Bio? Logisch!

BioSüd: sensationelle Neuprodukte und verpasste Chancen

Endlich wieder Messeluft geschnuppert. Vergangenen Sonntag war „über bio“ auf der BioSüd in Augsburg unterwegs, um spannende Neuprodukte zu entdecken: Naschkatzen können sich über Schokoladen-Pralinen in nachhaltiger Verpackung freuen, ein Kleinunternehmen präsentierte eine echte Bio-Sensation für den europäischen Markt, Bier kann man nicht nur trinken und vieles mehr. Darüber hinaus bedauerte Gerlinde Wagner, Geschäftsführerin Die Biohennen AG, im persönlichen Gespräch den teilweise unflexiblen Naturkostfachhandel, der Chancen sein ökologisches Profil zu schärfen mitunter ungenutzt verstreichen lässt.

Es wird früh dunkel, die kalte Jahreszeit kündigt sich an; perfekt um sich wohlig einzukuscheln und dabei die eine oder andere Süßigkeit zu genießen. Und davon gab es auf der BioSüd viel zu entdecken. Angenehme Röstaromen, leicht herb schokoladig, unaufdringliche Süße – so schmecken die neuen gerösteten und mit Schokolade ummantelten Edelkakao-Bohnen aus dem Hause Pacari. Entweder „natur“ oder auf Wunsch auch mit Ingwer- oder Bananenpulver verfeinert. Der Clou: Das Unternehmen produziert sein gesamtes Sortiment in Ecuador, sodass die Wertschöpfung auch vor Ort stattfindet.

Plastik vermeiden

Wer konsequent Bio-Produkte kauft, produziert mitunter jede Menge Plastikmüll – nicht alles wird recycelt. Daher ist es ein natürliches Bestreben der Bio-Branche, so weit wie möglich auf Kunststoffverpackungen zu verzichten. Noch im Oktober bringt Rosengarten, einer der größten Bio-Chocolatiers Deutschlands, neue Schokoladen-Pralinen auf den Markt. Um das Aroma zu schützen, müssen sie einzeln umwickelt sein, wofür das Unternehmen auf mit Wachs beschichtetes Papier setzt: Kunststoff ade.

Auch die Bohlsener Mühle möchte weiter Plastik einsparen und präsentierte auf der Bio Süd erstmals Getreideflocken in Papierverpackung. Was trivial klingt, war in der Praxis gar nicht so einfach: So musste die Mehlmaschine erst „lernen“ auch Flocken abfüllen zu können. Herausfordernd ist auch die Logistik für Unverpacktläden, die Getreideflocken in 25-Kilo-Säcken beziehen und oft kaum Lagermöglichkeiten haben. Der Versand in Bohlsen ist auf das Liefern von ganzen Paletten spezialisiert, daher soll in Zukunft der Großhandel verstärkt die Logistik mit einzelnen Säcken übernehmen. Was zudem mit Getreideflocken, Linsen und dergleichen begann, setze nun mit der verstärkten Nachfrage nach weiteren unverpackten Lebensmitteln fort. Im Fokus dabei: Kekse.

Echte Sensation: Die erste Bio-Kolanuss

Ein echter Coup gelang dem Kleinunternehmen natur-reich-inform, welches die erste Bio-Kolanuss für den europäischen Markt präsentierte. Sechs Jahre hat Inhaberin Anna-Theresa Schmidt in das Projekt investiert. In der Kooperative im afrikanischen Togo hielt man zunächst die Europäer wohl für ein klein wenig verrückt, denn im Ursprungsland wird die belebende Kolanuss frisch gekaut und keinesfalls getrocknet. Ein Bio-Hersteller wird aus dem Rohstoff eine Cola brauen, erste Flaschen wurden auf der Messe bereits gezeigt, verkostet allerdings noch nicht. Mit dem Inhaber und Fruchtsaftmeister des Getränkeherstellers hat „über bio“ gesprochen und wird berichten, sobald die erste Lieferung in den Handel kommt.

Bio-Kolanuss
Mit Recht stolz auf die erste Bio-Kolanuss: Anna-Theresa Schmidt und Ulrich Hafen
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Würzen mit Bier – Dank Haderner Bräu möglich

Haderner Bräu aus München wird sich demnächst räumlich vergrößern, wie Geschäftsführer Thomas Girg verriet. Dazu zieht das Unternehmen 300 Meter weiter und wird dann zu einer echten Erlebnis-Brauerei mit Braukursen, Ausschank und natürlich wieder mit Hofladen ausgebaut. Exklusiv auf der BioSüd gab es das Bier nicht nur in Reinform in Flaschen, denn es dient seit Kurzem auch als Zutat für Soße, Senf und Ketchup. Das Unternehmen präsentierte erstmals Barbecue-Soße, wobei als Zutat das hauseigene Helle hervor sticht. Weißbier verfeinert den Honig-Dill-Senf und dem Ketchup liefert das Malz vom Dunklen neue Aromen.

