Premiere vergangenes Wochenende in Leipzig: Die Fachmesse BioOst war erstmals auch für Endkunden geöffnet und fand an zwei Tagen statt. Bei manchen Bio-Herstellern überwog die Skepsis, sodass sie nicht mit einem Stand vertreten waren. Auch das Fazit der Aussteller reicht von „Katastrophe“ bis „mega“ – wobei eine Seite überwiegen könnte. Die Besucherzahlen sprechen zumindest eine eindeutige Sprache.
Neben Fachbesuchern prägten an beiden Messetagen Samstag und Sonntag auch junge Familien mit Kinder- und Bollerwagen das Bild der diesjährigen BioOst in Leipzig. In aller Ruhe hieß es das ganze Spektrum an Bio-Lebensmitteln zu probieren, (mit Messerabatt) zu shoppen, sich von Kochshows inspirieren zu lassen, Fachvorträgen zu lauschen und sich allgemein über Bio zu informieren. Ganz bewusst wurde die Fachmesse zusätzlich für Endverbraucher an beiden Tagen geöffnet.
BioOst soll attraktiv bleiben
„Ein Erstlingswerk ist immer herausfordernd“, sagte Matthias Deppe, der gemeinsam mit Wolfram Müller die BioOst in Leipzig, die BioWest in Düsseldorf, die BioSüd in Augsburg und die BioNord in Hamburg veranstaltet. Im gewissen Sinne ist die BioOst ein Sorgenkind, weil in den vergangenen Jahren die Zahl der Aussteller zurück ging. Waren 2024 noch 235 Bio-Unternehmen vertreten, waren es 2025 mit 203 deutlich weniger und in diesem Jahr stellten lediglich 182 aus. In einem Punkt ist die Kehrtwende gelungen: Die BioOst begrüßte im vergangenen Jahr 1.732 Fachbesucher. Das neue Konzept lockte dieses Jahr insgesamt 3.930 Menschen an, davon 1.710 Fachpublikum und 2.220 Endverbraucher. Sowohl die Leipziger Denns Märkte wie auch Malte Reupert mit seinen drei Biomare-Filialen hatten an ihre Kunden Eintrittsgutscheine verteilt.
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Der Standort soll weiterhin attraktiv bleiben. „Eine Messe ist kein Selbstzweck, wir sind Dienstleister für unsere Aussteller“, so Deppe. Mit einem Messeformat müsse man am Puls der Zeit bleiben und daher auch offen sein, das Konzept zu verändern. „Bio ist und bleibt der Markenkern“, betonte Deppe ausdrücklich. Wenn auch nicht offen ausgesprochen, mag dies ein Wink in Richtung Biofach sein. Die Weltleitmesse in Nürnberg verzeichnet deutliche Rückgänge in Sachen Aussteller und Fachbesucher. Daher hatte man sogar kurzzeitig erwogen, auch Hersteller konventioneller Lebensmittel als Aussteller zuzulassen. Nach einem Aufschrei aus der Bio-Branche ruderte man schnell wieder zurück.
