Die Endverbraucher gehen oftmals davon aus, dass in der Bio-Branche auch faire Löhne gezahlt werden. Jedoch: „In Bio ist nicht alles schön und schöner, als in anderen Bereichen. Da ist sicher einiges schief gelaufen“, sagte Thomas Börkey-Biermann, Geschäftsführer des Bio-Großhandels Ökoring, anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema „Wofür Bio steht: Faire Preise, faire Löhne“ auf der Fachmesse BioSüd Ende September. Schnell wurde klar: Auch in Teilen der ökologischen Landwirtschaft sorgt (Selbst-)Ausbeutung für billige Lebensmittel.
„Ich selber kann mir keinen Mindestlohn auszahlen. Meinen Bio-Anbau finanziere ich mit meinem anderen Job, dem Vertrieb von Software und Service“, sagte Lucia Birkmeir, die auf ihrem bayerischen Bio-Betrieb Kräuter anbaut und sich in der Jungen AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) engagiert. „Wenn ich in zwei Jahren noch keine schwarzen Zahlen schreibe, muss ich überlegen, ob ich weitermache.“ Größter Knackpunkt: „Die Erzeugerpreise passen auch bei Bio nicht.“
„Faire Erzeugerpreise werden vom Handel einfach nicht akzeptiert, im Bio-Bereich ist es sicher ein bisschen besser. Aber die großen Player arbeiten genauso mit den Bio-Erzeugern wie im konventionellen Bereich. Da brauchen wir uns nichts vormachen“, gab Börkey-Biermann zu bedenken. Bio-Produkte würden sich durch höhere Erzeugerpreise verteuern, was zwar absolut gerechtfertigt sei, allerdings akzeptieren schon jetzt Endkunden den Bio-Aufschlag nicht. Dabei gehe es auch um die angestellten Mitarbeiter auf den Bio-Höfen, die es fair zu behandeln und vor allem zu entlohnen gilt. Doch hier läge einiges im Argen. „Schaut man diesbezüglich im Bio-Bereich ein bisschen genauer hin, bin froh, wenn mich keiner fragt. Gewisse Mindestanforderungen an Bio sollte man in der heutigen Zeit gar nicht mehr diskutieren, weil es langsam peinlich wird.“
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Billige Bio-Lebensmittel „dank“ Ausbeutung?!
Der Trend zu weniger und dafür größere landwirtschaftliche Betriebe sei bei Konventionell und Bio weiter ungebrochen. Dem einher gehen mehr Angestelltenverhältnisse auf den Höfen. Der Bauernverband forderte im Zuge der diesjährigen Erhöhung Ausnahmen des Mindestlohns für Saisonarbeiter, die allerdings rechtlich nicht zulässig ist. „Mindestlohn-Ausnahmen für Saisonkräfte in der Landwirtschaft sind nach einer Prüfung des Bundesagrarministeriums rechtlich nicht möglich. Dies ergebe sich etwa aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz im Grundgesetz, teilte das Ressort mit. Der Mindestlohn sei als absolute Untergrenze gesetzlich verankert. Dies gelte für alle Jobverhältnisse, auch für kurzfristig Beschäftigte und Saisonkräfte“, heißt es dazu auf tagesschau.de.
