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Herbsttagung Green Food Cluster: Nicht verunsichern lassen und Bio weiter ausbauen

„Es ist eine Illusion zu glauben, alle fahren Elektroauto, essen ein Schnitzel weniger und dann bleibt alles beim Alten. Wir sind auf dem Weg bis zu vier Grad Erderwärmung und verfehlen somit das Pariser Klimaziel deutlich“, mahnte der scheidende Manager des Green Food Clusters, Dr. Armin Kullmann, zu Beginn der Herbsttagung an. Zu den zahlreichen globalen Umweltkrisen gesellen sich weitere Herausforderungen. Hochpreisige Bio-Lebensmittel lassen sich in der derzeitigen angespannten wirtschaftlichen Lage teils nur schwer vermarkten. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine trifft auch die dort aufkeimende ökologische Landwirtschaft. Zudem sieht sich das Fuldaer Unternehmen Green Pioneers, welches sich dem ökologischen Anbau von Nutzhanf verschrieben hat, der Strafverfolgung ausgesetzt.

„Viele Arten haben keine Chance, sich aufgrund der Geschwindigkeit des Klimawandels rechtzeitig anzupassen“, sagte Kullmann. Die industrielle Landwirtschaft verbunden mit dem Einsatz von Pestiziden sorge auch in Deutschland für ein Artensterben, es entstünden „Agrarwüsten der Monokultur“.

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Bio bleibt gefragt

„Bäuerliche, regionale Landwirtschaft hat zukünftig nur eine Chance, wenn sie sich ökologisiert. Ansonsten wird kleinteilige Landwirtschaft aufgrund ihrer Kostenstruktur nicht umsetzbar sein“, stellte Thomas Gutberlet, Geschäftsführer des Lebensmittelhändlers tegut, klar.

Mit Beginn der diesjährigen ausgedehnten russischen Invasion der Ukraine sind deutsche Verbraucher angesichts von in den Medien angekündigten Preissteigerungen augenblicklich bei Lebensmitteln in den Sparmodus gegangen. „Der Markt für deutsche Erdbeeren und Spargel ist schlagartig mit den Nachrichten zusammengebrochen.“ Die günstigere Ware beispielsweise aus Spanien war hingegen gefragt.

Man müsse reagieren, dürfe sich aber nicht verunsichern lassen und die langfristige Strategie nicht aus den Augen verlieren. „Unsere Absatzmengen von Bio-Lebensmittel gehen nicht zurück, es wird lediglich zu günstigeren Produkten gegriffen. Unseren Bio-Absatz wollen wir weiter steigern“, bekräftigte Gutberlet, dessen Unternehmen rund ein Drittel seines Umsatzes mit Bio-Lebensmitteln erwirtschaftet. Das Ziel der Bundesregierung von 30 Prozent Öko-Anbau bis 2030 – derzeit sind es rund elf Prozent – soll sich auch in den Verkaufsregalen widerspiegeln. Dann läge tegut allerdings „nur“ im Durchschnitt und das könne nicht der Anspruch sein. Mit seinem Sortiment und unternehmenseigenen ökologisch nachhaltigen Maßnahmen möchte tegut seinen Beitrag zum Erreichen eines 1,5 Grad-Ziels leisten. Gelingen soll dies unter anderem mit den tegut teo-Märkten, die ohne Kassen- und Verkaufspersonal auskommen. Die kleinen Einheiten sind vorwiegend aus Holz gebaut, auf Stelzen gesetzt versiegeln sie keine Flächen und das Dach ist begrünt. Als Nahversorger sind die teos gut zu Fuß oder per Fahrrad erreichbar.

Ukraine weiter unterstützen

Relativ gute Nachrichten zur aufkeimenden ökologischen Landwirtschaft in der Ukraine hatte Dr. Stefan Dreesmann von der Beratungsgesellschaft Agriculture & Finance Consultants im Gepäck. Stand Ende 2020 zählte das Land 400 zertifizierte Bio-Betriebe, die eine Fläche von 460.000 Hektar bewirtschaften. Nach Dreesmanns Kenntnis, produzieren die meisten unter teils erschwerten Bedingungen weiter. Die russische Armee nimmt seit Wochen gezielt zivile Infrastruktur unter Beschuss, so dass es beispielsweise Strom ausfällt.

