Bio? Logisch!

Auf dem rechten Auge wachsam

Querdenken, extremer Verschwörungsglauben und rechte Ideologien machen nicht an den Toren der Bio-Branche halt. Bioland möchte es vermeiden, Menschen mit solchem Gedankengut als Mitglieder aufzunehmen und hat dazu im Frühjahr 2020 die Arbeitsgruppe rechte Tendenzen ins Leben gerufen. Gerald Wehde, Geschäftsleiter Agrarpolitik und Kommunikation, und Leonie Höber von der Bioland Beratung geben Einblicke in ihre Arbeit und appellieren an die Branche das Thema ernst zu nehmen.

Ein Großteil der Kundschaft denkt bei ökologischer Landwirtschaft wohl als erstes an eine artgerechtere Tierhaltung, den Verzicht auf Kunstdünger, Pestizide und dergleichen. Warum ist es nötig, – ich zitiere von der Internetseite – den „Bioland-Verband vor rechtsextremer Einflussnahme, rechten Tendenzen, Personen sowie Netzwerken aus diesem Milieu zu schützen“? Womit zieht die ökologische Landwirtschaft und speziell der Bioland-Verband Menschen mit solchem Gedankengut an?

Gerald Wehde: Man muss es umgekehrt betrachten. Rechtsextreme verstehen sich selbst als Natur- und Umweltschützer, haben diese Bereiche schon früh besetzt, es gibt also gewisse historische Wurzeln. Die Stichworte dazu lauten beispielsweise: Heimatschutz- und Lebensreformbewegung, oder „Blut-und-Boden-Ideologie“. Daher findet man Slogans, wie „Klimaschutz ist Heimatschutz“ in völkischen Bewegungen. Auch wenn deren Beweggründe ganz andere sind, nehmen sich einige der extremen Rechten Natur- und Umweltthemen an, wodurch die Prinzipien des ökologischen Landbaus teilweise anschlussfähig für rechte Gesinnung sind.

Bioland gehören derzeit rund 8.500 Mitgliedsbetriebe an. Selbst wenn einzelne Akteure mit rechtem Gedankengut es schaffen dem Verband beizutreten oder bereits (ideologisch unerkannt) Mitglieder sind, haben doch deren Stimmen in der innerverbandlichen Arbeit im Endeffekt kein Gewicht. Mit ihrer Weltanschauung sind sie deutlich in der Minderheit. Folglich nehmen sie auf die Richtlinien sowie politische Ausrichtung von Bioland absolut keinen Einfluss, die ja in demokratischen Prozessen bestimmt werden. Wo sehen Sie eine konkrete Gefahr für den Verband?

Gerald Wehde: Es ist nicht vorstellbar, dass Menschen mit rechtem Gedankengut in entscheidende Positionen gelangen oder gar in irgendeiner Form den Verband übernehmen. Wir sind auch nicht mit einer Welle an Fällen konfrontiert. Dennoch nehmen wir Ausdehnungs-Tendenzen der rechten Szene wahr und wollen dem etwas entgegensetzen.

Daher sind wir vorsorglich aktiv, schulen beispielsweise unsere Berater*innen, damit wir Rechtsextreme schon früh als solche erkennen und gar nicht erst aufnehmen. Das hat in Einzelfällen bereits gefruchtet, wir haben Bewerber*innen aus diesem Grund abgelehnt. Die Bio-Anbauverbände haben ja den Vorteil, nicht jeden aufnehmen zu müssen und sollten davon in solchen Fällen auch Gebrauch machen. Diese Freiheit haben die EU-Bio-Kontrollstellen nicht, selbst wenn sie von rechtsextremen Tendenzen, Verschwörungsglauben oder ähnlichem erfahren. Wer die Richtlinien einhält, muss auf Antrag auch zertifiziert werden und hat damit das Recht, einen Bio-Betrieb zu führen.