Wenn die Ausnahme auch nicht kam, könnten laut Birkmeir vor allem große Betriebe den Mindestlohn „kreativ“ umgehen. „Es gibt Betriebe, die können sich den Mindestlohn frei zurechtbasteln. Die berührt die Debatte um den Mindestlohn nicht im Entferntesten.“ Dort sei es egal, ob er erhöht wird, denn für Werkswohnungen, Kost und Logis könne man genau das wieder abziehen, was man nicht auszahlen wolle. „Am Ende schreiben sie dadurch die Höhe des Mindestlohns selbst fest – und wir profitieren, weil wir dadurch sehr billige Bio-Lebensmittel bekommen“, so Birkmeir, die nachlegte: „Das sind Personen aus verschiedenen Ländern mit kurzer Bleibedauer in Deutschland. Die sind nur hier, um zu arbeiten, schnell Geld zu verdienen und wieder nach Hause zu fahren. Das nutzen wir alle sehr aus.“
Gerade bei saisonalen Arbeitskräften aus dem Ausland müsste die gewerkschaftliche Arbeit deutlich ausgeweitet werden. Lobend erwähnte sie die Initiative Faire Landarbeit der zuständigen Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. „Ich würde mir wünschen, wenn Verbände und der Handel sagt, wir arbeiten da mit. Wir setzen uns dafür ein, dass die ausländischen Arbeitskräfte nicht ausgebeutet werden. Das ist einer der Punkte, für die wir stehen. Und wir kontrollieren, ob die Großbetriebe Teil dieser gewerkschaftlichen Organisation sind.“ Dies sei einerseits ein großer persönlicher Traum, auf der anderen Seite seien dann auch kleine und mittelständische landwirtschaftliche Betriebe wieder konkurrenzfähig. Für alle würden dann die gleichen Spielregeln gelten. „Eigentlich wollen wir diese Vielfältigkeit ja“, stimmte Börkey-Biermann prinzipiell zu. „Für die kleinen wird es immer schwieriger.“
Doch so recht verfing Birkmeirs leidenschaftlicher Appell für die soziale Gerechtigkeit noch lauter zu trommeln nicht bei ihren Mitdiskutanten. Vieles sei in der Praxis nicht umzusetzen. In Börkey-Biermanns Segment bräuchte es – „Wettbewerb hin oder her“ – einen Schulterschluss aller Bio-Großhändler. Dann habe man in der Bio-Branche eine minimale Chance, doch man würde bereits am Grundsatz scheitern: „Gemeinsamkeiten unter den Großhändlern gibt es aber nicht. Das ist leider so.“
Zusätzliche Fair-Kontrolle!?
Biokreis-Geschäftsführer Simon Krischer riet, an dieser Stelle nicht zu pessimistisch zu sein. „In der Sache sind wir uns alle einig, dass es wünschenswert und richtig ist. Darüber zu diskutieren wäre lächerlich.“ Die Frage sei „nur“ wie verpflichtende soziale Standards Einzug halten und kontrolliert werden können. Einem zusätzlichen Zertifikat oder noch mehr zu kontrollierende Regeln in den Richtlinien, die den Aufwand und damit die Zertifizierungskosten erhöhen, erteilte er eine Absage.
Die Anbauverbände und die soziale Verantwortung
Die Richtlinien der Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis formulieren soziale Standards, die einzuhalten sind. Meist sind diese zumindest in Deutschland bereits gesetzlich vorgeschrieben, wie Mindestlohn für alle Beschäftigten, freiwilliges Arbeiten, die Freiheit sich zu organisieren.
Als in 60 Ländern aktiver Anbauverband hat Naturland Sozialrichtlinien definiert, die entsprechend kontrolliert werden. Darüber hinaus gibt es mit „Naturland fair“ eine zusätzliche Zertifizierung, die auf den entsprechenden Produkten offen ausgelobt wird. In den Richtlinien heißt es bei Punkt 1.3.1.: „Der faire Preis muss es Erzeugern in jedem Fall ermöglichen, Beschäftigten (auch in Saisontätigkeiten) mindestens den festgesetzten nationalen Mindestlohn zu bezahlen, wie in den Naturland Sozialrichtlinien festgelegt, Zielwert sind existenzsichernde Löhne. Maßstab sind die in der Region üblichen durchschnittlichen oder die individuellen Produktionskosten. Zudem wird ein angemessener Gewinn (Aufschlag) für entsprechende Zukunftsinvestitionen und faire Einkommen berücksichtigt.“
Biokreis bietet die zusätzliche Zertifizierung „regional & fair“, bei der weitere freiwillige soziale Kriterien wie das Einbinden benachteiligter Menschen im Betrieb und mehr einfließen können und somit sichtbar gemacht werden.
