Bio? Logisch!

Bruderhahnprojekt der Bio-Handel Nordwest läuft aus

„Der Grundgedanke die Bruderhähne aufzuziehen anstatt als Embryo im Ei auszusortieren ist ein guter. In diesem spannenden Thema steckt viel Potenzial“, sagt die ausgebildete Landwirtin und Agrarwirtschafterin Larissa Ochel, die das Bruderhahn-Projekt der Bio-Handel Nordwest leitet. „Die Infrastruktur, um hofnah schlachten und verarbeiten zu können, ist mittlerweile vorhanden.“ Da sich die Bruderhähne allerdings nur schwerlich vermarkten ließen, läuft das vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit rund 150.000 Euro geförderte Projekt planmäßig nach drei Jahren zum 30. September aus. Etwa 110.000 Bruderhähne konnten abgesetzt werden, mittlerweile sind keine mehr eingestallt. Hauptproblem: hohe Kosten und schwache Nachfrage.

Bei Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis ist die ökologische Aufzucht der Bruderhähne Pflicht.
Symbolbild: Elke Bartussek/Brudertier Initiative Deutschland

Die Bio-Handel Nordwest bündelt erfolgreich in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen Bio-Schweine. Zu den Kunden gehört der Discount, der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel und der Bio-Fachhandel. Diese Expertise galt es zu nutzen, um für Verarbeiterfleisch von Bruderhähnen und Althennen langfristige regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen. Mit dem Bio-Gut Rosenthal aus dem nordrhein-westfälischen Bergneustadt war eine der größten Bioland-Eierpackstellen an Bord, die Bruderhähne wuchsen auf einem Partnerbetrieb im niedersächsischen Papenburg auf, der dafür eigens in die Bio-Aufzucht einstieg. War es mitunter herausfordernd genügend Küken zu erhalten, gelang es die 9.600 Mastplätze mit überschaubarem Leerlauf zu belegen – wofür auch die Lohnaufzucht für weitere Bio-Betriebe hilfreich war.

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Die ersten beiden Durchgänge betreute Ochel intensiv. Wöchentlich besuchte sie den Hof, um die Bruderhähne zu wiegen und zu bonitieren. Die männlichen Tiere sind genetisch in Sachen Fleischansatz im Nachteil, da ihre Schwestern als „Hochleistungs-Hennen“ züchterisch darauf getrimmt sind, möglichst viele Eier zu legen. Der Bruderhahn benötigt im Vergleich zu spezialisierten Mast-Rassen viel Futter und liefert am Ende wenig Fleisch. Aber: „Auf dem Partnerbetrieb wurden im Rahmen der Möglichkeiten gute Tageszunahmen und Endgewichte von etwa 1350 g nach 80 Tagen und 1550 g nach 100 Tagen erzielt. Der Bruderhahn ‚funktioniert‘ auch in größeren Gruppen“, hebt Ochel das Engagement der Landwirtinnen und Landwirte hervor.

Der Geflügelhof Gerd-J. Meyer aus dem niedersächsischen Cloppenburg widmete sich ebenso erstmals dem Bruderhahn und übernahm das Schlachten. „Es ist unheimlich aufwendig die Tiere zu zerlegen, weil dies per Handarbeit passieren muss. Die Ausbeute ist jedoch vergleichsweise gering.“ Die Schlachtkosten pro Tier waren somit sehr hoch. Als die Energie- und Futterpreise stiegen, wurden statt etwa 100 Tage die Bruderhähne im Schnitt nur noch 80 Tage gemästet und waren am Ende noch leichter. Die Aufzucht unter den Richtlinien des Anbauverbands Bioland schlägt pro Bruderhahn mit etwa zehn Euro zu Buche, unter EU-Bio sind es ungefähr sieben Euro.

Angeboten wie Sauerbier

Zunächst sollte der überwiegende Teil des Bruderhahnfleischs in der Bio-Babykost unterkommen, in Sachen Hygiene- und Qualitätsvorgaben die Königsdisziplin. Alle drei Lieferungen wurden beanstandet, das Fleisch musste jeweils weiterverkauft werden.

Mit zahlreichen Akteuren der Außer-Haus-Verpflegung wurde verhandelt und es gab Probe-Essen. Am Ende ist es an den Kosten gescheitert, warum es die Bruderhähne nicht auf die Speisepläne geschafft haben. Produktmuster an namhafte Wursthersteller führten zu keinerlei Resonanz. „Das war ernüchternd.“ Daher sollte die Eigenvermarktung in den Fokus rücken, die für Landwirtinnen und Landwirte interessant ist, wenn sie 200 bis 1.000 Hühner halten. Kapazitäten den Bruderhahn vor Ort aufzuziehen sind oftmals vorhanden. Solche Höfe hatten sich an die Bio-Handel Nordwest gewandt. „Wir konnten einige regionale Schlachter und Verarbeiter in Nord- und Westdeutschland in jeweiliger Betriebsnähe gewinnen. Die Produkte der eigenen Bruderhähne kamen somit zurück in die Hofläden.“ Neben den klassischen Fertiggerichten im Glas wie Frikassee oder Bolognese, gab es auch Aufschnitt und Bratwürste. Metzgermeister und Bio-Wurst-Experte Hermann Jakob beriet in Sachen Rezepte, um die Produkte noch schmackhafter zu machen. Vergebens: Jeder Landwirt orderte nur einmalig, die allgemeinen Preissteigerungen haben diese teils extrem unattraktiv für wieder sparsamer gewordene Bio-Kundschaft verteuert. Sackgasse.

