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„Nicht nur Getreide säen, sondern auch Bewusstsein beim Verbraucher“

Im Rahmen der HubWeek lud das Green Food Cluster vergangenen Mittwoch zum ersten Food Space ins Fuldaer Konzeptkaufhaus Karl. Die großen Zukunftsfragen einer ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft in Hessen und darüber hinaus warf eine teils leidenschaftlich geführte Podiumsdiskussion auf. Digitalisierung und neue Technologien seien alleine keine Heilsbringer.

Verbraucherinnen und Verbraucher gefragt ist schnell klar, dass sie höheres Tierwohl, mehr Klimaschutz und regionale Herkünfte bei ihren Lebensmitteln als äußerst wichtig erachten. In den Einkaufskörben landen allerdings vielfach die billigsten Produkte aus aller Welt. In diesem Spannungsfeld heißt es, die hiesige Land- und Lebensmittelwirtschaft weiter zu ökologisieren. Mit nicht den Kosten für Umweltschäden enthaltenen Preisen ein schwieriges Unterfangen, wie Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Fulda, als Gast in Publikum anmerkte.

Faktor Mensch bleibt entscheidend

„Ich bin der klassische Massentierhalter“, stellte Schweinemäster und Vorstandsmitglied des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld, Peter Bleuel, selbstbewusst gleich zu Beginn klar. Jährlich liefert sein konventioneller Betrieb 5.000 Schweine, die Hälfte kann er regional absetzen. Die Region sei ein begrenzender Faktor, daher müsse er darüber hinaus vermarkten. „Sonst kriegen wir außer Licht nichts in den Kühlschrank.“ GPS-gestützte Landmaschinen und weitere digitalen Errungenschaften seien schon heute vermehrt im Einsatz und erleichtern die Arbeit. Doch der Technologiegrad sei ein erheblicher Kostenfaktor, den vor allem Großbetriebe leichter stemmen können. „Ich sehe uns ins Hessen nicht als Innovationsführer in diesem Bereich.“

In das gleiche Horn stieß Sven Euen, Vorstand des Erzeugerschlachthofs Kurhessen, und hob die wichtige Rolle des Menschen hervor. „Technologie hin, Technologie her: Wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb, Schlachthof oder Metzger nicht mehr da ist, kommen der auch nicht mehr wieder.“ Anstatt Tiere zu töten Fleisch künstlich aus Muskelstammzellen zu züchten erteilte er eine deutliche Absage. „Das würde ich auch per Gesetz ablehnen – wir reden hier von neuartigen Lebensmitteln.“ Das sei vor allem in der ökologischen Landwirtschaft weder Alternative noch Option denn: „Wir leben von einer Kreislaufwirtschaft.“ Es gelte dem Boden entzogene Nährstoffe wieder zuzuführen und Humus aufzubauen. Letzteres erhält nicht nur fruchtbare Böden, sondern bindet CO2.

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„Um den schnellen Euro zu machen den Boden auszubeuten ist eine große Gefahr. Das geschieht leider auch teilweise im ökologischen Anbau, um kostendeckend arbeiten zu können“, betonte Peter Linz, der 34 Jahre den nach Bioland-Kriterien geführten antonius Hof leitete und vergangen Dezember seinen Abschied feierte. Gesunde Böden außer Acht zu lassen gefährde künftige Lebensgrundlagen.

Gentechnik (k)eine Lösung?

Wäre es nicht an der Zeit, sich für moderne gentechnische Verfahren wie dem gezielten Genome Editing zu öffnen, da durch die spürbaren Folgen des Klimawandels Pflanzen nicht mehr wie gewohnt gedeihen und man diese entsprechend anpassen sollte? Dies wollte Professor Dr. Marc Birringer von der Hochschule Fulda als Publikumsgast wissen. Zuchtfortschritte wären tendenziell schneller erreichbar.

