Paukenschlag mit Ansage: Ab dem 1. Januar 2037 darf die ökologische Landwirtschaft in der gesamten Europäischen Union ausschließlich Bio-Saat- und Pflanzgut verwenden. Noch sind die Abhängigkeiten von konventionellem Material – Beispiel Bio-Karotte mit 95 Prozent – immens. Um den Weg für das durchaus ambitionierte Ziel zu ebnen, trafen sich diese Woche Dienstag und Mittwoch im hessischen Dipperz Akteure der Wertschöpfungsketten nebst Verbänden zur Saatgutkonferenz des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL).

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Wer herzhaft in die Bio-Karotte beißt, geht meist davon aus ein 100-prozentiges Bio-Produkt zu genießen. In Sachen Anbau ist die Annahme korrekt. Die wenigsten kämen auf die Idee, dass die Bio-Karotte aus konventionellem Saatgut stammt. Das ist extrem wahrscheinlich, denn der Anteil an konventionellem Saatgut bei Bio-Karotten beträgt satte 95 Prozent. Quer durch die Arten- und Sortenbank hinweg bildet ökologisches Saatgut nur etwa für ein Fünftel des Bio-Gemüses die Basis, so Dr. Freya Schäfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin FiBL Deutschland und Projektkoordinatorin RoadmapsOekoPVM.
Was und wann: Ökologisches Saatgut
Wird konventionelles Saatgut ökologisch vermehrt, spricht man von ökologischem Saatgut oder von Bio-Saatgut. Nicht zu verwechseln mit der „Königsdiziplin“ Bio-Saatgut aus ökologischer Zucht. Ist bei einer Sorte genügend ökologisches Saatgut verfügbar, ist dessen Einsatz bei Bio schon heute Pflicht. Ist ökologisches Saatgut nicht in ausreichenden Mengen oder Qualitäten vorhanden, kann nach Einzelgenehmigung auf konventionelles und ungebeiztes Saatgut zurückgegriffen werden. Der Einsatz von konventionellem Saatgut ist generell erlaubt, wenn die Versorgungslage mit ökologischem Saatgut schlecht oder es schlicht gar nicht vorhanden ist. Im Falle der Karotte kann der Bio-Erzeuger ohne Antrag konventionelles Saatgut ausbringen.
Zur Wahrheit gehört, dass es ohne konventionelles Saatgut unmöglich gewesen wäre, die ökologische Landwirtschaft auf den heutigen Stand zu bringen: Bio-Lebensmittel sind seit etlichen Jahren in verlässlichen Mengen und Qualitäten in allen Absatzkanälen zu finden. Konventionelles Saatgut eignet sich oftmals durchaus für die ökologische Landwirtschaft, denn es bringt die Qualitäten hervor, die die Verbraucherschaft und Lebensmittelhandel durchaus schätzen, wie Gleichförmigkeit. Nun gilt es, die Krücke beiseite zu legen und eigenständig laufen zu lernen. Spätestens am 1. Januar 2037 ist mit konventionellem Saatgut in der ökologischen Landwirtschaft Schluss. Dann schreibt die EU-Öko-Verordnung ökologisches Material vor.
Von unmöglich bis machbar
„Das Ziel ist in vielen Fällen durchaus erreichbar, wenn wir in den kommenden zehn Jahren die richtigen Weichen stellen“, machte Schäfer klar. Da genügend Bio-Saatgut verfügbar, ist es schon heute in der ökologischen Landwirtschaft bei einigen Kulturen Pflicht – wie beispielsweise bei Hafer, Roggen, Weizen, Gurke, Kopfsalat, Kartoffeln. Für Ende 2028 kündigte Schäfer bereits den verpflichtenden Einsatz von ökologischem Saatgut bei Lauch und Zucchini an, da die Verfügbarkeit bis dahin gegeben sein wird.
Doch diese kann durchaus schwanken, wie Christian Kluge, Bereichsverantwortlicher Ernährung bei dm, mit einem Beispiel aus seinem Haus belegte. Geschälte Hanfsamen bereichern seit 2023 die Bio-Eigenmarke. Zu Beginn sei großteils ökologisches Saatgut verwendet worden, heute liege der Anteil „nur noch“ bei der Hälfte. Grund dafür sei die gestiegene Produktnachfrage.
