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Keine neuen „Du bist hier der Chef!“-Produkte mehr

Bio oder konventionell, Einwegverpackung, Pfandglas oder lose Ware, wie viel sollen Landwirte und Verarbeiter verdienen? Dies und mehr hatte die Initiative „Du bist hier der Chef!“ bei der Verbraucherschaft abgefragt und anschließend Erzeuger und Lebensmittelhandel verknüpft, damit entsprechende Bio-Produkte mit transparenter Kostenstruktur und auskömmlichen Preisen für die Erzeuger den Weg in die Regale antreten können. Zum Ende des Jahres stellt die Initiative die hauptamtliche Arbeit ein, neue Produkte wird es daher vorerst nicht mehr geben.

Zahlen, die sich durchaus sehen lassen können: Nach Angaben der 2019 gestarteten Initiative haben über 35.000 Verbraucherinnen und Verbraucher Produkte durch die Umfragen mitgestaltet, insgesamt konnte der Handel 2,8 Millionen Produkte absetzen – wodurch Landwirtinnen und Landwirte einen höheren als den marktüblichen Preis erzielen konnten. Fair Trade vor der Haustür sozusagen. Zudem war für die Kundschaft transparent, wie sich die Verbraucherpreise zusammensetzen. Damit war auch ersichtlich, was bei den Akteuren der gesamten Wertschöpfungskette finanziell hängen bleibt.

Menschen stehen im Kuhstall um eine große Packung "Du bist hier der Chef!"-Milch
Die „Du bist hier der Chef!“-Bio-Milch bleibt im Handel und als Leuchtturm erhalten.
Bild: „Du bist hier der Chef!“

Angefangen hatte es 2020 mit Bio-Frischmilch von der hessischen Upländer Bauernmolkerei, von 2021 bis 2022 war auch Meierei Horst aus Schleswig-Holstein für den norddeutschen Markt am Start. Es folgten im Herbst 2021 für knapp ein Jahr Bio-Eier vom Zweinutzungshuhn bei Rewe Mitte, geliefert vom hessischen Mustergeflügelhof Leonhard Häde. „Du bist hier der Chef!“-Bio-Kartoffeln waren dank Gut Wulksfelde aus Schleswig-Holstein von 2022 bis 2025 im Handel. Der geplante Bio-Joghurt hat es soweit allerdings nicht geschafft, auch die Bio-Äpfel gab es lediglich als nach den Wünschen der Verbraucherschaft kalkuliertes Konzept.

Abgeprallt am „Systemfehler“ des Lebensmittelhandels

Die Initiative konnte durchaus einzelne Erfolge verbuchen, die Prozesse rund um Erzeugung und Handel zu demokratisieren – und muss allerdings den harten Realitäten des Marktes ins Gesicht sehen. Aus Mangel an Interesse seitens des deutschen Lebensmittelhandels stellt „Du bist hier der Chef!“ daher zum Ende des Jahres die hauptamtliche Arbeit ein. Somit wird es keine weiteren Online-Fragebögen geben, da keine für die Schublade detailliert ausgearbeiteten Konzepte entstehen sollen. „Das Ganze macht nur Sinn, wenn die Produkte auch erhältlich sind“, sagt Nicolas Barthelmé, Gründer und Vorstand der Initiative, im Telefonat. Daher werden auf absehbare Zeit keine neuen Produkte in den Handel kommen.

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Die „Du bist hier der Chef!“-Bio-Milch von der Upländer Bauernmolkerei bleibt allerdings bis auf weiteres bei Rewe Mitte regional, bei Hit deutschlandweit und durch den Großhändler Naturkost Elkershausen für den Bio-Fachhandel erhältlich. „Die Kundschaft ist treu, das Geschäft stabil. Daher haben die Partner entschieden, unser Leuchtturm-Projekt zu erhalten“, freut sich Barthelmé. In einer Pressemitteilung gibt er bekannt: „Wir haben bewiesen, dass es funktioniert. Verbraucher:innen sind bereit, für Transparenz und faire Erzeugerpreise zu zahlen. Landwirt:innen bekommen endlich planbare Einkommen. Aber die dicken Türen des Handels blieben verschlossen.“

Abgeprallt sei man auch am „Systemfehler“ des Lebensmittelhandels, denn das Team der Initiative erlebte immer wieder dasselbe Muster: In Listungsgesprächen zeigten sich die Vertreterinnen und Vertreter des Handels zwar begeistert (mitunter auch dank des großen medialen Echos der Initiative), darauf folgte allerdings Stillstand. „Das Konzept machte den Handel neugierig“, erklärt Barthelmé in der Pressemitteilung. „Nach vielen Gesprächen war man sich einig: Das Thema ist wichtig. Doch die Angst den ersten Schritt in Richtung höherer Einkaufspreise und Preistransparenz zu wagen, lähmte viele Handelspartner.“

Die Verhandlungen scheitern oft schon an der Handelsspanne, da jedwede Mitsprache auf Ablehnung stößt und das gängige Machtgefälle hinterfragt, resümiert die Initiative darüber hinaus in der Pressemitteilung, die sich in Teilen als eine Abrechnung am Verhalten des deutschen Lebensmittelhandels liest – auch wenn Teile durchaus offen sind und sich engagieren, wie Barthelmé im Telefonat ausdrücklich betont. Zudem habe man sich bewusst nicht auf zeitlich begrenzte Aktionen für die Bio-Milch eingelassen, und entsprechende Anfragen seitens des Handels abgelehnt. „Die Betriebe sind 365 Tage im Jahr da, deren Bio-Milch muss verlässlich abgenommen werden.“ In diesem Punkt konsequent zu bleiben hat sicherlich die eine oder andere Listung gekostet.

Der Verein „Du bist hier der Chef!“ macht weiter

Auch wenn es in absehbarer Zeit keine neuen Verbraucherbefragungen geben wird, macht der Verein ehrenamtlich weiter. So betreut er weiterhin das „Milch-Projekt“, organisiert hier beispielsweise die Exkursionen zu den landwirtschaftlichen Betrieben und hat ein wachsames Auge darauf, dass die von der Verbraucherschaft geforderten fairen Konditionen erhalten bleiben.

„Wir waren oft zu weit voraus“, resümiert Barthelmé in der Pressemitteilung. „Aber wir haben mit unserer Community bewiesen, wie man Supermarktregale mit fairen und guten Lebensmitteln bestückt – Lebensmitteln, denen von Beginn an das Vertrauen der Kund:innen innewohnt. Dieses Wissen gehört jetzt allen.“ Quasi als Kompost, der den Nährboden für die nächste Generation demokratischer Lebensmittel bilden soll, und für alle frei zugänglich ist.

1 Kommentar zu “Keine neuen „Du bist hier der Chef!“-Produkte mehr

  1. Spannende Initiative! Schade, dass sie zumindest vorerst nicht weiter wächst. Aber der „Kompost für demokratische Lebensmittel“ macht ja etwas Hoffnung.

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