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Von welchem Boden möchten Sie essen?

Unter dem Motto „Gesunder Boden – gesunder Genuss“ lud die Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel vergangen Freitag zu ihrem Symposium nach Fulda. Es galt in die faszinierende Welt der Bodenlebewesen und Humusaufbau einzutauchen, aber auch den Finger in die Wunde zu legen. Sorgt Bio per se für gesunde Böden und kann man mit ökologischer Nachhaltigkeit im Lebensmittelhandel besonders punkten? Dies und mehr waren Themen der Podiumsdiskussion.

„Bedeutet Bio immer gleich gesunder Boden?“ Dies wollte Moderatorin Bettina Röttig, Redakteurin des Fachmagazins Lebensmittel Praxis, wissen. „Man kann nicht sagen, dass Bio immer bodenschonend arbeitet. Es gibt auch große Bio-Betriebe, die industrielle Elemente nutzen“, sagte Mathias Forster, Geschäftsführer und Stiftungsrat der Bio Stiftung Schweiz, die unter anderem 2014 den Bodenfruchtbarkeitsfonds ins Leben gerufen hat. Bio-Höfen in Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein vergütet die Stiftung dadurch teilweise zusätzliche Aufwendungen für den Aufbau und Erhalt von Bodenfruchtbarkeit.

Forster weiter: „Grundsätzlich hat man aber den Vorteil, dass keine chemisch-synthetischen Pestizide und Düngemittel zum Einsatz kommen. Das trägt ja per se zu einer Verlebendigung des Bodens und einer größeren Biodiversität im Boden bei.“ Darüber hinaus käme es auf die Praxis auf den Höfen an. „Ein Bio-Bauer kann pflügen oder nicht pflügen, er kann mehr oder weniger Zwischenfrüchte und Gründüngung anbauen und und und. Es gibt viele Faktoren, die eine Rolle spielen.“

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„Bio-Böden sind tatsächlich gesünder, das kann man ganz sicher mit ja beantworten“, sagte Franz Rösl, 1. Vorstand Interessengemeinschaft gesunder Boden. In seinem der Podiumsdiskussion vorausgegangenen Vortrag tauchte er mit dem Publikum in die faszinierende Welt lebendiger Böden und deren unzähligen Organismen mit ihrem komplexen Zusammenspiel ein. Vorteile der Bio-Böden könne man nicht nur durch die Abwesenheit von Schadstoffen nachweisen, sondern alleine bereits durch die Tatsache, dass sie mehr Wasser aufnehmen. „Die traurige Nachricht: Wenn man weiter denkt, kommt man zu dem Schluss es reicht bei weitem nicht aus. Wir brauchen ein zusätzliches Kriterium oder ein anderes Verständnis.“

Pestizide als Altlasten

Die Folgen der konventionellen Landwirtschaft wirken oft lange nach. So berichtete Rösl, dass in seiner Heimatstadt Regensburg noch immer Atrazin aus dem Trinkwasser gefiltert werden muss – ein Herbizid, welches in Deutschland seit 1. März 1991 verboten ist. Daher seien Wasserversorger oftmals natürliche Partner, wenn es um den Wasserschutz durch ökologisches Wirtschaften geht. Rösls positive Botschaft: Recht schnell können sich Böden mit der richtigen Bearbeitung bereits nach einer Zwischenfrucht schon ein gutes Stück regenerieren. Auch, wenn Pestizide oftmals hartnäckig sind und sich Jahrzehnte nach dem Umstellen von Konventionell auf Bio noch (in Spuren) finden lassen.

