„Manchmal treffen sich mehrere Impulse, und es entsteht etwas Großes daraus“, sagte Dr. Alexander Gerber vergangenen Mittwoch auf den Öko-Feldtagen auf dem Wassergut Canitz im sächsischen Wasewitz. Zu feiern gab es zehn Jahre Einsatz für Zweinutzungsrassen bei Geflügel und immerhin fünf Jahre bei Rindern: Die gemeinnützige Ökologische Tierzucht feierte ihr Jubiläum, ließ Meilensteine Revue passieren und zeigte sich ob der großen Herausforderungen zuversichtlich.
Die ökologische Landwirtschaft brauche Rassen, die auch zur nachhaltigen Wirtschaftsweise passen. Die entsprechende Zucht sei alles andere als ein Selbstläufer, sondern es bräuchte Menschen und Betriebe, die sich in dieser langjährigen Aufgabe engagieren. „Sie lässt sich auch nicht mit drei Talern finanzieren“, hob Biolands Vizepräsidentin Sabine Kabath in ihren Grußworten hervor.
Ein besonders großes Dilemma ist die einseitige Zucht auf Höchstleistung, denn sie bringt „als Nebenprodukt“ Tiere hervor, die böse ausgedrückt überflüssig sind. Bestes Beispiel ist der Bruderhahn der Hybrid-Legehenne: Während seine Schwestern bis zu 320 Eier jährlich produzieren, eignet er sich selbst aufgrund seiner Genetik nicht für die Mast. Er verbraucht vergleichsweise viel hochwertiges Bio-Futter, welches teilweise zum direkten menschlichen Verzehr geeignet ist, um kaum Fleisch anzusetzen, das man darüber hinaus oft nur äußerst schwer (auskömmlich) vermarkten kann. Nach dem Aus des Kükentötens in Deutschland am 1. Januar 2022 ist die ökologische Aufzucht der Bruderhähne bei Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis Pflicht. Als eine Lösungsmöglichkeit werden Zweinutzungsrassen gehandelt, die im Falle von Geflügel wieder eine ausgeglichene Balance von Eierlegeleistung und Fleischansatz aufweisen. Hier setzt die gemeinnützige Ökologische Tierzucht (ÖTZ) an, die bereits Rassen für die Erwerbslandwirtschaft bereit hält.
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Den Druck etwas zu ändern bekam Dr. Alexander Gerber, der von Juli 2013 bis Ende Januar 2025 Bundesvorstand bei Demeter war, aus der Mitgliedschaft recht früh zu spüren – besonders von Landwirt Carsten Bauck. „Wir hatten die vollständige Bio-Fütterung, Junghennen mussten aus Demeter-Aufzucht stammen und nun sollten wir uns um die Zucht und die Genetik kümmern“, erinnerte sich Gerber. Kurz gesagt: Bio von Anfang an.
Grundstein für zehn Jahre Ökologische Tierzucht gelegt
Hier kamen die von ihm eingangs erwähnten Impulse ins Spiel. Die Domäne Mechtildshausen hielt Rassegeflügel aus der ehemaligen DDR und sicherte damit die Genetik, die Universität Halle oblag die Zucht. Schließlich erreichte Bioland ein Hilferuf von der Domäne, die Zucht der Zweinutzungsrassen zu übernehmen. Bioland-Präsident Jan Plagge lud Demeter ein, schnell würde man sich handelseinig und beide Anbauverbände gründeten 2015 die gemeinnützige Ökologische Tierzucht. Seitdem ist Inga Günther-Bender (damals noch Günther) als Geschäftsführerin aktiv. „Wir machen es für alle, die verstanden haben, dass Tierhaltung und Landwirtschaft von morgen mehr Ansätze benötigt, als immer weiter und immer mehr. Aber auch für die, die wissen, dass das Nutztier kein Ausnutztier ist, sondern Teil eines gesunden Ökosystems, dem mit entsprechendem Respekt zu begegnen ist“, betonte sie ausdrücklich.
