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Bio-Hersteller gehen neue Wege

Zwergenwiese Naturkost wagt den ersten Schritt ins Kühlregal und verwandelt dafür Brotaufstriche in Aufschnitt, Havelmi muss mit dem Haferjoghurt zwangsweise pausieren und setzt stattdessen auf eine neue Nougat Creme, Purvegan ist nun Hersteller und Händler, Barnhouse präsentiert ein zuckerreduziertes Schoko-Müsli ohne Schokolade und bei Ostmost bewahrt ausgerechnet die importierte Orange den heimischen Streuobstapfel. Kurz gesagt: Auf der Fachmesse BioSüd in Augsburg war gestern einiges los!

„Nur“ Brotaufstriche gehört bei Zwergenwiese Naturkost der Vergangenheit an. Seit 2021 hat das Unternehmen nach und nach einen sechsstelligen Betrag in den Ausbau der Kapazitäten und speziell in den Maschinenpark für die neue Produktlinie der pflanzlichen Aufschnitte investiert. „Das wird ein neuer Stern für Zwergenwiese. Wir glauben an das Produkt, deswegen sind wir in die Investition gegangen“, sagt Geschäftsführer Jochen Walz.

Drei Packungen mit veganem Aufschnitt von Zwergenwiese.
Die drei neuen bio-veganen Aufschnitte von Zwergenwiese
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Flohsamenschalen und Pektine sorgen dafür, dass sich Brotaufstrichen festigen und zu „Würsten“ formen lassen. „Von einer cremigen zur maschinell schnittfesten Konsistenz zu kommen, war für uns am herausforderndsten.“ Ab Oktober und vorerst exklusiv im Bio-Fachhandel sind die drei Sorten Tomate Basilikum (Basis: Aufstrich Basitom), Senf Dill (Basis: Aufstrich Sendi) und Rote Bete Meerrettich (Basis: Rote-Bete-Meerrettich Streich) erhältlich. Damit ist der erste Sprung ins Kühlregal vollzogen. Für Kenner der Aufstriche bieten sich somit keine neuen Geschmackserlebnisse. Wer jedoch ausschließlich zu den diversen pflanzlichen Aufschnitten der Mitbewerber gegriffen und Brotaufstiche links liegen gelassen hat, erhält neue Alternativen, erklärt Susanna Riegele, Verkaufsleiterin Rapunzel Naturkost.

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Weitere Varianten sind in der Pipeline, man möchte sich jedoch vorerst auf die drei Sorten konzentrieren. „Sobald diese etabliert sind, gehen wir mit dem Bio-Groß- und -einzelhandel in den Austausch, welche weiteren Sorten gewünscht sind. Aus dem Stegreif können wir jeden unserer Aufstriche als Aufschnitt produzieren“, erklärt Walz.

Havelmi: Auf dem Weg zur „Frühstücks-Company“

Seit August schauen Fans des Haferjoghurts aus dem Hause Havelmi ins leere Pfandglas. Da die mittelständische Bio-Molkerei, in der sich der vegane Hersteller eingemietet hatte, die eigene Glasabfüllung aus Kostengründen eingestellt hat, ist eine Produktion derzeit nicht möglich. Ein alternativer Standort ist ebenfalls kurzfristig nicht in Sicht, wie Achim Fießinger, Geschäftsführer HaferManufaktur, erklärt. Bisher verliefen alle Anfragen bei Bio-Molkereien negativ. „Dabei werden immer die drei gleichen Gründe angeführt: der Betrieb ist ausgelastet, kein Interesse an vegan oder man möchte sich mit Hafer kein Allergen in die Produktion holen.“ Hofmolkereien seien in der Regel räumlich zu klein und sich anstatt einzumieten eine eigene Produktion aufzubauen sei finanziell utopisch.

Drei Menschen halten Gläser mit Nougat Creme von Havelmi in Gläsern von Circujar.
V.l.n.r.: Matthias Nitschke (Leiter Vertrieb HaferManufaktur), Achim Fießinger (Geschäftsführer HaferManufaktur), Iris Vilsmaier (Geschäftsführerin Circujar) – prominent im Vordergrund die neue bio-vegane Nougat Creme
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Um nicht mit dem Haferdrink auf ein einziges Produkt limitiert zu sein, ist seit Kurzem dieser als Zutat in einer Nougat Creme im Handel. Geschmacklich und auch in Sachen Textur hat man sich dabei ganz bewusst an konventionellen „Mainstream“-Produkten orientiert, allerdings wird auf Palmöl verzichtet. Und tatsächlich besticht der süße Aufstrich besonders durch seine Cremigkeit. Zudem kommt er ganz bewusst zu 200 g im Mehrwegglas von Circujar. Im ersten Quartal 2026 sollen zwei weitere Sorten folgen: weiß und crunchy. Doch warum ausgerechnet eine Nougat Creme? „Wir sind auf dem Weg zur Frühstücks-Company und wollen dafür das passenden Produktportfolio anbieten – immer auf der Basis von Hafer.“

