Bio? Logisch!

„Ohne den Fachhandel gibt es kein Bio mehr“

Die Hauptprodukte der Spielberger Mühle Bio-Mehle und Bio-Haferflocken sind dank Drogerien und Discounter schon viele Jahre günstige Massenware. Als einer der letzten großen Markenhersteller ist Spielberger mit seinen vergleichsweise hochpreisigen Produkten dem Bio-Fachhandel weiterhin treu. Wie wirkt sich der Preisdruck von dm, Aldi & Co. aus? Reicht die Nische Bio-Fachhandel, um das Unternehmen zukunftssicher aufzustellen? Ein Besuch der Würzburger Flockenmühle und ein ausführliches Gespräch mit Geschäftsführer Volkmar Spielberger bringen Klarheit.

Volkmar Spielberger, Geschäftsführer Spielberger Mühle
Volkmar Spielberger blickt nicht nur für das Foto optimistisch in die Zukunft.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

In einem schmucklosen Industriegebiet im Würzburger Hafen entstehen hochwertige Bio-Lebensmittel. Denn dort ist Spielbergers Flockenmühle beheimatet, die seit 2014 zum Unternehmen gehört. In diesem Gebäude erblickten 1950 abgepackte Haferflocken als erstes offiziell zertifizierte Demeter-Produkt das Licht der Welt. Bereits 1986 begann die Kooperation zwischen der Georg Gehrsitz Haferflockenfabrik und der Spielberger Mühle. Das Würzburger Werk stand 2011 zum Verkauf, zu diesem Zeitpunkt hatte Spielberger bereits Anteile und übernahm schließlich komplett.

Das Geheimnis hinter locker flockig

Gebäude und Anlagen sind ein Mix aus 70er-Jahre-Charme und moderner Technik. Erst im vergangenen Jahr hat Spielberger 1,6 Millionen Euro in den Standort investiert: Tischausleser und die Verladung für Haferschälkleie wurden erneuert, ein Farbausleser ist neu hinzugestoßen. Von Montag bis Samstag werden rund um die Uhr in drei Schichten Getreidekörner sortiert, gereinigt, geschält und zu Flocken verarbeitet. Rund 50 Tonnen schafft die Flockenmühle täglich.

In der Produktionshalle ist es vor allem laut. „Man kann hören, welches Getreide gerade über den Flockenwalzenstuhl läuft“, erklärt Müllermeister Thomas Werner beim Rundgang. Derzeit treten Bio-Weizenkörner ihre Transformation zur Flocke an, die deutlich mehr „poltern“ als Haferflocken. „Wenn wir Braunhirseflocken produzieren, riecht es herrlich nach Popcorn.“ Von Dinkel über Roggen, Emmer, Gerste, Hirse, Erdmandel, Kamut, Quinoa, Einkorn, Buchweizen bis Amaranth reicht die weitere und extrem breite Palette an Getreide und Pseudogetreide, die in Würzburg zu Flocken verarbeitet wird. Mit einem Anteil von zwei Drittel bleibt Hafer das wichtigste Getreide. Für die Marke Spielberger Mühle mit dem Demeter-Siegel stammt der Bio-Hafer zu 85 Prozent aus Deutschland, den Rest steuern Österreich, Litauen und Tschechien bei. Zwei Flockenwerke sind unter dem Dach der Würzburger Produktionshalle im Einsatz, eines ist für die glutenfreien Produkte reserviert.

Thomas Werner am Flockenwalzenstuhl der Spielberger Mühle
Müllermeister Thomas Werner am Flockenwalzenstuhl.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Dampf macht die Getreidekörner vor dem Walzen geschmeidig und sorgt zudem für Haltbarkeit – ansonsten würden die Flocken schnell ranzig. „Um das letzte Quäntchen Aroma zu aktivieren, braucht es Wärme“, so Werner. Die kommt auch beim anschließenden Trocknen zum Einsatz. Ein herausragender geschmacklicher Charakter einer Getreideflocken ist demnach kein Zufall.