Auch das Bio-Gut Rosenthal ließ Produkte für sich herstellen und rief eigens einen Online-Shop ins Leben. Die Nachfrage war laut Ochel gelinde gesagt überschaubar. Selbst 30.000 Einleger mit QR-Code in den Eierschachteln der „Rosenthaler Hähnenglück“, deren höherer Eierpreis die Bruderhahnaufzucht finanziert, führten zu einem Bestellvolumen, welches man an einer Hand abzählen kann. Etliche Produkte fanden schließlich über die gemeinnützigen Tafeln den Weg in heimische Küchen. Mehrere Tausend Gläser mussten nach Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums allerdings entsorgt werden. „Das war wirtschaftlich und vor allem ökologisch eine Katastrophe.“

Unter dem Strich ist es trotz mühsamem Erarbeiten der Grundlagen nicht gelungen, wirtschaftlich tragfähige Wertschöpfungsketten aufzubauen. Noch in diesem Jahr lädt Ochel daher Expertinnen und Experten von Bioland und die Hauptakteure des Projekts zum Gespräch, um zu eruieren wohin der Weg für den Bruderhahn gehen kann. Langfristige Partnerschaften, ein kontinuierlichen Mengenfluss und stabile Absatzkanäle sind gefragt. „Im Moment drehen wir uns alle auf der Stelle“ betont Ochel. „In Sachen Bruderhahn sehen wir für die Bio-Handel Nordwest aktuell keine Perspektive.“

1 Kommentar zu “Bruderhahnprojekt der Bio-Handel Nordwest läuft aus

  1. Sehr geehrter Herr Brehl,
    bis Ende letzten Jahres haben wir einen Mini-BIolandbetrieb mit Milchziegen, eigener Hofkäserei, bis zu 70 Legehennen, eigener Eierpackstelle und kleinem Hofladen betrieben. Leider mussten wir das aus ökonomischen Gründen einstellen: „small is beautiful“ funktioniert im derzeitigen Wirtschaftssystem leider auch im Biobereich immer weniger, der zunehmend dieselben Fehler macht, wie die konventionelle Landwirtschaft.
    Das zeigt sich auch und ganz besonders im Geflügelbereich. Denn auch hier scheinen alle Betreiligten das Kernproblem nicht zu sehen: Meiner Meinung nach kann Geflügelhaltung immer nur als ein Nebenzweig auf einem Gemischtbetrieb funktionieren und es dürfte im Biobereich keine reinen Geflügelbetriebe geben. Denn wenn man von Geflügel leben will, muss der Betrieb dermaßen viele Tiere halten, dass dies unter dem Aspekt Tiergerechtheit nicht funktioniert. Zudem müssen die Tiere auf Hochleistung gezüchtet werden, sonst ist das Ganze unwirtschaftlich. Auch das ist wie das Ausstallen der Legehennen bereits nach einem Jahr ein Widerspruch zum tierethischen Anspruch des ökologischen Landbaus.
    Der einzig vertretbare Weg ist in meinen Augen die klassische Rassezucht von Zweinutzungsrassen (damit die Betriebe in die Lage versetzt werden, selber Tiere nachziehen zu können und nicht von Zuchtbetrieben abhängig zu werden; auch ÖTZ ist in meinen Augen auf dem falschen Weg) und die ausschließliche Haltung von Geflügel „nebenher“ auf – und das sollte im Biobetrieb ja eigentlich sowieso das Ziel sein – möglichst breit aufgestellten Gemischtbetrieben. Das Futter sollte dabei ausschließlich aus dem bestehen, was die Tiere draußen selber finden plus z.B. Ausputzgetreide, Gemüseabfälle etc. Quasi das Huhn als „Schwein des kleinen Mannes“, das man z.B. auch mit Hilfe von Mobilställen in die Fruchtfolge der Ackerflächen integriert. Bzgl. Schwein hat das John Seymour schon vor Jahrzehnten in seinen „Selbstversorgerbüchern“ im Ravensburger Verlag propagiert – das Schwein als Pflugersatz und „Unkraut“- sowie „Schädlings“vernichter, in dem man die Schweine nach der (Getreide)Ernte auf die Ackerflächen stellt. Leider werden solche im Kern hochvernünftigen Anregungen auch im Biobereich höchstens verspottet …

    Mir ist klar, dass meine Ansicht bzgl. Hühnern (und leider auch Schweinen) nicht mal im Biobereich Anklang finden wird. Dennoch bin ich überzeugt, dass es die einzige Lösung ist, die ethischen und ökologischen Probleme der derzeitigen Bio-Geflügelhaltung zu lösen und in Chancen zu verwandeln. Und wenn man Eier nicht länger als billige Füllmasse in allen möglichen Lebensmitteln missbrauchen würde, wo sie eigentlich gar nicht hingehören, dann würden auch weiterhin genügend Eier für den Bedarf produziert. Bzw. auch hier gilt wie in der Fleischproduktion: die Diskussion darüber, wieviel Eier (resp. Fleisch) wir denn nachhaltig konsumieren können, ist in meinen Augen die völlig falsche Fragestellung. Wir müssen uns darüber verständigen, wie wir unsere Nutztiere halten und füttern wollen, daraus ergibt sich dann automatisch, wieviele Produkte wir konsumieren können – mehr gibt es dann eben nicht.

    Vielleicht fallen diese Gedanken ja bei Ihnen auf fruchtbaren Boden und der Kommentar ist nicht ganz vergeblich. Beste Grüße,
    Dr. Peter Herold

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