Bio? Logisch!

Umgang mit Rechts in der Bio-Branche: Politischer Dienstag bei der AöL

(Neu)Rechte Akteure geben vor, die Heimat „schützen“ zu wollen, doch verteufeln im gleichen Atemzug ökologische Politik von Energiewende bis Klimaschutz. „Auch Sie sind als Feind gemeint“, machte Historiker Volker Weiß auf der Mitgliederversammlung der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller (AöL) vergangenen Dienstag den Anwesenden im hessischen Fulda klar. Zugleich kam die Frage auf, was „die Bios“ überhaupt sind: noch eine politische Bewegung oder „nur“ eine Branche.

„Ursprünglich lag meine wissenschaftliche Heimat im Kaiserreich, leider habe ich mich mit meiner Spezialisierung immer mehr in die Gegenwart vortasten müssen“, sagte Volker Weiß, der als Historiker Strukturen und Akteure vor allem am rechten Rand analysiert. „Unternehmen stehen in der Mitte der Gesellschaft, daher beschäftigt auch uns ein gewisser Rechtsruck in Deutschland und wie man mit ihm umgeht“, ordnete Anne Baumann, geschäftsführende Vorständin AöL, den thematischen Ausflug ein.

Feindbild Bio-Unternehmen

„Wer sich etwas Besseres vorstellen kann, als das Recht des Stärkeren, zählt zu den linksgrün Versifften. Wer sich gegen Diskriminierung wehrt ist ein Weichei, das nichts aushält und den harten Realitäten der Konkurrenzgesellschaft nicht gewachsen ist. Der ganze Bereich des verantwortungsvollen Konsums und der Produktion stehen unter dem Verdacht der Wokeness“, zählte Weiß (neu)rechtes Gedankengut auf. „Die extreme Rechte wendet sich gegen alles, was Sie repräsentieren“, erklärte er mit Nachdruck den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern der Bio-Lebensmittelhersteller.

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Der Historiker kam nicht umhin, auch die braunen Wurzeln der Ökos wie die mal locker oder fester miteinander verbundenen Strömungen der Lebensreformer zu thematisieren – kurz gesagt eine Gegenbewegung zur Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts. Während die einen Freikörperkultur, Yoga und pflanzliche Ernährung auslebten, gründeten völkische Kreise Siedlungsprojekte, um „den reinen Menschen“ zu züchten. „Nicht wenige Antisemiten waren zeitgleich auch Feinde der Tierfolter. Wer die Verunreinigung der Ernährung mied, fürchtete nicht selten auch die der Rasse.“ Kritisches Reflektieren der eigenen Geschichte böte die Chance, sich in Gegenwart und Zukunft anders zu positionieren und die alten Fehler zu vermeiden „Daher ist das Beschäftigen mit den Abgründen der eigenen Branchentraditionen unumgänglich.“

Problemfall im Bio-Betrieb: die gesichert rechtsextreme AfD

Und damit traf Weiß einen hoch aktuellen Kern, wie sich in der anschließenden Diskussion zeigte. Gefühlt sei man eine Wertegemeinschaft gewesen, heute haben sich Gräben aufgetan – so schilderte es ein Teilnehmer. Wie er damit umgehen solle, wenn liefernde Bio-Landwirte oder Akteure des vorverarbeitenden Handwerks im Lager der AfD gelandet sind? „Widerspruch wo möglich und Aufklärungsarbeit leisten, Begriffe richtigstellen, Ressentiments auflösen. Mir ist völlig klar, dass wir dabei vor einer riesigen Sisyphusarbeit stehen“, so Weiß. Wenige Tage später am 2. Mai gab der Bundesverfassungsschutz bekannt, die gesamte AfD als gesichert rechtsextreme Bestrebung einzustufen. Ein Punkt von vielen: „Das in der Partei vorherrschende ethnisch-abstammungsmäßige Volksverständnis ist nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar“, heißt es in der Pressemitteilung.

