Bio? Logisch!

Bahnt sich eine Allianz der Anbauverbände an?

Derzeit sitzen Bioland, Gäa, Biokreis und Bio Austria mit dem Ziel an einem Tisch, eine gemeinsame Allianz zu bilden. Das verkündete Thorsten Block, Vorstandsvorsitzender Biokreis, auf der Mitgliederversammlung vergangenen Samstag in Nürnberg. Parallel sondiert Block bereits mit dem Verbund Ökohöfe. Man sei weit über eine reine Absichtserklärung hinaus, sondern arbeite an einem greifbaren Projekt, betonte Biokreis-Geschäftsführer Simon Krischer: „Da kommt einiges auf uns alle zu.“

Vergangenen November verkündeten die Anbauverbände Bioland und Biokreis auf Basis der Branchenvereinbarung – welche im Kern die gegenseitige Anerkennung von Verbandsrohwaren ermöglicht – enger zusammenzurücken. Damit sollen die Verfügbarkeit von Verbandsware gesichert und Absatzwege geschaffen werden. So möchte beispielsweise Edeka bei seiner Bio-Eigenmarke auch auf Biokreis setzen und ist kürzlich dafür Mitglied im Anbauverband geworden. Die Kooperation mit Bioland war mit ausschlaggebend, da dadurch genügend Verbandsware geliefert werden kann.

Aber: „Es gab durchaus einen Zwang, vergangenes Frühjahr der Branchenvereinbarung beizutreten, ansonsten wäre es schwierig geworden, unsere Rohwaren als Verbandsware weiterhin zu vermarkten. Es war ein notwendiges Übel“, sagte Block und führte weiter aus: „Sie hilft nur den Verbänden, die mit den Produkten im Regal stehen. Der, der bei langfristigen Lieferbeziehungen neu hinzukommt, ist gezwungen zu dem Verband zu wechseln, der die Marktmacht hat.“ Block bezweifelte offen, ob die Branchenvereinbarung in seiner jetzigen Form noch lange Bestand haben wird – auch, weil diese in der Praxis oftmals zu kompliziert ist.

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Neue operative Allianz

Nun verkündete der Vorstandsvorsitzende auf der Biokreis-Mitgliederversammlung mit Bio Austria, Bioland und Gäa in engen Gesprächen zu sein. „Das kann ein Anfang sein, anschließend auch weitere Anbauverbände miteinzubeziehen“, sagte Krischer. Seit geraumer Zeit träfen sich wöchentlich Arbeitsgruppen. „Wir reden über eine strategische und operative Allianz, die weit über das gegenseitige Anerkennen der Rohwaren hinausgeht.“ Gemeinsam gelte es, die Bedürfnisse der Landwirte, Verarbeiter, Händler und letztendlich der Endkunden bestmöglich befriedigen zu können.

„Wir haben erkannt, dies alleinig mit der Branchenvereinbarung nicht richtig ausleben zu können.“ So bräuchte es dafür im Grunde eine gemeinsame Datenbank mit passenden Schnittstellen. „Wir benötigen alle einen Überblick, welche Rohwaren wann verfügbar sind und woher sie stammen“, erklärte Block. Dies sei ein Ziel der zu bildenden Allianz, wie auch die Branchenvereinbarung – in welcher Form sie dann besteht – zu vereinfachen. So sollten Bio-Verarbeiter bestenfalls verbandsseitig einen Ansprechpartner für die Qualitätssicherung haben, anstatt sich mit jedem Verband einzeln auseinanderzusetzen zu müssen. Stichwort Bürokratieabbau.

Auch neue Marken wären laut Krischer durchaus denkbar, der betonte: „Die teilnehmenden Verbände bleiben eigenständig und behalten somit ihre Identität.“ Der Lebensmittelhandel wünsche sich nicht einen einzigen großen Verband, sondern die Vielfalt. Diese sorge letztendlich für eine gesunde Konkurrenz zwischen den Verbänden, so dass diese sich auch deswegen stetig weiterentwickeln.

Bioland und Biokreis gleichen sich an

Zur bereits bestehenden Kooperation mit Bioland erklärte Block man sei dabei, gemeinsam Richtlinien weiterzuentwickeln und anzugleichen. Wobei stets der Konsens Ziel wäre, und sich nicht ein Verband einseitig dem anderen anpasse. Eben dieser Konsens sei bei Getreide, Schweine- und Rinderhaltung relativ leicht zu finden. „Da sind wir nicht weit auseinander, anders beim Geflügel.“ Erst vergangenen Oktober hatte Biokreis seine Vorschriften für die Geflügelhaltung angepasst: Die Tierobergrenze pro Betrieb wurde beispielsweise gestrichen, pro Stallgebäude dürfen statt 6.000 Legehennen nun 12.000 gehalten werden – in jeweils voneinander getreten Herden mit je maximal 3.000 Tieren. Man müsse sich vom Gedanken verabschieden, dass der „große“ Bio-Betrieb der Böse sei, gleichzeitig brauche man für die Biodiversität durchaus die „kleinen“ landwirtschaftlichen Erzeuger. (Nachtrag 20. Oktober 2025: Bei Bioland dürfen nach wie vor maximal 6.000 Legehennen pro Stallgebäude halten werden, 12.000 pro Stallgebäude entspricht dem Niveau von Naturland. Nachtrag Ende.)