Zurück zur BioOst: „Konzeptionelle Entscheidungen muss man mit ruhiger Hand treffen“, erklärt Deppe. Frühzeitig habe man sich daher Gedanken gemacht, Endkundschaft zuzulassen, die Messe auf zwei Tage zu erweitern und das Publikum an beiden Tagen zu mischen – damit niemand der Eintritt verwehrt wird. Mittels Umfragen und Gesprächen hatten die Veranstalter das Interesse und mögliche Bedenken abgeklopft. Einige Aussteller hätten es ausdrücklich begrüßt, sich (endlich) einem breiteren Publikum präsentieren zu können. Andere waren und sind (noch) skeptisch bis ablehnend – teils weil Endverbraucher und Fachbesucher durchgängig vermischt werden. Auch einzelne Bio-Ladner äußerten sich via E-Mail und Kommentaren im Internet skeptisch. „Man kann es nicht allen recht machen. Dennoch ist es unser Anspruch, den Großteil der Aussteller auf die Reise mitzunehmen, eine attraktive Messe zu bieten.“
BioOst und Endkunden ein „konzeptioneller Geburtsfehler?“
Einer der Skeptiker ist Volkmar Spielberger, Geschäftsführer der Spielberger Mühle. Sein Unternehmen stellte aufgrund des neuen Konzepts nicht aus. In einem Telefonat vor der BioOst kritisierte er das Vermischen von einer Fach- und Verbrauchermesse als einen „konzeptionellen Geburtsfehler“, der in dieser Form keinen Sinn ergäbe. Wobei er mit seiner Kritik richtig verstanden werden möchte: „Wir müssen Plattformen für Endkunden außerhalb der Bio-Bubble schaffen.“ Das Ausstellen auf der Verbrauchermesse Cake & Bake Ende März in Dortmund sei für die Spielberger Mühle ein Erfolg gewesen. „Wir wollen die 100-prozentige Bio-Kompetenz des Fachhandels dem Verbraucher vermitteln, aber in einem Format, das organisatorisch funktionieren kann.“
Der Fachhandel brauche mit den vier regionalen Messen ein eigenständiges Forum, um in seiner Region umfänglich über Produkttrends, aktuelle Start-ups, Marken und Aktivitäten gut informiert zu sein. „Die vier regionalen Bio-Messen sind tragende Säulen der Bio-Branche – und diese zu ergänzen befürworte ich sehr.“ Allerdings getrennt in Fachbesucher- und Endverbrauchertage. Schwierig sei es beispielsweise mit Vertreterinnen und Vertretern des Handels über Preise und Positionierungen zu sprechen, während die Endkundschaft daneben steht.
Spielberger hatte sich am Samstag vor Ort selbst ein Bild gemacht, und ging mit vielen Ausstellern in den Dialog. Bei einem seiner Messerundgänge kreuzten sich die Wege mit „über bio“. Dabei zeigte er sich weiterhin skeptisch, die Besuchergruppen zu vermischen. Allerdings habe er mit einigen Bio-Unternehmen besprochen, die Messe via Werbeschaltungen kommunikativ zu unterstützen, um sie bei den Endverbrauchern bekannt zu machen. Allerdings nur, wenn sie sich ihnen nur punktuell öffnet und damit wieder zusätzlich ein geschlossenes Forum für Fachbesucher bietet.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Auch weitere bekannte Hersteller waren nicht mit einem Stand vertreten, wie beispielsweise die Andechser Molkerei, Sonnentor und die Allos-Hofmanufaktur. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, sie alleinig auf das neue Konzept zu schieben wäre unseriös. Auf Nachfrage teilte Allos schriftlich mit: „Wir schreiben auf der BioOst und BioWest deutlich weniger Aufträge als auf der Nord und Süd. Zudem hätte die BioOst mit der Öffnung für Verbraucher ein deutliches höheres Investment versprochen. Wir stehen Verbrauchermessen grundsätzlich offen gegenüber, sehen jedoch Leipzig aktuell nicht als den optimalen Standort für unsere Teilnahme.“ Auf der diesjährigen BioNord und BioSüd ist das Unternehmen mit einem Stand vertreten.
(Nachtrag 15. April 2026: „Wir setzen unseren Fokus auf B2B Messen. Da in diesem Jahr erstmals B2B und B2C Kund:innen die BioOst besuchen, haben wir uns heuer dafür entschieden, nicht auf der Messe vertreten zu sein. Die Teilnahme an einer Hybrid-Messe wäre für uns aus Ressourcengründen nur bedingt realisierbar, da wir mit einem größeren Personalstand vor Ort sein müssten, um unseren Anspruch, all unsere Kund:innen bestmöglich und umfassend zu betreuen, gerecht werden zu können“, teilt Sonnentor auf Nachfrage schriftlich mit.)
Details im Fluss
Der erste Messetag war deutlich schlechter besucht, was vielleicht auch am strahlenden Sonnenschein gelegen hat. Zudem haben Bio-Ladner samstags das Geschäft geöffnet, am Sonntag ist Zeit für einen Messebesuch. „Hätte ich nur den Samstag erlebt, wäre ich definitiv enttäuscht gewesen“, sagte ein Mitarbeiter eines Bio-Herstellers.
