Auch in der ökologischen Landwirtschaft kommt Saatgut zum Einsatz, welches zwar durch Bio-Betriebe vermehrt wurde, aber aus konventioneller Zucht stammt. Saatgut bei multinational agierenden großen Konzernen verortet zu wissen, passe nicht zu Bio, sagte Dr. Isabell Hildermann, Einkaufsleiterin Spielberger Mühle, vergangenen Samstag auf der Saatguttagung der Zukunftsstiftung Landwirtschaft in Kassel. Herausfordernd bleibe es, das Bewusstsein bei den Konsumentinnen und Konsumenten in Sachen ökologische Pflanzenzucht nachhaltig zu schaffen und gleichzeitig den Realitäten des Handels gerecht zu werden.
Die Innovationsstärke von Bio läge insbesondere im sozialen Bereich, hob Sascha Damaschun, Geschäftsführer des Bio-Großhändlers Bodan hervor. Für die Vielfalt in der ökologischen Pflanzenzucht und auf dem Acker brauche es diese Vielfalt spiegelbildlich in den Handelsstrukturen. Der inhabergeführte Bio-Fachhandel sei besonders prädestiniert diese abzubilden. Doch auch hier findet eine zunehmende Filialisierung und damit Konzentration statt, zudem ist der Konkurrenzdruck durch konventionelle Lebensmittelhandelsketten sowie Discounter in Sachen Bio mitunter enorm. Daher gehöre nicht nur was im Einkaufskorb landet, sondern auch wo mit zum Stimmzettel namens Lebensmitteleinkauf. Wenn im Handel Monokultur herrsche, wirke sich das auch direkt auf die Vielfalt im Anbau aus. Doch wie kann der Handel die ökologische Pflanzenzucht abseits von Spenden unterstützen?
Pro verkauftem Produkt ein paar Cent für die Züchtungsarbeit abzuführen hält Damaschun mittlerweile für ein zu schwaches Signal. Deutlich vielversprechender sei der Hinweis auf der Verpackung, wie viel ökologisches Saatgut im Produkt selbst stecke. Hierzu gelte es festzulegen, ab welchen Anteilen dies ausgelobt werden dürfe, um Greenwashing zu vermeiden. „Ich brauche den Hinweis auf der Verpackung meiner Produkte, sonst findet ökologische Pflanzenzucht nicht sichtbar im Regal statt, erzeugt somit keine Lenkungswirkung und wird an den Esstischen kein Thema.“ Beim Trockensortiment fehle die Sichtbarkeit extrem.
Ökologische Pflanzenzucht und die Realitäten im Handel
Bodan gelinge es beispielsweise bei Sellerie, Rote Bete und Pastinaken besonders auf Sorten aus ökologischer Pflanzenzucht zu setzen. „Das läuft richtig gut, was es den Anbauern ermöglicht, sich auf die Sorten einzulassen“, so Damaschun.
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Das Spannungsfeld stets lieferfähig zu sein sei immer gegeben und erhöhe sich noch, wenn man sich auf spezielle Sorten fokussiert. Zudem möchte die Kundschaft auch während der Wintermonate beispielsweise Brokkoli, Fenchel und Blattsalate haben – die dann aus dem Süden wie Italien bezogen werden. Daher gelte es auch dort nicht nur Landwirtinnen und Landwirte von ökologischer Pflanzenzucht zu überzeugen, sondern auch an die jeweiligen Standorte angepassten Sorten zu wählen. Diesbezüglich kündigte Damaschun entsprechende Vorhaben an.
Bei Weizen und Dinkel sei man mit dem Einsatz von ökologisch gezüchteten Sorten am weitesten, erklärte wiederum Hildermann mit Blick auf die Spielberger Mühle. „Bei anderen Getreidearten ist es schwieriger, bei Hafer (Hauptgetreide der Flockenproduktion im Hause Spielberger – Anmerkung Jens Brehl) traue ich mich nicht die Anteile zu quantifizieren.“ Wo eine Gemüsesorte mit einem besonderen Geschmack noch punkten kann, hat es Mehl erheblich schwerer. Wohl kaum ein Kunde verkostet es bewusst und ob man im selbst gebackenen Kuchen einen Unterschied schmeckt, ist fraglich.
Zumal es gängige Mühlenpraxis ist, mehrere Sorten zu mischen, denn entscheidend sind am Ende auch gute Backeigenschaften der Mehle. „Unsere bisherigen Versuche Einzelsorten zu vermarkten sind leider geflopt“, gab die gelernte Müllerin und Agrarwissenschaftlerin zu. Im Nachgang der Tagung darauf angesprochen, ging Hildermann näher ins Detail. So bot die Spielberger Mühle Rotkornweizen „Roter Älbler“ als ganzes Korn, Vollkornmehl und Flocke an. „Weizen hat eine breite Farbpalette von Gelb, über Rot, Dunkelviolett bis Braun“, hebt sie die Sortenvielfalt hervor. In der Direktvermarktung mit dem besonders engen Kontakt zur Kundschaft lassen sich sortenreine Produkte leichter absetzen. Ohne geschultes Personal „nur“ als Produkt im Regal funktioniert das nicht. „Die reine Sortenvermarktung ist nicht das nächste Etappenziel, sondern durch Nachfrage den Grundpool an Sorten aus ökologischer Pflanzenzucht zu erhöhen.“
Landwirtschaft als Bildungsort
Zurück zur Diskussion auf der Saatguttagung. Bereits in ihrer Jugend beschäftigte sich Hildermann mit der Frage, wem Saatgut gehört. „Ökologische Pflanzenzucht war in der Spielberger Mühle schon immer ein wichtiges Thema.“ Denn mit der Unabhängigkeit von Konzernen gehe mit samenfestem – also nachbaufähigem – Saatgut eine Freiheit einher, die die Spielberger Mühle als inhabergeführtes Unternehmen genießt und auch seinen Anbaupartnern zugänglich machen möchte.
Allerdings gelte es auch immer wieder Geduld aufzubringen, wenn der privaten Kundschaft aber auch Akteuren der Bio-Lebensmittelbranche das Thema ökologisches Saatgut auch nach Jahrzehnten der Aufklärungsarbeit immer noch neu ist. „Niemand hat deswegen unter einem Stein gelebt, vielmehr kann ich anerkennen, dass wir immer mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert sind.“ Damaschun plädierte dafür, durch Partnerschaften mit Kindergärten und (weiterführenden) Schulen die Landwirtschaft wieder stärker in der Mitte der Gesellschaft zu verankern, denn: „Landwirtschaft hat das Potenzial ein Bildungsort zu sein.“
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