Bio? Logisch!

„Die großen Krisen warten nicht, bis wir soweit sind“

Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten setzen Kundinnen und Kunden weiterhin auf ökologisch nachhaltig produzierte Lebensmittel. Sie gaben laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in den ersten fünf Monaten dieses Jahres rund 35 Prozent mehr für Bio-Frischeprodukte aus, als im gleichen Zeitraum von 2019. Preissteigerungen sollen hierbei eine kleineren Anteil am Zuwachs haben. Tina Andres, Vorsitzende Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), interpretierte dies auf der heutigen Eröffnungs-Pressekonferenz der Biofach in Nürnberg als ein klares politisches Signal seitens der Konsumenten. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass die Bundesregierung ihr Ziel von 30 Prozent Öko-Agrarfläche bis 2030 nach heutigen Stand der Förderung wohl nicht erreichen wird.

„Wir brauchen den Rückenwind aus der Politik und daran mangelt es zur Zeit“, kritisierte Andres. „Wer 30 Prozent will, muss auch mindestens mit 30 Prozent mehr Kraft fördern als es jetzt der Fall ist. Aktuell reicht die Finanzierung gerade einmal für drei Prozent mehr Öko-Agrarfläche bis 2027. Beim Forschungsetat liegen wir bei beklagenswerten zwei Prozent.“ So könne man die Transformation auch ad acta legen. Damit bis 2030 tatsächlich nahezu ein Drittel der Agrarflächen ökologisch bewirtschaftet werden (heute sind es etwa elf Prozent), braucht es einen jährlichen Zuwachs von zwölf Prozent. Die Ökologische Landwirtschaft böte viele Antworten auf Klimakrise und Artensterben, daher müsse man jetzt handeln. „Die großen Krisen warten nicht, bis wir soweit sind.“

Anfang dieses Jahres gab der Deutschen Bauernverbandes in seinem Konjunktur- und Investitionsbarometer Agrar an, dass ein Fünftel der Befragten „sicher“ oder „vielleicht“ in den nächsten zwei bis drei Jahren auf Öko umstellen zu wollen. „Die derzeitige Gemeinsame Agrarpolitik der EU holt diese Menschen allerdings nicht ab“, kritisierte Andres.

Bio in der Ausbildung und außer Haus

Die BÖLW-Vorsitzende nannte mehrere Stellschrauben, um die ökologische Landwirtschaft zu stärken. „Wir brauchen Bio in der Ausbildung aller Landwirte, um Lücken zu schließen und den Weg zur Transformation zu ebnen.“ Erwartungsgemäß betonte sie den Hebel in der Außer-Haus-Verpflegung, in der Bio bis dato keine nennenswerte Rolle spielt. Laut einer Marktstudie des Bundesprogramms Ökologischer Landbau haben dort Bio-Lebensmittel im Wareneinkauf einen Anteil von lediglich 1,3 Prozent (knapp 0,5 Millarden Euro bei einem Volumen von 37,6 Milliarden Euro). Man benötige laut Andres jedoch von 30 bis 50 Prozent Bio-Lebensmittel in öffentlichen Kantinen. „Dies ist kein Zauberwerk, wie die Kantine der Zukunft in Berlin und die Stadt Kopenhagen, die innerhalb von fünf Jahren in ihren öffentlichen Kantinen 90 Prozent Bio-Anteil bei gleichbleibenden Verbraucherpreisen umgesetzt hat, beweisen.“

beenhere

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Abhängigkeit von Kunstdünger beenden

Wenn angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine die Ausfuhr von Getreide stockt, sollte man vermuten, dass der Anbau in anderen Ländern wieder interessanter würde, die auf die Kornkammer der Welt angewiesen sind – beispielsweise in der Region Westafrika. „Die Preise für Kunstdünger sind um 40 bis 50 Prozent gestiegen und die Abhängigkeit davon macht es Bauern nahezu unmöglich zu investieren“, erklärte Louise Luttikholt, Geschäftsführerin Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM). Sie sprach von einem doppelten Drama. Der Schwenk auf ökologische Landwirtschaft sei wichtig, um unabhängig zu werden.

Zudem hob sie hervor, dass sich die Landwirtschaft für ein Viertel der globalen CO2-Emissionen verantwortlich zeichnet und wiederum ein Viertel davon sei der energie-intensiven Produktion von Kunstdünger und seiner Anwendung geschuldet, welche Ackerböden auslaugen würde. Der Krieg in der Ukraine könne kein Grund sein, um in die alte Gewohnheit namens konventionelle Landwirtschaft zu verfallen. „Jetzt ist die Zeit, um weiter an der Agrarwende zu arbeiten.“

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