Auch die zum Unternehmen gehörende Mehlmühle im baden-württembergischen Brackenheim kombiniert Handwerk mit moderner Technik. Seit 1930 ist die Mühle im Besitz der Familie Spielberger, welche Volkmar Spielberger in dritter Generation führt. Bereits 1959 entstanden dort die ersten Bio-Mehle in Demeter-Qualität, seit 1984 wird ausschließlich Bio-Getreide verarbeitet. Von Montag bis Freitag rund um die Uhr in drei Schichten im Einsatz, kommen täglich 50 Tonnen Bio-Mehl zusammen.

Preisdruck und seine Folgen

Neben Ökoland ist die Spielberger Mühle abseits von Start-ups und Manufakturen einer der wenigen Bio-Lebensmittelhersteller mit seinen Markenprodukten (Spielberger Mühle: Demeter, Burgermühle: EU-Bio und Bioland) weiterhin exklusiv dem Bio-Fachhandel treu. Zwei Drittel seines Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen dort, über den Daumen gepeilt landet die Hälfte der Bio-Erzeugnisse in den Verkaufsregalen. Die restlichen Bio-Mehle und Bio-Flocken nehmen Bäckereien, weitere teigverarbeitende Unternehmen wie auch Müslimischer und Chrunchybäcker ab.

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In puncto Bio-Mehle und Bio-Haferflocken wird kein Preiskampf mehr geführt, sondern er ist im Grunde schon lange entschieden. Jeweils in Naturland-Qualität verlangt der Drogist dm für ein Kilogramm Bio-Haferflocken 1,55 Euro (Spielberger Mühle 375 Gramm 2,19 Euro) und für ein Kilogramm Bio-Weizenmehl Type 550 0,85 Euro (Spielberger Mühle ein Kilogramm 2,59 Euro). Solche Angebote könne man nicht losgelöst vom jeweiligen Absatzkanal und dessen Strategie bewerten, erklärt Volkmar Spielberger. Bei dm fände man bei der Bio-Eigenmarke keine kaufmännisch kalkulierten Vollkostenpreise, sondern: „Die Drogerien – und allen voran der Marktführer dm – nutzen Bio als Marketinginstrument.“ Kostenvorteile wie auf Frische und Kühlware zu verzichten und sich stattdessen auf das leichter zu handhabende und lange haltbare Trockensortiment zu konzentrieren, erklärt alleine die Preisunterschiede zum Bio-Fachhandel als Vollsortimenter nicht. Bevor Geld in Werbemaßnahmen fließt, werde es eher eingesetzt, um Bio-Lebensmittel günstiger anzubieten. Drogisten wie auch Discounter sprechen oft davon, Bio zu demokratisieren, indem sie Bio auch für schmale Geldbeutel möglich machen.

Zudem subventionieren die teureren Herstellermarken, welche auch bei dm zu finden sind, mit ihren höheren Margen in einer Mischkalkulation die günstigeren Eigenmarken des Handels. „Handelsmarken haben die Preisführerschaft zum Ziel, ansonsten braucht es sie nicht und es würde sie nicht geben“, so Spielberger. Gräbt er sich daher das eigene Wasser ab, indem er beispielsweise die Bio-Haferflocken für die Eigenmarke des Bio-Fachhändlers Dennree produziert? Die Eigenmarken seien schon lange kein Add-on mehr, sondern stünden auch im Bio-Fachhandel in den jeweiligen Produktsegmenten für steigende Mengen- und Umsatzanteile. „Wenn ich heute systemrelevanter Versorger für den Nischenmarkt Bio-Fachhandel bleiben will, kann ich mir innerhalb der Nische nicht auch noch die Rosinen rauspicken. Das ist bittere Realität. Wenn wir nicht für die Bio-Eigenmarken produzieren, verzichten wir auf ein Drittel des Absatzpotenzials.“