In Sachen ökologisches Saatgut beziehungsweise Pflanzgut wird es generell schwierig beim Beerenobst. Die Versorgungslage beim Apfel ist durchwachsen – auch, weil die Sorten für den Erwerbsanbau geeignet sein müssen. Mit Blick auf Raps wird es zappenduster. „Beim Wein stehen wir ganz am Anfang, beziehungsweise bei Null – denn es gibt kein ökologisch vermehrtes Pflanzmaterial in den benötigten Qualitäten“, stellte Dr. Annegret Pflugfelder, Projektmanagerin Bioland Praxisforschung, klar. Und selbst wenn, stünden gar nicht genügend geeignete Flächen in deutschen Rebschulen parat, um es zu vermehren. „Daher werden wir auch 2037 beim Wein nicht viel weiter sein als heute.“ Pflugfelder und weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz plädierten zwar bei einzelnen Kulturen wie Wein oder Raps für eine Fristverlängerung, aber generell an dem Ziel von 100 Prozent ökologischem Saatgut bis 2037 festzuhalten.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Es gelte das Momentum zu nutzen, zumal Vermehrungsbetriebe eine verlässliche Nachfrage und Vorlauf benötigen, um Kapazitäten auf- und auszubauen. Für die Halde produziert keiner. Ausruhen ist auch in den Augen von Brunhard Kehl, Leitung Lebensmittelqualität und Verpackung bei der Assoziation ökologischer Lebensmittherstellerinnen und -hersteller (AöL), keine Option: „Wenn der Lebensmittelhandel schon früher ökologisches Saatgut fordert, um sich mit seinem Bio-Sortiment noch weiter von seinen Mitbewerbern abzuheben, muss es schnell gehen.“ In ein ähnliches Horn stieß Thomas Lang, Vorstand Landwirtschaft beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW): „Die Krücke konventionelles Saatgut untergräbt die Glaubwürdigkeit unserer Branche.“
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Ein weiterer Treiber könnte die beschlossene Deregulierung der Neuen Gentechnik (NGT) sein: Werden keine artfremden Gene eingebracht, das Genom an maximal 20 Stellen verändert und sind keine Herbizidtoleranzen oder Insektenresistenzen erzeugt worden, sind so genannte NGT-1-Pflanzen denen aus konventioneller Zucht gleichgestellt. In der ökologischen Landwirtschaft bleibt auch die Neue Gentechnik verboten. Daher könne Bio zum Garant werden, diese Technologie auszuschließen. Ob dies ein starker Booster für ökologisches Saatgut ist oder nicht, betrachteten die Teilnehmenden der Konferenz durchaus unterschiedlich. Egal wie, es bleibt dabei: „100 Prozent ökologisches Saatgut muss das Ziel sein, egal welche Jahreszahl Brüssel nennt“, betonte Steffen Reese, Co-Geschäftsführer FiBL in Brüssel.
Theoretisch vorhanden
Nur weil mitunter kaum Bio-Saatgut zum Einsatz kommt, bedeutet dies nicht automatisch, es sei gar nicht verfügbar. Viel eher heißt die Frage: Wer will der Erste sein? Bio-Saatgut ist deutlich teurer als das jeweilige konventionelle Pendant. Daher gibt es durchaus Marktakteure, die die Verfügbarkeit von Bio-Saatgut durch Nachfrage gar nicht erhöhen möchten, um einen verpflichtenden Einsatz zu vermeiden. Doch ist dieser Pflicht, gelten für alle erzeugenden Betriebe die gleichen Regeln, Wettbewerbsnachteile für Einzelne wären ausgeschlossen. Mit Blick auf die Europäische Union heißt dies, so viele Länder wie möglich mitzunehmen. Ist in Deutschland beispielsweise bei bestimmten Sorten ökologisches Saatgut Pflicht, in anderen aber nicht, kann dies den Wettbewerb durchaus verzerren. Für einen Hektar Karotten wurden auf der Konferenz Mehrkosten durch ökologisches Saatgut von 1.000 Euro taxiert – für viele landwirtschaftliche Betriebe kein Pappenstiel. Eine anwesende Person, die bei einem großen Lebensmittelhändler tätig ist, zeigte sich allerdings entspannt. Die höheren Kosten an die Endkundschaft weitergereicht, betragen pro Kilogramm wenige Cent. Subtext: Worüber reden wir eigentlich?

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„Keiner ruft nach Bio-Saatgut, es ist ein Kostenfaktor“, skizzierte Ria Duensing von Bejo Samen die aktuelle Lage. Seit 1996 produziert das im Kern konventionelle Unternehmen bereits ökologisches Saatgut. Duensing erklärte, warum es teurer ist. Generell sei die Ausbeute immer geringer. Der Arbeitseinsatz Unkraut zu bekämpfen sei gegenüber dem Herbizidgebrauch um ein Hundertfaches kostspieliger. Besonders herausfordernd sind Karotten, denn das Saatgut zu vermehren ist ein zweijähriger Zyklus – einhergehend mit einem längeren Risiko von Pflanzenkrankheiten, Schädlingsbefall und Wettereignissen, die im wahrsten Sinne des Wortes alles verhageln können. Bejo Samen und weitere Betriebe stünden parat, bei entsprechender Nachfrage noch mehr Bio-Saatgut zu vermehren, betonte Duensing den ökologischen Willen der Branche. Dem stimmte mehrfach auch eine Person eines Saatgut-Konzerns zu. Subtext: Wir produzieren, was gewünscht ist.
