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Neustart im Umweltzentrum Fulda: „Wir machen die Türen weiter auf, als sie bisher waren.“

Seit Anfang Mai sind Timo Heumüller und Alexander Sust die neuen Geschäftsführer des Umweltzentrums Fulda und lösen damit Volker Strauch nach über 25 Jahren ab. Nun sollen Naturschutzverbände und Initiativen noch intensiver eingebunden werden, um das Umweltzentrum stärker zu beleben. Insgesamt heißt es weiter raus aus der Öko-Oase Aue und deutlich sichtbar rein in die politische Debatte um ein nachhaltiges Leben in der Stadt.

Alexander Sust und Timo Heumüller vom Umweltzentrum Fulda
Hereinspaziert: Alexander Sust (links) und Timo Heumüller wünschen sich noch mehr Aktivitäten im Umweltzentrum. Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

„Volker Strauch hat uns große Fußabdrücke hinterlassen, die nicht leicht zu füllen sein werden“, sind sich die beiden neuen Geschäftsführer einig. Als 1994 in Fulda Hessens erste Landesgartenschau stattfand, eröffnete damit auch das erste Umweltzentrum des Bundeslands. Damals ein echter Paukenschlag für den Naturschutz, konnte somit nicht zuletzt auch der Bau einer Umgehungsstraße quer durch die Fulda-Aue endgültig gestoppt werden.

Seitdem hatte es Volker Strauch als Geschäftsführer geleitet. Nicht immer stand der Naturschutz in der Kommunalpolitik an erster Stelle, doch Strauch habe eine erstaunlich hohe Frustrationstoleranz an den Tag gelegt. „Noch nie stand die Stadt Fulda so deutlich hinter seinem Umweltzentrum wie heute“, freut sich Sust über den Wandel.

Global denken, lokal handeln

In den letzten Jahrzehnten haben die Umweltprobleme – Klimawandel, Artenschwund, Verlust von fruchtbaren Böden, Müllberge und dergleichen – trotz respektabler Einzelerfolge tendenziell immer weiter zugenommen. Die Doppelspitze hinterfragt daher die klassische Umweltpädagogik des Umweltzentrums und rückt gleichzeitig die ökologisch nachhaltige Stadtentwicklung stärker in den Fokus.

Leitbild ist die Agenda 2030 der UNESCO, deren 17 weltweiten Entwicklungsziele es lokal umzusetzen gelte. „Wie ernähren wir uns in der Stadt? Wie gestalten wir Mobilität? Woher beziehen wir unsere Ressourcen? Diesen und weiteren Fragen stellen wir uns“, sagt Sust. „Unser Zentrum soll eine Drehscheibe für Initiativen und Ideen werden“, ergänzt Heumüller. „Die klassische Natur- und Umweltbildung bleibt ein wichtiges Standbein“, betont Sust, aber: „Die Annahme, ein Kind würde einen echten Zugang zur Natur finden und sich als Erwachsener ökologischer verhalten, nur weil es Pflanzen- und Tierarten bestimmen kann, hat sich nicht immer bewahrheitet.“ „Das ganze Konzept steht auf dem Prüfstand, es wird aber kein radikaler Schnitt. Wir sind froh, auf einem guten Fundament aufbauen zu können. Bewährtes bleibt und wird weiter entwickelt“, erklärt Heumüller. „Im ersten Schritt fragen wir bei den Trägern der bisherigen Angebote nach neuen Ideen.“

Es soll jedoch konkreter werden: „Wir bieten Bürgern, Naturschutzverbänden und Initiativen mit Ideen, wie wir unser Stadtleben enkeltauglich gestalten können, als Anlaufstelle neben organisatorischer Hilfe auch unsere Räumlichkeiten an. Wir machen die Türen weiter auf, als sie bisher waren. Menschen und ihre Ideen sollen zudem auf die Entscheider treffen und wir übernehmen die moderierende Rolle“, erklärt Sust. „Wir möchten nicht beim Beschreiben der Probleme stehen bleiben, sondern gemeinsam Lösungen finden und diese sollen am Ende möglichst auch umgesetzt werden.“ Maximalforderungen für den Umweltschutz sind schnell aufgestellt, doch in welcher Form Maßnahmen auch verwirklicht werden, ist die Königsdisziplin.

Je mehr Initiativen aktiv sind, um so höher ist die Chance etwas zu erleben. Bislang war für spontane Besucher die Wahrscheinlichkeit hoch, im Umweltzentrum keine geeigneten Erlebnis- oder Lernangebote zu finden. Daher ist neben Coworking-Spaces für Initiativen – sprich flexible Arbeitsräume – auch eine Dauerausstellung im Gespräch.

Auf dem Gelände selbst gibt es etliche Schätze zu entdecken, die allerdings entweder nicht selbsterklärend oder (zu) versteckt sind. Seit Kurzem scharren vier Hühner glücklich in der Erde, aber weswegen sie da sind, verschließt sich dem Besucher noch. Die Tiere stammen ursprünglich aus einer Legebatterie und können am Umweltzentrum erstmals ihr wesensgemäßes Verhalten ausleben. Auch die wohl größte Auswahl an Vogelhäuschen-Arten des Landkreises lädt zum Bestaunen ein, wenn man sie denn findet.

Ökologisch an die eigene Nase fassen

Zusätzlich steht Innenschau auf dem Programm. Das zum Umweltzentrum gehörenden Aue-Bistro soll in seinem Angebot auf eine konsequentere Ausrichtung gebracht werden. Neben verstärkt regionalen Bio-Lebensmitteln sollen konventionelle Produkte auf der Speisekarte reduziert werden. So gab es in den vergangenen Jahren zwar Bio-Weizenbier von Rother Bräu, man verschmähte aber das Bio-Pils der Brauerei und bot stattdessen das konventionelle Pendant an. Es wurde auch schon bei Kaufland konventioneller und in Plastik verpackter Scheibenkäse eingekauft. „In der Vergangenheit wurden zeitweise ausschließlich Bio-Produkte im Bistro angeboten, was natürlich die Durchschnittspreise erhöht hat. Die Nachfrage war jedoch nicht groß genug, um konsequent zu bleiben“, erklärt Sust. „Wir müssen für jeden Geldbeutel etwas bieten, weil wir niemanden ausschließen möchten“, sagt Heumüller. Noch steht das neue Speisenangebot nicht fest.

Unvergesslich auch der Anblick der von Plastikmüll überquellenden Abfalleimer nach einem Herbstmarkt. Die verschiedenen Gastronomen hatten konsequent auf Einweggeschirr und -besteck gesetzt und so Müllberge hinterlassen. „Dies möchten wir in Zukunft gerne ändern. Wer sich selbst als Ziel gesetzt hat, eine nachhaltige Lebensweise den Menschen näher zu bringen, muss auch selbst glaubwürdig nachhaltig sein“, sagt Heumüller. In Details muss das Umweltzentrum noch nachjustieren, um glaubhafter die ökologische Nachhaltigkeit zu fördern.

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