„Zum ersten Mal mussten wir die Preise erhöhen“, erklärte Lukas Küttner, verantwortlich für Marketing und Vertrieb der Streuobstwiesen Manufaktur (bekannt unter der Marke Ostmost). Preistreiber sind „ganz klar der Klimawandel“, aber auch Kosten für Logistik und Produktion haben deutlich zugelegt. Dadurch werden bestimmte Bio-Lebensmittel teurer. Ob, und wenn ja wie man den ökologischen Mehrwert der Kundschaft vermitteln könne, wollte eine Podiumsdiskussion auf der Fachmesse BioOst in Leipzig beleuchten – und landete auch bei einem gerechteren Wirtschaftssystem.
Wie es der Name erahnen lässt, hat sich die Streuobstwiesen Manufaktur mit Sitz in Berlin auf die Fahne geschrieben, das ökologische Bewirtschaften von Streuobstflächen als bewussten Beitrag zur Artenvielfalt und extensiver Landwirtschaft zu ermöglichen und unter der Marke Ostmost Apfelsaft, Schorlen und Cider auf den Markt zu bringen. Das Unternehmen bewirtschaftet keine eigenen Streuobstwiesen und produziert nicht selbst.
„Durch Frost im April hatten wir vergangenes Jahr eine unterdurchschnittliche Apfelernte. Auch dieses Jahr gab es in Brandenburg eine Frostnacht, während die Apfelbäume bereits blühten. Das kann durchaus wieder zu einem Ernteausfall führen“, sagte Küttner. Der Hauptrohstoff Streuobst-Apfel ist dann knapper und logischerweise steigt dessen Preis. „Laut unserer Philosophie kaufen wir schon teuer ein, Fair Trade vor der Haustür nennen wir das.“ Bis dato hat das Unternehmen höhere Kosten – auch für Logistik und Produktion – geschluckt, doch zum ersten April mussten die Verkaufspreise erhöht werden. Im Schnitt sind diese in etwa zehn Prozent nach oben geklettert – je nachdem, wie viel Apfelsaft im jeweiligen Produkt steckt und wie die Händler wiederum ihre Preise gestalten. „In den nächsten Monaten sehen wir, ob das angenommen wird oder wir aus den Regalen fliegen.“ In einem anschließenden Telefonat stellte Küttner in Aussicht, im Falle einer ertragreichen Apfelernte durchaus einen Teil der Preissteigerungen wieder zurücknehmen zu wollen.
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Zurück zur Podiumsdiskussion: Derzeit hieße es, die Effizienz des Unternehmens im Auge zu behalten (nur so viel Personal wie nötig) und sich langfristig im Sortiment auch außerhalb von Getränken breiter aufzustellen, um nicht vom einzigen Hauptrohstoff Apfel abhängig zu sein. „In Deutschland gibt es noch über 800 alte Apfelsorten“, sagte Küttner auch im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels und erklärte im gleichen Atemzug, es werden resiliente Sorten gezüchtet und daran geforscht. Allerdings werde es noch etliche Jahre dauern, bis in der breiten Praxis umgeschwenkt werden könne – dies sei ein Generationenprojekt. „Die heute geernteten Äpfel stammen von Bäumen, die vor ein zwei Generationen gepflanzt wurden.“
Bio: Mit Geschmack überzeugen
Doch wie könne man Kundschaft für (hochpreisige) Bio-Produkte gewinnen, die einen Beitrag zur ökologischen Landwirtschaft und damit auch zu Umwelt- und Klimaschutz leisten? Küttner zeigte sich in diesem Punkt ernüchtert, denn viele Berliner wüssten gar nicht, was Streuobst ist und würden dies eher mit Fallobst verwechseln („Toll, dass Ihr Lebensmittel rettet!“). Die Mehrwerte zu vermitteln sei herausfordernd. „Wir haben daher seit Beginn an ein sehr komplexes Produkt, obwohl eine Apfelschorle wiederum eigentlich einfach ist.“
Man sei jedoch davon abgerückt, alle Informationen an der Verkaufsstelle vermitteln zu wollen. „In unserer Kommunikation sind wir viel einfacher geworden, weil wir die Leute nicht überlasten können. Ich kann nicht erwarten, dass ein Kunde sich mit einem Produkt, welches 1,70 Euro kostet, so intensiv auseinandersetzt wie beispielsweise beim Schuhkauf. Stattdessen gehen wir auf Geschmack und Marke.“ Die Produkte müssten aus sich heraus eine Anziehungskraft entwickeln, und nicht durch den erhobenen Zeigefinger. Konsum müsse Spaß machen. „Kommunikation über den Klimawandel ist nicht die Aufgabe der Hersteller, das müsste vermehrt in der Schule passieren.“
