Augen & Ohren

Fleisch essen ja oder nein?

Die Probleme in der deutschen Fleischwirtschaft sind gewaltig. Zu viele Tiere und aus Sicht des Tierwohls häufig auf zu engem Raum, Abhängigkeiten von wenigen großen Schlachtkonzernen, massenhafter Einsatz von Antibiotika, einseitige Tierzucht in der Hand weniger Unternehmen, regionale Nitratüberschüsse im Grundwasser, Preisdruck durch den Handel, Abholzung von Regenwäldern für den Anbau von Soja für europäische Futtertröge und und und. Wer soll da noch durchblicken und ist es überhaupt vertretbar weiterhin Fleisch zu essen? Tanja Busse liefert in ihrem neuen Buch „Fleischkonsum“ 33 Antworten auf ebenso viele Fragen und damit eine weitere Entscheidungsgrundlage.

Wer aufmerksam Medienberichte über die vielfältigen Probleme in der intensiven Tierhaltung verfolgt, dem muss im Grunde der Appetit vergehen. Busse spannt in ihren Buch den Bogen von der Tierzucht über die verschiedenen Haltungssysteme, die Verarbeitung und gesunde Ernährungsweisen. Im Visier hat sie Rinder, Schweine und Hühner. Viele Themenbereiche sind komplex und eng miteinander verwoben.

Die Kuh als „Klimakiller“ zu bezeichnen mag in bestimmten Fällen richtig sein. Schließlich rülpsen und pupsen Rinder klimaschädliches Methan aus. Stammt das Futter zudem aus Übersee und musste für dessen Anbau artenreicher Regenwald weichen, sieht die Klimabilanz noch düsterer aus. Doch der Teufel steckt im Detail: Die Form der Tierhaltung, die Art des Futters und besonders der Weidegang sind entscheidend, ob Rinder ökologische Systeme schädigen oder Grünland pflegen (das wiederum CO2 im Boden bindet) und dank Kuhfladen Lebensgrundlagen für Insekten schaffen und den Aufbau von wertvollem Humus unterstützen.

Einseitige Tierzucht: Probleme von Anfang an

Interessiert sich die Kundschaft an der Fleischtheke vielleicht noch für Herkunft und Fütterung der Tiere, so ist vielen nicht klar, dass gerade die jahrzehntelange einseitige Tierzucht von Rindern, Schweinen und Geflügel auf Höchstleistung zwar den Ertrag in Form von Milch, Fleisch und Eier gesteigert hat, aber vielfältige Probleme nicht zuletzt in der Tiergesundheit mit sich bringt. Männliche Kälber von Hochleistungskühen eignen sich ebenso wenig für die Mast, wie die männlichen Küken von Legehennen, die quasi im Akkord bis zu 320 Eier im Jahr legen. Einst züchteten Bäuerinnen und Bauern bestens an die Region angepasste Nutztierrassen und sorgten damit für eine genetische Vielfalt. Heute dominieren weltweit wenige Zuchtkonzerne bei Rind, Schwein und Geflügel den Markt. „Die Konzerne (…) haben aus der genetischen Vielfalt diejenigen Rassen ausgewählt, die am besten für die einseitige Zucht auf hohe Leistung geeignet sind. Alle anderen Eigenschaften, wie etwa Robustheit, Genügsamkeit, Mütterlichkeit oder Wehrhaftigkeit, sind dieser Art von Zucht für die Intensivhaltung unwichtig geworden“, klagt Busse an.

Die Autorin schüttet nicht das Kind mit dem Bade aus, sondern erwähnt positive Beispiele der ökologischen wie konventionellen Landwirtschaft und zeigt auf, wie bewusster Fleischkonsum mit einem besseren bis sehr guten Gewissen möglich ist. Schon dank Flächenbindung in der ökologischen Landwirtschaft ist die Anzahl der Tiere auf den Höfen beschränkt, womit Gülleüberschüsse vermieden werden. Auch beim veganen Landbau als weitere Alternative zeigt die Autorin Vor- und Nachteile auf. Es bleibt die Erkenntnis, die seit Jahren in der Bio-Branche und mittlerweile oftmals auch weit darüber hinaus Konsens ist: Der Fleischkonsum und die Tierbesatzzahlen müssen im Sinne von Tierwohl, Klimaschutz und Gesundheit für Mensch und Tier weiter sinken.

Quellen, bitte

Die Autorin legt einen sauber recherchierten, knackigen und vor allem allgemeinverständlichen Überblick vor. Die komplexen Fragestellungen punktgenau herunterzubrechen ist eine Kunst, die Busse an vielen Textstellen gelingt. Kein Wunder, denn die Journalistin beschäftigt sich schon etliche Jahre mit der Tierhaltung in der konventionellen wie auch in der ökologischen Landwirtschaft.

Allerdings fehlen dem Buch sämtliche Quellenangaben, welche die Autorin nach eigenen Angaben bei Manuskriptabgabe vorgelegt hat. Wer Busses bisher erschienen Werke kennt weiß, wie zahlreich ihre Fußnoten und Quellenangaben sonst sind. Das Fehlen im aktuellen Buch ist dem Format der Reihe „33 Fragen – 33 Antworten“ und damit dem Piper Verlag geschuldet. Eine unverständliche Entscheidung in einer Zeit, in der immer wieder Plagiate aufgedeckt werden, „Fake News“ die Runde machen und die Glaubwürdigkeit der Presse angezweifelt wird. Gerade bei einem emotional aufgeheizten Thema wie Fleischkonsum mit seiner Gemengelage unterschiedlicher Interessen von Tierschützern bis weltweit agierenden Konzernen sind Transparenz und gut kuratierte Quellenangaben essentiell. Wenige Suchbegriffe und Mausklicks entfernt bietet das Internet eine Fülle an Informationen, doch es bleibt der Knackpunkt diese auch richtig einordnen zu können. Schließlich haben etliche Großunternehmen, Lobby-Verbände und Nichtregierungsorganisationen ein enormes Interesse daran, die öffentliche und politische Meinung mit ihren Sichtweisen zu prägen. Wenn schon eine seitenlange Liste der Quellen am Ende des Buchs das Format gesprengt hätte – schließlich ist die Reihe „33 Fragen – 33 Antworten“ bewusst kompakt konzipiert – wäre zumindest ein Link zu einer herunterladbaren PDF oder dergleichen möglich gewesen. Das liefert die Autorin nun nach und hat dafür „über bio“ eine umfangreiche Quellenliste zur Verfügung gestellt, die kostenfrei heruntergeladen werden kann.

Zudem verschenkt der Verlag leider einen Teil des Potenzials, welches die Autorin liefert. Busse bereitet den Nährboden für diejenigen Leserinnen und Leser, die nachdem die Grundlagen verstanden sind, bei dem einen oder anderen Punkt tiefer in die Materie einsteigen möchten. Dafür ist die Liste der empfohlenen Literatur und Links am Ende des Buchs eindeutig zu kurz geraten. Wer gut informiert ist, kauft tendenziell anders ein, kann Haltungssysteme in der Landwirtschaft besser hinterfragen und sich im gesellschaftlichen sowie politischen Diskurs standfester einbringen. Es steht außer Frage, dass sich das System der Fleischwirtschaft im Sinne von Tierwohl, Erhalt der Artenvielfalt, Klimaschutz und Gesundheit für Mensch und Tier in vielen Bereichen ändern muss.

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