Bio? Logisch!

Bioland-Präsident Plagge: Öko-Landbau ist Leitbild der Politik – „Jetzt müssen wir liefern“

Die Prinzipien des ökologischen Landbaus seien als Richtschnur in der Politik angekommen – und nicht nur in den Sonntagsreden. Dies machte Jan Plagge, Präsident der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) und des Anbauverbands Bioland, auf einer Podiumsdiskussion anlässlich der Öko-Marketingtage Anfang Dezember deutlich. Jetzt hieße es, jahrelang Gefordertes zu realisieren. Allerdings sind Bio-Rohstoffe knapp und dennoch übe der Lebensmittelhandel weiterhin Preisdruck aus.

Bioland-Präsident Jan Plagge auf den Öko-Marketingtagen 2021
Bioland-Präsident Jan Plagge (rechts) mit Moderator Wolfgang Köhler.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

„Wir stehen jetzt im Mittelpunkt der Erwartungen“, so Plagge. Seitens der EU-Kommission und laut dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung sei der Öko-Landbau das Leitbild geworden. Daher sei die Zeit vorbei, unkonkrete Forderungen zu stellen, denen jeder zustimme, aber im Grunde kaum etwas mit ihnen anfangen könne. „Wir werden jetzt beweisen müssen, dass wir das immer Geforderte jedes Jahr Schritt für Schritt umsetzen können.“ Plagge blieb allerdings in seinen Aussagen selbst stets im Vagen und Unkonkreten, was genau wie umgesetzt werden muss. Auch der Moderator, SWR-Journalist Wolfgang Köhler, versäumte es an dieser Stelle nachzuhaken. Einen Ausblick gab Plagge dann doch: „Der EU-Agrarkommissar (Janusz Wojciechowski, Anmerkung „über bio“) hat mir versprochen, wir werden stets am 23. September gemeinsam eine Jahresbilanz für jedes Mitgliedsland der EU ziehen.“ Im Fokus stünden dann Zahlen zu aktuellen Marktentwicklungen, Bio-Anteile in öffentlichen Kantinen, Konsumverhalten, Umstellungsinteresse bei landwirtschaftlichen Betrieben und mehr.

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Knappe Bio-Rohstoffe und dennoch Preisdruck

„Als Hersteller leiden wir darunter, dass wir keine Rohstoffe haben und daher auch keine Bio-Lebensmittel herstellen können“, sagte Mathias Kollmann, Geschäftsführer der Bohlsener Mühle. Dann brauche es auch keine Absatz fördernde Maßnahmen, sondern es müssten mehr landwirtschaftliche Betriebe auf bio umstellen. Doch gerade in der eher ländlichen Region rund um Bohlsen würden dafür wiederum Ansprechpartner und Beratungsstellen fehlen.

„Ihr müsst höhere Preise zahlen, dann stehen konventionelle Landwirte Schlange, um umstellen zu können“, entgegnete Plagge, schränkte aber sofort ein: „Was gerade im Lebensmitteleinzelhandel, Discounter und Naturkostfachhandel geschieht, ist unglaublich. Es wird sich gegenseitig überboten, der Verhinderer der Inflation zu sein.“ Sprich, gestiegene Produktionskosten treffen auf harten Preisdruck, damit sich die Lebensmittel in den Läden nicht verteuern. „Als Verbände bekommen wir vom Handel gespiegelt, dass die Einkäufer in ihrem System so gefangen sind und daher wider besseren Wissens von ihren Herstellern, Bündlern oder Abpackern entweder Preisstabilität oder sogar noch Preissenkung verlangen. Das ist unverschämt.“ Es sei paradox: „Wir haben auf der einen Seite Rohstoffknappheit und auf der anderen ein Marktumfeld und eine Nachfragesteigerung, aber offensichtlich ist das System nicht in der Lage, faire, auskömmliche, langfristige Konditionen anzubieten.“ Diese Situation zwischen Ein- und Verkauf sei die Achillesferse für den Umbau der gesamten Landwirtschaft. Leider ging er mit keinem Wort auf die seit 2018 bestehende Kooperation zwischen Bioland und dem Discounter Lidl ein – mit besonderem Blick, wie sich die dortigen Einkäufer gegenüber den Bioland-Produzenten verhalten. Gibt es „unverschämten“ Preisdruck oder erhalten die Bioland-Lieferanten besondere Konditionen? An dieser Stelle blieb es Plagges Geheimnis.

