Bio? Logisch!

„Derzeit muss man deutlich risikofreudiger sein“

Während die Nachfrage nach hochwertigen Bio-Lebensmitteln in den ersten beiden Jahren der Corona-Pandemie extrem stieg, sind derzeit aufgrund der Preissteigerungen vor allem günstige Produkte in den Fokus der Kundschaft gerückt. Welche Folgen dies für hochpreisige Verbandsware hat und ob man mit ökologischen Werten derzeit überhaupt punkten kann, erklärt Demeter-Vorstand Dr. Alexander Gerber im Interview. Von besonderen Herausforderungen und bitteren Realitäten für Erzeugerbetriebe in den östlichen Bundesländern spricht Geschäftsführerin des Landesverbands Demeter im Osten, Nancy Schacht.

Nahmen sich auf der BioOst in Leipzig viel Zeit für ein Gespräch: Dr. Alexander Gerber und Nancy Schacht.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

In den ersten beiden Jahren der Pandemie boomte die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln, nun ist die Kundschaft angesichts gestiegener Energiepreise und Inflation in Folge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine beim Lebensmitteleinkauf wieder sparsamer geworden und greift bei Bio gerne zum Preiseinstiegssegment (beim Discounter). Da die Richtlinien der Anbauverbände in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit und Tierwohl deutlich strenger als die Vorgaben bei EU-Bio sind, ist Verbandsware meist höherpreisig. In welchen Produktkategorien verspürt Demeter eine sinkende Nachfrage?

Alexander Gerber: Vorweg geschickt: Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln lag im vergangenen Jahr mit 15,31 Milliarden Euro 25 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Die Bedeutung von Bio nimmt weiter zu. Als der russische Angriffskrieg in der Ukraine ausbrach, sich hierzulande eine Inflation abzeichnete und die Energiepreise stiegen, reagierte die Kundschaft panikartig und griff zu den Bio-Handelsmarken im Discounter. Demeter-Produkte stehen preislich am anderen Ende der Skala, dennoch gab es hier lediglich einen Umsatzrückgang von etwa fünf Prozent. Das spricht für eine hohe Kundenbindung und das Qualitätsbewusstsein unserer Kundinnen und Kunden.

Obst, Gemüse, Eier und Getreide: Das waren in der Vergangenheit oft die garantierten Bio-Topseller – auch bei höherpreisiger Verbandsware. Wie wirkt sich die teils unsichere Vermarktungslage bei den Erzeugerbetrieben konkret aus?

Nancy Schacht: In den östlichen Bundesländern gab es einen signifikanten Einbruch bei Abokisten, deswegen ist derzeit Demeter-Gemüse teils schwer vermarktbar. Das liegt nicht nur an gestiegenen Preisen, sondern es wird nach der Pandemie wieder vermehrt außer Haus – tagsüber in der Betriebskantine, abends im Restaurant – gegessen. Folglich wird weniger Zuhause gekocht. Die Nachfrage ist wieder auf das Niveau von vor der Pandemie zurückgefallen. Deswegen sitzen zurzeit einige Erzeuger auf ihren frischen Rohwaren beziehungsweise müssen sie anders vermarkten

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Die sich nicht ewig lagern lassen, zudem verbraucht das Kühlen Energie und sorgt für weitere Kosten.

Alexander Gerber: Es hat die Bio-Branche hart getroffen, dass sich viele Betriebe aufgrund der stark erhöhten Nachfrage vergrößert sowie personell und technisch in ihre Logistik investiert haben. Dadurch gibt es heute teilweise Überkapazitäten. Die Betriebe stehen mit ihren Investitionen und höheren laufenden Kosten vor großen Herausforderungen und müssen zum Teil wieder Personal abbauen. Mir fällt diesbezüglich ein Bündler von Bio-Gemüse vom Bodensee ein: Vor der Pandemie fuhr wöchentlich ein LKW den regionalen konventionellen Lebensmitteleinzelhandel an, während der Pandemie war es täglich einer. Die Mengen hatten sich schlagartig verfünffacht. Nun also wieder eine halbe Rolle rückwärts.

Nancy Schacht: In den östlichen Regionen mussten die Betriebe schon immer vermehrt selbst verarbeiten und vermarkten. Anders als im Westen oder Süden Deutschlands fehlen vielerorts verarbeitende Betriebe, und so wurden die Erzeugerinnen und Erzeuger kreativ. Manch ein Hof hat sein Gemüse daher selbst eingekocht. Ein stark vom Rückgang der Nachfrage betroffener Eierproduzent aus Sachsen-Anhalt hat die Produktion von Nudeln und Eierlikör aufgebaut, damit seine Ware nicht verdirbt.

Wenn Demeter-Erzeugerbetriebe ihre Produkte aufgrund mangelnder Nachfrage nicht als Verbandsware, sondern „nur“ unter EU-Bio oder gar lediglich als konventionell verkaufen können, ist dies – besonders im letztgenannten Szenario – mit enormen Preisabschlägen verbunden. Welche Fälle sind Ihnen im Einzugsbereich von Demeter im Osten bekannt?