„Uns war klar, dass wir die Zucht nicht aus dem Stand heraus wirtschaftlich betreiben können“, sagte Gerber. Die Gesellschafter Bioland und Demeter finanzierten den Start, Günther-Bender hatte die Idee, den Bio-Fachhandel einzubeziehen. Pro verkauftem Bio-Ei eines ÖTZ-Zweinutzungshuhns führen seitdem beteiligte Händlerinnen und Händler einen Cent ab. Das spülte als wesentlich tragende Säule rund 350.000 Euro jährlich in die Kasse.
Schock führte zu Engagement
Für viele herzhafte Lacher im Publikum sorgte die Anekdote, wie sich Günther-Bender selbst ins Spiel brachte. „Ich bekam einen Brief von einer mir unbekannten, frechen, jungen Frau. Inhalt sinngemäß: Wenn Ihr es ernst meint mit dem Aufbau der Hühnerzucht, dann gibt es dafür nur eine Geschäftsführerin – und das bin ich“, sagte Gerber. Tatsächlich hätte sie selbst die Geschichte zwar anders in Erinnerung, aber: „Alexander hat schriftliche Beweise“, musste Günther-Bender lachend zugeben. Auch Jan Plagge war schnell überzeugt, in ihr die geeignete Geschäftsführerin gefunden zu haben. „Ich hatte einen Mutausbruch“, erklärte sie ihr damaliges Vorpreschen.
Als Jugendliche erfuhr sie im Rahmen eines landwirtschaftlichen Praktikums, dass zwar stets ungefähr die Hälfte männliche und weibliche Tiere schlüpfen, aber erstere nutzlos seien (legen keine Eier, setzen kaum Fleisch an) und daher direkt nach dem Schlupf eingeschläfert wurden, was wie bereits geschildert in Deutschland seit 1. Januar 2022 verboten ist. Für die junge Frau war schnell klar, Teil der Lösung werden zu wollen, weil das Thema sie nicht mehr losließ („fast schon bessessen“). Aus gesundheitlichen Gründen konnte sie ihren Traumberuf Landwirtin zwar nicht angehen, aber sich der Thematik intellektuell widmen, indem sie ökologische Landwirtschaft studierte.
Zweinutzungshühner in der Nische
„Ja, es ist eine steile These: Aber wir sind Weltmarktführer für Zweinutzungshühner“, sagte sie selbstbewusst und mit einem Anflug von gesunder Selbstironie. Denn Zweinutzungsrassen haben in der ökologischen Geflügelhaltung einen geschätzten Anteil von weniger als zwei Prozent. Aus ganzheitlicher Sicht betrachtet also die Nische in der Öko-Nische.
Bereits 2006 unternahm Carsten Bauck auf seinem Demeter-Betrieb mit den Zweinutzungshühnern Tetra H die ersten Schritte. „Schnell haben wir festgestellt, dass das den Markt nicht beeindruckt, und die Menschen es nicht wollen. Mit der Aufzucht der Hähne haben wir viel Geld verloren“, erinnerte sich der Landwirt, der weiterhin teilweise Zweinutzungsrassen hält. Das komplexe Thema der Verbraucherschaft verständlich näher zu bringen, sei ein dickes Brett. Darin waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussion einig.