Doch wie Konsumenten dazu bringen, ihre Kaufentscheidungen danach auszurichten, was fruchtbare Agrarflächen schafft und erhält? Christoph Jestädt, Geschäftsführer Hannheinehof, warb dafür, auf den erhobenen Zeigefinger zu verzichten – keine Appelle, keine Verbote. Stattdessen möchte er Genuss und emotionale Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Jahrzehnte alte Bäume seiner Streuobstwiesen würden mit 120 Apfelsorten für wahre Geschmacksexplosionen sorgen, die als Bio-Getränke den Weg zu der Kundschaft finden. „Das ist ein geniales kulinarische Erbe“, so Jestädt. In seinen Streuobstwiesen findet jährlich das Filmfestival „Wiesenflimmern“ mit Live-Musik statt. „Davon nehmen die Besucher mehr mit, als von einem zweistündigen Fachvortrag.“

Eine kleine Widerrede gab es von Rösl. „Der Boden hat mehr Funktionen, als für einen guten Geschmack einer Frucht zu sorgen. Wir sollten den Fokus ein wenig weg von uns Menschen, sondern auf das Element richten, von dem wir sprechen: dem Boden.“ Dieser gelte es nicht als Gegenstand, sondern als lebendiges Wesen zu begreifen. Daher plädierte er, nicht „nur“ in der Genießerrolle zu verharren, sondern aktiv zu werden, indem man beispielsweise bei der Ernte unterstützt.

Erst kürzlich attestierte Green Aureus, dass Jestädts Streuobstwiesen pro Hektar und Jahr rund zwölf Tonnen CO2 speichern. Kann er mit den positiven Umweltleistungen seiner Bio-Getränke besonders punkten? Der Handel spiele beim Thema ökologische Nachhaltigkeit mit, so lange sich die entsprechenden Produkte gut verkaufen, lautete Jestädts nüchterne Analyse.

Bewusstsein schaffen

Es sei immer eine Gratwanderung, wie viel Schmerz man beim Erklären ökologischer Zusammenhänge und Baustellen den Menschen zumute. Schließlich solle sich niemand ohnmächtig fühlen – was passieren kann, wenn stets negative Nachrichten auf uns einprasseln. Es bestehe in Sachen ökologischer Agrarwende viel Hoffnung und es sei genug Zeit vorhanden. Aber: „Der Schmerz soll ein bisschen bleiben“, so Forster. Ansonsten würde man zu schnell dem Irrglauben anheimfallen, man müsse nicht verstärkt aktiv werden.

Erwartungsgemäß sahen die Teilnehmer der Diskussionsrunde in der Bildung einen wichtigen Schlüssel, die bestenfalls bereits im Kindergarten beginne. Die Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel ging für sein jährliches Symposium dafür neue Wege: Parallel zu den Fachvorträgen begingen Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule und der inklusiven Antonius von Padua Schule den Kinderbodentag. Es hieß die Gewächshäuser der nach den Richtlinien von Bioland wirtschaftenden Antoniusgärtnerei zu erkunden und zu lernen, wie guter Kompost entsteht.

„An der Hochschule Fulda gibt es ganze Studiengänge, die sich mit nachhaltiger Lebensmittelproduktion beschäftigen“, berichtete Dr. Uta Anschütz, wissenschaftliche Mitarbeiterin in Forschung und Lehre im Bereich Lebensmitteltechnologie an der Hochschule Fulda. Im Rahmen ihrer halben Stelle bei Antonius, wurden darüber hinaus auf dem Antoniushof (ebenfalls Bioland) vielfältige Bildungsangebote für Schulklassen geschaffen.

Jestädt ging noch einen Schritt weiter, denn wenn ökologische Nachhaltigkeit in den Lehrplan etabliert sein soll, müsse auch die Kita-, Schul- und Mensaverpflegung nachziehen. „Was es dort zu essen gibt, ist teils gruselig. Das ist kontraproduktiv.“ Die öffentliche Hand als Verbraucher, könne verstärkt Bio-Lebensmittel nachfragen, und somit den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft gezielt fördern. Der ist ordentlich ins Stocken geraten. So ehrlich muss man an dieser Stelle sein, auch wenn dieser Punkt während der Diskussion nicht zur Sprache kam. Die neue Bundesregierung hält am Ziel fest, dass 30 Prozent der Ackerflächen bis 2030 ökologisch bewirtschaftet werden. Das ist allerdings in weiter Ferne, aktuell sind es rund zwölf Prozent (etwa 1,94 Millionen Hektar). Im im Vergleich zum Vorjahr kamen 2024 nur schlappe 0,4 Prozent hinzu.