In ein ähnliches Horn stieß Franziska Geyer, Geschäftsführerin von Ökotopia. Auch dem Kaffee machen die Folgen des Klimawandels zu schaffen, was zu geringeren Ernten führt. Seit 2022 sind die Weltmarktpreise gestiegen, auf dessen Basis die Prämien für ökologischen Anbau und fairer Handel noch hinzu kommen. Auch die zur Spekulation aufgebauten Kaffeeläger seien mittlerweile erschöpft. Geyer konnte den gestiegenen Preisen allerdings auch Positives abgewinnen, da die Erzeugerinnen und Erzeuger dadurch ein gutes Einkommen erwirtschaften. „Stammt der Kaffee von Kleinbauern, dann kommen die höheren Preise auch bei ihnen an.“ Das Ernten von Kaffee und Kakao ist Handarbeit, die sich auch wirtschaftlich lohnen müsse, um Menschen langfristig zu motivieren. Geyer war deutlich gelassen, denn auch sparsam gewordene Kundschaft kehre zu hochwertigem Kaffee zurück. „Manches muss man einfach aushalten und ruhig Blut bewahren. Das Gute setzt sich immer durch.“
Hebel für ein faires Wirtschaftssystem: CO2-Steuer
„Die großen Preisausschläge sind ja auch keine Überraschung, sondern entsprechen den Prognosen der letzten zehn, zwanzig Jahre. Konzepte zu finden wie wir damit umgehen, ist unsere Aufgabe als Unternehmen“, sagte Malte Reupert, der mit Biomare drei Bio-Supermärkte in Leipzig betreibt. Seine Heimatstadt habe in den letzten drei Jahren rund die Hälfte seiner Bio-Läden verloren. Reupert selbst hat eine Insolvenz in Eigenverwaltung überstanden. „Die Kunden kommen nur zu uns, wenn sie es sich auch tatsächlich leisten können – und das wird enger. Trotz gestiegener Preise liegen wir mit unseren drei Standorten noch unter den Umsätzen von 2019. Das ist die Realität, das können wir uns nicht schön reden.“ Die Botschaften von besseren Lebensmitteln und faireren Bedingungen könnten nur dann wirken, wenn der persönliche Geldbeutel einen entsprechenden Spielraum ermögliche. „Unter dem Strich bräuchte es mehr Rohertrag aus dem bestehenden Geschäft, damit wir die Lohnerwartung unserer Mitarbeiter erfüllen, die gestiegenen Energiepreise stemmen können und so weiter.“
Ihm passiert in der Bio-Lebensmittelbranche zu wenig, um beispielsweise bei der Logistik effizienter zu werden und sich damit insgesamt wirtschaftlich resilienter aufzustellen. „Für Viele endet die Welt noch an der eigenen Unternehmenstür.“ Volkswirt Reupert, der seit 25 Jahren in der Bio-Lebensmittelbranche tätig ist, hat bekanntermaßen stets das große Ganze im Blick. Denn der eigentliche Hebel sei ein faires Wirtschaftssystem, welches die planetaren Grenzen einhalte – also die „pure Physik und Mathematik“ beachte, die „über Wohl und Wehe unseres Planeten entscheide“. Reupert plädierte für eine von wissenschaftlichen Erkenntnissen gestützte CO2-Steuer, bis 2030 müsste sie die Zielmarke von 300 bis 500 Euro pro Tonne erreichen. „Das wird sich auch auf uns auswirken, was wir aber brauchen. Wenn wir uns selbst nicht ehrlich machen, dann spielen wir keine Rolle mehr und können abtreten.“ Gleichzeitig brauche es einen aus der Steuer finanzierten Ausgleich beispielsweise für Leistungen die Artenvielfalt zu erhalten beziehungsweise zu erhöhen. Ein geändertes Kaufverhalten passiere in erster Linie über den Preishebel, ist sich Reupert sicher.
Auch für Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin Bundesverband Naturkost Naturwaren, ist ein höherer CO2-Preis „sicherlich einer der wirksamsten Hebel“. Doch: „Klimaschutz und der Umgang mit dem Klimawandel spielen im Koalitionsvertrag eine vollkommen untergeordnete bis gar keine Rolle.“ Auch das von der Vorgängerregierung anvisierte Klimageld sei nicht in Sicht. „Man muss es aber mit Konzepten koppeln, die das Geld wieder zurück zu den Bürgern bringen.“ Ein weiterer Weg wäre das Senken oder Abschaffen der Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel oder gar exklusiv für Bio-Lebensmittel. Doch ob dies dann stets 1:1 an die Verbraucher weitergereicht würde, sei offen. Generell warnte Jäckel davor, wahllos singuläre Ansatzweisen in die Debatte einzubringen, um komplexe Probleme lösen zu wollen. „Es gibt genug Lebensmittel, um alle zu versorgen. Aber wo die sind und wer sie zu welchem Preis bekommt, ist eine Frage von Ungerechtigkeiten. Und die sind nicht ausgeräumt.“
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