Hohe Abfindung auch bei grobem Fehlverhalten: Die Aufregung beim Anbauverband Naturland bezüglich fragwürdiger Vertragsregelungen mit dem im Sommer entlassenen Geschäftsführer Steffen Reese ist groß. Der Verdacht von „unzulässiger Vergünstigung“ und „einer strafrechtlich relevanten Untreue“ stünden laut juristischem Gutachten im Raum, auch die Gemeinnützigkeit sei erheblich gefährdet. Daher lud Naturland seine Delegierten vergangenen Freitag zu einer außerordentlichen Krisensitzung ins bayerische Fürstenfeldbruck.

Bild: Naturland
Im Februar soll das Gehalt des Naturland-Geschäftsführers Steffen Reese nicht nur um 16 Prozent erhöht worden sein, auch die bisherige Altersgrenze von 67 Jahren sei im Arbeitsvertrag gestrichen worden. Brisant: Laut Vertrag habe Reese im Falle einer Kündigung seitens seines Arbeitgebers sogar bei massiven Verstößen gegen die Pflichten als Geschäftsführer oder das Ignorieren von Arbeitsanweisungen einen Anspruch auf eine hohe Abfindung. Wie diese Begünstigungen zustande kamen, scheint bislang nicht nachvollziehbar zu sein, so gäbe es dafür keinen Präsidiumsbeschluss.
Laut Einladungsschreiben zur Krisensitzung vergangenen Freitag, welches nach eigenen Angaben der Süddeutschen Zeitung vorliegt, die auch als erste über den Vorfall berichtet hat, stünden Reese bereits 675.000 Euro brutto zu, die aus dem Vereinsvermögen zu zahlen wären. Dies stelle laut Einladungsschreiben „eine konkrete Vermögensgefährdung“ dar, weiter heißt es dort: „Nach der uns vorliegenden steuerrechtlichen Einschätzung ist die Anerkennung der
Gemeinnützigkeit bereits dadurch gefährdet.“ Naturland gehören in Deutschland rund 4.800 landwirtschaftliche Betriebe an, weltweit sind es nach eigenen Angaben 128.000.
Weitere Unregelmäßigkeiten entdeckt
Der bisherige seit 2017 amtierende Naturland-Präsident Hubert Heigl habe aus Zufall von der Vertragsverlängerung und den darin festgehaltenen fragwürdigen Konditionen erfahren. Zudem seien weitere Unregelmäßigkeiten aufgefallen, so sollen offene Rechnungen in beträchtlicher Höhe zurückgehalten worden sein, von „deutlich höheren Kosten“ ist die Rede – auch ein bislang unbekannter und mittlerweile gekündigter Rahmenvertrag mit einer Kommunikationsagentur sei aufgetaucht. So berichtet es die Süddeutsche Zeitung.
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In einem Brief an die Delegierten riet Felix Löwenstein (von 1998 bis 2024 Mitglied des Naturland-Präsidiums) Heigl abzuwählen und sich damit nicht hinter das bisherige Präsidium zu stellen. Anscheinend wollte Heigl die Vorfälle konsequent juristisch aufarbeiten. Die Krise solle laut Löwenstein lieber diskret gelöst werden, der augenscheinlich um den Ruf von Naturland bangt. Auch dies meldete die Süddeutsche Zeitung, die in ihrem Beitrag darüber hinaus eine bei der zuständigen Staatsanwaltschaft eingegangene Anzeige erwähnt – zudem sollen sich bereits Gerichte mit den Umständen der fragwürdigen Vertragsverlängerung befasst haben.
Neustart mit teils neuem Präsidium
Erst diesen Mai wurde Heigl auf der Delegiertenversammlung im hessischen Fulda mit großer Mehrheit für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Vergangenen Freitag machte er den Weg frei und kandidierte nicht mehr. Neuer Naturland-Präsident ist Eberhard Räder, Bio-Ackerbauer mit Schweinemast und Biogasanlage aus dem bayerischen Bastheim – er gehörte bereits 2017 bis 2021 dem Präsidium an. Neuer Vize-Präsident ist Moritz Reimer, der damit den erst im Mai frisch gewählten Rembert Wellen ablöst.
In einer heutigen Pressemitteilung sagt Räder: „Die vergangenen Monate waren geprägt von massiven Konflikten innerhalb des Präsidiums, die eine sachliche und konstruktive Zusammenarbeit zunehmend unmöglich machten. Das ist nun vorbei. Die Aufgabe des neu gewählten Präsidiums wird es nun sein, verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen, um auf dieser Basis die anstehenden Fragen zu klären und eine neue Geschäftsführung für den Naturland e.V. zu finden.“
Laut Pressemitteilung ist er zuversichtlich, sich mit Reese bezüglich der Abfindungsregelung angemessen und rechtssicher zu einigen – auch im Einklang mit der Gemeinnützigkeit des Verbands. Erste Gespräche des neuen Präsidiums mit dem entlassenen Geschäftsführer sollen stattgefunden haben. Darüber hinaus werde man sich die notwendige Zeit für eine sachliche und klare Aufarbeitung nehmen.
Nachtrag 30. September 2025: Entwarnung?
Gegenüber dem Fachmagazin BioWelt erklärte Räder vergangene Woche, die hohe Abfindung sei vom Tisch und die Gemeinnützigkeit von Naturland nicht gefährdet. Man arbeite an einer rechtssicheren Einigung.
Das brauchen wir eigentlich nicht. Es ist aber zu sehen, dass die Bio´s auch nur Menschen sind.
Ich hoffe, dass die Biobranche davon keinen Schaden nimmt. Die Erzeugung und die Produkte stellen einen Beitrag zur Gesundheit von Mensch und Natur dar, in die viele Bäuerinnen und Bauern, Verarbeiter und Händler ihr Herzblut stecken.
Naturland wünsche ich, dass es ihnen gelingen möge, die Schwierigkeiten aufzuarbeiten und ein würdiges Mitglied der Verbändegemeinschaft zu bleiben.
Ingo Berthold Vorstand Verbund Ökohöfe