Problemfall Bruderhahn bitte lösen

Biokreis habe die Herausforderung Bruderhahn noch nicht gelöst, worauf Peter Schmidt, Vorstandsmitglied Erzeugerring NRW (einer von fünf eigenständigen Biokreis-Landesverbänden), hinwies. Bei allen Anbauverbänden mit Ausnahme von Biopark ist deren ökologische Aufzucht Pflicht. Problem: Die Brüder der auf eine hohe Legeleistung gezüchteten Hennen eignen sich nicht für die Mast. Sie verbrauchen vergleichsweise viel hochwertiges Bio-Futter, setzen kaum Fleisch an, welches im schlimmsten Fall niemand haben möchte. Um sich vom unwirtschaftlichen Bruderhahn verabschieden zu können, hatten bereits 2023 Geflügelhalter Biokreis verlassen, die seitdem unter EU-Bio wirtschaften – auch daran erinnerte Schmidt. Auf der Mitgliederversammlung 2023 hatten einige von ihnen den Antrag gestellt, Biokreis solle sich der Geschlechtsbestimmung im Ei öffnen, die alle Anbauverbände mit Ausnahme von Biopark verbieten. Reift ein männlicher Embryo heran, wird dieser samt Ei entsorgt. Nach teils hitziger Diskussion wurde der Antrag damals zurückgezogen.

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Erinnerte an den Problemfall Bruderhahn, den es dringend zu lösen gilt: Peter Schmidt (mit Mikrofon).
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Im Kern bliebe es schwierig, der bewussten Bio-Kundschaft zu erklären das Tier noch vor seinem Schlupf zu töten. Eine vom Bundeslandwirtschaftsministerium beauftragten Studie zur Folge sei das Schmerzempfinden bis zum zwölften Bruttag ausgeschlossen. Somit dürfen die in Deutschland marktreifen Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei weiterhin rechtssicher zum Einsatz kommen. Block zeigte sich im Interview ob der überschaubaren Datenlage mit nur einer Studie skeptisch. „Das ist uns zu wenig, um eine Entscheidung auf der Mitgliederversammlung zur Diskussion zu stellen.“ Eigentlich seien Zweinutzungsrassen die Lösung, die wieder über eine ausgeglichene Balance zwischen Legeleistung und Fleischansatz aufweisen. Männliche Tiere eignen sich für die Mast, allerdings legen die Hennen weniger Eier und die Masttiere setzen nicht so viel Fleisch (in solch kurzer Zeit) an, wie die einseitig gezüchteten Hybridtiere, die auch in weiten Teilen der ökologischen Geflügelwirtschaft zum Einsatz kommen. Zweinutzungsrassen findet man derzeit lediglich in Nischen.

Zurück zur Mitgliederversammlung und dem Bruderhahn: Ökologisch sei er im Grunde nicht vertretbar, so Schmidt. Nun ist er allerdings da. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Bruderhähne im Ausland – wie in Polen – aufwachsen. Schmidts Vision: Eine Aufzucht in Deutschland und vor allem eine stabile Wertschöpfungskette, um das Fleisch des Bruderhahns in Wert setzen zu können. Auf der Mitgliederversammlung im kommenden Jahr sollten diesbezügliche Lösungswege aufgezeigt werden. Vorstandsvorsitzender Block betonte im persönlichen Gespräch, dies durchaus als „Hausaufgabe“ mitzunehmen.

Vorstand verjüngt sich

Mit 60 Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung wurde Karla Schweisfurth als Vertreterin für die Verbraucherschaft in den Vorstand gewählt. Die 22-Jährige studiert an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Landwirtschaft und machte in ihrer kurzen, auf den Punkt gebrachten Bewerbungsrede deutlich, sich aktiv in die Verbandsarbeit einbringen zu wollen. Schweisfurth folgt damit auf den Bio-Imker Dieter Willared, der sein Amt auf eigenen Wunsch vorzeitig niederlegte, aber damals beteuerte, sich auch weiterhin bei Biokreis zu engagieren und auch die diesjährige Mitgliederversammlung besucht hatte.

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Reihe vorne v. l. Dirk Barthel, Karla Schweisfurth, Franz Strobl, Reihe hinten v. l. Friedhelm Weller, Andre Tholen, Thorsten Block.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Der Jahresabschluss 2024, der Haushalt für 2025 sowie die Entlastung des Vorstands wurden einstimmig angenommen. Eine Aufbruchstimmung war generell aber auch in Einzelgesprächen mit den Mitgliedern deutlich spürbar. Sinngemäß hieß es immer wieder: Es geht voran. Insgesamt hatten 59 Mitglieder den Weg nach Nürnberg gefunden, die 63 Stimmrechte repräsentierten. Soweit sich das als Außenstehender zu diesem Zeitpunkt beurteilen lässt, scheinen der Vorstand und der neue Geschäftsführer miteinander zu harmonieren.

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