Volles Haus gestern Abend im Kulturkeller: Der Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld und das Bündnis für Klima und Nachhaltigkeit Fulda (BKN) hatten gemeinsam Landwirte und Verbraucher unter dem Motto „Im Dialog. Deine Bauern. Deine Fragen.“ eingeladen. Ziel: Gegenseitiges Verständnis für die Problematiken und Wünsche des anderen zu schaffen, zu vertiefen und voneinander zu lernen. In weiten Teilen ist dies auch gelungen, in einem Punkt allerdings nicht.
Wer gemeinsam die Zukunft in Sachen Ernährung gestalten möchte, sollte verstärkt miteinander ins Gespräch kommen, bekräftigte Thomas Schneider, Pressesprecher des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld. In die gleiche Kerbe schlug Claudia Storch: „Miteinander reden ist besser als übereinander.“ Denn: „Die Landwirtschaft hat über viele Jahre verpasst, Öffentlichkeitsarbeit für ihre Branche zu leisten“, sagte Katharina Müller. Dadurch sei eine starke Diskrepanz zwischen den Vorstellungen der Verbraucher und den tatsächlichen Herausforderungen der Landwirte entstanden. Im Dialog sollte das ein gutes Stück weit aufgebrochen werden.
Die Seite der Landwirte:
- Katharina Müller – Ackerbau (Weizen, Dinkel, Hafer und Roggen), Mutterkuhhaltung, züchten die Fleischrinderrassen Limousin und Fleckvieh, Bio-Betrieb (Naturland) aus Großenlüder Müs
- Christian Hartmann – Milchvieh und Schweinezucht aus Hofbieber Ortsteil Wiesen, konventionell
- Michael Flügel – Ackerbau, Schweinezucht aus Hofbieber Ortsteil Obernüst, konventionell
- Claudia Storch – Milchvieh, Hofkäserei, aus Künzell, konventionell
- Philipp Jahn – Landwirt Nebenerwerb, Ackerbau (Weizen, Raps, Gerste, Roggen, Mais, Kartoffeln) aus Fulda Neuenberg, konventionell
Die Seite der Verbraucher:
- Felix Döppner – Zeppelingarten, BKN
- Christine Weidner – Mitglied der Solidarischen Landwirtschaft Osthessen (Biogut Benkner aus Neuhof)
- Martin von Mallinckrodt – BKN
- Stefanie Krecek – Food Sharing, ehemalige Koordinatorin tegut Saisongärten
- Rolf Wagner
Wo der Arbeitsschuh drückt
Ganz klar: Ohne den täglichen Einsatz der Landwirte bleiben die Teller leer. Diese zu füllen und dabei die Betriebe wirtschaftlich zu führen und gleichzeitig Klima und Umwelt zu schützen, ist vielfach herausfordernd.
So berichtete Müller von höheren Kosten für Löhne, Dünger, Maschinen und Pachten. „Die Erlöse sind nicht im gleichen Maße gestiegen.“ Dass für Storchs handwerkliche Hofkäserei die gleichen gesetzlichen Bestimmungen wie für Großbetriebe gelten, gestaltet den Arbeitsalltag nicht leichter. „Der Bürokratieabbau ist nicht in Sicht.“ Jahn wünschte sich in Sachen Agrarpolitik – hier gibt maßgeblich die EU den Ton an – mehr Planungssicherheit für sechs, sieben oder gar zehn Jahre. Zunächst mussten beispielsweise fünf Prozent der Betriebsfläche für den Naturschutz stillgelegt werden, was kurze Zeit später wieder hinfällig war. Welche Themen am meisten durch die Presse getrieben würden, wie beispielsweise ein Verbot von Glyphosat, würden von den politischen Entscheidern beackert.