„Derzeit muss uns unter allen Sicherheitsaspekten jedes Mittel zur Verfügung stehen. Wir können in der Zucht und Gentechnik nichts versäumen. Ich forciere nichts, aber man muss es begleiten und nicht von vornherein ablehnen“, sagte Bleuel, der richtig verstanden wissen mochte, seine private Meinung und nicht die des Bauernverbands geäußert zu haben. Als Gründungsmitglied und Beirat des Verbands Lebensmittel ohne Gentechnik hob Euen erwartungsgemäß die rote Karte. Es gelte Lebensmittel entsprechend zu kennzeichnen, wenn sie gentechnisch verändert sind oder entsprechende Zutaten enthalten, damit die Kundschaft eine Wahl treffen könnte. Euens großes Aber: „Von der Gentechnik wurde uns schon immer viel versprochen. Sie hat nur den Herstellern der Pestizide geholfen, gegen die die gentechnisch veränderten Pflanzen resistent sind. Wir haben bis jetzt noch keine einzige Pflanze, die widerstandsfähiger gegenüber Trockenheit ist. Daher ist noch gar nichts gewonnen.“ Mag Bleuel in der Runde besonders leidenschaftlich seine Standpunkte vertreten, die nicht immer konform mit der Meinung auf dem Podium oder Publikum waren, stellte er klar: „Alles ist eine Lösung, Bio und Konventionell nebeneinander. Wir brauchen die Akzeptanz in jedem Bereich, der uns nach vorne bringt.“

Christoph Jestädt, Geschäftsführer des ökologischen Hannheinehofs, plädierte statt auf Gentechnik zu setzen, die volle Bandbreite der natürlichen Vielfalt zu nutzen. „Alleine in Deutschland verfügen wir über 3.000 Apfelsorten, auch wenn im Supermarkt nur wenige davon zu finden sind.“ Einige Sorten kommen mit Trockenheit besser klar, manche blühen später und sind demnach weniger von Frost betroffen. Daher gelte es auf traditionellem Wissen aufzubauen und dabei auch die Kundschaft weiter zu sensibilisieren. Lebensmittel seien keine billigen Sattmacher, sondern stünden im besten Fall für Lebensqualität und erhalten eine intakte Umwelt. „Nicht nur Getreide säen, sondern auch Bewusstsein beim Verbraucher“, lautete Jestädts Appell. Es sei paradox, wenn eine Schulklasse einen Bio-Bauernhof besucht und zurück in der Mensa das billigste Essen auf den Tellern liegt, was zudem meist nicht aus der Region stammt.

Bio ist gekommen um zu bleiben

Der ökologische Landbau habe sich etabliert, die Experimentierphase sei definitiv vorbei, erinnerte Linz. Im gleichen Atemzug machte er deutlich, dass der wesentliche Teil der Landtechnik, der chemischen Industrie und Saatgutzucht vor allem die konventionelle Landwirtschaft und deren Bedürfnisse im Fokus hat. Wirtschaftlich mag dies sinnvoll sein, denn derzeit werden in Deutschland lediglich 11,8 Prozent der Ackerflächen ökologisch bewirtschaftet. Das Ziel der Bundesregierung von 30 Prozent bis 2030 liegt meilenweit entfernt und ist aus momentaner Sicht kaum zu erreichen. Der fünffache Flächenzuwachs wäre jährlich nötig, entsprechend müsste auch der Markt für Bio-Lebensmittel wachsen. Das Umsatzplus im vergangenen Jahr ist hingegen größtenteils auf gestiegene Preise zurückzuführen.

Die ökologische Transformation ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und benötigt dafür den entsprechenden politischen Rahmen. Doch so einfach wollte Linz die private Kundschaft nicht vom Haken lassen: „Jeder Einkauf wirkt sich auf die Art aus, wie Lebensmittel erzeugt werden.“ Ein großer Teil der privaten Haushalte müsse tatsächlich möglichst sparsam einkaufen, merkte Euen an. Allerdings sei das Potenzial bei denjenigen, die sich Bio locker leisten können, aber dennoch nicht zugreifen – „Grill für 1.000 Euro, aber die Bratwurst darf nur 99 Cent kosten“ (Jestädt) – noch lange nicht ausgeschöpft. Alleine dadurch würde der Lebensmittelmarkt deutlich ökologisch nachhaltiger geprägt.

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