Bio? Logisch!

Internetseite „Bio korrupt“: Bio Austria klagt weiter

Die letztendlich nie an den Start gegangene Internetseite sollte über Bio-Skandale informieren und zeitgleich eine Anlaufstelle für Whistleblower und sich unfair behandelt fühlende Bio-Landwirte aus Österreich sein. Möglicherweise war Bio Austria direkt im Fokus. Der Anbauverband klagt, um neben dem Verteidigen der eigenen Marke auch vermutete Hintermänner der Aktion zu identifizieren. Der zweite Prozesstag vergangenen Donnerstag am Handelsgericht Wien wartete zu letzterem mit einer Überraschung für die Klägerseite auf.

Bezüglich der Internsetseite Bio korrupt fand am Handelsgericht Wien (hier das Gebäude) ein zweiter Verhandlungstag statt.
Auch um die Hintergründe der Internetseite „Bio korrupt“ zu klären, klagt Bio Austria vor dem Handelsgericht Wien.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Die österreichische Bio-Bauernschaft erschüttere Korruption. Ein ÖVP-Politiker nutze unterstützt durch eine naive Obfrau den Bioverband Austria, um sich und seine Freunde zu bereichern. Über dieser Behauptung prangt das farblich verfremdete Logo von Bio Austria mit dem ausgetauschten Schriftzug „Bio KORRUPT“. Darunter zählt ein Countdown, wann die entsprechende Internetseite vergangenen Spätsommer hätte online gehen sollen. So sah die Ankündigungsseite aus, die der Programmierer H. erstellt hatte. Gezielt habe er Bio Austria allerdings nicht ansprechen, sondern allgemeine Kritik am System der Bio-Zertifizierungen und dergleichen üben wollen. Den Text habe er mittels Stichworten durch ChatGPT erstellen lassen und nur abgewandelt. Das Logo von Bio Austria habe eine Bildersuche via Google erbracht. Mit Photoshop habe er es verfremdet. So sagte er es vergangenen Donnerstag vor dem Handelsgericht Wien aus.

Die Domain wurde in Hongkong registriert, der Webspace lag auf einem Offshore-Server auf den Seychellen – bezahlt mit Bitcoin. Als Urheber konnte ein IT-Forensiker H. identifizieren, der vor dem Handelsgericht Wien ausführlich zu seiner Rolle, seiner Motivation und möglichen Auftraggebern und/oder Hintermännern befragt wurde. Zunächst hatte er gegenüber der Rechtsvertretung von Bio Austria Joe Ritt, Inhaber der Agentur Ritt und des Bio-Rohstoffhandels Eurocrop, als Auftraggeber angegeben. Gegen diesen klagen nun Bio Austria, Bio Austria Marketing und Hermann Mittermayr, Geschäftsführer Bio Austria Marketing.

Komplexe Vorgeschichte von „Bio korrupt“

Mag am zweiten Verhandlungstag zwischendurch auch gelacht und locker miteinander umgegangen sein, blieb Ritts Miene die gesamte Zeit angespannt. Für ihn geht es um viel, denn er beteuert weiterhin nichts mit der Aktion – namentlich der Internetseite „Bio korrupt“ – zu tun zu haben, weder habe er dazu angestiftet oder in irgendeiner Form unterstützt. Durch H. geriet er allerdings in diesem Fall ins Visier von Bio Austria, wo seine beiden Unternehmen „aus anderen Gründen“, die laut Kläger nichts mit diesem Verfahren zu tun haben, auf einer Blacklist stehen. Ritt ist es damit unter anderem untersagt, mit seinem Unternehmen Eurocrop als Bio Austria deklarierte Waren zu handeln. „Ich wurde nie informiert, dass meine Unternehmen auf der Blacklist stehen und mir wurden auch keine Gründe genannt“, sagte Ritt im Nachgang der Verhandlung. „Es macht keinen Sinn, dass die Agentur darauf steht. Auf der Liste sind nur Getreidehändler verzeichnet. Die Agentur handelt kein Getreide, sondern ist ein Sachverständigenbüro.“ In einem Telefonat im Nachgang der Verhandlung erklärt Mittermayr: „Auf die Liste kommt man, wenn es Probleme mit der Rückverfolgung von Bio-Rohstoffen gibt oder die Rückverfolgung fehlt. Das gilt für alle gleich.“

Es blitzte während der Verhandlung immer wieder durch, dass es ältere und nicht bereinigte Konflikte zwischen den Parteien zu geben scheint. Als entsprechend vielschichtig darf dieses Gerichtsverfahren betrachtet werden.