An beiden Tagen war „über bio“ auf der BioOst unterwegs und schnell wurde deutlich, dass sich das neue Konzept im Detail noch finden muss. So konnte nicht an allen Ständen eingekauft werden. Am ersten Messetag gab es einen kleinen Bereich, der exklusiv Fachpublikum vorbehalten war. Dort stellten unter anderem Georg Rösner Vertrieb (Marke Ökovital), Terra Sana, Hartkorn Gewürzmühle mit ihrer Biomarke Biolotta (exklusiv Fachhandel) und San Vicario (Bio-Feinkost aus Italien) aus. Kurz nach Messestart wurde auf Wunsch der Aussteller zum Teil für alle geöffnet, am Sonntag war der exklusive Bereich komplett Geschichte.
„Drogerien und der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel passen nicht zu unserer Vertriebsidee. Wir wollen gesund wachsen. Zudem benötigt der Fachhandel starke Partner, die ihn aktiv unterstützen“, erklärte Oliver Schröder, Gebietsverkaufsleiter Biolotta, warum sich sein Unternehmen für den abgetrennten Bereich entschieden hatte. Am Samstag vermisste er die Fachbesucher noch etwas, die am Sonntag an seinem Stand gut vertreten waren. Einen exklusiven Bereich würde er nur dann noch einmal buchen, wenn ihn mehr Unternehmen nutzen.
Für Swen Straßberger, Geschäftsleitung SweMa, war das gemischte Publikum durchaus ein Spagat. „Der Endkunde muss die Produkte kaufen, der Fachbesucher erhält gleichzeitig kostenfreie Muster und man spricht über Einkaufspreise.“ Grundsätzlich steht Straßberger dem neuen Format positiv gegenüber. „Die Messeveranstalter sollten das Feedback der Aussteller gut auswerten und das Konzept gegebenenfalls entsprechend anpassen. Der finanzielle Aspekt darf nicht alleinig ausschlaggebend sein.“
„Wenn das Konzept so bleibt, sind wir kommendes Jahr nicht mehr mit einem Stand vertreten“, sagte ein Aussteller, der seinen Namen an dieser Stelle nicht lesen möchte. „Der Veranstalter verwässert sein Profil, indem er Endkundschaft und Fachpublikum mischt – das bringt nichts. Das Konzept ist für mich nicht rund.“ Familien und Senioren, die über die Messe schlendern seien nicht die Zielgruppe.
Gut auf Endkunden eingestellt
Wertform (Bio-Kaffee Mount Hagen) hat sich aufgrund des neuen Konzepts bewusst für einen Auftritt auf der BioOst entschieden. Endkundschaft und Fachpublikum gleichzeitig am Stand zu begrüßen war für Rainer Bruns, Vertrieb Wertform, leicht zu bewerkstelligen. „Der persönliche Kontakt ist für uns wichtiger, als der Produktverkauf.“ Zudem nimmt er den zweiten Messetag gerne mit, denn der Aufwand für Auf- und Abbau ist der gleiche.
Auch LaSelva, Spezialist für italienische Bio-Feinkost, hatte sich gut auf das gemischte Publikum vorbereitet. Zum Verkauf wurden keine großen und damit schweren Flaschen Olivenöl angeboten, sondern der Fokus lag auf den Gläsern mit Pesto und Antipasti. „Die BioOst für Endverbraucher zu öffnen sehe ich positiv. Eine mögliche Alternative wäre, dass es die Messe ansonsten irgendwann nicht mehr gibt“, sagte Vertriebsleiterin Beate Wilke. Im Gespräch wurde schnell klar, dass sie das gemischte Publikum als Chance sieht. Zudem tummelten sich an ihrem Stand regelmäßig Besucher der parallel stattgefundenen Agra Landwirtschaftsausstellung, welche freien Zutritt zur BioOst hatten.
In ein ähnliches Horn stieß auch Alexander Kuhlmann, Marketingleiter Ecofinia (Marken Vivani, Björnsted, iChoc und Lacoa). Der Verkauf lief sichtlich gut. „Mit Bio-Schokolade haben wir auch ein dankbares Produkt.“ Es sei eine gute Werbung, sich einer solch breiten Besucherschaft präsentieren zu können. Von der Agra herüber gewanderte Teilnehmer waren regelmäßig am Stand, welche sich nicht „nur“ für hochwertige Bio-Schokolade interessierten, sondern auch fleißig einkauften. Zunächst sei man beim neuen Messekonzept etwas skeptisch gewesen, in der Praxis war es völlig unkompliziert.