Der Großteil an Bio-Getreide, Bio-Soja und Bio-Sonnenblumen fände seinen Weg auf den europäischen Markt. „Man hat es geschafft, mehr zu exportieren als im Vorjahr. Mich schmerzt, dass dies monatelang scheinbar nicht wahrgenommen wurde“, sagte Dreesmann. Eigentlich erlaubt die EU-Bio-Verordnung seit Anfang des Jahres ausschließlich Bio-Futter. Mit Hinblick auf die Eskalation des Kriegs in der Ukraine und damit befürchteten Engpässen ist bis Ende des Jahres wieder wie gehabt ein Anteil von fünf Prozent konventionellem Futter erlaubt. „Das hat dazu geführt, dass Deutschland weniger Bio-Futter aus der Ukraine importiert hat, obwohl es verfügbar war.“ Eindringlich warb Dreesmann dafür, den aufkeimenden Bio-Markt in der Ukraine weiter zu unterstützen.

Heimischer Hanf im Visier der Staatsanwaltschaft

Der Anbau von Nutzhanf ist eine Antwort auf die Folgen des Klimawandels und gleichzeitig Teil der Lösung. Selbst im konventionellen Anbau benötigt die Pflanze weder Dünger, Pestizide und aufgrund der tiefen Wurzeln keine künstliche Bewässerung. Somit ist sie bestens für extensive Landwirtschaft geeignet und übersteht Trockenperioden. Das 2018 in Fulda von Kerim Viebrock, Marc Graf und Philipp Gärtner gegründete Unternehmen Green Pioneers wollte daher den Anbau forcieren und fokussierte sich in der Produktion von Naturkosmetik-, Lebensmittel- und Nahrungsergänzungsprodukten größtenteils auf die entzündungshemmende Wirkstoffe, die besonders im Blütenharz zu finden sind. Seit diesem Jahr ist das Unternehmen bio-zertifiziert, ab kommenden Jahr stammen alle Rohstoffe aus ökologischer Landwirtschaft.

Philipp Gärtner von Green Pioneers
Gab tiefe Einblicke in die rechtlichen Probleme bei Green Pioneers: Philipp Gärtner
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Wenige Monate nachdem im Februar 2020 die erste Produktion anlief, stand die Kriminalpolizei auf der Matte und ging der Frage nach, ob ein Betäubungsmitteldelikt vorläge. Das Unternehmer-Trio übergab Unterlagen zum Anbau und Proben der Nutzhanfblüten. Ergebnis: Beim Gehalt von Tetrahydrocannabinol (THC), welches für die berauschende Wirkung von Cannabis verantwortlich ist, gab es nichts zu beanstanden. „Diese rechtliche Sicherheit war einmalig“, beurteilte Gärtner den Ausgang. Somit konnte Green Pioneers nach eigenen Angaben 40 Partner im Einzelhandel finden.

Im April 2021 ließ allerdings die Staatsanwaltschaft Fulda das komplette Warenlager beschlagnahmen. Tatvorwurf: bandenmäßiger Handel mit Betäubungsmittel in nicht geringer Menge. „Wir hatten kein Geld, keine Unterlagen, keine Waren und das Vertrauen der Händler war zerstört“, resümierte Gärtner. „Wir befinden uns in einer finanziellen Situation, die uns von Monat zu Monat kämpfen lässt. Dabei sind wir uns absolut sicher, alles richtig gemacht zu haben.“ Privatkredite und einzelne Händler hielten das Unternehmen über Wasser. Der beauftragte Nutzhanfanbau schrumpfte von 50 Hektar in 2020 auf zwei Hektar in diesem Jahr, weil ein Großteil des Umsatzes fehlte. Inzwischen ist auch der Tatvorwurf auf fahrlässiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln abgemildert. Derzeit entscheidet das Amtsgericht Fulda, ob es das Verfahren zulässt.

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