihrem teils sehr stark ausgebautem Bio-Sortiment dem Bio-Fachhandel das Wasser ab, war eine seiner Botschaften. Würden die Akteure des Bio-Fachhandels die Hände in Sachen Sichtbarkeit und Relevanz in den Schoß legen, würden wir bei einem Zukunftsszenario landen, welches Fernando als „Nebenbei-Bio“ bezeichnete.
„Bio ist überall und wird weiter ‚entwertet‘. Bio wird zu einem weiteren Standardsiegel für Produkte, die ich an jeder Ecke möglicherweise in der gleichen Qualität bekomme.“ Der einfachste Weg, den ein Großteil der Menschen nun einmal generell bevorzuge, ist dann der Gang zum Discounter. „Der Bio-Fachhandel verliert nicht, weil er etwas falsch gemacht hat, sondern weil Discounter und konventionelle Supermärkte näher am Alltag der Menschen sind. Wenn wir nichts tun, werden wir stagnieren und mit unseren Kunden alt werden.“
Bio nicht als Selbstzweck, sondern als Mehrwert
Um es an dieser Stelle vorweg zu nehmen: Im anschließenden Workshop konnte „Nebenbei-Bio“ erwartungsgemäß kaum jemand in den Arbeitsgruppen, in den Vertreterinnen und Vertreter von Herstellern wie auch Einzel- und Großhändlern bunt gemischt waren, überzeugen. Deutliche Botschaft: Das ist nicht unser Ziel. Fernando hatte noch drei mögliche Zukunftsszenarien mit für den Bio-Fachhandel deutlich positiveren Aussichten im Gepäck, welche durchaus auch kombiniert auftreten könnten.
Gemeinsam „über bio“ ermöglichen
Dieser Artikel sowie alle Inhalte von „über bio“ sind für Sie kostenfrei.
Hochwertiger Journalismus kostet neben Zeit für Recherche auch Geld. Ich freue mich über jede Unterstützerin und jeden Unterstützer, die/der das Magazin via Banküberweisung, Paypal oder jederzeit kündbares Abo bei Steady ermöglicht. Seien Sie auch mit dabei.
Wie wäre es mit einem Bio-Mehl, welches bessere Backergebnisse mit einer Gelinggarantie liefert? Im Szenario Bio-Alltagslöser erleichtert der Bio-Fachhandel das oftmals schon ausreichend komplizierte Leben seiner Kundschaft. Statt bei den Emmerspaghetti die Herkunft des besonderen Getreides zu erklären, welche eventuell einige auch gar nicht interessiere, sollten die konkreten Vorteile im Fokus stehen. Die High Protein Flocken aus dem Hause Spielberger Mühle mit ihren 23,1 Gramm Eiweiß auf 100 Gramm sei ein bestes Beispiel für Bio-Produkte mit besonderem Nutzen. Fernando ist sich sicher: Wenn die Flocken von einem Influencer entdeckt würden, flippe die Community aus. Kurz gesagt: „In diesem Szenario ist der Bio-Fachhandel mit seinem verglichen mit dem konventionellen Lebensmittelhandel besser kuratierten Sortiment der einfachste Ort, um genussvolle Bio-Produkte ins Leben zu bekommen.“ Passend dazu fiel in einer Arbeitsgruppe der Satz: „Ich kann meine Lesebrille vergessen haben, im Bio-Laden greife ich trotzdem zum richtigen Produkt.“
Doch die Kundschaft möchte auch gerne (von Neuheiten) verführt werden und unvernünftig handeln. Anders gesagt ohne Reue bewusst genießen. Bio-Genussort nannte Fernando das Szenario. „Der Bio-Fachhandel muss zu einem Ort werden, an dem mir gezeigt wird, worauf ich als nächstes Lust haben sollte“, erklärte Fernando. Daher sollte Genuss in den Einkaufsstätten (noch) sichtbarer werden. Der konventionelle Supermarkt würde im Gegensatz zum „unemotionalen Produktlieferant für den wöchentlichen Pflichteinkauf“.
Fernando kann sich auch das Szenario der Markenbühne gut vorstellen, welches das menschliche Bedürfnis nach Tiefgang befriedigt – das wiederum Markenhersteller durchaus bedienen können. „Deren Storys wollen die Menschen nach wie vor hören.“ Die Aufmerksamkeitsspanne würde nicht immer weiter schrumpfen, sondern die Menschen seien selektiver, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten. Es braucht demnach Marken, für die man bewusst den Bio-Fachhandel aufsucht und dafür auch eventuelle Extrawege in Kauf nimmt. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Bio-Marken mit Strahlkraft wie Sonnentor, Bauck, Rapunzel, LaSelva & Co. schon lange ebenfalls in konventionellen Handelsstrukturen erhältlich sind. Fernando gehe es daher nicht um Exklusivität, sondern den Bio-Fachhandel als präferierte Einkaufsstätte zu etablieren. Dafür könne man das Markensortiment noch bewusster kuratieren und ihm entsprechende Flächen einräumen.