Zurück zur Diskussion: Auch die evangelische und katholische Kirche nahm Rösl besonders in die Pflicht, denn beide besitzen 550.000 Hektar Ackerfläche in Deutschland. So gelte es, die längst gefällten Beschlüsse der Bischofskonferenz beim Verpachten der ökologischen Landwirtschaft den Vorzug zu geben konsequent umzusetzen.

4 Kommentare zu “Von welchem Boden möchten Sie essen?

  1. Ralf H. Borchers

    Unser Boden ist Träger unserer Pflanzen, aber auch Speicherort von Wasser und Pflanzennährstoffen. Fehlen im Boden Wasser oder essentielle Pflanzennährstoffe, z.B. aufgrund nicht ausgeglichener Düngung (siehe das Liebig’sche Fass-Modell), dann wird Pflanzenwachstum und Ernteertrag negativ beeinflusst, mehr oder weniger stark. Im Boden sind aber auch kleinste, unterschiedliche Mikroorganismen am Werk, die in den Boden gehören, die Pflanzenwachstum fördern oder beeinträchtigen können. Der pH-Wert des Bodens ist dabei ein starker Einflussfaktor, der leider allzu oft keine ausreichende Beachtung findet. Statt also an der Erde zu riechen und dabei das Risiko in Kauf zu nehmen, ggf. für den Menschen schädliche Mikroorganismen einzuatmen, sollte man lieber den pH-Wert aller Böden, die man bewirtschaftet, selbst messen und aus der Analyse zielführende Maßnahmen ableiten, um den erforderlichen pH-Wert zu erhalten. Wird das in der derzeitigen Bildung ausreichend gelehrt? Wird das in der Werbung ausreichend thematisiert? Mit unserem Verein ‚Giftfrei Leben‘ können wir nur appellieren, sich mit diesen relevanten, agrarwissenschaftlich begründeten Themen mehr und richtig zu beschäftigen.

  2. „BIO“ war zur Zeit ihrer Gründer noch das, was man sich als Verbraucher vorstellt, nämlich weitestgehend giftfrei erzeugte Lebensmittel, nachhaltig produziert. Seit 1984 scheint diese Idee politisch gekapert worden zu sein. Heute ist „BIO“ wohl mehr eine Marketing-Strategie statt „giftfreie“ Lebensmittelerzeugung. Raubbau zu Lasten der Böden und ein Mangel an wichtigen Pflanzennährstoffen in den Böden scheint mittlerweile fast schon die Regel zu sein. Und die weit verbreitet desaströse pH-Wert-Situation der Böden -in der Regel weit unter neutral – spricht Bände. Vielleicht wäre es auch in der Agrar-Wirtschaft an der Zeit, sich diesbezüglich mit wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beschäftigen, um diese Situation zum Positiven zu drehen, denn ausgeglichene Düngung, giftfreier Pflanzenschutz und erregerarme Lebensmittelproduktion ist nachweislich möglich – man muss es als Landwirt, als einzelner Verbraucher und als ganze Gesellschaft nur wollen. Mit unserem Verein ‚Giftfrei Leben‘ setzen wir uns dafür ein.

  3. Vielen Dank für die ausführliche Berichterstattung zu diesem komplexen Thema. Man sieht, wie wichtig es auch ist, die jungen Generationen einzubeziehen. Sie sind es, die unsere Zukunft gestalten.

  4. Danke, Herr Jens Brehl, für Ihre sehr treffende Zusammenfassung unseres neuesten IG FÜR…Symposiums „Gesunder Boden ist Gesunder Genuss“.
    Wir Alle können durch die Tatsache „Jeder Einkauf ist ein Stimmzettel“ zu gesunden Mitteln zum Leben aktiv beitragen.
    Ich lade Sie ein, schließen Sie sich einfach uns an.

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