beenhere

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Ein österreichischer Bio-Verarbeiter ist seitens Bio Austria gesperrt, weil laut Anbauverband Herkunftsangaben nicht korrekt waren. Ein Gutachten von Ritt soll aufzeigt haben, dass die Vorwürfe nicht stimmen. Da der Verarbeiter dennoch nicht von der Blacklist genommen wurde, gab es in Ritts Büroräumen Treffen, bei denen laut H. besprochen wurde, wie dieser Vorgang der Presse bekannt gemacht werden kann. Ein namhafter ehemaliger PR-Berater nahm teil. Ab einem gewissen Punkt war auch der Programmierer H. dabei, der sich die Probleme des Bio-Verarbeiters interessiert angehört habe. In einem Gespräch nach der Verhandlung erklärt Ritt, bei den Treffen sei es nicht Thema gewesen, wie der Vorgang des gesperrten Bio-Verarbeiters an die Presse gegeben werden kann. Vielmehr sollte ein Kommunikationskonzept erarbeitet werden, wie der Bio-Verabeiter auf sachlicher Ebene wieder mit Bio Austria in den Dialog kommen kann. Es sollte wieder eine vertrauensvolle Gesprächsebene zwischen den Parteien gefunden werden, um alle Vorbehalte auszuräumen. Ein solches Kommunikationskonzept ist nach Wissen von Ritt allerdings nicht entstanden und der namhafte PR-Berater sei auch nicht seitens des Bio-Verarbeiters beauftragt worden.

Das Gehörte brachte H. zusätzlich angespornt durch Medienberichte über Skandale und Betrugsfälle in der Bio-Lebensmittelbranche nach seiner Aussage auf die Idee mit der Internetseite. Er wollte weitere Aufmerksamkeit schaffen und für Gerechtigkeit sorgen. Zusätzlich habe er gehofft, ein Geschäftsmodell entwickeln zu können. Möglicherweise würde Ritt oder weitere Personen seine Arbeit finanziell honorieren – so sein Zukunftsglaube. Doch Ritt habe eine Internetseite nicht als zielführend empfunden. Ein Geschäft oder anderweitiger Auftrag soll nicht zustande gekommen sein, auch soll es keinen weiteren Kontakt mehr zwischen Ritt und H. gegeben haben. Der Programmierer arbeitete dennoch eigenständig – und wie er betonte aus eigenem Antrieb – weiter an der Internetseite.

Fehler im System?

Durch einen technischen Fehler sei verfrüht ein Newsletter an eine zuvor erstellte Mailingliste versandt worden. H. gab an, die Mailadressen namhafter Branchen-Akteure und Entscheider in Politik und Wirtschaft durch eine Internetrecherche selbst angelegt zu haben. Der Inhalt der Nachricht soll ebenfalls mit Zuhilfenahme von ChatGPT erstellt worden sein. H. gab an, er habe die Newsletterfunktion lediglich testen wollen. Da die eigenen SMTP-Daten nicht funktioniert hätten, nutzte H. welche von einem Dritten aus Österreich. Es soll im Zuge dessen am 6. September 2024 zum versehentlichen Versand gekommen sein. Die Klägerseite vermutet allerdings, dass der fremde Zugang bewusst genutzt wurde. Damit solle die Glaubwürdigkeit des Absenders erhöht und möglicherweise Spam-Filter umgangen worden sein. Zudem machte es die Rechtsvertretung der Klägerseite stutzig, dass der Countdown in der angeblich versehentlich abgeschickten Rundmail zeitlich exakt mit dem Countdown auf der online abrufbaren Ankündigungsseite übereinstimmte. Daher gehe man von einem bewussten Versand aus.

Als H. den vermeintlich versehentlichen Versand bemerkte, nahm er die Ankündigungsseite vom Netz – die damit mindestens vom 6. bis 12. September 2024 abrufbar gewesen war. Allerdings sei sie weder über Suchmaschinen zu finden gewesen, noch hätte jemand vor dem Versand der E-Mails die Domain gekannt. Auch nach Ablauf des Countdowns sollte die eigentliche Internetseite, auf der H. bereits diverse Blogeinträge vorbereitet hatte, nicht online gehen, wie er vor Gericht beteuerte. Es sei alles nur ein Entwurf gewesen. Kurios: Waren die hinterlegten Blogartikel nicht abrufbar, soll es allerdings ein entsprechender Feed gewesen sein. H. konnte sich dies nur durch Hacking erklären, er selbst habe nichts zugänglich gemacht.

Falsche Angaben als Notlüge und Geld für Aussage?

Als sich Bio Austrias Rechtsbeistand telefonisch bei H. meldete, habe sich der Programmierer im Laufe des Gesprächs unter Druck gesetzt und eingeschüchtert gefühlt Namen von Hintermännern zu nennen. „Aus Sorge und Angst habe ich Joe Ritt genannt. Ich wollte die Schuld von mir weisen.“ Auch bei einem anschließenden Gespräch in den Räumen von Bio Austria am 18. Oktober 2024 fühlte H. sich besonders vom anwesenden Rechtsbeistand eingeschüchtert und nannte wiederum Joe Ritt als Drahtzieher. Im weiteren Verlauf des Gesprächs habe er dann eine Lüge an die andere gereiht. „Das war ein schwerer Fehler meinerseits.“ Zugesagte Beweise für Ritts angebliche Beteiligung lieferte H. nie. Darüber hinaus sei ihm seitens der Rechtsvertretung von Bio Austria zwischen 5.000 und 10.000 Euro „als eine Art Weihnachtsbonus“ geboten worden, sollte er vor Gericht gegen Joe Ritt aussagen. Bio Austria bestreitet dies. Zudem könnte es sein, dass H. ausgesagt hat, das Geld wäre erst angeboten worden, nachdem er Ritt bereits belastet hat. Dies habe ich (Jens Brehl) vor Gericht akkustisch leider nicht genau verstanden. H. beteuerte vergangenen Donnerstag mehrfach, alles sei zu 100 Prozent seine Idee gewesen.