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Über Circujar

Produzenten, die auf die Mehrweggläser von Circujar setzen, benötigen keine eigenen Spülanlagen, müssen sich nicht um die Logistik kümmern und keine Gläser kaufen. Stattdessen ist eine Nutzungsgebühr fällig. Die Endkundschaft zahlt wie gewohnt Pfand, der bei der bei Abgabe der Gläser erstattet wird. Durch diesen Fullservice soll es für Lebensmittelproduzenten kostengünstiger und einfacher sein, auf Mehrweg zu setzen. Bereits mehrere Bio-Produzenten setzen Gläser von Circujar ein. Der Startschuss fiel im Handel Ende 2022 im Norden bei einigen Edeka-Märkten, im Februar 2023 in allen Alnatura-Filialen. Die Zusammenarbeit mit Alnatura lief allerdings bereits Ende 2023 aus. „Circujar benötigt für schlanke und damit günstige Prozesse eine rein digitale Vertragsbestätigung. Alnatura benötigt hingegen eine Unterschrift auf dem Vertrag in Papierform. Aufgrund dieser beiden sehr unterschiedlichen Prozesse in der Vertragsbestätigung haben wir leider nicht zusammengefunden“, ist der offizielle Grund. Im Bio-Fachhandel sind BioCompany, ebl und Erdkorn die stärksten Filialisten, die nach Angaben von Circujar deren Gläser im Einsatz haben.

Auf den Nagel getroffen


Purvegan ist vor allem als Hersteller von pflanzlichen Alternativen auf Basis der Lupine bekannt: vom rein pflanzlichen Filet bis Geschnetzeltes. Zum 1. August hat das Unternehmen die Marke Tofu Nagel übernommen, bei deren Produkten bleibt alles unverändert. Hergestellt wird weiterhin bei Sojafarm in der Nähe von Bingen. Mit der Übernahme ist Purvegan nun Hersteller und Händler. Damit betritt das Unternehmen Neuland und muss nun zwei Marken gerecht werden. Seine Zweimarkenstrategie hatte Taifun Tofu zum 1. April beendet, und sich damit von der Marke Tukan, welche im konventionellen Handel verwendet wurde, verabschiedet.

Hermann Krämer präsentiert Produkte von Purvegan (Marke alberts) und von Tofu Nagel.
Purvegan-Geschäftsführer Hermann Krämer war nun auch Ansprechpartner in Sachen Tofu Nagel.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

„Tofu Nagel ist vor allem im Norden bekannt, das gilt es nun bundesweit zu erreichen“, sagt Hermann Krämer, Geschäftsführer Purvegan. Ab kommendem Jahr können sich Händler aussuchen, ob sie die Nagel-Produkte weiterhin unter dem bekannten Namen oder unter der Purvegan-Marke Alberts beziehen wollen. Für Purvegan ist die Übernahme durchaus eine Chance sich breiter aufzustellen. Das Unternehmen macht jährlich etwa 2,5 Millionen Euro Umsatz, rund die Hälfte wird künftig voraussichtlich die Marke Tofu Nagel beisteuern.

Schokoladenmüsli ohne Schokolade

Seitdem der Spezialist für gebackenes Müsli Barnhouse seine Low Sugar-Reihe 2021 eingeführt hat, zählen die zuckerarmen Müslis (jeweils weniger als fünf Gramm Zucker auf 100 Gramm) zu den Topsellern. Andreas Bentlage, Leitung Marketing & Produktmanagement, kündigte im Gespräch mit „über bio“ bereits im Frühjahr eine fünfte Sorte an, die nun erhältlich ist. Mit Krunchy Low Sugar (No) Choco dürften die Herzen der Fans von Schoko-Müsli höher schlagen, die zwar auf Zucker aber nicht auf Geschmack verzichten möchten: nur 4,2 Gramm Zucker auf 100 Gramm bringt es in die Müslischüssel.

Drei Frauen am Messestand von Barnhouse, Krunchy Low Sugar (No) Choco
Auch Krunchy Low Sugar (No) Choco war am Stand von Barnhouse Gesprächsthema.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Als erster deutscher Bio-Hersteller setzt Barnhouse dafür auf Thic (This isn’t Chocolate) vom dänischen Unternehmen Endless Food, welches das Ziel hat Nebenprodukte der Lebensmittelherstellung zu veredeln. Bio-Zutaten sind Shea- und Illipe-Butter (Wildsammlung), Gerstentrebermehl (Nebenprodukt Bier-Herstellung) und Kakaoschalen (Nebenprodukt eines dänischen Schokoladenherstellers).