Zurück zur Mitgliederversammlung: Ausdrückliche AfD-Symphatisanten als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind „ein richtig echtes Problem“, so ein weiterer Teilnehmer. In manchen Regionen Deutschlands sei es nahezu unmöglich eine Betriebsstätte zu unterhalten, wenn man keine Menschen mit rechtem Gedankengut beschäftigen möchte – dabei müsse man nicht zwangsläufig nur in den Osten der Republik schauen. „Den Weg zwischen Klarheit, Distanz und Nähe zu finden ist herausfordernd. Am Ende gehören wir in einer Gesellschaft doch zusammen“, führte der Teilnehmer weiter aus. Rassistische Aussagen in seinem Betrieb habe er einen Riegel vorgeschoben und greife wo nötig ein. Dennoch hegt er Zweifel: „Sollte ich nicht eigentlich viel mehr tun?“

Bewegung, Branche oder bewegte Branche?

Politisches Handeln prägte auch das zweite große Thema der Mitgliederversammlung. Einst sind etliche Bio-Pioniere angetreten, um enkeltauglich zu wirtschaften und die Welt zu verändern. Mögen so manche Bio-Lebensmittel anfangs geschmacklich ausbaufähig gewesen sein, waren die ersten Bio-Läden vor allem auch politische Orte. „Aus einer ursprünglich bürgerlichen Bewegung, die sich mit dem Einklang der Natur beschäftigt hat, ist heute ein Marktsegment geworden, was die Mitte der Gesellschaft erreicht“, sagte Dr. Alexander Beck, Geschäftsführung AöL. Mehrfach betonte er in seinem Impulsvortrag ausdrücklich nicht polarisieren zu wollen. Es brauche die großen Hersteller und Handelsketten, um den Markt für Bio-Lebensmittel weiter auszubauen. „Und das ist gut so.“ Natürlich müsse man auch wirtschaftlich erfolgreich sein, um etwas bewegen zu können. „Eine Gewissensprüfung wer aus welchen Motiven diesen Job macht, ist weder anständig noch zielführend.“

Aber: Eine gemeinsame Vision sei in einem sich ausdehnenden Markt verloren gegangen. „Wer zieht bei der Diskussion um die neue Gentechnik mit?“ Die beiden größten Bio-Händler in Deutschland – damit meinte Beck wenn auch nicht ausgesprochen Aldi und Lidl – seien in diesem Punkt nicht skeptisch. Sich in diesen Diskurs einzubringen werde nicht als Aufgabe verstanden. „Wer ist denn für kartellrechtliche Regelungen, um die Oligpolisierungstendenzen im Lebensmittelhandel aufzubrechen? Sind das alle Unternehmen die bio-zertifiziert sind? Nein, sind sie nicht.“

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Satzung ergänzt

Einstimmig haben die 50 vor Ort vertretenen Mitgliedsunternehmen am zweiten Tag der Mitgliederversammlung beschlossen, den Zweck des Vereins um „Stärkung von Forschung, Entwicklung, Bildung und Wissenstransfer“ zu erweitern und die Satzung dementsprechend zu ergänzen. Bereits zuvor wurde dies als Ausgabe verstanden und umgesetzt, um neuen Vergabereguliarien für Drittmittel zu entsprechen, ist dies nun explizit in der Satzung genannt.

Doch warum überhaupt diese Debatte führen? Kleine und mittelständische Unternehmen könnten in der Ausdehnung des Marktes beispielsweise beim Discounter nicht mithalten. „Die müssen sich fragen, wie sie sich positionieren können und wo ihre künftigen Märkte liegen. An dieser Stelle sind Innovationen gefragt“, sagte Beck im anschließenden Interview. Die einen Vergrößern den Markt für Bio-Lebensmittel, andere sind stärker politisch aktiv. „Das sind unterschiedliche Aufgaben.“

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Über die AöL und die diesjährige Mitgliederversammlung

Die Mitgliederversammlung fand am 29. und 30. April im Bonifatiushaus in Fulda statt, „über bio“ konnte am ersten Tag vor Ort sein. Die Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller repräsentiert die Interessen der ökologisch ausgerichteten verarbeitenden Lebensmittelindustrie und zählt aktuell 124 Mitgliedsunternehmen. Die klein- und mittelständischen bis hin zu international tätigen Betrieben erwirtschaften nach eigenen Angaben einen Umsatz von über fünf Milliarden Euro.

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