Auch Verbund Ökohöfe misst der sozialen Gerechtigkeit eine hohe Bedeutung zu, und mahnt in seinen Richtlinien Gesetze einzuhalten. Zudem ist dort zu lesen: „Basiert die Erzeugung in einem Betrieb auf grober sozialer Ungerechtigkeit oder grober Missachtung der Gesetze, werden die Betriebe von der Anerkennung durch den Verband ausgeschlossen.“
„Der Weg geht über die Wertschätzung des finalen Produkts. Wenn die Konsumentin, der Konsument ein teures Smartphone kauft, und mit der selben Selbstverständlichkeit und Freude genauso viel in Lebensmittel investiert, dann ist es am Ende machbar“, so Krischer. Darin sehe er als Verband Herausforderung und Mission. Entscheidend seien eine entsprechende Kommunikation und Marketing. Letztendlich nahm er auch die Endkonsumenten mit in die Pflicht. Als Bürger fordern diese hohe soziale Standards, doch als Kunde entscheiden sie sich am Regal dann doch oftmals für das billigste Produkt.
Überraschenderweise erwähnte Börkey-Biermann die Gemeinwohl-Ökonomie mit keiner Silbe, obwohl sein Unternehmen seit 2011 entsprechend zertifiziert ist. In diesem Zuge werden auch innerbetriebliche soziale Standards abgefragt und bewertet. Am Ende steht eine öffentlich einsehbare Bilanz sowie Bericht, welchen Beitrag ein Unternehmen für das gesellschaftliche Gemeinwohl leistet.
Tarife und Betriebsrat bei Biokreis und Ökoring
Es gäbe durchaus Konzerne, die Sozialstandards problemlos erfüllen und auf der anderen Seite jede Menge Unternehmen, die Tarife oder Mitbestimmungsformen, wie einen Betriebsrat, ablehnen – auch in Teilen der Bio-Branche. So Detlef Harting, Moderator der Diskussion, der auch aus eigener Erfahrung berichten konnte. Vor Jahrzehnten rief er in einem Bio-Unternehmen mit damals 80 Mitarbeitern einen Betriebsrat ins Leben. Beliebt habe er sich salopp formuliert bei der Geschäftsführung damit nicht gemacht. Wie es in Sachen Tarife und Betriebsrat beim Bio-Großhandel Ökoring und wie beim Anbauverband Biokreis aussehe, wollte er wissen.
Auch wenn es als Unternehmer schmerzlich war, hätten vor Jahren zu recht seine Mitarbeiter Tariflohn gefordert, erklärte Börkey-Biermann. „Es gibt Menschen, die in einem Verband arbeiten und ein großes Problem mit den Worten Marketing und Unternehmen haben“, so Krischer. Er komme aus dem Unternehmertum und gehe nicht ausschließlich aber auch mit der entsprechenden Perspektive ran. „Themen wie Betriebsrat oder Tariflöhne sind per se keine Problemlöser, können eventuell an der einen oder anderen Ecke und Moment nützlich und gut sein. Mir ist es persönlich in meiner Laufbahn noch nicht untergekommen, dass ich positive Erfahrungen damit gemacht habe. Ich glaube auch, dass es auf andere Sachen ankommt, auf eine Art des Miteinanders, die natürlich sehr individuell und an Menschen gebunden ist. Ich würde eher den individuellen Weg gehen.“





Wie soll Landwirtschaft fair gehen, wenn der Markt und die Preise nicht fair sind?
Im Grunde genommen subventionieren Bäuerinnen und Bauern und über diese auch die Mitarbeitenden die Lebensmittel und im konventionellen auch noch die Natur.
Lebensmittel sollten den Erzeugungspreis und den Preis der Naturbelastung mit einpreisen aber auch Umweltmaßnahmen..
Das wir unseren Job gerne machen heißt nicht, dass wir uns und Andere und die Natur gerne ausbeuten.
Die Subvention sollten Geringverdienende bekommen um sich faire Lebensmittel kaufen zu können.
Ob sie das dann auch machen?
finde ich, Ingo Berthold, Landwirt