Nancy Schacht: Für Demeter-Landwirtinnen und -Landwirte ist es leider für bestimmte Warengruppen wie Fleisch seit Jahren Realität, dass sie sich zum Teil nur als EU-Bio, oder sogar nur konventionell absetzen lassen. Selbst in der Region Berlin, wo alle anderen Bio-Produkte gut nachgefragt sind, ist das Vermarkten von Bio-Fleisch nur schwer möglich. Daran haben sich schon viele die Zähne ausgebissen. Ein Grund dafür ist, dass der Handel verlässlich immer die gleichen Teilstücke in großen Mengen zu jeder Zeit anbieten möchte, das ist bei bäuerlicher ökologischer Landwirtschaft schwer zu realisieren. Auch Milch hat kein leichtes Spiel. Diese Herausforderungen hängen wenig mit der aktuellen Wirtschaftslage zusammen, sondern sind historisch gewachsen. Es fehlen generell verarbeitende Betriebe, nur ein kleiner Bruchteil ist überhaupt bio-zertifiziert und folglich noch weniger nach Demeter-Richtlinien.

In guten Jahren kann ich die Preisabschläge noch kompensieren. Aber spätestens, wenn Energiekosten steigen und sich gleichzeitig die Bio-Kundschaft sparsamer verhält, sind fehlende Vermarktungsmöglichkeiten ein echtes Problem.

Nancy Schacht: Deswegen müssen wir neue Absatzwege etablieren. Im verbandsübergreifenden und auf drei Jahre ausgelegten Projekt „Von der Hof nahen Schlachtung auf den Teller – fair für Mensch und Tier“ möchten wir eine Wertschöpfungskette für Rindfleisch etablieren. Der diesjährige Start in Brandenburg erfolgt mit den drei Demeter-Betrieben Hof Langanke, Beerfelder Hof und Gut Peetzig. Für 2023 wollen wir auf diesem Weg 20 Rinder teilmobil schlachten und das Demeter-Fleisch dann in die Kühltheken des Lebensmitteleinzelhandels platzieren. Nachdem das Modellprojekt erfolgreich etabliert ist, soll es im nächsten Jahr auf Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ausgeweitet werden.

„Es gibt seit Beginn des Krieges in der Ukraine aufgrund seiner Folgen und der damit einhergehenden Verunsicherung aktuell nur wenig konkretes Interesse umzustellen oder sich überhaupt über ökologische Landwirtschaft zu informieren.“

Nancy Schacht, Geschäftsführerin Demeter im Osten

Sind die wirtschaftlich herausfordernden Zeiten auch bei Hofnachfolgen spürbar?

Nancy Schacht: Derzeit muss man deutlich risikofreudiger sein, weil der Absatz nicht mehr so gesichert ist wie in den vergangenen Jahren, zudem sind teils hohe Kredite nötig. Wobei es auch positive Entwicklungen wie starke partnerschaftliche Netzwerke mit dem regionalen Bio-Großhandel gibt. In der Regel bleiben hier bestehende Lieferverträge erhalten.

Alexander Gerber: Man muss ein gutes Stück wieder mehr unternehmerischer agieren und sich noch stärker Gedanken machen, wie man seinen Betrieb positioniert, und wo sich neue Märkte erschließen lassen. Unter dem Strich heißt es, sein eigenes Profil zu schärfen. Aber man spürt es allenthalben, der Markt zieht wieder leicht an und die Unternehmerinnen und Unternehmer sind vorsichtig optimistisch.

Wie steht es in den östlichen Bundesländern um das Interesse und die Bereitschaft von konventioneller Wirtschaftsweise auf ökologische Landwirtschaft umzustellen und sich sogar einem Anbauverband anzuschließen?

Nancy Schacht: Es gibt seit Beginn des Krieges in der Ukraine aufgrund seiner Folgen und der damit einhergehenden Verunsicherung aktuell nur wenig konkretes Interesse umzustellen oder sich überhaupt über ökologische Landwirtschaft zu informieren. Seit letztem Sommer ist es in diesem Punkt sehr, sehr ruhig.

Alexander Gerber: Im vergangenen Jahr hat Demeter im gesamten Bundesgebiet mit Stichtag 31.12. im Vergleich zum Vorjahr unterm Strich zwar sechs Betriebe verloren, so dass es insgesamt 1.772 waren. Im gleichen Zeitraum ist allerdings die biologisch-dynamisch bewirtschaftete Fläche um 5,6 Prozent auf 112.482 Hektar gewachsen. Bestehende Betriebe nehmen mehr Fläche hinzu. Damit sind wir auch im vergangenen Jahr in der Fläche stabil weiter gewachsen. Um die sechs Prozent Flächenwachstum ist seit vielen Jahren für uns eine feste Größe.