„Der Verband ist parteipolitisch, weltanschaulich und konfessionell unabhängig. Bioland tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen. Der Verein tritt Bestrebungen entgegen, welche die ökologische Landwirtschaft mit solch extremem Gedankengut verbinden.“

Satzung Bioland

Leonie Höber: Rechte Ideologien sind mit den Bioland-Werten nicht vereinbar und haben keinen Platz bei uns. Nicht umsonst haben wir seit 2012 einen entsprechenden Passus in unserer Satzung. Wir möchten ausschließen, dass solches Gedankengut bei uns verbreitet wird. Gerade völkische Siedler*innen treten häufig zunächst bewusst unpolitisch auf, übernehmen leerstehende Höfe auf dem Land und integrieren sich in die Dorfgemeinschaft – scheinbar die nette Nachbarschaft von nebenan. Erst nach und nach packen sie ihre rechte Ideologie aus und versuchen sie zu verbreiten. Diese sich im ländlichen Raum abspielende, große Gefahr macht nicht zwangsläufig vor der Bio-Branche halt.

Wenn solche potenziellen Neumitglieder bewusst unpolitisch auftreten, woran erkennt Bioland, dass jemand nicht zum Verband passt? Gibt es eine Art ideologischen Eignungstest?

Leonie Höber: Neben eindeutigen Symbolen findet man auch in der Rhetorik Anhaltspunkte. Manchmal gibt es auch Hinweise aus der Nachbarschaft oder aus anderen Betrieben – so fallen die Bewerber*innen vielleicht in Gesprächen durch bestimmte Kommentare auf.

Für solche Anzeichen gilt es, unsere Berater*innen zu sensibilisieren und weiterzubilden. Dafür haben wir einen entsprechenden Leitfaden erstellt. Im vergangen Jahr haben wir, unterstützt durch die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN), eine Grundlagenschulung veranstaltet. Auch die Querdenken-Bewegung und deren Anhänger der extremen Rechten sowie mangelnde Abgrenzung zum Rechtsextremismus war dabei ein wichtiges Thema. Darüber hinaus haben wir mit der Initiative Gegenargument ein Argumentationstraining durchgeführt, um die Teilnehmenden für etwaige Diskussionen zu stärken – und gemeinsam zu erarbeiten, ab welchem Punkt ein Dialog keinen Sinn ergibt und man sich schlicht abgrenzen sollte. Einige Schulungstermine waren auch über den Bioland-Verband hinaus geöffnet. So haben beispielsweise Berater*innen anderer Bio-Verbände oder Mitarbeiter*innen von Bio-Läden teilgenommen.

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Was sind neben den Schulungen weitere Aufgaben der Arbeitsgruppe rechte Tendenzen?

Leonie Höber: Wir sind für den Bioland-Verband eine zentrale Anlaufstelle, an die man sich beispielsweise per E-Mail (gegenrechts@bioland.de) bei Fragen und konkreten Hinweisen wenden kann. Bei Bedarf vermitteln wir den Kontakt zu professionellen Beratungsangeboten, wie die bundesweit tätige Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus. Die Verantwortlichen haben ein gutes Wissen über die jeweiligen Regionen und kennen die dort aktiven rechten Akteur*innen.

Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich eine lautstarke Minderheit der „gesellschaftlichen Mitte“ zusehends (verbal) radikalisiert. Hat das auch Bioland zu spüren bekommen?

Gerald Wehde: Wir sind als größter Bio-Anbauverband in Deutschland auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Insofern sind auch wir mit Impfgegner*innen und vereinzelt auch Corona-Leugner*innen konfrontiert. Bei auffälligen Betriebsleiter*innen sucht der jeweilige Landesverband das Gespräch. Auch wenn sich dadurch am Status der Mitgliedschaft erst mal nichts ändert – weil die Aussagen etwa nicht gegen Verbandsrichtlinien verstoßen und von der Meinungsfreiheit abgedeckt sein mögen – gilt es, deutliche Signale zu setzen und Vorfälle dieser Art nicht einfach laufen zu lassen.

Leonie Höber: Durch unsere klare Haltung und das direkte Konfrontieren möchten wir es solchen Mitglieder*innen auch ungemütlich machen und klar aufzeigen, dass sie im Verband mit ihren Ansichten bei weitem keine Mehrheit finden.

Wie wird Bioland ein unerwünschtes Mitglied wieder los?