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Hartmann betonte, wie wichtig Tierhaltung für die Landwirtschaft sei. Schließlich gelte es auch im Sinne des Kreislaufgedankens Biomasse als hochwertiges Tierfutter zu nutzen: so bleibt beim Pressen von Rapsöl oder dem Herstellen eines Haferdrinks Reste übrig. Auch Grünland gelte es zu nutzen, welches Rinder in Milch und Fleisch umwandeln. „Gras können wir nicht essen.“
Flügel merkte an, bewusst weiterhin einen konventionellen Betrieb zu führen, diesen stets weiter zu verbessern und ein anerkannter Teil der Gesellschaft sein zu wollen. Mit seinem Stall ist er in Haltungsstufe 4 angelangt, das höchste konventionelle Kriterium für Tierwohl. Der Anteil von Bio-Schweinen in Deutschland liegt etwa bei einem Prozent, der Markt für Bio-Schweinefleisch ist eine entsprechende Nische. Auch das ist Teil der Wahrheit, wie die landwirtschaftliche Seite der Dialogrunde betonte: Stellen zu schnell zu viele Betriebe auf ökologisch um, gehen die Preise für Bio-Rohstoffe wegen des Überangebots in den Keller und gefährden damit die wirtschaftliche Zukunft der Erzeuger. Die Bio-Nachfrage muss gleichziehen.
Wertschätzung vorhanden
Den Respekt für die Arbeit der Landwirte brachten die Verbraucher auf der Bühne durch die Bank weg und wiederholt zum Ausdruck. Die Crux: Diese Seite des Podiums war extrem einseitig mit bewussten Bio-Intensivkäufern besetzt, die Lebensmittel als Mittel zum Leben verstehen und höchste Qualitäten bevorzugen. Somit repräsentierten sie einen eher kleinen Anteil der Käuferschaft. Von den Landwirten wünschten sie sich vor allem mehr Direktvermarktung und den Umstieg auf die ökologische Landwirtschaft.
In der Runde gefehlt haben beispielsweise das alleinerziehende Elternteil, welches mit einem knappen Haushaltsbudget auskommen muss, Ruheständler mit einer schmalen Rente und dergleichen. Ein gewisser Anteil der Fuldaer Bürgerschaft ist eben auf möglichst günstige Preise im Discounter angewiesen, weil am Ende des Geldes noch Monat übrig ist. Für diese Gruppe kann es wie Hohn klingen, wenn ein höherer Anteil vom Einkommen für Lebensmittel ausgeben werden soll, wie sich die Verbraucher auf dem Podium wünschten. „Auf der Bühne sitzen die oberen Zehntausend“, merkte beispielsweise von Mallinckrodt als Bildnis an. Und es bleibe eine gesellschaftliche Aufgabe, allen den Zugang zu guten Lebensmitteln zu ermöglichen. Es gäbe allerdings genügend Menschen, die über ein hohes Einkommen verfügen und dennoch konsequent den Discounter ansteuern, wie Döppner betonte und ein Beispiel aus seinem Bekanntenkreis nannte.
Das BKN war durchaus bemüht, die Runde der Verbraucher ausgeglichener zu besetzten. „Natürlich saß im Podium nicht ‚der tyische Supermarktkunde‘. Es ist eben etwas anderes, sich öffentlich mit seinem privaten Einkaufsverhalten zu outen, als seinen landwirtschaftlichen Betrieb vorzustellen – zumal unser Dialogformat neu ist“, erklärte Christina Krack. Im weiteren Anlauf hofft sie, an dieser Stelle repräsentativer sein zu können. Und dann vielleicht auch die Themen Umwelt- und Klimaschutz noch stärker in den Mittelpunkt zu rücken, die bei der Premiere immer wieder am Rande aufblitzten.
Wiederholung ist gesetzt
Positiv stach heraus, wie sachlich und konstruktiv der Dialog verlief, auch wenn Einzelne immer mal wieder tief durchatmen mussten, wenn der Ausbau von Windkraft skeptisch gesehen, höhere Qualitäten von Bio-Lebensmitteln gegenüber ihren konventionellen Pendants in Frage gestellt wurden (dabei weisen sie beispielsweise deutlich geringere Pestizidrückstände auf) oder sich die Konsumenten in den Augen einiger auch im Publikum Anwesenden zu sehr Bullerbü herbeiwünschten. Lag man inhaltlich nicht immer auf einer Wellenlänge, so konnten die Landwirte eine ordentliche Portion Wertschätzung tanken und beide Seiten haben Brücken gebaut.
Somit ist unter dem Strich der Auftakt gelungen, da sich zwei Parallelwelten begegnet sind und offen auf Augenhöhe ausgetauscht haben. Es werden definitiv weitere Termine folgen, wie Krack und Schneider betonten. Schließlich gäbe es noch viele Fragen zu klären.
Lieber Jens, vielen Dank für deinen hervorragenden Journalismus.
Stefanie Krecek