Bio? Logisch!

Dank Chili: Zweinutzungshühner für alle Fälle

Die neuen Chili Zweinutzungshühner der gemeinnützigen Ökologische Tierzucht (ÖTZ) sind mit angepeilten 270 statt 250 Eiern pro Jahr deutlich legebetonter als bisherige Zweinutzungsrassen der ÖTZ. Dabei war stets eine ausgeglichene Balance zwischen Legeleistung und Fleischansatz das Zuchtziel. Der Schritt fiel ÖTZ-Geschäftsführerin Inga Günther-Bender nicht leicht – war aber nötig.

Chili Zweinutzungshühner im Auslauf
Chili Zweinutzungshühner auf dem Biohof Büsch.
Bild: Ökologische Tierzucht

Die 2015 ins Leben gerufene ÖTZ hat züchterisch einiges erreicht und sich in der ökologischen Geflügelhaltung – in der wie in der konventionellen maßgeblich „Hochleistungsrassen“ zum Einsatz kommen, die entweder viele Eier legen (Legehybride) oder in der Mast schnell viel Fleisch ansetzen (Masthybride) – zumindest in der Nische etabliert.

Die ÖTZ-Zweinutzungsrassen Coffee, Cream und Caramel, bei welchen die Hennen bis zu 250 Eier im Jahr legen und sich die Hähne auch für die Mast eignen (anders als die Bruderhähne der „Hochleistungslegehennen“, die vergleichsweise viel Futter benötigen und dafür wenig Fleisch liefern), sind gekommen um zu bleiben. Nun heißt es, die Nische weiter kontinuierlich auszubauen, sie aber auch ein gutes Stück weit zu verlassen. Dafür gelte es den Anforderungen auf Legehennen spezialisierter Bio-Betriebe gerecht zu werden, und das Spektrum der Zweinutzungsrassen zu erweitern. Die legebetonte Chili soll diese Lücke im ÖTZ-Angebot füllen.

Bei allem Idealismus auch Wirtschaftlichkeit entscheidend

„Nach zehn Jahren stellt sich für uns die Frage, ob wir uns auf dem Markt etablieren und damit wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können. Das gehört zum Erwachsenwerden einer Initiative dazu. Zu Ende des Jahres läuft planmäßig die Förderung durch das Bundeslandwirtschaftsministerium aus“, erklärt Günther-Bender. Von 2017 bis Ende 2026 wird die ÖTZ im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau Fördergeld in Höhe von insgesamt 3.508.831 Euro erhalten haben.

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„Unsere Priorität war und ist eine unabhängige Tierzucht in bäuerlicher Hand. Dafür ist es aber auch entscheidend, dass unsere Zweinutzungstiere einen Markt finden und die ÖTZ wirtschaftlich davon leben kann. Daher müssen sie für noch mehr Bio-Betriebe interessant sein“, präzisiert Günther-Bender den Schritt. Chili ist damit das Pendant zur fleischbetonten ÖTZ-Zweinutzungsrasse Bresse Gauloise. Ob ausgeglichene Balance oder doch fleisch- oder legebetont, bietet die ÖTZ Zweinutzungshühner für alle Fälle.

Generell können Zweinutzungstiere in Sachen Fleischansatz mit spezialisierten Masthybriden nicht mithalten – und sollen sie auch nicht. Die Chili-Hähne setzen allerdings noch weniger Fleisch an, als die Hähne der ausgeglichenen Zweinutzungsrassen Coffee, Cream und Caramel und liefern daher wohl in erster Linie Verarbeiterfleisch für die Produktion von Wurst oder Fertiggerichten. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass je nach Betriebskonzept meist die Hennen durch einen höheren Eierpreis die Mast der Hähne weiterhin quersubventionieren.

Chili Zweinutzungshühner im Einsatz

Seit vergangen August sind Chili-Legehennen beim nach den Richtlinien von Demeter zertifizierten Biohof Büsch aus dem nordrhein-westfälischen Weeze im Einsatz. „Die Tiere halten, was sie versprechen“, sagt Betriebsleiterin und Pächterin Simone Schmitz mit Blick auf die ersten Erfahrungen. Bisher legen die Chili Zweinutzungshühner konstant mehr Eier als die Hennen der Rassen Coffee und Cream es auf dem Betrieb jemals taten.

Schmitz ist der ÖTZ ganz bewusst verbunden, denn eine von Großunternehmen unabhängige Tierzucht und Bio von Anfang sind ihr wichtig. Bei allem Ideal muss allerdings auch die Wirtschaftlichkeit gegeben sein. In den Augen der Betriebsleiterin schließt Chili eine Lücke und kann sich daher vorstellen, künftig auch wieder ausschließlich ÖTZ-Tiere zu halten. Eigentlich hatte sie 2022 entsprechend umgestellt, musste dann aber doch zwischendurch teilweise auf Legehybride, wie die Sandy aus dem Hause Lohmann (Teil des Konzerns EW Group aus Deutschland), setzen, um die Nachfrage nach Bio-Eiern bedienen zu können.

