Mit einem denkbar knappen Ergebnis von 54 Prozent Ja-Stimmen gab es auf der vergangenen Samstag online stattgefundenen Mitgliederversammlung des Anbauverbands Biokreis grünes Licht für die strategische Zusammenarbeit mit dem konventionellen Lebensmitteleinzelhandel und Discount. Damit ist dort der Weg für Eigenmarken mit Biokreis-Siegel frei. Erst 2019 wurde dies qua Mitglieder-Votum ausgeschlossen. Zudem trat der Verband zum 1. März der Branchenvereinbarung bei.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Rolle rückwärts: Quasi als Reaktion auf die Kooperation von Bioland und Lidl, richtete sich Biokreis 2019 verstärkt auf den Bio-Fachhandel aus. Seit jeher können Biokreis-Erzeuger und -Verarbeiter frei entscheiden, wo und wie sie ihre Produkte vermarkten und folglich in alle Absatzkanäle liefern. Doch offen als Biokreis ausgelobte Eigenmarken durften laut damaligem Beschluss neben dem Bio-Fachhandel nur konventionelle Lebensmitteleinzelhändler führen, die mindestens ein Fünftel ihres Umsatzes mit Bio-Produkten machen – was beispielsweise auf tegut zutrifft. Der Vorstand konnte allerdings auch Ausnahmen genehmigen. Biokreis-Eigenmarken des Discounts waren jedoch ausgeschlossen. Mit 61 Ja-Stimmen, 53 Nein-Stimmen und acht Enthaltungen ist dies nun Geschichte und damit die strategische Kooperation inklusive Biokreis-Eigenmarken frei. „Das denkbar knappe Ergebnis zeigt, wie sensibel das Thema ist“, sagte Thorsten Block, Vorstandsvorsitzender Biokreis, im Anschluss der Mitgliederversammlung im Telefonat. „Zumindest kein berauschendes Ergebnis“ und „tragisch“ war im Chat zu lesen.
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Neue Absatzwege mussten her
Der damalige Beschluss führte in der Breite nicht dazu, dass der Bio-Fachhandel verstärkt auf Biokreis-Ware setzt und damit Mitglieder des Anbauverbands bevorzugt – zumindest nicht außerhalb einzelner Leuchtturmprojekte vor allem bei inhabergeführten Läden und der Supermarktkette Bio Company aus Berlin. „Der Vorstand empfiehlt aus der Erkenntnis heraus, dass die Fokussierung des Biokreises auf den Fachhandel unsere Marktposition nicht im erhofften Maße stabilisiert und verbessert hat, eine Auflösung des bestehenden Fachhandelsbeschlusses und eine Neuausrichtung der Biokreis-Handelspolitik“, heißt es im Anschreiben an die Mitglieder.
In den Augen einiger Fachhändler haben die Anbauverbände generell an Strahlkraft verloren, seitdem vor allem der konventionelle Handel offensiv mit ihnen wirbt – wie beispielsweise Aldi Süd mit Naturland, Kaufland ist Mitglied bei Demeter. Als im Zuge der wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine die Kundschaft beim Lebensmitteleinkauf nach dem Bio-Boom der ersten beiden Corona-Jahre wieder sparsamer wurde, und statt im Bio-Fachhandel bevorzugt im Discounter zur ökologisch erzeugten Ware griff, wirbelte dies in der gesamten Branche einige Lieferketten durcheinander.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Teils konnten Biokreis-Rohwaren lediglich als EU-Bio mit entsprechendem Preisabschlag abgesetzt werden. Im vergangenen Jahr seien zudem teilweise Dinkel und Roggen in konventionelle Vermarktungskanäle geflossen, was einem doppelten Downgrading entspricht. Es seien daher genügend originäre Biokreis-Rohstoffe für neue Kooperationen mit den konventionellen Händlern verfügbar. Es gehe explizit nicht darum, krampfhaft Großbetriebe aufzunehmen, um Nachfragen zu bedienen, betonte Block.
