Bio? Logisch!

Ökologisches Saatgut: „Wir können noch wahre Schätze entdecken“

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Geschäftsführer der Zukunftsstiftung Landwirtschaft Oliver Willing (rechts) freut sich über eine Spende in Höhe von 50.000 Euro für den Saatgutfonds.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Jens Brehl: Wie kann man das ändern?

Lukas Nossol: Seit Jahren unterstützen wir den Saatgutfonds. Darüber hinaus haben wir Mitte 2013 die Zukunftsstiftung BioMarkt gegründet, auch um die ökologische Züchtung zu fördern. Je mehr Spendengelder man in die Hand nimmt, umso größer ist die Verantwortung sie zu begleiten, damit die Mittel auch sinnvoll eingesetzt werden. So konnten wir diesen Januar dem Saatgutfonds 50.000 Euro überreichen.

Jens Brehl: Warum sind in den denn´s Biomärkten bei Obst und Gemüse nicht durchgehend die Sorten genannt?

Lukas Nossol: Die Nennung der Sortennamen ist für die Landwirte keine Pflicht. Viele nennen zwar den Sortennamen und geben weitere Hintergrundinformationen, aber im Alltag hat dies oft auch eine niedrige Priorität. Wenn unsere Einkäufer nicht vehement nachfragen, bekommen wir häufig auch keine Antwort. Unsere Mitarbeiter sollen jedoch künftig verstärkt unsere Präferenzen für samenfeste Sorten aus ökologischer Zucht kommunizieren.

Jens Brehl: Ist es nicht merkwürdig, dass Sie teilweise nicht wissen, welche Sorten sie verkaufen?

Lukas Nossol: Nur für gut aufgeklärte Kunden oder für Fachleute aus der Landwirtschaft ist das so. Wir erleben es nur selten, dass sich Kunden explizit nach einer bestimmten Sorte erkundigen. Bei Äpfeln und Kartoffeln sind wir Sortennamen gewöhnt, aber die Frage wie nun die Möhre heißt, existiert so gar nicht.

In unseren detaillierten Anbaugesprächen mit den Erzeugern definieren wir die gewünschten Qualitäten und Mengen. Anschließend suchen sich dann die Landwirte die passenden Sorten aus, was primär auch ihre Aufgabe ist. Sorten eignen sich beispielsweise je nach Standort ganz unterschiedlich. Würden wir vorschreiben welche Sorte angebaut werden soll, könnte es später heißen, ihr wolltet Sorte xy unbedingt haben, jetzt müsst ihr auch die Folgen verantworten.

Jens Brehl: Haben Sie diesbezüglich schon negative Erfahrungen gemacht?

Lukas Nossol: Ja. Für eine Verkaufsaktion wollten wir kurzfristig den ersten samenfesten Zuckermais vom Züchter Friedemann Ebner anbieten, wofür der Erzeuger Jungpflanzen setzen musste. Er und wir hatten mit der neuen Sorte allerdings keinerlei Erfahrungen, aber auch keinen Anbauberater beauftragt. Daher pflanzte er aufgrund unserer kurzfristigen Anfrage den Mais zu eng, welcher dann unsauber ausreifte. Seine Aussage hinterher war „Nie wieder samenfest“, was mich sehr schmerzte; ich aber aufgrund der damaligen Situation auch nachvollziehen konnte. Heute haben sich die Gemüter beruhigt, wir haben alle unsere Fehler in der Kette studiert und versuchen daraus für die Zukunft zu lernen.

Jens Brehl: Wie kann man Bio-Kunden dazu motivieren, sich neben anderen Aspekten auch für samenfeste Sorten aus ökologischer Zucht zu interessieren?

Lukas Nossol: Nach einer bestimmten Sorte werden auch in naher Zukunft nur die wenigsten Kunden fragen. Man darf sie zudem nicht mit Informationen überfrachten und ihnen Dinge erzählen, die sie nicht hören wollen. Ansonsten treibt man sie eher von den Themen weg. Außerdem beschäftigen sich viele Kunden auch zum ersten Mal mit Bio-Lebensmitteln, wie zum Beispiel eine junge Mutter, die ihr Kind gesund ernähren möchte. Unabhängig von diversen Siegeln und verschiedenen Sorten gewinnt sie ein eigenes Gespür für Qualitäten und die Kräfte in gesunden Lebensmitteln. Wir wissen, dass ökologische Sorten diese Qualitäten auch in Bereichen, die wir gar nicht beschreiben können, erfüllen können.

Jens Brehl: Warum beschäftigt sich ein Unternehmen wie dennree überhaupt mit Saatgut, denn das greift ja in der Wertschöpfungskette sehr weit vor?

Lukas Nossol: Wir sind von der Qualität überzeugt, die eine ökologische Züchtung hervorbringt. Oft haben wir als Verbraucher schon vergessen, wie Gemüse schmecken kann und so bin ich mir sicher, dass ungeahnte Geschmackserlebnisse auf uns warten. Wir wissen ja gar nicht, welche Eigenschaften und Werte durch die konventionelle Züchtung mit deren Fokus auf maximalen Ertrag verloren gegangen sind. Wir können noch wahre Schätze entdecken.

Jens Brehl: Sie möchten die ökologische Landwirtschaft weiterentwickeln. Wie passt das mit dem Umstand zusammen, dass in Ihren Läden Produkte der Eigenmarke so günstig angeboten werden? Können die Erzeuger mit dem niedrigen Preis gut leben und ihrerseits die Betriebe voranbringen?

Lukas Nossol: Ich gehe davon aus, dass der Erzeuger seinen Verkaufspreis so wählt, dass er gut davon leben kann. Wir sind nicht in der ganzen Kette aktiv und wissen nicht, was beispielsweise eine Mühle den Landwirten oder wie viel Futter der Bauer seinen Kühen gibt. Jeder hat seine Aufgabe. Unsere Aufgabe als Händler ist es, gut zu wirtschaften, damit wir nicht aufgrund hoher Kosten eine größere Marge brauchen. Ein Vorteil unserer Eigenmarke ist, dass wir kaum Werbekosten verursachen, was sich positiv auf den Verkaufspreis auswirkt.

Jens Brehl: Werden Grundnahrungsmittel künstlich billig angeboten, um Kunden in die Läden zu locken?

Lukas Nossol: Es gibt viele Gründe für Handelsmarken. Wenn ich das qualitativ gleiche Produkt zu einem günstigeren Preis anbieten kann, verschaffe ich dem Endverbraucher einen hohen Nutzen.

Zudem können mir Handelsmarken Lücken im Sortiment geschlossen werden. Wir haben nicht nur einkommensstarke Kunden, sondern beispielsweise auch Studenten die sich ökologisch ernähren wollen, aber auf jeden Cent schauen müssen. Diese Vielfalt möchten wir auch haben und müssen dazu ein attraktives Sortiment bieten.

Jens Brehl: Vielen Dank für das Gespräch.

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