Der Preisdruck der Bio-Eigenmarken wirke sich selbstverständlich auf die Spielberger Mühle aus, gibt dessen Geschäftsführer unumwunden zu. „Wir stehen massiv unter Absatzdruck und verlieren Menge an den Drogeriemarkt.“ Mit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Jahr 2022 und deren hiesigen wirtschaftlichen Folgen wie horrend gestiegene Energiekosten, sind auch bewusste Bio-Konsumenten beim Lebensmitteleinkauf sparsamer geworden. „Bis zu einem Drittel Mengenabsatz hatten wir beim Demeter-Weizenmehl Type 550 verloren. Davon verkaufen wir auch heute noch weniger, als vor dem russischen Angriffskrieg.“

Innovationen als Ausweg

Spielbergers Stunde schlägt dann, wenn besondere Qualitäten und Spezialitäten gefragt sind. „Innerhalb von eineinhalb Jahren haben wir es geschafft, die weggebrochenen Mengen an Demeter-Weizenmehl Type 550 durch Demeter-Pizzamehl zu ersetzen.“ Ganz bewusst bietet die Spielberger Mühle das breiteste Bio-Sortiment an Spezialmehlen, wie Baguette-, Kartoffelbrot- und Roggen Schwarzbrotmehl. Ein weiterer und vor allem extrem ungewöhnlicher Clou: Auch in die Haushaltspackungen wandert hochwertige Profiqualität, wie sie Bäckereien benötigen. Das sorgt dann auch in der heimischen Küche für herausragende Backergebnisse. Daher sind Spielberger Mehle in der ambitionierten Hobbybäcker-Szene durchaus gefragt.

Volkmar Spielberger und Thomas Werner von der Spielberger Mühle mit Packungen Bio-Haferflocken in der Hand
Volkmar Spielberger (links) und Thomas Werner mit den neuen „Spezialflocken“.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Darüber hinaus präsentierte Spielberger zur diesjährigen Biofach High Protein Flocken (23 Prozent Protein ohne Zusätze), Darm Wohl Flocken (mehr Ballaststoffe) und Beta Glucan Flocken (gut für Cholesterinspiegel) als Neuprodukte. „Die Kundenbedürfnisse aller Zielgruppen müssen wir uns ganz genau anschauen, wie beispielsweise Longevity (gesundes, langes Leben – Anmerkung Jens Brehl).“

Spielberger Mühle weiterhin ausschließlich im Bio-Fachhandel

Im vergangenen Jahr landeten für 18,23 Milliarden Euro Bio-Lebensmittel in den privaten Einkaufskörben – ein Umsatzplus im Vergleich zu 2024 von 6,7 Prozent. Den meisten Umsatz erwirtschaftete das Duo Discounter und Drogerie: gemeinsam 7,09 Milliarden Euro. Mit satten 14,4 Prozent verzeichneten die Drogerien das größte prozentuale Umsatzwachstum. Der Bio-Fachhandel steuerte mit 3,33 Milliarden Euro ein Fünftel des gesamten Bio-Umsatzes bei, dessen Anteil prozentual noch weiter schrumpfen wird. „Der Bio-Fachhandel hält bei weitem nicht mit der positiven Marktentwicklung Schritt, sondern er erhält freundlich ausgedrückt seine Größe“, sagt Spielberger, der sich ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender Bundesverband Naturkost Naturwaren engagiert, und sich an dieser Stelle diplomatisch ausdrückt.