Der Biohof Büsch hat den Fokus klar auf den Legehennen in den vier Mobilställen, daher ist eine deutlich legebetontere Zweinutzungsrasse für den Betrieb sinnvoll, wie Schmitz hervorhebt. Die zu den Hennen gehörenden Zweinutzungshähne wachsen auf dem Bioland Geflügelhof Bodden im nordrhein-westfälischen Goch auf. Von dort stammen auch die Junghennen, für die Schmitz einen Aufschlag zahlt, um die Aufzucht der Hähne zu finanzieren. Ist es für Schmitz mitunter herausfordernd, alle jährlich anfallenden Suppenhühner zu vermarkten, hat es der Zweinutzungshahn bei ihr noch schwerer. Die Nachfrage ist teilweise überschaubar.

Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn bei Rewe Südwest

Mit einem Fingerschnippen stellen Bio-Landwirtinnen und -landwirte ihren Betrieb nicht auf Zweinutzungsrassen um. Vielerorts ist Mehrarbeit gefragt, zudem liefern die Tiere ihrem ausgeglicheneren Zuchtziel entsprechend weniger Eier und Fleisch als die „Hochleistungsrassen“. Neben der Direktvermarktung braucht es verlässliche Absatzwege mit auskömmlichen Preisen, um noch weiter aus der Nische zu kommen und neue Käuferschichten zu erreichen. Zumindest für die Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn ist mittlerweile Rewe Südwest ein Partner im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel.

Es war durchaus ein Paukenschlag auf den Öko-Feldtagen 2023, als Tobias Mening, Vorsitzender der Geschäftsführung Rewe Südwest, verkündete: „Wir brauchen ein Zweinutzungshuhn, das an den ökologischen Landbau angepasst ist.“ Der Händler verortet die Zukunft der ökologischen Geflügelhaltung bei Zweinutzungsrassen. Am 7. Oktober 2024 war es soweit: In 111 Märkten im Gebiet von Rewe Südwest hielten Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn unter der Eigenmarke und als Naturland ausgelobt testweise Einzug – und haben sich mittlerweile im Sortiment von 130 Filialen fest etabliert. Die Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn unter dem Namen ZweierlEI im Sechserkarton zu 3,59 Euro (knapp 60 Cent pro Ei) böten einen deutlichen Mehrwert in Sachen Tierwohl, zudem seien Rewes Bio-Eigenmarken-Eier generell gut nachgefragt. „Ungeachtet der erfreulichen Entwicklung können wir eine Ausweitung des Artikels auf andere Regionen aktuell noch nicht absehen“, schreibt Rewe-Pressesprecher Thomas Bonrath auf Anfrage.

Eier und Fleisch gehören zusammen, lautet eine zentrale Botschaft der ÖTZ. Schließlich wächst pro Legehenne auch ein Hahn auf. Rewe sei durchaus bestrebt, in der nächsten Projektphase auch Fleisch von Zweinutzungshähnen anzubieten. Aber: „Ein entsprechender Bio-Frischfleisch-Artikel konkurriert dann automatisch mit den etablierten Bio-Frischfleisch-Angeboten wie beispielsweise Rewe Bio Masthuhn von Naturland. Gerade die Unterschiede in der Qualität (wie Farbe, Form und Geschmack) und in der Quantität (durchgängige Warenverfügbarkeit nicht gewährleistet) sind nach unserer Handelsexpertise ein großes Hemmnis für die Akzeptanz von Zweinutzungshahn-Frischfleisch durch die Verbraucher:innen. Ein durchgehendes Angebot bewerten wir aktuell als nicht umsetzbar“, teilt Bonrath schriftlich mit. Für ein verarbeitetes Produkt seien die erforderliche Rohwarenmenge deutlich zu klein und nicht kontinuierlich verfügbar. „Wir prüfen weitere Möglichkeiten.“ Und was ist mit Chili Zweinutzungshühner? „Grundsätzlich begrüßen wir die Weiterentwicklung der Bio-Zucht und beobachten gespannt den Einsatz der neuen Zuchtlinie der ÖTZ.“

1 Kommentar zu “Dank Chili: Zweinutzungshühner für alle Fälle”

  1. Sonja Frenzel

    Danke für das Update. Nachvollziehbar bezüglich der Wirtschaftlichkeit und natürlich immer noch besser als die „normale Produktion“. Nichtsdestotrotz eine traurige Entwicklung, von einer bereits extrem hohen Legeleistung weiter Richtung Hochleistungsrasse zu züchten. Gesteigerter Kalziumentzug, mehr Knochenbrüche/Brustbeinfrakturen, Entzündungen des Legeapparates… „Aber auch für die, die wissen, dass das Nutztier kein Ausnutztier ist, sondern Teil eines gesunden Ökosystems, dem mit entsprechendem Respekt zu begegnen ist.“ Das klingt für diesen gewählten Weg wie blanker Hohn.

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