Bio? Logisch!

Billig und bio: Zwei Corona-Gewinner

Die Covid-19 Pandemie hat viele Pläne durcheinander gewirbelt. Edeka Südwest hatte für 2020 das Jahr von bio ausgerufen und eine Umsatzsteigerung bei Biolebensmitteln von zehn Prozent angepeilt – es sind 30 Prozent geworden. Doch nicht zuletzt die Senkung der Mehrwertsteuer hat den ohnehin im deutschen Lebensmittelhandel herrschenden Preiskampf weiter angeheizt. Jürgen Mäder, Geschäftsführer der Edeka Handelsgesellschaft Südwest mbH und Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der Edeka Südwest eG, spricht von einer neuen „Grundaggressivität.“

Die gute Nachricht vorweg: Edeka Südwest wird dank der verstärkten Nachfrage während der Pandemie noch in diesem Jahr einen Umsatzanteil von zehn Prozent bei Biolebensmitteln erreichen, derzeit sind es 9,4 Prozent. Im Einzelhandel hatte der Genossenschaftsverbund 2019 einen Umsatz von 1,548 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das Bio-Sortiment umfasst derzeit über 2.800 Artikel, bei Obst und Gemüse setzt man vollständig auf Verbandsware.

„Natürlich sind wir Lebensmittelhändler Gewinner der Krise“, gibt Mäder offen zu, aber: „Langsam und vor allem gesund zu wachsen ist die bessere Alternative. Seit Monaten haben wir unter unseren Mitarbeitern eine große Unruhe im Haus.“ Die Kombination aus mehr Arbeit und weniger Urlaub hinterlasse ihre Spuren. Manche Kunden seien ehrlich dankbar den Mitarbeitern im Markt gegenüber, dennoch sei auch eine gewisse Aggressivität zu spüren.

Doch im Großen und Ganzen habe man die Corona-Pandemie bislang gut bewältigt. So erinnert er sich noch an einen Samstag Mittag im März. Mäder besuchte Großhandelslager, auch um den Mitarbeitern für ihren Einsatz zu danken, als er einen Anruf von Markus Mosa, Vorstandsvorsitzender der Edeka AG, erhielt. „Wahrscheinlich müssen wir am Montag unsere Märkte schließen und Lebensmittelpakete zusammenstellen, die die Bundeswehr verteilt. Solche Pläne gab es im Hintergrund“, sagt Mäder ernst.

Mehr Verpackung, schneller einkaufen

Die Lebensmittelhändler waren vom teilweisen Shutdown in Deutschland nicht betroffen und konnten nach wie vor öffnen. Doch das Einkaufsverhalten habe sich vielfach geändert. Die meisten werden an die Bilder von leer gefegten Regalen denken. In den Hochzeiten der Hamsterkäufe habe man bei Edeka Südwest Mehl in 25-Kilo-Säcken aus dem Bäckereigroßhandel direkt an die Endkunden verkauft und in einer Woche wechselten 25 Tonnen Hefe die Besitzer.

Der Trend gehe eindeutig wieder zu verpackten Waren. Loses Obst, Gemüse, Käse und Fleisch von der Bedientheke seien die Verlierer. Unter Pandemie-Bedingungen mögen es Kundinnen und Kunden hygienisch, genaue Zahlen hierzu möchte das Unternehmen auf Nachfrage allerdings nicht nennen. Die Verweildauer in den Märkten habe sich sichtlich verkürzt. Edeka Südwest verzeichnet mindestens einen Einkaufsintervall weniger bei seinen Kunden. „Wir rechnen damit, dass wenigstens ein Fünftel auch nach der Pandemie dieses Verhaltensmuster beibehalten.“

Billig bleibt beliebt

Der ohnehin oftmals mit harten Bandagen ausgetragene Wettbewerb im Lebensmittelhandel habe durch die Senkung der Mehrwertsteuer weiter zugenommen. Vor allem in der Werbung habe der billigste Preis enorm im Fokus gestanden – Qualität und ethische Werte hätten auch angesichts erhöhter Nachfrage nach Biolebensmitteln an Aufmerksamkeit verloren.

Zur Wahrheit gehört, dass es bei Edeka Südwest laut Mäder 2018 keine zufriedenstellende Umsatzentwicklung mehr gab. Daher hatte man bei über 1.000 Artikeln die Preise nach unten gedrückt, um sich näher an den Discountern zu positionieren. „Wir mussten in den Preis investieren“, nennt er es und und führt weiter aus: „Die Preissensibilität ist ein hohes Gut bei den Verbrauchern.“ So wirbt Edeka heute offensiv mit Preiseinstiegsprodukten auch bei Obst, Gemüse und Fleisch. „Wer mich kennt weiß, ich stehe für hohe Werte. Aber man kann dabei auch in Schönheit sterben.“ Auf Nachfrage teilt Edeka Südwest schriftlich mit: „Der Preis ist für viele Verbraucher ein wichtiges Kriterium, weshalb wir grundsätzlich wettbewerbsfähige Preise bieten. In der Werbung haben wir natürlich ein Interesse daran, auch dazu prägnante Botschaften zu senden, unter anderem mit unserer Kampagne ‚Preissturz‘. Bei aller Vereinfachung steht Edeka aber insbesondere für Qualität, Vielfalt, Frische sowie auch Regionalität und Nachhaltigkeit.“

Ausgerechnet die Werbekampagne zum 100jährigen Jubiläum der Regionalgesellschaft Edeka Minden-Hannover ging Anfang des Jahres gehörig schief. In der Nacht zum 27. Januar hatten Landwirte daraufhin mit ihren Traktoren ein Großlager der Handelskette Edeka in der Nähe von Oldenburg blockiert, wie unter anderem die dpa meldete. Anlass war ein Werbeplakat mit dem Spruch „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“. Gemeint war allerdings die Stadt Essen nahe Cloppenburg – auch in anderen Gemeinden hatte es entsprechende Plakate mit den jeweiligen Ortsnamen gegeben. „Wir haben es übertrieben. In dieser Form werden wir nicht mehr werben“, sagt Mäder reumütig. Beobachter könnten meinen, Mäder sei zwischen zwei Werbeslogans gefangen: „Wir lieben Lebensmittel“ und „Geiz ist geil“.

Der Vortrag fand am 29.09.2020 im Rahmen der Mitgliederversammlung der Interessengemeinschaft FÜR gesunde Lebensmittel in Fulda statt.

1 Kommentar zu “Billig und bio: Zwei Corona-Gewinner

  1. Bedenklich

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