Der Strukturwandel ist seit Jahren in vollem Gange: Es schließen mehr inhabergeführte Bio-Läden, als neue eröffnen. Auch bei den Filialisten ist keine echte Dynamik erkennbar. Wie das Fachmagazin BioHandel meldet, haben im vergangenen Jahr alle Filialisten von Dennree über Alnatura bis zu Bio Company, ebl Naturkost, Aleco, SuperBioMarkt & Co. gemeinsam unter dem Strich fünf Einkaufsstätten geschlossen. Neue Filialen kamen lediglich bei Dennree und Alnatura hinzu, insgesamt betrachtet machten jedoch mehr Einkaufsstätten dicht. Zudem zeichnen sich die uneinholbaren Platzhirsche Dennree und Alnatura durch ihre eigenen Märkte bereits heute für gut einem Drittel des gesamten Umsatzes des Bio-Fachhandels verantwortlich – Tendenz steigend. Damit einher geht eine immer stärkere Marktmacht. In Gesprächen mit „über bio“ berichten seit Jahren verschiedene Bio-Hersteller, die namentlich nicht genannt werden möchten, von unfair empfundenen Handelspraktiken und Preisdruck seitens der Platzhirsche. Die Marktkonzentration werde zwar weiter zunehmen, den inhabergeführten Bio-Laden werde es auch zukünftig geben, ist sich Spielberger sicher. Die inhabergeführten Geschäfte seien oft flexibler und schneller darin, Produktinnovationen ins Sortiment aufzunehmen. Daher könnten sie Trends frühzeitig abbilden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Reicht Volkmar Spielberger diese Nische mit tendenziell immer weniger Playern, um seine Marken und damit auch sein Unternehmen zukunftssicher aufzustellen? So skeptisch der ihm gegenübersitzende Journalist ist, umso zuversichtlicher ist Spielberger. Der legt sogar noch eine Schippe drauf: „Ohne den Fachhandel gibt es kein Bio mehr.“ Den erstaunten Blick richtig interpretierend, erklärt der Geschäftsführer was er meint.

Ja, die Discounter hätten ihr Bio-Sortiment in den vergangen Jahren ausgebaut und stünden für erhebliche Mengen. Die Bio-Kundschaft würde ohne den Fachhandel nicht aussterben, aber die Vielfalt an Bio-Lebensmitteln würde deutlich leiden. „Das sind keine Überzeugungstäter, warum sollte das System Discount ohne den Konkurrent Fachhandel Bio fördern? Glauben Sie, dass der Bio-Kunde Aldi vorschreiben kann, was er anbietet“, kontert Spielberger mit Gegenfragen. Er ist überzeugt, dass im Falle eines Wegbrechens des Bio-Fachhandels gerade beim Discount am Ende die Standardisierung und Effizienz den Ton angeben würden, die die Arten- und Sortenvielfalt der ökologischen Landwirtschaft bei Weitem nicht abbildet. Die goldene Zeit der Anbauverbände sieht Spielberger im Discount bereits vorüberziehen: Bioland kooperiert mit Lidl, Naturland mit Aldi, Biokreis mit Netto. Zusehends würden in Spielbergers Augen billige Preise wichtiger als Verbandsqualitäten. Dabei halten die nach den Richtlinien der Anbauverbände zertifizierten Erzeuger deutlich strengere Kriterien in Sachen Umweltschutz und Tierwohl ein, als der Mindeststandard EU-Bio vorschreibt. Bio sei mehr als günstige Lebensmittel, sondern stehe für eine ökologische Transformation der gesamten Ernährungswirtschaft und damit für eine lebenswerte Zukunft.

„Der Bio-Fachhandel ist im positiven Sinn vor allem bei Vielfalt und Qualität die Avantgarde“, betont Spielberger, der ganz bewusst diesen Vertriebskanal mit seinen dort exklusiv erhältlichen Markenprodukten stärkt. Schwierig werde es, wenn selbst der Bio-Fachhandel sein Angebot (auf Schnelldreher) ausdünnt, das breite Spektrum der Arten- und Sortenvielfalt der ökologischen Landwirtschaft nicht mehr spiegelt, letztendlich nur noch die Mechanismen des konventionellen Lebensmittelhandels kopiert und sein Konzept dafür in erster Linie auf günstigste Preise ausrichtet. „Und diese Tendenzen sehe ich auch bei einzelnen Bio-Fachhändlern. Ohne besondere Qualitäten wäre der Bio-Fachhandel allerdings nur eine schlechte Kopie des konventionellen Systems.“

2 Kommentare zu “„Ohne den Fachhandel gibt es kein Bio mehr“

  1. Gudrun Ambros

    Sehr interessante Story! Anschaulich, guter Hintergrund, gut gemacht!

  2. Sehr, sehr spannender Einblick! Und auch noch einige interessante Produkte, die ich bald mal probieren werde.

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