Bio? Logisch!

„Auch mir wäre es lieber, wenn alles durchgängig bio ist“

Für den Bio-Weinbau steht kein ökologisches Pflanzmaterial parat. Dabei ist ab 1. Januar 2037 Schluss mit konventionellem Saat- und Pflanzgut in der ökologischen Landwirtschaft: Dann erlaubt die EU-Öko-Verordnung keine Ausnahmen mehr. Wie es diesbezüglich mit dem ökologischen Weinbau weitergehen kann, und warum man für guten Bio-Wein auch den Blick auf den Boden richten sollte, erklärt im Interview Georg Forster, Vorstandsvorsitzender Ecovin – Bundesverband Ökologischer Weinbau.

Georg Forster, Vorsitzender Ecovin, mit einem Glas Bio-Wein in der Hand
Seit 2024 Vorsitzender von Ecovin: Georg Forster
Bild: Daniel Keil

Inwieweit kommt im deutschen Bio-Weinanbau konventionelles Pflanzmaterial zum Einsatz?

Ökologisches Pflanzmaterial ist im Bio-Weinbau bereits seit 2015 vorgeschrieben. Allerdings regelt eine Landesverordnung eine generelle Ausnahme, weil es schlicht keine ökologisch erzeugten Reben in der benötigten Qualität gibt. Daher müssen Winzerinnen und Winzer keinen Antrag stellen, um konventionelle Reben zu pflanzen. Lediglich die jeweils zuständige Bio-Kontrollstelle ist zu informieren.

Warum gibt es zwar seit Jahrzehnten Bio-Weinbau aber keine ökologisch erzeugten Reben?

Um den Schädling Reblaus abzuhalten, werden auf entsprechend resistente amerikanische Unterlagsreben das Edelreiß – also die eigentliche Rebsorte – gepfropft. Um die Setzlinge in der Treibkiste anschließend vor Bakterien und damit vor Pflanzenkrankheiten zu schützen wird ein Desinfektionsmittel eingesetzt, welches in der ökologischen Landwirtschaft nicht zugelassen ist. Daher gelten die Reben als konventionell. Nicht nur Setzlinge könnten beim Verzicht auf das Mittel eingehen, auch nach Jahren im Weinberg kann es aufgrund von Vorerkrankungen zu Ausfällen kommen. Im schlimmsten Fall stirbt die Rebe ab. Daher ist gesundes Pflanzmaterial entscheidend.

Kann dann wenigstens das Edelreiß ökologisch erzeugt sein?

Vorgeschrieben ist es nicht. Zudem wäre es ja auch nur die halbe Miete, da die Rebe letztendlich nicht ökologisch anerkannt ist.

beenhere

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Dann muss man der Kundschaft, die aus ökologischen Gründen ganz bewusst zum Bio-Wein greift, erklären, dass es beim Bio-Weinanbau kein Bio von Anfang an gibt. Jede Flasche Bio-Wein im Einkaufskorb ist ja auch ein Statement gegen konventionelle chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel.

Wenn eine Rebe gepflanzt wird, trägt sie nach drei Jahren die ersten Früchte. Vorher, in der Zwischenzeit und auch danach wird der Weinberg vollkommen ökologisch bewirtschaftet. Dann kommen lediglich die im Öko-Anbau erlaubten Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, konventionelle chemisch-synthetische Mittel sind tabu.

Ab 1. Januar 2037 schreibt die EU-Öko-Verordnung ökologisches Saat- und Pflanzgut vor, dann soll endgültig Schluss sein mit konventionellem Material in der ökologischen Landwirtschaft. Dann stünde doch der Bio-Weinbau vor dem Aus.

In dieser Hinsicht bin ich relativ entspannt. Konventionelles Pflanzmaterial im Bio-Weinbau gänzlich zu verbieten wäre fern der Realität, da es schlicht keine flächendeckenden Alternativen gibt. Daher ist mit entsprechenden Ausnahmen zu rechnen. Damit wir uns richtig verstehen: Auch mir wäre es lieber, wenn alles durchgängig bio ist. Denn ganz egal ist der Ursprung des Pflanzmaterials nicht.

Wäre es grundsätzlich möglich, gesunde und ertragreiche Reben ökologisch zu erzeugen, welche die Grundlage für eine hohe Bio-Weinqualität liefern?

Bis 2037 kann in dieser Hinsicht noch viel passieren, das sehe ich sehr optimistisch. Es käme unter anderem auf gezielte Versuche und Forschungen an, ob das unter Bio nicht zugelassene Desinfektionsmittel beispielsweise durch effektive Mikroorganismen ersetzt werden kann. Dann wäre auch die Frage, ob mikrobiomreiche Komposterde in den Treibkästen das bisher standardmäßig genutzte Gemisch von Torf und Sägemehl ersetzen und damit das Risiko von Pflanzenkrankheiten weiter reduzieren könnte. Rebveredler scheuen allerdings das wirtschaftliche Risiko, denn wer zahlt den Schaden, wenn Setzlinge eingehen oder bei Winzern Folgeschäden im Weinberg auftreten? Gefragt sind Lehranstalten und die Weinbauinstitute, um neue Ansätze zu erforschen.