Gerald Wehde: Die Satzung sieht vor, Mitglieder bei gegenüber dem Verband schädigendem Verhalten auszuschließen. Damit es dazu kommt, muss Bioland entsprechende Äußerungen zweifelsfrei nachweisen, was nicht immer einfach ist. Wäre jemand in einer vom Verfassungsschutz entsprechend eingestuften Organisation aktiv, wäre der Fall klar und eindeutig. Demgegenüber ist die Grauzone, was von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, groß. „Nur“ krude Theorien zu verbreiten, reicht für einen Ausschluss nicht aus. Aufgrund rechter Tendenzen haben wir bislang noch keinem Mitglied gekündigt, wir haben einen solchen Prozess also noch nicht durchexerzieren müssen.

Wurden die bestehenden Mitglieder bezüglich eventueller rechter Tendenzen unter die Lupe genommen oder ist so etwas in der Art künftig vorgesehen?

Leonie Höber: Wir hatten eine Umfrage initial geplant, um uns einen Überblick über entsprechende Vorkommnisse und Tendenzen zu verschaffen. Damit sind wir auf Leitungsebene gestartet. Allerdings haben wir schnell gemerkt, dass es vielversprechender ist, zunächst auf breiter Ebene zu dem Thema zu sensibilisieren und dadurch Bewusstsein zu schaffen.

Gerald Wehde: Wir wissen natürlich nicht von jedem einzelnen der Bestandsmitglieder, ob es rechtem Gedankengut oder dergleichen anhängt. Eine Art „Gesinnungstest“ bei über 8.500 landwirtschaftlichen Betrieben und Lebensmittelherstellern werden wir nicht durchführen. Vielmehr möchten wir, dass unsere Mitglieder ihre Augen offen halten und sich bei Bedarf an die Arbeitsgruppe wenden. Bei Verdachtsfällen oder konkreten Hinweisen schalten wir dann den jeweiligen Landesverband ein, damit dieser der Sache auf den Grund gehen und entsprechende Gespräche führen kann.

Als Bio-Branche stehen wir insgesamt in der Verantwortung und nicht nur Bioland. Das spreche ich auch beim Dachverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) an und bringe unsere bisherigen Erfahrungen ein. Die Botschaft lautet: Nehmt das Thema ernst!

Kommt die Botschaft an?

Leonie Höber: Wir überlegen aktuell, gemeinsam mit anderen Akteur*innen der Bio-Branche, wie wir das Thema voranbringen und besser in allen Verbänden verankern können. Da befinden wir uns noch mitten im Prozess.

Gerald Wehde: Das Thema sollte bei den angeschlossenen Verbänden und Organisationen nach innen gelebt werden. Die dafür notwendigen Strukturen gilt es zu diskutieren.

Leonie Höber: Diesbezüglich ist auch – zusätzlich durch die Pandemie befeuert – einiges passiert. Im letzten Jahr hatte beispielsweise das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft (dort gibt es seit 2016 eine Arbeitsgruppe rechte Tendenzen, Anmerkung Jens Brehl) zur Tagung „Kartoffel, Kürbis, Vaterland – Landwirtschaft aus rechter Hand?“ eingeladen. Auch wir haben unsere Schulungen für außerverbandliche Teilnehmer*innen geöffnet, um die Sensibilisierung in die gesamte Bio-Branche auszudehnen. Anfang letzten Jahres haben wir gemeinsam mit dem BÖLW eine Veranstaltung zum Thema „Rechtsextremismus? Nein danke! Für Vielfalt und Toleranz im Ökolandbau“ organisiert. Die Brisanz des Themas ist also durchaus in der Bio-Branche angekommen.

Nun sind ja rechte Tendenzen in der ökologischen Landwirtschaft kein neues Phänomen, wie Sie selbst sagen. Warum hat Bioland erst im Frühjahr 2020 die Arbeitsgruppe ins Leben gerufen?

Gerald Wehde: Für so etwas ist es natürlich nie zu früh. Aber immerhin sind wir der erste Bio-Anbauverband, der das Thema strukturiert angegangen ist. Unsere ersten Erfolge und die große Aufmerksamkeit für unser Engagement, bestärken uns in der Überzeugung, dass der Zeitpunkt dazu der richtige war.

Hinweis: Auf ausdrücklichen Wunsch von Leonie Höber und Gerald Wehde wird im Text mit Sternchen gegendert. Dies soll verdeutlichen, dass alle angesprochen sind.

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