„Es ist doch keine Frage ob, sondern von wann und wie – Gesetze müssen eingehalten werden. Am besten beginnt man früh und systematisch“, hob eine Person aus dem Bereich konventioneller Lebensmittelhandel hervor. Es sieht doch so aus: Ist die Nachfrage nach Bio-Saatgut gesichert, ist der Anreiz vorhanden es auch zu erzeugen. Selbst wenn es für eine Sorte nicht verpflichtend ist, kommt es in der Landwirtschaft auf den Acker, wenn Verarbeiter und Handel die Mehrkosten vergüten und die Endkundschaft bestenfalls bereit ist, diesen Weg mitzugehen. Gefragt sind demnach konzertierte Aktionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Die Politik wollte man dennoch nicht ganz aus der finanziellen Verantwortung entlassen. So gab der BÖLW via Pressemitteilung einen Tag vor der Konferenz bekannt, dass laut Haushaltsentwurf die Bundesregierung die Fördermittel des Bundesprogramms Ökologischer Landbau um ein Drittel stutzen möchte, worauf Reese verwies. „Ausgerechnet die Forschung für den Ökolandbau will die Bundesregierung 100mal stärker kürzen als den gesamten Agraretat. Damit riskiert die Bundesregierung, dass Deutschland seine globale Spitzenposition bei Bio verliert – und verspielt die Chance einer sicheren und krisenfesten heimischen Lebensmittelerzeugung“, wird Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand BÖLW, in der Pressemitteilung zitiert. Darin ist zudem zu lesen: „Der BÖLW fordert die Bundesregierung und den Bundestag auf, die vorgesehenen Einschnitte zu überarbeiten und die Mittel für nachhaltige Landwirtschaft zu stärken, so wie im Koalitionsvertrag vorgesehen.“
Zurück zur Konferenz: Der Bundesregierung attestierte Reese in seiner Eröffnungsrede Luft nach oben bei den Bemühungen, den Öko-Landbau nach vorne zu bringen. „Die Bio-Branche zu unterstützen ist weiterhin das Ziel unseres Hauses“, bekräftigte Thomas Zebunke vom Bundeslandwirtschaftsministerium und verwies dafür auf die Bio-Strategie. Aber: „Vielleicht ist der Staat auf Dauer beim Fördergeld kein verlässlicher Partner. Wir wären es gerne, aber es ist gut sich auch anderweitig umzuschauen.“ Lang betonte: „Wir können nicht nur nach der Politik rufen, über die Verantwortung in unseren Wertschöpfungsketten zu sprechen ist viel wichtiger.“
Sage ich es der Kundschaft?
„Man beginnt im Handel gerne mit Leuchtturmprojekten wie Sorten aus ökologischer Zucht, die haben aber eine Marktrelevanz kleiner ein Prozent. Damit schließen wir nicht die teils großen Lücken, die bislang konventionelles Saatgut füllt“, sagte Schäfer – die, wie auch alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz, die Wichtigkeit der ökologischen Zucht immer wieder betonten.
Möchte der Lebensmittelhandel gestiegene Preise durchsetzen, weil beispielsweise ökologisches Saatgut den Ton angibt, muss er die neuen Qualitäten womöglich kommunizieren. Oder sollte er die Kundschaft lieber nicht darauf aufmerksam machen, dass den bisherigen Bio-Einkauf größtenteils konventionelles Saatgut ermöglicht hat?

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Deutliche Worte fand diesbezüglich die Unternehmensberaterin Birgit Farnleitner. Sie sprach sich dafür aus, aktiv zu kommunizieren und positive Botschaften zu setzen. Es sei doch eine Erfolgsgeschichte, dass dank konventionellem Saatgut Bio überall verfügbar ist. Nun hieße es, die Konsumentinnen und Konsumenten beim nächsten Schritt in Richtung Bio-Saatgut mitzunehmen – auch, wenn man ihnen dafür reinen Wein einschenken muss. „Die Wahrheit können die Verbraucherinnen und Verbraucher aushalten, denn sie sind intelligent. Das sind die besten Botschafter. Im Social Media-Zeitalter haben sie eine wahnsinnige Stärke.“
Über RoadmapsOekoPVM
Das Forschungsinstitut biologischer Landbau (FiBL) und die Bioland Praxisforschung möchten im gemeinsamen Projekt RoadmapsOekoPVM die Verfügbarkeit von qualitativ geeignetem ökologischen Saat- und Pflanzgut erhöhen und dafür Maßnahmen und Handlungsfelder definieren. Das Projekt läuft vom 01.09.2023 bis 31.12.2026 und wird im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau mit 635.378 Euro gefördert.
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