Tatsächlich entfaltet sich im Mund der Schokoladengeschmack, doch die Süße ist deutlich „heruntergeregelt“. Reiner Kakao oder Zartbitterschokolade hätten sich nicht geeignet, weil beide eine bittere Note mitbringen. „Anfangs waren wir unsicher, wie viel Schokolade ein Kunde bei einem Low-Sugar-Produkt erwartet“, gesteht Bentlage. Daher erhielt ein kleines Panel mit ungefähr 80 ausgewählten Kundinnen und Kunden vorab Produktmuster. „Der Großteil hat gesagt, es ist genau richtig. Das hat uns bestärkt, das Produkt umzusetzen.“

Paradox: Orange ermöglicht Streuobstapfel

Lukas Küttner, verantwortlich für Marketing und Vertrieb der Streuobstwiesen Manufaktur (bekannt unter der Marke Ostmost), sprach es bereits auf der diesjährigen BioOst in Leipzig an. Die Mission des Unternehmens ist es, das ökologische Bewirtschaften von Streuobstflächen als bewussten Beitrag zur Artenvielfalt und extensiver Landwirtschaft zu ermöglichen. Dennoch müsse man das Sortiment breiter aufstellen, um nicht alleinig vom witterungsanfälligen Rohstoff Streuobstapfel abhängig zu sein.

Paul Döcker, Mitgründer Streuobstwiesen Manufaktur (Marke Ostmost) präsentiert neue Getränke auf der BioSüd.
Mitgründer Paul Döcker mit den Neuheiten der Marke Ostmost
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Nun hat das Unternehmen in die süße Orange gebissen: Seit April ist in der Berliner Gastronomie Orangen-Mandarinen- und Zitrone-Minze-Limonade, dazu Pfirsich und Zitronengras-Minze-Eistee erhältlich – der Bio-Fachhandel folgte nach. „Der Gastro-Vertrieb funktioniert alleine mit der Apfelschorle nicht“, erklärt Geschäftsführer Dennis Meier, dessen Unternehmen in der Gastronomie die Hälfte seines Umsatzes erwirtschaftet. Um auch im Winter passende Produkte anbieten zu können, sind nun zusätzlich diverse Sorten Ingwer-Shots neu im Sortiment. Auch das Waysa-Sortiment – hier sorgen Blätter der Guayusa-Pflanze für den Koffein-Kick – wurde bereits im Mai mit den Sorten Black Kola und Pink Peach erweitert. Dabei sollte mit dem heimischen Streuobst aufgezeigt werden, dass es Alternativen zum Transport von Früchten über Landesgrenzen hinweg gibt. „Das ist unser Ursprung.“ Und nun ermöglichen ausgerechnet importierte Südfrüchte die Mission.

„Die Frage, ob wir damit unser Image verwässern, haben wir uns mehrfach gestellt und das kann durchaus auch sein.“ Entscheidend sei allerdings der Zweck des Unternehmens, das langfristige und nachhaltige Bewirtschaften von Streuobstwiesen zu ermöglichen und das Streuobst angemessen in Wert zu setzen. „Dem ordnen wir alles unter. Natürlich hat eine Orangenlimonade nichts mehr mit dem heimischen Streuobst zu tun, aber der dadurch erwirtschaftete Ertrag zahlt auf das Unternehmen und damit unsere Mission ein.“

Man müsse sich vergegenwertigen: „Das System Streuobst ist krank, diesem Patienten wieder auf die Beine zu helfen ist schwierig. Die Marktpreise für Streuobst sind in der Regel so niedrig, dass eine Pflege oder gar die Neuanlage von Streuobstwiesen nicht rentabel ist. Viele bestehende werden abgewirtschaftet, indem man rausholt was da ist. Für den langfristigen Erhalt braucht es aber eine kontinuierliche Pflege.“ Zudem könne Streuobst preislich nicht gegen Plantagenobst konkurrieren. Dem entgegenzuwirken, zahlt die Streuobstwiesenmanufaktur stets mehr als der jeweils gültige Marktpreis. Sozusagen Fair Trade vor der Haustür.

Hinweis: Die Interviews mit Jochen Walz, Andreas Bentlage und Dennis Meier sind bereits vor der BioSüd telefonisch erfolgt. Alle anderen Gespräche haben auf der BioSüd stattgefunden.

1 Kommentar zu “Bio-Hersteller gehen neue Wege

  1. Spannende und leckere Neuigkeiten! Da läuft mir schon wieder das Wasser im Mund zusammen. Bin mal gespannt, was es davon auch in meinen Bio-Laden schafft.

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