„Auch wir waren zunächst skeptisch“, gab Andreas Bentlage, Leitung Marketing und Produktmangement Barnhouse, vor dem Messestart offen zu. „Wenn wir allerdings in der heutigen Marktlage dazu beitragen können, die Kundschaft wieder für den Fachhandel zu begeistern, dann tun wir das. Neue Potenziale zu erschließen wäre genial.“ Kurz vor Messeende begann ein weiteres Gespräch am Stand mit der Frage nach einem Fazit. „Mega. An beiden Tagen hatten wir Fachbesucher, Ladner, treue Bio-Kunden und neue Bio-Interessierte am Stand.“ Es seien keine reinen Schnäppchenjäger unterwegs gewesen. Der Messeauftritt sei gut investiert.
Das eingeholte Stimmungsbild ist nicht repräsentativ, daher wird es spannend, welches endgültige Fazit die Messeveranstalter aufgrund der Rückmeldungen ziehen und inwieweit sich das Messekonzept entwickelt – und was eventuell auf die anderen Standorte übertragbar ist.
Vielfältiges Programm für Endkunden und Fachpublikum auf der BioOst
Natürlich hieß es auch an beiden Messetagen das gemischte Publikum gut zu unterhalten. Besuchermagnete waren die Live-Shows, wo abwechselnd die Food-Influencer Simone Schäfer und Julian Schmitt kochten und backten. Bei jeder Session stets in Kooperation mit ausgewählten Herstellern. Für Baba Ganoush auf Baguette waren dies beispielsweise SweMa und die Herzberger Bäckerei.
Die zahlreichen Vorträge waren mitunter schwach besucht. Dabei ging es thematisch durchaus ins Eingemachte. Unter anderem erklärte Prof. Dr. Alexander Henning von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim, woran sich Lebensmittel erkennen lassen, welche die Artenvielfalt fördern. Der gesetzliche Mindeststandard EU-Bio macht anders als die Richtlinien der Anbauverbände keinerlei verpflichtende Angaben.
Johannes Heimrath (Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft), Daniel Dembski (Rheinsberger Preussenquelle) und André Uhlig (Lediglich Familienstift) gingen der Frage nach, wie sauber unser Trinkwasser ist. Fokus: Pestizide und deren Zerfallsprodukte, welche teils etliche Jahrzehnte brauchen, bis sie abgebaut sind. Dembski hielt nichts vom Grabenkampf Leitungswasser versus Mineralwasser und lobte den Einsatz der Wasserwerke. „Die können nichts für den Dreck, mit dem sie konfrontiert werden, und am Ende machen sie daraus wieder ein trinkbares Produkt.“ Heimrath betonte, dass die gesamte Landwirtschaft nachhaltig ausgerichtet werden muss, bei allem Verständnis für die Systemzwänge konventioneller Bauern.
Die Vortragsreihe präsentierte Adrian Leidner, Leiter Rosengarten (Marke der Minderleinsmühle), im wahrsten Sinne des Wortes von der Schokoladenseite. Für sein Unternehmen beginnt Weihnachten bereits im Frühjahr, wenn die ersten saisonalen Süßigkeiten produziert werden. Generell landen Lebkuchen, Zimtsterne & Co. in den Monaten vor Weihnachten durchaus zahlreich in den Einkaufskörben. Leidner plädierte weniger dafür, die Produkte noch früher ins Regal zu stellen, sondern eher zu schauen, welche davon auch noch in den kalten Monaten am Jahresanfang munden. Einen kleinen Seitenhieb in Richtung des Fachhandels konnte er sich nicht verkneifen: Vor Ostern wurde landauf, landab über die extrem teuren Schokohasen des konventionellen Herstellers Lindt diskutiert und berichtet. „Im Bio-Laden waren unsere Osterhasen trotz ökologischer Zutaten deutlich günstiger, dass hätte man durchaus verstärkt kommunizieren können.“ Chancen muss man auch nutzen – vielleicht war dies das inoffizielles Motto der diesjährigen BioOst.
Spannend, wie unterschiedlich das neue Messe-Konzept ankommt. Und was für ein ausführlicher Bericht und dazu auch noch jede Menge tolle Fotos!
Das hat auf jeden Fall mehr Unterstützung verdient…
https://www.ueber-bio.de/unterstuetzen/
… und mehr Werbung aus der Bio-Branche. Ist auch wesentlich günstiger als eine Messe.
https://www.ueber-bio.de/werbung-buchen/