Die Klägerseite zeigte sich vom Geständnis gelogen zu haben überrascht. Dabei hatte H. bereits am 12. Juni 2025 in einer eidesstattlichen Erklärung versichert, weder im Auftrag von Joe Ritt oder einer seiner Angestellten tätig geworden und weder direkt noch indirekt verleitet worden zu sein. Auch Geld oder anderweitige Zuwendungen seien nicht geflossen. Dies wurde bereits am 12. August während des ersten Verhandlungstags thematisiert. Ritts Rechtsvertreter vertrat vergangenen Donnerstag die Auffassung, Bio Austria habe „auf einer zu dünnen Decke“ voreilig geklagt. Ritt selbst gab an, vor der Klage vom 7. April 2025 gegen ihn habe Bio Austria keinerlei Kontakt mit ihm aufgenommen.

Bio Austria vermutet weiterhin Hintermänner

Am Ende des zweiten Verhandlungstags war die Klägerseite nicht restlos davon überzeugt, dass Ritt nicht hinter der Aktion stehe. Ein Gutachten soll klären, ob Hs. Aussagen glaubhaft sind, was die dargestellten technischen Vorgänge und seine beteuerte alleinige Verantwortung angehe. „Die Aussagen sind nicht schlüssig“, betonte Mittermayr bei Verhandlungsende auf Nachfrage von „über bio“. „Er hat schon einmal gelogen. Woher wissen wir, dass er jetzt die Wahrheit sagt?“ Zudem wolle man die Vorgeschichte mit den Treffen zwischen dem namhaften ehemaligen PR-Berater und dem österreichischen Bio-Verarbeiter in Ritts Räumen beleuchten.

Der Rechtsstreit setzt sich also fort. „Auf Kosten der Bauern – es ist der Wahnsinn“, sagte ein Herr im Publikum. Damit meinte er, Bio Austria schieße mit Kanonen auf Spatzen und produziere unnötige und hohe Rechtskosten – am Ende bezahlt auch von den Mitgliedsbeiträgen der Bauern. Als klar wurde, dass Bio Austria weiter gegen Joe Ritt klagen wird, fragte die gleichen Person: „Schämt Ihr Euch nicht?“

Auch Richterin Mag. Barbara Zauner fragte die Klägerseite, ob das weitere rechtliche Vorgehen in aller Öffentlichkeit dem Ansehen von und dem Vertrauen in Bio nicht eher schade. Die Klageseite machte deutlich, „moralisch und rechtlich den Lizenznehmern gegenüber verpflichtet zu sein, die Marke Bio Austria zu schützen, zu verteidigen und den Sachverhalt vollständig aufzuklären.“ Zudem soll das rigorose Vorgehen auch abschreckend wirken, die Markenrechte von Bio Austria zu verletzen. Auch wenn man möglicherweise zu Unrecht Ritt belange, würde man im weiteren Prozessverlauf Klarheit erhalten, ob es tatsächlich (weitere) Hintermänner gab und wer sie sind. Daher scheinen auch Zauners Schlichtungsversuche zuvor zum Scheitern verurteilt gewesen zu sein. Mehrmals fragte sie die beiden Parteien intensiv, ob eine gütliche Einigung möglich sei.

„Die Tür ist immer offen“, betonte Ritts Rechtsbeistand. Obwohl man nicht dazu verpflichtet, weil nicht verantwortlich für die Aktion sei, würde man öffentlich kundtun nicht der Urheber zu sein, und klarstellen die Wortwahl sowie Inhalte nicht zu teilen. Bezüglich der bisher von Klägerseite geforderten Rechtskosten in Höhe von 20.000 Euro, welche laut Angeklagten deutlich überhöht seien, müsse man sich noch einigen. Zudem müsste Bio Austria Ritts Unternehmen von der Blacklist nehmen. Man wolle zurück an den Start und eine Möglichkeit finden, wieder vertrauensvoll zusammenarbeiten zu können. Bevor es in einer Art Familienstreit ausarte, an dessen Ende keiner mehr miteinander spricht.

Für kommendes Jahr sind zwei weitere Verhandlungstage anberaumt.

1 Kommentar zu “Internetseite „Bio korrupt“: Bio Austria klagt weiter

  1. Was ein Krimi! Und stark, dass Du auch mal in Österreich hinter die Kulissen schaust. Bin schon gespannt auf die nächsten Einblicke dieser Art.

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