Bio? Logisch!

Bio-Tiere: Hauptsache nicht kränker?

Im Vergleich zu konventionellen Höfen bieten ökologisch wirtschaftende Betriebe unter anderem mehr Platz und der Zugang zum Freien ist geregelt. Dennoch sind die Tiere nicht überall automatisch gesünder. Ein Problem von vielen: Tierwohl und entsprechende Kontrollen sind nicht einheitlich definiert. Auch dies möchte das Projekt ÖKoTier ändern, welches beim Thünen-Institut angesiedelt ist. Bleibt die Frage, ob Bio-Tiere überhaupt gesünder sein müssen.

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v.l.n.r.: Dr. Solveig March (Moderatorin), Jan Löning, Prof. Dr. Ute Knierim, Dr. Ulrich Schumacher, Hubert Heigl
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Im vergangen Jahr landeten vermehrt tierische Bio-Lebensmittel in den Einkaufskörben der Konsumenten, daher ist für Bio-Joghurt ein Mengenzuwachs von 7,3 Prozent, Bio-Käse 6,1 Prozent, Bio-Milch sechs Prozent, für Bio-Fleisch drei Prozent und Bio-Wurst 2,4 Prozent zu verzeichnen, wie auf der diesjährigen Bilanzpressekonferenz der Biofach verkündet wurde.

„Wir haben bei tierischen Bio-Lebensmitteln einen Umsatzzuwachs, weil hier das Versprechen gegeben wird, in das Vertrauen herrscht. Und dieses Vertrauen wollen und müssen wir rechtfertigen“, sagte Naturland-Präsident Hubert Heigl einen Tag darauf in einer Podiumsdiskussion des Thünen-Instituts auf der Biofach. Wohl die meisten Konsumentinnen und Konsumenten gehen davon aus, dass Tiere in der ökologischen Landwirtschaft gesünder sind und das Tierwohl jederzeit und in jedem Fall hoch ist. Dem ist allerdings nicht so.

Alles eine Frage der Haltung!?

Es ist komplex. Die ökologische Landwirtschaft – insbesondere die Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis mit ihren noch strengeren Richtlinien, die über die EU-Verordnung hinaus gehen – bereitet die Grundlage für ein höheres Tierwohl. „Wir sehen, dass Rinder in der ökologischen Landwirtschaft im Schnitt weniger Lahmheiten aufweisen als in der konventionellen Haltung. Das liegt auch daran, weil sie großzügigere eingestreute Liegeflächen und Weidegang haben“, sagte Dr. Ute Knierim, Professorin für Nutztierethologie und Tierhaltung der Universität Kassel.

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Doch die Vorgaben, die das Tierwohl erhöhen sollen, sorgen mitunter für neue Probleme. Im Freien können Tiere zwar ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben, aber damit seien auch Risiken verbunden: Infektionskrankheiten, ein möglicherweise nicht zuträglicher Zustand des Bodens, Klauenerkrankung, Verschmutzung der Tiere. „Tierwohl besteht nicht nur aus dem Ausleben der Verhaltensweisen, sondern Gesundheit und Zustand sind auch zu berücksichtigen“, so Knierim. Heigl ergänzte: „Es ist ein Problem, dass man auch mit der besten Haltung kranke Tiere haben kann. Das ist unstrittig. Aus dem Wunsch heraus Gutes zu tun, wie Ställe zu öffnen, Frischluft und Auslauf anzubieten und Medikamente auf ein Minimum zu reduzieren ist es tatsächlich bei manchen Betrieben übertrieben worden.“ Beispielsweise habe man zu spät entwurmt. „Und das führt dann zu Befunden in den Schlachtdaten.“ Daher müsse das Öko-Bild gerade gerückt werden, dass auch Bio-Betriebe Antibiotika einsetzen und dies nicht gegen die Prinzipien des ökologischen Landbaus verstoße. „Ist es Tier krank, gehört es behandelt“, betonte Heigl mehrfach.

Generell könne man sich streiten, ob es ökologisch gehaltenen Tieren gesundheitlich besser gehen muss, als denen in der konventionellen Landwirtschaft. Oder es nicht zumindest die Erwartung sein müsste, dass es ihnen mindestens genauso gut geht, ihnen aber mehr Möglichkeiten geboten werden ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. „Die zweite Hypothese würde ich unterstützen“, bekräftigte Knierim. „Ich bin überzeugt, dass Bio in der Haltung besser und bei der Tiergesundheit auf dem gleichen Niveau ist. Unser Licht brauchen wir nicht unter den Scheffel zu stellen“, sagte Heigl mit Nachdruck.

Bio: Höhere Tiergesundheit und mehr Tierwohl sollen es sein

Dennoch wurde auf dem Podium deutlich, sich in der ökologischen Landwirtschaft nicht mit dem Status quo zufrieden geben zu wollen. Doch wie definiert man Tierwohl, wenn der Gesetzgeber in diesem Punkt schwammig bleibt und es aus wissenschaftlicher Sicht an Daten fehlt? So plädierte Heigl für eine deutschlandweite Tiergesundheitsdatenbank, in der alle Tierhalter ob bio oder konventionell erfasst sind und in der neben den Ergebnissen von noch zu vereinheitlichenden Tierwohlkontrollen auch die Schlachtbefunde einfließen. Somit wäre eine valide Datengrundlage geschaffen, um faktenbasiert Vergleiche anstellen zu können.