Was der Handel laut Plagge allerdings nicht verstanden habe: „Im Einkauf wird immer noch davon ausgegangen, wenn der eine Lieferant nicht günstig genug liefern kann, dann weicht man halt auf einen anderen aus. Das funktioniert aber immer weniger, denn es braucht Betriebe, die investieren. Wenn Aldi beim Fleisch auf die Haltungsstufen 3 und 4 umstellen will, dann müssen sie die Produzenten vertraglich binden.“

Mehr als „nur“ Agrarpolitik nötig

Zudem gelte es bei Bioland die Lobby-Arbeit neu auszurichten. „Wir haben gelernt Agrarpolitik zu machen. Ein Team von ungefähr 30 Leuten beschäftigt sich damit professionell.“ Und trotzdem habe man heftig zu rudern, damit die Umsetzung der gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) zu halbwegs vernünftigen Entscheidungen für ein den einzelnen Betrieb führe. „Wir sind deutlicher gefordert nicht nur die Agrarpolitik zu verändern, sondern auch die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik. Dafür brauchen wir neue Allianzen.“

Geld für die ökologische Transformation sei genügend vorhanden, wie Georg Schürmann, Geschäftsleiter Triodos Bank, berichtete. Seit 1. Januar ist die EU-Taxonomie in Kraft, welche den Kern für den European Green Deal bildet. Nach diesem Regelwerk ist ökologisch nachhaltiges Wirtschaften definiert. „Ich habe den Eindruck, dass in Teilen der Wirtschaft noch nicht verstanden wurde, was da gerade in der Finanzwirtschaft abgeht“, so Schürmann. Denn schließlich sind Banken angehalten, Klimarisiken zu bewerten und ihre Investitionen entsprechend ökologisch auszurichten. Allerdings sollen auch Erdgas und Atomstrom laut Taxonomie als grüne Technologien gelten, wofür sich unter anderem Deutschland (Erdgas) und Frankreich (Atomstrom) stark gemacht hatten – wie unter anderem Zeit online berichtet.

„Nicht nachhaltige Unternehmen werden in naher Zukunft Probleme haben, an Kapital zu kommen“, erklärte Schürmann. So sei es künftig durchaus möglich, dass ein konventioneller Landwirt für seinen Kredit beispielsweise drei Prozent Zinsen zahlen müsste, der ökologisch wirtschaftende Kollege hingegen nur 1,5.

2 Kommentare zu “Bioland-Präsident Plagge: Öko-Landbau ist Leitbild der Politik – „Jetzt müssen wir liefern“

  1. Zitat aus dem Text:
    „Als Verbände bekommen wir vom Handel gespiegelt, dass die Einkäufer in ihrem System so gefangen sind und daher wider besseren Wissens von ihren Herstellern, Bündlern oder Abpackern entweder Preisstabilität oder sogar noch Preissenkung verlangen. Das ist unverschämt.“

    Kommentar meinerseits: Einkäufer werden dafür bezahlt, Preise zu drücken. Das ist Teil der variablen Vergütung, aber nur bei Zielerreichung. Also liegt das Heft des Handelns in den oberen Führungsetagen, das System anzupacken. Solange das nicht verstanden wird, wird das auch nichts mit der Sogwirkung des Handels.

  2. Danke für diesen guten Leitartikel im neuen Jahr. Möge der benötigte Einstellungwandel in uns allen gelingen.

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