Vorzupreschen kann aber durchaus funktionieren. Alle an der am 1. Januar 2013 gestarteten Bruderhahn Initiative (heute Brudertier Initiative, Bauck gehört zu den Gründungsmitgliedern) beteiligten landwirtschaftlichen Betriebe haben auf einen Schlag mit der Aufzucht der Bruderhähne begonnen. Finanziert durch einen höheren Eierpreis. „Das war eine riesige Blackbox, wir wussten nicht was auf uns zu kommt“, sagte Bauck. Doch alles habe aus dem Stand heraus funktioniert. „Die direkte Verbindung Landwirtschaft und Bio-Fachhandel hat das Thema implementiert. Das war mit niemand anderem hinzukriegen, sondern war nur mit diesem Pool an Idealisten machbar“, betonte Bauck. „Der Bio-Fachhandel kümmert sich oft um Themen, lange bevor sie sich rechnen oder mega sexy im Marketing rüberkommen, weil wir sie richtig finden“, hob Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin Bundesverband Naturkost Naturwaren hervor. Die Umsatzdelle ist zwar vielerorts überwunden, aber dennoch sei ein hoher Kostendruck zu verzeichnen. In Richtung Zucht von Zweinutzungsrassen stellte Jäckel klar: „Aber an der 1-Cent-Kampagne und dem Engagement für die ÖTZ war nie ein Fragezeichen. Das wird auch genauso bleiben.“
Die Aufzucht des Bruderhahns ist von Beginn an als Zwischenschritt gedacht, worauf Bauck hinwies. „Es geht in Richtung ÖTZ. Wenn sich nicht alle wegducken, sind wir auf dem Weg zur Lösung.“ Jens Bodden, auf dessen Betrieb in Goch ÖTZ-Tiere aufgezogen werden, machte selbstbewusst klar: „Wir haben die perfekte Geschichte und Strategie, es liegt nur noch an euch sie zu verstehen. Mehr ist es nicht.“
Problem Bruderkalb: ökologische Rinderzucht noch am Anfang
Analog zu den Legehennen zeichnet sich bei Kühen, die einseitig auf eine (extrem) hohe Milchleistung gezüchtet sind, beim männlichen Nachwuchs die gleichen Probleme ab. Das Bruderkalb wie auch der Bruderhahn eignen sich nicht für die Mast. Seit nunmehr fünf Jahren widmet sich die ÖTZ auch diesem Dilemma, wofür sich ÖTZ-Geschäftsführer Dr. Carsten Scheper verantwortlich zeichnet. „Der Generationenintervall bei Rindern ist fünf Jahre, wir stehen noch ganz am Anfang. Ein Zuchtprogramm für Rinder ist wesentlich komplizierter, als bei Hühnern. Insofern ist es eher ein Marathon und Lebensaufgabe“, zeigte sich Scheper realistisch.
Dennoch kann er bereits einen Erfolg für sich verbuchen, denn der gemeinsam von ÖTZ und dem Bundesverband Rind und Schwein entwickelte Zuchtwert RZÖko hat es bereits in den Besamungskatalog für Deutsche Holstein-Kühe geschafft. Langlebigkeit und Gesundheit stehen im Fokus dieses Wertes. „Das ist nur der erste Schritt. Eigentlich brauchen wir die RZÖko-Bullen, die gezielt nach diesem Zuchtwert selektiert wurden und sich völlig anders darstellen als die stark nach den konventionellem Zuchtziel hervorgebrachten Tiere. Also eigene Bullen, dann sind wir bei unseren eigenen Produkten. Die Schweizer sind uns hier einen Schritt voraus.“
„Ich habe eine Verantwortung für meine Tiere, auch die Kälber – von daher ist die Arbeit der ÖTZ ganz wichtig“, sagte Ludger Strotdrees, der einen Bioland Milchviehbetrieb unterhält und in der ÖTZ-Steuerungsgruppe Rind aktiv ist. „Zehn Jahre lang jährlich 6.000 Liter zu geben, entspricht auch auch einer Lebensleistung von 60.000 Litern.“ Die Öko-Kuh von morgen sei unauffällig, weil sie gesund, langlebig und friedfertig ist und „ihr Ding“ mache: Gras in Milch (und Fleisch) zu verwandeln ganz abseits von extremer Höchstleistung.
Als Tierärztin hatte Dr. Ophelia Nick, Mitglied des Bundestags und Sprecherin Landwirtschaftspolitik Bündnis 90/Die Grünen, hautnah erlebt, was Hochleistung mit der Tiergesundheit mitunter anstellt „Das eine neue Form gefunden wird, ist unglaublich wichtig.“ In den drei Jahren als Parlamentarische Staatssekretärin für Ernährung und Landwirtschaft in der Vorgängerregierung hätte sie gerne mehr erreicht – wie beispielsweise das staatliche Haltungskennzeichen für Rinder und Geflügel. Dann könne sich die Verbraucherschaft leichter entscheiden, welche Produkte im Einkaufskorb landen. Eine gewisse Zurückhaltung in der aktuellen krisenhaften Zeit sei durchaus spürbar. Aber: „Wenn wir gut strukturell an der gesamten Wertschöpfungskette arbeiten, bin ich sehr optimistisch, dass es den Tieren auf den Höfen in Zukunft besser geht.“
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