Hier soll das Projekt ÖKoTier mehr Klarheit schaffen und für Rinder, Schweine, kleine Wiederkäuer, Legehennen und Mastgeflügel Interventionsschwellen definieren, ab wann gehandelt werden muss, um Situation zu verbessern und ab welchen Punkt ein Betrieb zu sanktionieren ist. Und vor allem Datengrundlagen zu bieten, um Tierwohlkontrollen zu vereinheitlichen. Am Ende soll ein transparentes und praktikables Prüfkonzept stehen. Dabei kann das Projekt auch auf die Vorarbeit der Anbauverbände aufbauen.

Tierwohl fest im Blick

Bereits 2014 hatten sich alle Anbauverbände – wobei Demeter mittlerweile nicht mehr an Bord ist – in der Arbeitsgruppe Tierwohl zusammengeschlossen. Dadurch wurde ein gemeinsames Konzept für eine Tierwohlkontrolle entwickelt, welches im Rahmen der Bio-Kontrollen angewendet wird. Abweichungen blieben relativ konstant bei 14 Prozent. „Die meisten Sachen sind geringfügige Verstöße“, sagte Dr. Ulrich Schumacher, Referent Tierhaltung bei Bioland. Durch Hinweise und Beratungen ließen sich Missstände meist abstellen. Wer sich partout als „beratungsresistent“ erweist, müsse in letzter Konsequenz seinen Verband verlassen. Behörden haben in Sachen Sanktionen keine Handhabe, wenn das Tierschutzgesetz eingehalten und „nur“ gegen die privatrechtlichen höheren Standards der Verbände verstoßen wurde.

Natürlich gibt es Schwachstellen, die Schumacher ansprach: Die bis zu 500 Kontrolleure der verschiedenen Kontrollstellen gehen alles andere als einheitlich vor. „Die Expertise des Kontrollpersonals ist total unterschiedlich.“ Ein Experte für Gemüsebau oder Bienenhaltung, muss auch im Schweinestall eine robuste Tierwohlkontrolle durchführen können. „Das ist eine absolute Herausforderung.“ Kontrolleure seien Menschen mit verschiedenen Neigungen und Vorwissen, aber: „Das unterschiedliche Vorgehen wollen und müssen wir standardisieren“, betonte Heigl.

Jan Löning, Inspektor für Tierwohlkontrolle der Kontrollgesellschaft für ökologischen Landbau, fand durchaus lobende Worte: „Es ist das Verdienst der AG Tierwohl, das Tier selbst in den Blickpunkt zu rücken. Denn darüber haben die Anbauverbände direkt erhebare Indikatoren entwickelt und für ihre Tierwohlkontrolle eingesetzt.“ Bewusst verließ er jedoch auch die von ihm so betitelte „Harmonieebene“ der Podiumsdiskussion und legte den Finger tief in die Wunde.

„Meine Erfahrung ist, dass die Beratung und auch die Tierärzte nicht auf unserer Seite stehen, sondern häufig dem Kunden verpflichtet sind und Gefälligkeitsgeschichten machen. Das betrifft nicht nur die Verbandsberatung allgemein, sondern ist ein grundsätzliches Problem.“ Man bekäme von Beratern und Beraterinnen, die Betriebe besuchen, auf denen Tierwohlverstöße stattgefunden haben, regelmäßig einen Wisch wieder, es sei alles in Ordnung. „Und man stellt aus den Schreiben fest, dass der Berater keine eingängige Tierwohlkontrolle gemacht hat. In meinen Augen gehört es dazu, den Status quo aufzunehmen, wenn ein Verstoß gegen das Tierwohl festgestellt wurde.“ Auch für Berater hätte es Konsequenzen, wenn sie auffällig sind. Dann müssten diese ausgetauscht werden, ergänzte Heigl.

Nicht nur, aber auch entscheidend: Genetik

Zur Wahrheit gehört auch, dass in nahezu allen Teilen der ökologischen Geflügelhaltung die gleichen Hybridrassen zum Einsatz kommen, wie in den konventionellen Betrieben. So sind Legehennen einseitig auf eine hohe Eierlegeleistung gezüchtet, so dass sie jährlich bis zu 320 Eier produzieren. Also fast jeden Tag eins. Eine Analyse der Universität zeigte auf, dass 97 Prozent der Legehennen ein gebrochenes Brustbein haben oder hatten – egal ob sie aus konventioneller Haltung oder vom Bio-Hof stammten. Insgesamt wurden 4.800 Hühner aus 40 Betrieben untersucht.

Müsste sich die ökologische Landwirtschaft von solchen Hochleistungsrassen verabschieden, die aufgrund einseitiger Zucht gesundheitliche Probleme mit sich bringen? Und sind Zweinutzungshühner, die wieder eine ausgeglichene Balance zwischen Eierlegeleistung und Fleischansatz aufweisen eine Lösung? „Wir sehen bei den Zweinutzungsrassen, die sich derzeit in der Nische etablieren, dass sie die gleichen Brustbeinprobleme haben“, erklärte Knierim. Dennoch sei es wichtig, den genetischen Aspekt stärker in den Blick zu nehmen. „Im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft haben wir in der ökologischen eine größere Rassenvielfalt, trotzdem werden in der Masse Hochleistungstiere gehalten, die ein entsprechendes Management fordern.“ Es sei nicht damit getan, eine andere Rasse einzusetzen und alle Probleme seien gelöst.

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Über das Projekt ÖKoTier

Neben dem Thünen-Institut als Koordinator sind am Projekt ÖKoTier beteiligt: Friedrich-Loeffler-Institut, Universität Kassel, die Kontrollstellen Gesellschaft für Ressourcenschutz, ABCERT, Kontrollgesellschaft Ökologischer Landbau und die Anbauverbände Bioland, Naturland, Biokreis und Gäa. Es ist im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau mit insgesamt 1.805.767,94 Euro gefördert, die Laufzeit ist von Juli 2023 bis Juni 2026.

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