„Der Impulsvortrag war wahnsinnig wertvoll und ich merke, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte im Anschluss Daniela Feldt, Vorständin Finanzen, Personal, Qualitätssicherung, IT des Fachhändlers Bio Company – und Vorständin BNN. Kundenbedürfnisse und attraktive Märkte stünden bereits im Mittelpunkt, aber: „Wir könnten uns mit den Herstellermarken allerdings noch besser präsentieren.“
Nicht allen Punkten zustimmen konnte Lukas Nossol, Leiter Unternehmenskommunikation Dennree. „Einige Thesen sehe ich durch persönliche Alltagserlebnisse vollkommen anders.“ Nicht mitgehen könne er, dass der konventionelle Lebensmittelhandel dem Bio-Fachhandel die Kunden wegnimmt. „Für Dennree stimmt das faktisch nicht. Wir merken, dass der konventionelle Handel eine enorme Aufklärungsarbeit leistet. Die Anzahl an Menschen, die durch die Kommunikationsleistung der Discounter als Grundversorger eine Grundaufklärung in Sachen Bio erhalten haben, ist enorm. Davon profitieren wir alle.“
Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen machten deutlich, dass die Akteure der Bio-Lebensmittelbranche das Szenario Bio-Alltagslöser gefolgt von Bio-Genussort favorisieren. Um diese zu erreichen, brauche es einen bunten Strauß an Einzelmaßnahmen und vor allem eine übergeordnete Strategie. Einig war man sich, dass Erzeuger, Verarbeiter, Groß- und Einzelhändler an einem Strang ziehen müssen, um die Weichen in Richtung Zukunftssicherheit und Relevanz für den Bio-Fachhandel zu stellen.
Kräfte bündeln: Schulterschluss von BNN und AöL
Eben dieses bewusste Zusammenspiel hatte Volkmar Spielberger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender BNN, in seinem Grußwort mehrfach betont. Es sei kein Zufall, in der Mitgliederversammlung eine gemeinsame Veranstaltung mit der AöL durchzuführen, „weil wir überzeugt sind, dass die Herausforderungen für Bio längst nicht mehr entlang von Verbands- oder Unternehmensgrenzen verlaufen. Wir wissen, dass die Hersteller, wie auch Groß- und Einzelhandel unter Druck stehen und gemeinsam erkennen wir, dass wir die Fragen nur miteinander werden beantworten können.“ Fachkräftesicherung, Generationswechsel, die Zukunft des Fachhandels, politische Rahmenbedingungen, die Sichtbarkeit von Bio, Neue Gentechnik und mehr seien Themen, die verbinden.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
„Uns vereint als Verbände viel mehr, als uns trennt. Wir haben alle die gemeinsame Idee für eine lebenswerte Zukunft mit ökologischen Lebensmitteln“, betonte Anne Baumann, geschäftsführende Vorständin AöL. Mit ihr angereist waren die AöL-Vorstandsmitglieder Andreas Swoboda, Dr. Leonie Blume, sowie Geschäftsleitung nationale Beziehungen Matthias Beuger. Treibende Kräfte für die Kooperation seien seitens AöL besonders im Arbeitskreis Handel gewesen, als Brückenbauer zwischen den beiden Verbänden fiel immer wieder der Name Matthias Beuger.
„Es ist folgerichtig, in Sachen Zukunftsthemen Hersteller und Handel an einen Tisch zu bringen, um zusammen an Lösungen zu arbeiten“, sagte Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin BNN. Das Stärken von regionalen Wertschöpfungsketten, Mittelstand und Lebensmittelhandwerk verbindet die beiden Verbände, die ausdrücklich ihre eigenständige Profile behalten sollen. Für weitere gemeinsame Formate ist Jäckel sehr aufgeschlossen.
Spielberger zeigte sich trotz der angespannten Weltlage und teils fehlender Unterstützung seitens der Politik für die ökologische Lebensmittelwirtschaft grundsätzlich optimistisch. Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich den zahlreichen unternehmerischen Herausforderungen bewusst. Gejammer war allerdings nicht zu hören. Spielberger betonte in seinem Grußwort: „Die Bio-Branche war immer dann stark, wenn Menschen neue Ideen hatten und bereit waren, dafür auch ins Risiko zu gehen. In der Philosophie bezeichnet man das als die Avantgarde.“
0 Kommentare zu “Bundesverband Naturkost Naturwaren: Absage an „Nebenbei-Bio“”