Auch Münchner Kindl Senf hat seit Kurzem Tomatenketchup für den Fachhandel im Sortiment. Eigentlich sollte er „nur“ das Angebot für die Gastronomie abrunden, welche bereits seit Jahren Senf und Mayonnaise von dem Familienunternehmen bezieht. Die ebenfalls neue Knoblauchpaste aus schonend fermentiertem Knoblauch bringt eine besondere Würze in die Küche.

Zweinutzungshühner: Fachhandel teilweise zu unflexibel

Im persönlichen Gespräch bedauerte Gerlinde Wagner, Geschäftsführerin Die Biohennen AG, den teilweise unflexiblen Naturkostfachhandel, der Chancen sein ökologisches Profil mit herausragenden Bio-Produkten mit Mehrwert zu schärfen mitunter nicht nutzt. Schon lange geht ein Großteil der Bio-Lebensmittel im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel und im Discounter über die Ladentheke.

Gerlinde Wagner Die Biohennen
Gerlinde Wagner wünscht sich einen flexibleren Fachhandel für die Produkte vom Zweinutzungshuhn und -hahn.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

In der Bio-Geflügelhaltung ist Die Biohennen – ein Zusammenschluss mehrerer landwirtschaftlicher Betriebe, die gemeinsam Eier und Fleisch vermarkten – oftmals Vorreiter. Seit 2002 sind in den Herden der Legehennen stets auch Hähne zu finden. „Die sorgen für Ordnung, melden den Fund von besonders guten Futterquellen und warnen vor Feinden. Nur mit den Hähnen ist ein echtes soziales Herdenverhalten möglich“, erklärt Wagner. Bereits seit 2003 verwenden die Landwirtinnen und Landwirte ausschließlich Bio-Futter. Damals durfte noch ein Fünftel des Futters konventionell sein, heute sind es nur noch fünf Prozent und ab 1. Januar 2022 ist es laut EU-Bio-Verordnung vollständig verboten.

Das Unternehmen bot die Eier mit dem Hinweis auf 100 Prozent Bio-Futter zunächst exklusiv dem Naturkostfachhandel an. Doch dieser wollte lieber nicht darauf aufmerksam machen, dass in Teilen der ökologischen Landwirtschaft konventionelles Futter verwendet wird. So landeten die Eier auch im Lebensmitteleinzelhandel. Ähnliches zeichnet sich nun auch bei Eiern und Fleisch von Zweinutzungshühnern und -hähnen ab, die laut Anbauverbänden und Bio-Branche so schnell und flächendeckend wie möglich in der ökologischen Landwirtschaft zum Einsatz kommen sollen. Anders als die einseitig entweder auf eine hohe Eierlegeleistung oder schnelle Fleischzunahme gezüchteten Rassen, weisen Zweinutzungshühner wieder eine Balance aus beidem auf. Vor zwei Jahren zogen auf den Höfen der Landwirtinnen und Landwirte von Die Biohennen auch Zweinutzungshühner von der gemeinnützigen Ökologischen Tierzucht ein. Der erste Kunde war mit Edeka Südbayern wieder ein konventioneller Händler. Die Eier bekam er allerdings nur, weil er auch die Fleischprodukte im Glas listete, wie Wagner gefordert hatte. Solche Bedingungen kann sie jedoch aktuell nicht mehr stellen, zu niedrig ist die Nachfrage nach dem Fleisch derzeit. Handel und Konsumenten müssen vielerorts noch lernen, Huhn und Hahn gemeinsam zu denken. Ohne Fleisch, keine Eier – schließlich kommen auch männliche Küken zur Welt. Ab kommendem Jahr ist das Kükentöten direkt nach dem Schlupf in Deutschland verboten und die Bio-Branche lehnt die Geschlechtsbestimmung im Ei – reift ein männlicher Embryo heran, wird er samt Ei geschreddert – ab.

Das Fleisch der Zweinutzungshähne zu vermarkten ist eine große Herausforderung, wie auch Fabian Häde, einer der drei Geschäftsführer des Mustergeflügelhofs Leonhard Häde, weiß. Meist listet der Handel lediglich die Eier, wie Wagner ebenfalls bedauert. „Der Fachhandel muss sich mit speziellen Produkten profilieren, dafür ist das Fleisch von Zweinutzungshähnen prädestiniert.“

Hinweis

Während der gesamten Messe galt eine strenge Maskenpflicht. Lediglich zum Verkosten konnte man sie abstreifen. Auch für die Fotos haben die Abgebildeten die Maske nur kurz abgenommen, beim Anfertigen der Bilder wurde stets auf den Mindestabstand geachtet. Bleiben Sie gesund!

2 Kommentare zu “BioSüd: sensationelle Neuprodukte und verpasste Chancen

  1. Danke für den tollen Bericht, Hunger habe ich jetzt auch bekommen. :D

  2. Spannend – und jetzt hab ich Hunger! :-)

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