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„Wir produzieren das, was die Verbraucher wollen“

Ran an die Expertinnen und Experten der (ökologischen) Land- und Lebensmittelwirtschaft hieß es gestern Abend im Fuldaer Bürgerzentrum Ziehers-Süd. Das Bündnis für Klima und Nachhaltigkeit Fulda (BKN) setzte mit dem Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld (KBV) das gemeinsame Veranstaltungsformat „Im Dialog. Deine Bauern. Deine Fragen.“ fort. Statt Podiumsdiskussion ging es in den direkten Dialog.

Im bis auf den letzten Platz besetzten Kulturkeller fand am 27. Januar der Auftakt statt: Auf der Bühne diskutierten konventionelle Landwirtinnen und Landwirte wie auch eine ökologisch wirtschaftende Landwirtin gemeinsam mit ausgewählten Vertretern aus der Verbraucherschaft und legten ihre jeweiligen Sichtweisen für eine ökologisch nachhaltige Form der Lebensmittelproduktion dar. „Das war ein gegenseitiges Beschnuppern, auch um Ängste vor der anderen Seite zu nehmen“, sagte Hermann Bockmühl, Vorstand KBV, auf einer Pressekonferenz vor der gestrigen zweiten Veranstaltung. Über Jahrzehnte hätten es weite Teile der Bauernschaft versäumt, regelmäßig im direkten Austausch mit den Endverbrauchern zu sein, um damit gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Das gemeinsame Veranstaltungsformat „Im Dialog. Deine Bauern. Deine Fragen.“ soll dies ändern.

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Einkaufsverhalten entscheidend

Mag der Auftakt gelungen sein, um erste Hürden abzubauen, blieben etliche Fragen aus dem Publikum unbeantwortet. Akribisch wurden sie gesammelt, ausgewertet und fünf Thementischen zugeordnet. Konnten Anfang des Jahres im Kulturkeller noch etwas mehr als 100 Gäste begrüßt werden, fand gestern Abend nur rund die Hälfte den Weg ins Bürgerzentrum Ziehers-Süd. Eine davon war Christa Giebenhain. „Ich bin überrascht über die ehrlichen Antworten und die breit gefächerten Themen.“ Auch sie möchte im hektischen Alltag so regional und ökologisch nachhaltig wie möglich einkaufen, Endgegner ist dabei mitunter der Labeldschungel. „Bei Eiern bedeutet Null als kleinste Zahl Bio, bei den Haltungsstufen für Schweine und Rinder ist es mit der Fünf die höchste.“ Für Giebenhain ist es wichtig, dass Landwirtinnen und Landwirte für ihre Arbeit gut entlohnt werden. Lebensmittel müssten allerdings auch bezahlbar sein, brachte sie ein Spannungsfeld auf den Punkt.

Sparsame Kundschaft weicht zusehends auf die Bio-Eigenmarken der Handelshäuser aus, die im Vergleich mit dem oftmals gleichwertigen Markenprodukt deutlich günstiger sind. Sollte man diese daher überhaupt herstellen? Produktionsanlagen sind dann effektiv, wenn sie voll ausgelastet sind. Dies ist einerseits wirtschaftlich, andererseits in Sachen Klimaschutz energetisch entscheidend. „Daher sind auch Eigenmarken sinnvoll“, betonte Karin Artzt-Steinbrink, ehemalige Geschäftsführerin der ökologischen Upländer Bauernmolkerei.

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Die Thementische und die Expertise

1. Verantwortung von Verbraucherinnen und Verbrauchern/Kaufverhalten, Infrastruktur: Martin Jahn (ehemals Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft Gelbe Rübe, heute Emmas Unverpackt Fulda) und Norbert Werner (Bio-Landwirt)

2. Preisgestaltung/bezahlbare Lebensmittel/Produktionsbedingungen: Karin Artzt-Steinbrink (ehemals Geschäftsführerin Upländer Bauernmolkerei) und Justus Beier (konventionelle Milchviehhaltung, Vorstand Hochwald Milch eG)

3. Zukunftsszenarien/Regionalentwicklung/Fachkräftemangel: Martin von Mallinckrodt (BKN) und Martin Sudbrock (Fachdienstleiter Landwirtschaft Kreis Fulda)

4. Tierwohl und Tierhaltung: Werner Hartmann (Öko-Landwirt) und Michael Vogel (konventioneller Landwirt)

5. Boden- und Pflanzenschutz: Susanne Kagerbauer (Pressesprecherin Bioland Hessen) und Dr. Marco Schneider (konventioneller und ökologischer Landwirt)

„Wir produzieren das, was die Verbraucher wollen“, machte der konventionelle Milchviehhalter Michael Vogel klar. Das Umstellen auf Bio sei eine regelmäßig geprüfte Option, aus wirtschaftlichen Gründen wird es allerdings vorerst bei der konventionellen Haltungsstufe 3 bleiben. Ein neuer Stall kann bis zu vier Millionen Euro kosten, überraschte der konventionelle Landwirt Christian Hartung mit der Höhe an notwendigen Investitionen – auch in Sachen Tierwohl. Am Ende müsse dies die Verbraucherschaft goutieren. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren Spuren hinterlassen und ist längst noch nicht abgeschlossen. Ob konventionell oder bio, der Trend geht zu weniger Betrieben, die eine größere Fläche bewirtschaften und/oder mehr Tiere halten. Sind es Landwirtinnen und Landwirte gewohnt in Generationen zu denken, ist die Zukunft nicht für jeden Betrieb sicher.

Werner Hartmann machte deutlich, das Umstellen seines Betriebs 1992 auf die ökologische Landwirtschaft nicht bereut zu haben. „Ich danke jedem, der Bio-Lebensmittel kauft.“ Denn nur die Nachfrage wird es ermöglichen, dass weitere Betriebe den Weg zur ökologischen Wirtschaftsweise gehen können.

In die Tiefe gebohrt

An vielen Thementischen wurde nicht an der Oberfläche gekratzt, sondern einige Konsumentinnen und Konsumenten wollten es ganz genau wissen. Beispielsweise, warum Ackerflächen durch Drainagen teilweise entwässert werden – müsste denn nicht in Zeiten, in denen die Folgen des Klimawandels spürbar sind, jeder Tropfen Wasser im Boden wertvoll sein? „Wenn ein Schwamm voll ist, kann er nichts mehr aufnehmen“, erklärte Dr. Marco Schneider, dessen Familie einen konventionellen und einen ökologischen Betrieb führt. „Die Bodenfunktionen müssen aufrecht erhalten werden.“ Im besten Fall kann der Acker Starkregen aufnehmen und überhaupt gelte es – auch beim Einsatz von Dünger – aus Sicht des Bodens stets die Waage zu halten. Susanne Kagerbauer, Pressesprecherin Bioland Hessen, ergänzte, dass in der Landwirtschaft schon eine Weile Getreidesorten zum Einsatz kommen, die Dürrezeiten besser überstehen können. Der Acker wandelt sich.

Ziel von „Im Dialog. Deine Bauern. Deine Fragen.“ ist es unter anderem, Grabenkämpfe zwischen Konventionell und Bio zu überwinden. Auch deswegen war das BKN bereits vor der Corona-Pandemie an den Kreisbauernverband herangetreten. Dank der gemeinsamen Veranstaltungen ist es gelungen, aus der eigenen ökologischen Blase auszubrechen – auch wenn es dem einen oder anderen Teilnehmer gestern Abend in Detailfragen doch etwas zu harmonisch war. Wie es mit der Veranstaltungsreihe weitergeht, ist derzeit noch offen.

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