Systemwechsel im Bio-Weinbau

Gäbe es noch weitere ökologische Möglichkeiten?

Man könnte die Unterlagsreben direkt im Weinberg vorpflanzen. Nach drei bis vier Jahren sind sie gut verwurzelt, erst dann würde das Edelreiß mittels Grünveredelung auf den kräftigen Stamm gepfropft. Auch hier könnte man auf das konventionelle Desinfektionsmittel verzichten. Eine solche Technik habe ich bei einer Exkursion zu einem Bio-Weingut im Elsass gesehen.

Das ist aber absolut kein Standard und klingt in der allgemeinen Praxis noch wie ein Hirngespinst. Es wäre aber durchaus denkbar, dass es auch in der Breite funktionieren könnte. Allerdings wäre das mit erheblichen Mehrkosten verbunden, der Preis für die Rebe wäre um ein vielfaches höher. Eine Rebe kann dann durchaus fünf Euro kosten. Auf einem Hektar stehen davon ungefähr 5.000 Stück, daher würde man statt zwischen 7.000 bis 8.000 Euro bei 25.000 Euro landen.

Sie sprechen von einem vollständigen Systemwechsel.

Grundsätzlich stört das Veredeln den Hormonhaushalt der Rebe extrem, was sie wiederum relativ anfällig gegenüber Pilzkrankheiten macht. Die Grünverdelung hingegen könnte den Hormonhaushalt weniger stark belasten. Ja, unter dem Strich wäre es ein kompletter Systemwechsel im ökologischen Weinbau.

Und dabei sprechen wir noch nicht vom wurzelechten Setzen, also dem Pflanzen der eigentlichen Rebe ohne Unterlagsrebe direkt in den Weinberg. Wir sind ja durch die Reblaus zum Veredeln gezwungen, wobei die Frage im Raum steht, ob das Problem mit dem Schädling, der durchaus im Boden lauert, noch so gravierend ist. Ab wann ist das Mikrobiom stimmig, sprich der Boden gesund genug, dass die Reblaus keinen Anlass hat die Reben zu befallen und die Reben generell für ihre Pflanzengesundheit mit Nährstoffen optimal versorgt und entsprechend resilient sind? Der Fokus muss wieder vermehrt auf dem Boden liegen, das ist das A und O.

Inwieweit ist Ecovin aktiv, um einen solchen Systemwechsel zu unterstützen?

Das ist ziemlich schwierig. Eine kleine Gruppe von 20 Bio-Winzern hat sich im Praxisnetzwerk Regenerativer Weinbau zusammengeschlossen, das Ecovin unterstützt. Herauszufinden, wie wir die Rebgesundheit im Gleichschritt mit vitalen Böden noch weiter erhöhen können ist das Hauptziel. Dafür gilt, es im System zu denken und die Kräfte der Natur begreifen. Das alles ist in meinen Augen wichtiger als die alleinige Frage nach ökologischem Pflanzgut. Im Bio-Weinbau wird mit Stoffen natürlichen oder lebensmittelnahen Ursprungs gespritzt: beispielsweise Schwefel, Kupfer, Backpulver, Molke. Davon würden wir aber gerne noch weniger einsetzen.

Viele landwirtschaftlich genutzte Böden werden vor allem vom Mikrobiom her immer ärmer, wodurch bestimmte Nährstoffe zu wenig oder gar nicht mehr freigegeben werden. Das schwächt die Reben ähnlich, als wenn Menschen mangelernährt sind. Auf unserem Weingut besprühen wir die Reben darüber hinaus seit gut drei Jahren mit Komposttee, was sie sichtlich stärkt. Unser Kompost ist reich an aeroben Mikroorganismen, die man in etwa mit gesunden Darmbakterien beim Menschen vergleichen kann. Wir müssen die Zusammenhänge in der Natur noch besser verstehen und den gesunden Boden wieder in den Mittelpunkt stellen: Es gilt Humus aufzubauen, der Boden muss auch in trockenen Zeiten genügend Wasser speichern können und so weiter. Die Rebe zu fördern, gar nicht mal in Richtung Maximalertrag, sondern in Sachen Weinqualität und Resilienz ist entscheidend.

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Über Ecovin Bundesverband Ökologischer Weinbau e.V.

Der Bundesverband Ökologischer Weinbau wurde 1985 gegründet, seit 1989 heißt er Ecovin. Er zählt derzeit 223 Mitgliedsbetriebe, die nach strengeren Kriterien als den Mindeststandard EU-Bio wirtschaften. Vorstandsvorsitzender ist seit 2024 Georg Forster, Mitglied im Verband ist er seit 1995. Das Weingut Forster aus Rümmelsheim (Nahe) betreibt seit 1994 dem ökologischen Weinbau, welcher sich mittlerweile auf 25 Hektar Rebfläche erstreckt.

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