Bio? Logisch!

Bio braucht konventionell und konventionell braucht bio

Bio-Produkte und der konventionelle Lebensmittelhandel sind eine Liebe auf dem zweiten Blick. Mittlerweile sind beide unzertrennlich, schon längst ist die ökologische Landwirtschaft auf diesen Wachstumstreiber angewiesen. Vor allem, wenn die Bundesregierung ihr Ziel von 30 Prozent ökologisch bewirtschafteter Agrarfläche bis 2030 erreichen möchte. Und der konventionelle Handel benötigt Bio nicht zuletzt auch, um sich zu profilieren und Kunden zu binden. Ist es eher eine Zwangsehe oder doch echte Liebe? Welche Schlüsselrolle Bio bei konventionellen Händlern spielt, erklärte Professor Dr. Achim Spiller, Inhaber des Lehrstuhls Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Georg-August-Universität Göttingen, anlässlich des 13. Marktgesprächs der BioHandel Akademie.

Im vergangenen Jahr gaben die Deutschen 15,87 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus, davon stolze 9,88 Milliarden Euro im konventionellen Handel inklusive Discounter und Drogerien. Tendenz steigend, während der Umsatz im Bio-Fachhandel derzeit rückläufig ist. „Dieses Wachstumssegment in einem ansonsten stagnierenden Markt lässt kein Lebensmittelhändler liegen“, sagte Spiller. Auf die Menge bezogen setze der konventionelle Handel geschätzte 70 Prozent aller Bio-Lebensmittel ab.

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Bio als Beweis für Kompetenz

„Bio ist Teil einer sozialen Bewegung und war kein normales, klassisches Marktsegment. Die Entstehungsgeschichte ist einzigartig“, erinnerte Spiller gleich zu Beginn seines Vortrags. Bio-Pioniere waren oft Außenseiter. Reformhäuser und die ersten Bio-Läden trieben den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft damals noch auf bescheidenem Niveau voran. Der konventionelle Handel habe zunächst gezögert, Bio-Lebensmittel zu listen. Man habe befürchtet, damit das bestehende Sortiment zu diskriminieren, wenn plötzlich „bessere“ Produkte verfügbar sind. Zudem sind Regelmeter wertvoll und knapp – besonders beim Discounter mit seinem vergleichsweise kleineren Sortiment. „Deswegen hat Bio für den konventionellen Handel lange keine Rolle gespielt – was sich in den letzten 20 Jahren geändert hat.“

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Alleine um Kompetenz ausstrahlen zu können, brauche es Bio-Produkte. Zudem gelte es wertvolle Kunden zu halten. Eine Studie im Rahmen des gemeinsamen Forschungsprojekts ReformBio der Georg-August-Universität Göttingen, der Hochschule Bremerhaven und des Bundesverbands Naturkost Naturwaren ermittelte unter der Kundschaft ein Fünftel Bio-Intensivkäufer. Diese greifen sehr häufig oder häufig zu Bio-Lebensmitteln und sind in der Regel einkommensstark. Im besten Fall kann diese Zielgruppe ihre Bedürfnisse komplett im Supermarkt stillen und muss nicht noch zusätzlich im Bio-Fachhandel einkaufen. Bei Babynahrung sei bio zudem längst Standard. „Wir sind auf dem Weg, dass es diese Produkte nur noch in Bio-Qualität gibt“, ist sich Spiller sicher.

In Sachen Bio-Fleisch hat der konventionelle Handel zudem erfolgreich eine Lücke besetzt, die der Bio-Fachhandel fast kampflos überlassen habe. Bereits eine von Spillers Studien habe vor 20 Jahren ergeben, dass Bio-Ladenbesitzer Bio-Fleisch als Produkt nicht schätzen und deswegen stiefmütterlich behandeln. „Damit hat man eine Käuferschicht, die Wert auf artgerechtere Tierhaltung und Tierwohl legt, weitgehend links liegen lassen.“

Bei der Vermarktung von Bio-Fleisch spiele der Bio-Fachhandel eine eher untergeordnete Rolle.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Verbandsware schafft Vertrauen

Auch heute noch hieße es im konventionellen Handel Vertrauen in Sachen Bio-Kompetenz aufzubauen. Dies äußere sich nicht zuletzt dadurch, dass die Konzerne die entsprechenden Kommunikationsabteilungen personell stark aufgerüstet haben und dafür auch Expertinnen und Experten aus Umweltschutzorganisationen rekrutieren.

Im Laden sind Produkte mit einem Siegel der Anbauverbände Bioland, Naturland oder Demeter besonders wertvoll. Zwar wisse die Kundschaft meist nicht im Detail, in welchen Punkten die Richtlinien der Verbände strenger als der Mindeststandard EU-Bio sind, doch würde die Verbandsware durchaus als „das bessere Bio“ wahrgenommen. Seine eigenen Bio-Marken kann der konventionelle Handel nur dann mit einem der begehrten Siegel schmücken, wenn eine strategische Partnerschaft mit dem entsprechenden Anbauverband besteht. Eine solche schloss beispielsweise Bioland 2012 mit Edeka Südwest und 2018 mit dem Discounter Lidl. Vor zwei Jahren wurde Kaufland sogar Mitglied bei Demeter. Auch der Lebensmittelhändler tegut setzte lange Zeit bei seiner Bio-Eigenmarke ausschließlich auf offen ausgelobte Verbandsware, was sich erst mit der Produktlinie „Bio zum kleinen Preis“ geändert hat.

Nutri-Score: Ist bio wirklich gesünder?

Für Bio würden spannende Zeiten anbrechen, wenn andere Nachhaltigkeits- und Gesundheitssiegel flächendeckend im Lebensmittelhandel Einzug halten. Bio wird dann beweisen müssen, wirklich ökologisch nachhaltig und gesünder zu sein, wie von Konsumenten erwartet. Als Beispiel nannte Spiller den Nutri-Score, der die Nährwerte der Lebensmittel anhand einer Farbskala kombiniert mit Buchstaben bewertet. So könne auf einer Packung das Bio-Siegel zwar die ökologische Herkunft beweisen und gleichzeitig ein roter Nutri-Score vor einem ungesunden Lebensmittel warnen.

Mögliches Misstrauen bei fehlendem Nutri-Score
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Die Klima- und Umweltlabels Eco- und Planet-Score, die ökologisch nachhaltig produzierte Produkte erkennbar machen sollen, seien weitere Konkurrenten für das Bio-Siegel. In einem Interview mit „über bio“ merkte Dr. Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller, an, neue Labels und Logos seien wenig hilfreich. Sinnvoller sei es auf das EU-Bio-Siegel zu setzen. „Allerdings sagt es nichts über tatsächliche Tiergesundheit, Umweltleistungen oder gar soziale Aspekte aus. Daher müsste man es um diese Kriterien erweitern“, so Beck.

Jedenfalls sei der konventionelle Lebensmittelhandel dank der anderen Labels nicht mehr zwangsweise auf Bio-Produkte angewiesen, um ökologisch nachhaltige Ware anzupreisen und entsprechend interessierte Käuferschichten zu bedienen.

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