Meinung

Mehr Bio-Butter bei die Fische!

Kommentar

„Wunsch, Wirklichkeit oder Wahnvorstellung? – Wie kann Öko zur Lösung beitragen?“ lautete der Titel einer Podiumsdiskussion anlässlich der Öko-Marketingtage Anfang Dezember 2021 auf dem Schloss Kirchberg. Hochkarätige Gäste versprachen spannende Einblicke in die Bio-Branche und ökologische Herausforderungen unserer Zeit. Allerdings blieb der Erkenntnisgewinn der Diskussion unter den Möglichkeiten. Stattdessen Informationsflut und zu viele vage und damit im Grunde nichts sagende Aussagen.

Patrick Müller-Sarmiento, Senior-Partner Roland Berger, brennt für die ökologische Landwirtschaft und besonders für Permakultur. Das wurde in den ersten Minuten seines fast halbstündigen Impulsvortrags zur anschließenden Podiumsdiskussion – der er ebenso beiwohnte – mehr als deutlich. Sein Beitrag könnte die perfekte Grundlage für das intensive Gespräch liefern, denn er benannte nicht nur die globalen Umweltprobleme, sondern auch die Herausforderungen der Bio-Branche zwischen ökologischem Mehrwert und möglichst günstigen Preisen. Allerdings lieferte Müller-Sarmiento einen Informations-Overkill ab, indem er maschinengewehrartig Fakten raushaute, inklusive Themensprünge. Die Bandbreite reichte von schlechtem Schulessen, Disruption im Lebensmittelhandel durch Konkurrenten wie Lieferdienste, globale CO2-Emissionen aufgrund intensiver Landwirtschaft, welche Produkte bei Verbrauchern beliebt sind (Convenience und pflanzliche Proteinquellen), klassische Musik für die Pflanzen auf einer Bio-Finca bis zum Plastiksparen auf einer Bananenplantage und mehr. Der umfassende Rundumblick war sicher gut gemeint und ja, einzelne Punkte waren durchaus sehr interessant – doch in der Menge war es eindeutig zu viel. Zeit, das Gehörte im Kopf zu sortieren blieb nicht, denn es folgte die einstündige Diskussion.

Bioland: Wir müssen – ja was denn?

Laut Jan Plagge, Präsident der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) und des Anbauverbands Bioland, seien auch mit Blick auf den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung die Prinzipien des ökologischen Landbaus als Richtschnur in der Politik angekommen. „Wir werden jetzt beweisen müssen, dass wir das immer Geforderte auch jedes Jahr Schritt für Schritt umsetzen können.“ Was er damit genau meinte, blieb sein Geheimnis. Weder nannte er konkrete Schritte oder formulierte klare Zielvorgaben, stattdessen blieben seine Aussagen ein gutes Stück weit abstrakt. In weiten Teilen der Diskussion war Moderator Wolfgang Köhler mehr Öko-Fan als fragender Journalist. Für den SWR ist er als Redakteur für Fernsehen, Radio und Online tätig, er kennt das Handwerkszeug eines Reporters. Während der Moderation vergaß er jedoch immer wieder journalistische Tugenden, durch (kritisches) Nachfragen seine Gäste dazu zu bringen, gemachte Aussagen zu konkretisieren und mehr aus den Gesprächen herauszuholen als das, was die Teilnehmer von sich aus (im Monolog) erzählen. Speziell bei Jan Plagge ließ er immer wieder Chancen verstreichen. Stattdessen herrschte eine fast schon einlullende Harmonie auf dem Podium.

Dabei hätte es zwischen den Zeilen durchaus Konfliktpotential gegeben, welches man konstruktiv hätte diskutieren können. So lieferte Udo Gattenlöhner, Geschäftsführer Global Nature Funds, ein eindrückliches Bild. Wenn er sich abends die Zähne putzt, macht er sich klar: „Heute sind 200.000 Menschen dazu gekommen, defensiv geschätzte 20.000 Hektar Wald und 20.000 Hektar Feuchtgebiete gingen verloren und 150 Arten sind ausgestorben. Da muss man aufpassen nicht depressiv zu werden.“ Ein Rückgriff auf den Titel der Diskussion „Wie kann Öko zur Lösung beitragen“ wäre angebracht gewesen. Denn auch in der ökologischen Landwirtschaft gibt es den Trend zu immer größeren, spezialisierten Höfen und auch Monokulturen lassen sich weltweit finden. Kann auch in diesen Fällen die Biodiversität nicht nur geschützt, sondern auch ausgebaut werden? Wie muss das Ernährungssystem gestaltet sein, damit auch die ökologische Landwirtschaft ökologischen Sinn ergibt? So lässt sich beispielsweise der derzeitige Fleischkonsum nicht aufrechterhalten. Und, und, und.

Schwachstellen nicht beleuchtet

Plagge ist Realist und durchaus bereit Schwachstellen zu nennen. Anlässlich des letztjährigen Jubiläums 50 Jahre Bioland gab er zu, dass auch die Anbauverbände in Sachen ökologischer Tierzucht noch einiges aufzuholen haben. Böse Zungen würden behaupten, die Bio-Branche habe Jahrzehnte verschlafen. Anlässlich der Öko-Marketingtage kritisierte Plagge den unverschämten Preisdruck auch seitens der Discounter. Seit 2018 kooperiert Bioland mit Lidl, seitdem finden sich dort offen ausgelobte Bioland-Produkte zu oftmals auffällig günstigen Preisen. Man ahnt es bereits: Man ließ Plagge zwar seine Beschwerden vortragen, aber niemand kam auf die Idee ihn zu fragen, wie sich die Lidl-Einkäufer gegenüber den nach Bioland zertifizierten Herstellern verhalten. Wenn man noch bedenkt, dass Mathias Kollmann als zugeschalteter Gast an der Diskussion teilnahm, ist das fehlende Nachbohren doppelt bitter: Kollmann ist Geschäftsführer der nach Bioland-Richtlinien zertifizierten Bohlsener Mühle. Man hätte somit gleich die Sicht eines Herstellers beleuchten können.

Ziellos?

Fast scheint es, als hätte der Veranstalter keine Ziele definiert, die er mit der Diskussion im besten Fall erreichen möchte. Angesichts der hochkarätigen Gäste fast schon eine Sünde, da diese aus unterschiedlichen Bereichen stammen, also einen guten Überblick bieten können. Unter dem Strich bleibt eine Gesprächsrunde, die durchaus ihre erhellende Momente hatte und interessante Einblicke lieferte, aber insgesamt zu unstrukturiert wirkte, teils zerfaserte und dadurch zu viele Chancen auf einen ehrlich-kontroversen Austausch links liegen ließ.

Weiterer Wermutstropfen: Leider musste mit Tina Andres, Vorsitzende Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, die einzige Frau in der Runde aus gesundheitlichen Gründen absagen. Und so erklärten ausschließlich Männer die Bio-Welt.

0 Kommentare zu “Mehr Bio-Butter bei die Fische!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.