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Umstellungsinteresse deutlich gesunken

Nur noch jeder zehnte der 850 befragten Landwirte aus ganz Deutschland (11,1 Prozent) war laut der repräsentativen Umfrage im Rahmen des Konjunkturbarometers des Deutschen Bauernverbands im Dezember 2022 interessiert, in den nächsten zwei bis drei Jahren auf Bio umzustellen. Bereits einen Bio-Betrieb führten 7,7 Prozent der Befragten. Damit halbierte sich nahezu das Interesse im Vergleich zum Vorjahr, denn im Dezember 2021 stand es noch bei 20 Prozent. Als einen möglichen Grund vermutet der Deutsche Bauernverband unter anderem die als gering empfundenen Absatzsicherheit. Jede Umfrage ist eine Momentaufnahme. Besonders die wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine mit hoher Inflation, gestiegenen Energiepreisen und beim Lebensmitteleinkauf wieder sparsamer gewordener Kundschaft hat das Stimmungsbild der befragten Landwirte mit Sicherheit beeinflusst.

Das Konjunktur- und Investitionsbarometer Agrar wird vierteljährlich im Auftrag des Deutschen Bauernverbands, des VDMA Fachverbandes Landtechnik und der Landwirtschaftlichen Rentenbank in einer repräsentativen Umfrage ermittelt. Jeweils im Dezember wird zusätzlich das Bio-Umstellungsinteresse abgefragt.

Für einen Teil der Konsumentinnen und Konsumenten steht derzeit der Preis im Vordergrund und weniger ökologische Nachhaltigkeit oder Tierwohl. Muss man dies derzeit einfach akzeptieren und auf eine Zeit hoffen, in der man wieder verstärkter mit Werten und Inhalten punkten kann?

Alexander Gerber: Ich zweifle an Ihrer Analyse.

Nancy Schacht: Das würde ich auch nicht unterschreiben.

Alexander Gerber: Wer von Bio überzeugt ist, ändert nicht plötzlich seine ökologischen Überzeugungen, sondern arrangiert sich und greift vielleicht für eine gewisse Zeit eher zu günstigeren Bio-Lebensmitteln. Laut aktuellem Öko-Barometer vom Bundesministerium für Landwirtschaft sind Verbraucherinnen und Verbraucher Werte und Ethik nach wie vor wichtig.

Die Befragung ist repräsentativ und 2022 wurden 1.014 Interviews geführt.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Wir bei Demeter legen nicht die Hände in den Schoß und schauen diesen Entwicklungen passiv zu – im Gegenteil. Ins Gespräch zu kommen und für ökologische Nachhaltigkeit zu sensibilisieren, sind unsere Aufgaben als Verband. Anfang Mai haben wir dazu die achtwöchige Kampagne „Iss mehr wert“ unter anderem in den sozialen Medien gestartet.

Bis 2030 – also in etwas mehr als sieben Jahren – sollen laut Bundesregierung 30 Prozent der Agrarflächen ökologisch bewirtschaftet sein, derzeit sind es knapp 11,3 Prozent. Nötig wäre ein jährliches Wachstum von 15 Prozent, bislang wurden die benötigten Zuwächse krachend verfehlt. Mit dem ökologischen Anbau ist es nicht getan, es muss ein noch viel größerer Markt für die erzeugten Bio-Lebensmitteln entstehen. Hand aufs Herz: Bis 2030 ist das doch nicht zu schaffen.

Nancy Schacht: Ein politischer Hebel ist eine verbindliche Bio-Quote in der Außer-Haus-Verpflegung in öffentlicher Hand, wie in den Großküchen und Kantinen von Behörden, Bundeswehr, Verkehrsbetrieben, Schulen, Kindertagesstätten. Damit wäre das Marktpotenzial schon geschaffen. Die ökologische und politische Verantwortung auf die private Kundschaft abzuwälzen, sehe ich kritisch.

Alexander Gerber: Wenn man auf die nackten Zahlen blickt, hat sich in den letzten Jahren wenig bewegt. Wer hätte jedoch gedacht, dass sich die Agrarminister der EU-Staaten auf 25 Prozent ökologisch bewirtschafteter Agrarflächen bis 2030 einigen? Das grundlegende Bewusstsein für den notwendigen Wandel ist vorhanden. Bleibt die Frage, wann in der Land- und Ernährungswirtschaft der endgültige Kipppunkt erreicht ist, sich radikal ökologisch auszurichten. Im Energiesektor hat 2011 die Reaktorkatastrophe von Fukushima das endgültige Aus für die Atomenergie in Deutschland besiegelt.

Nun wünscht sich wohl niemand weitere Katastrophen.

Alexander Gerber: Da Pestizide mittlerweile nahezu überall nachweisbar sind und sich Trockenheiten durch den Klimawandel verschärfen, wird der Druck für eine ökologische Transformation weiter zunehmen. Vertreter und Vertreterinnen konventioneller sowie ökologischer Landwirtschaft, Naturschutzverbände, Verbraucherverbände, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der von der vorherigen Bundesregierung berufenen Zukunftskommission Landwirtschaft haben im Abschlussbericht festgehalten, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bislang und konkrete Handlungsoptionen vorgeschlagen. Allen ist klar: Wir müssen entschieden und schnell umsteuern.

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