Für weitere Stabilität soll die Branchenvereinbarung sorgen, der Biokreis zum 1. März beigetreten ist. Sie wurde im Juni 2022 durch die Anbauverbände Bioland, Naturland und Gäa ins Leben gerufen, um gleichwertige Qualitätsniveaus sicherzustellen – beispielsweise, wenn Rohstoffe unterschiedlicher Verbände gemeinsam gelagert und verarbeitet werden sollen. Die Branchenvereinbarung möchte im Kern vermeiden, dass Erzeuger und Verarbeiter rein aus Vermarktungsgründen Doppelmitgliedschaften abschließen oder den Anbauverband wechseln müssen. In der breiten Praxis hat sich das Verfahren allerdings noch nicht ohne Weiteres bewährt und Mehrfachmitgliedschaften werden wohl aus unterschiedlichen Gründen auf absehbare Zeit Alltag bleiben. Allerdings schafft die Vereinbarung wichtige Grundlagen für die Zusammenarbeit in der Bio-Branche und vereinfacht das Handhaben der Ware von mehrfachzertifizierten Unternehmen.
Vielschichtige Debatte
Eine Stunde diskutierten die Mitglieder sachlich, konstruktiv und mit auffallend großem Respekt für die Perspektiven und Wünsche des Gegenübers. Auf der einen Seite die Fachhändler, die ganz bewusst Mitglied bei Biokreis geworden sind, gerade weil der Verband mit dem Bekenntnis zum Fachhandel ein Alleinstellungsmerkmal bot. „Wenn ich nun mit Aldi und Lidl konkurrieren muss, habe ich erst recht keine Chance mehr.“ Zudem wurden Bedenken laut, die Handelsketten könnten zu großen Einfluss auf den Verband ausüben. Biokreis ist basisdemokratisch organisiert, jedes Mitglied hat eine Stimme, was als „Schutzwall“ bezeichnet wurde. Man sei als Lieferant im konventionellen Handel austauschbar, war eine weitere Sorge.
Gleichzeitig gab es unwidersprochenes Verständnis für die Erzeuger, die auskömmliche Preise erzielen müssen. Schließlich seien es die Landwirtinnen und Landwirte, die mit ihrer täglichen Arbeit die ökologische Transformation voranbringen. In der Debatte hielten allerdings die Erzeuger keine flammenden Plädoyers den Fachhandelsbeschluss aufzulösen. „Sich als Fachhändler zu beklagen, wäre nicht ehrlich“, betonte hingegen Malte Reupert, der mit Biomare drei Naturkostläden in Leipzig betreibt. Der Fachhandelsbeschluss sei durchaus in der Branche wahrgenommen, aber die daraus resultierenden Chancen nicht konsequent genug genutzt worden. Ein Versäumnis, welches man jederzeit nachholen könne, auch wenn Biokreis künftig Kooperationen mit dem konventionellen Handel pflegt.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Flavio Traxl, Mitglied Biokreis-Vorstand, warnte zu pauschalisieren, denn „den bösen“ konventionellen Lebensmitteleinzelhandel und Discount gäbe es nicht. Reupert hob wie bereits auf einer Podiumsdiskussion auf der BioOst im vergangenen Frühjahr hervor, dass die zwei großen Bio-Fachhändler weitgehend die Praktiken des konventionellen Handels übernommen hätten. Wenn auch nicht offen ausgesprochen, waren damit Dennree und Alnatura gemeint – hier sei mitunter Preisdruck zu spüren. Im Chat wurden positive Erfahrungen mit dem konventionellen Handel geteilt. Mit Betonung auf „noch“ böten konventionelle Handelspartner oftmals faire Preise, da sie auf die Verbandsware angewiesen seien, um sich Marktanteile zu sichern. Doch dies könne sich auch wieder drehen, hieß es in der Debatte.
„Die 53. Bio-Milch müssen wir nicht in die Regale des Discounters stellen“, meinte Block, der die Chancen bei besonderen Produktqualitäten verortet und weitere Käuferschichten mit Biokreis erreichen möchte. Er zeigte sich sichtlich erfreut, neue Wege beschreiten zu können.
Schade für die Bio-Bauern. Sie werden durch den großen Einfluss der Discounter im Preis gedrückt! Erst kommen die großen Versprechen und wenn du unterschrieben hast sieht plötzlich alles anders aus.
Wow, beeindruckender Blick hinter die Kulissen!
Biokreis ist bislang der einzige Anbauverband, der diese Einblicke in die finalen Debatten ermöglicht. Bei den anderen frage ich seit Jahren an und werde auch dort am Ball bleiben.