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Wie ein Dieb mit Erlaubnis

In Deutschland landen jährlich zwischen elf und zwölf Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel im Abfall – für die Hälfte sind Privathaushalte verantwortlich. „Jedes achte Lebensmittel werfen wir weg“, erklärte Jan Kircher. Um das zu ändern, baut der Grundschullehrer derzeit eine aktive Foodsharing Gruppe in Hünfeld auf. Die Möglichkeiten gute Lebensmittel zu retten sind vielfältig.

Der Raum war voll besetzt: 25 Zuhörer lockte vergangenen Donnerstag das Thema Lebensmittel retten zum ersten Stammtisch der Hünfelder Grünen in diesem Jahr. Zunächst präsentierte Jan Kircher weitere schockierende Zahlen, die mit dem Verstand kaum greifbar sind. „230.000 geschlachtete Rinder landen jährlich im Abfall.“ Neben der ethischen Problematik genießbare Lebensmittel zu entsorgen, verschärft die hohe Verschwendung auch Umweltprobleme. „Wir verbrauchen wertvolle Ressourcen“, machte Kircher klar. „Ein Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen bedeutet einen CO2-Ausstoß von 13 Kilogramm.“

Jeder kann Lebensmittel retten

Dabei gibt es viele Möglichkeiten Lebensmittel zu retten. Nicht zu viel einkaufen, Reste haltbar machen oder teilen und vieles ist auch nach dem Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar. „Wir haben verlernt uns auf unsere Sinne zu verlassen, stattdessen vertrauen wir blind einem aufgedruckten Datum.“

Im Landkreis Fulda gibt es derzeit 172 aktive Lebensmittelretter, die regelmäßig bei Händlern, Bäckereien und Gastronomen Übriggebliebenes abholen. Sie verkaufen oder verschenken keine Lebensmittel, die das MHD überschritten haben, da die Unternehmen für gesundheitliche Schäden haftbar gemacht werden können. Die Lebensmittelretter von Foodsharing garantieren nicht nur regelmäßig alles Aussortierte mitzunehmen, sondern übernehmen auch die volle Haftung. Anders ist eine Kooperation nicht möglich. „Foodsharing existiert seit 12 Jahren in Deutschland und mir ist kein einziger Fall bekannt, bei dem jemand haftbar gemacht wurde“, beruhigte Kircher die Zuhörer. Durch seinen Vortrag hoffte er weitere aktive Lebensmittelretter zu finden, um das Netzwerk in Hünfeld weiter ausbauen zu können. Den Gedanken privat haftbar zu sein, mussten einige jedoch erst verdauen.

Derzeit umfasst Kirchers Gruppe zehn Aktive. Frisch dabei ist Jörg Bachmann, der seine zweite Abholung bei einem Lebensmittelhändler absolviert hat. „Man fühlt sich wie ein Dieb mit Erlaubnis“, schilderte er lachend seine ersten Eindrücke. „Ich hasse es Lebensmittel wegzuschmeißen – deswegen kaufen wir immer nur so viel ein, wie wir auch verbrauchen können.“ Er schloss sich sofort Foodsharing an, als er durch Kircher von der Initiative erfuhr.

Von Foodsharing gerettete Lebensmittel kann sich jeder aus dem Verteilerschrank im Pro Integrationstreff in Hünfeld abholen und dort auch selbst welche für andere deponieren. In Fulda sind die Kulturfabrik, das L14zwo und für Studierende das Café Chaos an der Hochschule weitere Anlaufstationen. Wer auf der Internetseite ein kostenfreies Benutzerkonto anlegt, erfährt via E-Mail, was gerade in den Verteilerschränken in seiner Nähe parat liegt. Oder man bietet selbst online so genannte „Essenskörbe“ zum Abholen an.

Foodsharing oder Tafel?

Weitere Bedenken hatten die Zuhörer, inwieweit Foodsharing eine Konkurrenz zur Tafel ist. Letztere retten ebenfalls Lebensmittel, geben diese allerdings ausschließlich an Bedürftige ab. „Wir gehen immer auf die örtlichen Tafeln zu und klären, mit welchen Betrieben sie bereits kooperieren. Daher konkurrieren wir nicht, sondern ergänzen das Engagement Verschwendung zu vermeiden“, stellte Kircher klar. Während seines Referendariats in Heilbronn kam er mit der Initiative Foodsharing in Kontakt. Einmal ereilte sie ein Hilferuf der dortigen Tafel, die 1.500 Kilogramm Maultaschen im Lager hatte und diese Menge nicht alleine verteilen konnte.

„Wir wollen überflüssig werden“

Die Kooperation mit drei Heilbronner Edeka-Filialen hat sich bei Kircher besonders positiv eingeprägt. Anfangs konnten die Aktivisten pro Filiale täglich bis zu 15 Bananenkisten Obst und Gemüse und bis zu zwei Einkaufskörben Kühlwaren abholen. Nach zwei Jahren war es nur noch ein Drittel. Der Marktleiter hatte seine Mitarbeiter geschult, Lebensmittel rechtzeitig vergünstigt anzubieten oder eben zu verschenken. Zusätzlich gab es in allen drei Filialen Verteilschränke, die Foodsharing gefüllt und gepflegt hat.

„Wir wollen überflüssig werden“, betonte Kircher. Kein Kooperationspartner würde ihm glauben, dass er sich ehrlich freue, wenn es einmal nichts abzuholen gibt. „Dann haben Sie gut gewirtschaftet und wir unser Ziel erreicht. Das ist doch großartig“, lautet dann häufig Kirchers Antwort.

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