Bio? Logisch!

Genuss schlägt Nachhaltigkeit

In Deutschland greifen 59,3 Millionen Menschen ab 18 Jahren im Handel zu Bio-Lebensmitteln, verkündete Dr. Eva Stüber, Mitglied Geschäftsführung IFH KÖLN (Institut für Handelsforschung), beim gestrigen online stattgefundenen 19. Marktgespräch der BioHandel Akademie. Bio sei bei der Kundschaft noch kein Selbstläufer, aber kurz davor. Ökologische Nachhaltigkeit sei allerdings nicht der Treiber.

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Mehr Mut für Bio: dafür plädierte Dr. Eva Stüber
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0


Die 59,3 Millionen Bio-Kundinnen und -Kunden teilte Stüber laut der kürzlich veröffentlichten IFH-Studie „30/30 – Bio-Revolution im Lebensmittelhandel“ in drei Kategorien. Die größte mit 53 Prozent bilden selektive Käufer, für die es nicht immer Bio sein muss, die sich aber durchaus über Bio-Qualität freuen und in bestimmten Produktkategorien zugreifen. Möglichst bis ausschließlich Bio kaufen 26 Prozent und für 21 Prozent spielen Produkte aus ökologischer Landwirtschaft keine Rolle. Obwohl bei der Hälfte der letztgenannten Gruppe dennoch hin und wieder Bio-Produkte im Einkaufskorb landen.

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Ursprünglich ist Bio aus der vielschichtigen Umweltbewegung entsprungen, doch diese Wurzeln spielen beim Bio-Einkauf heute eine eher untergeordnete Rolle. Egal ob überzeugter Intensivkäufer oder „Bastelkunde“, der hin und wieder bei Bio landet, ist der Geschmack ausschlaggebendes Argument noch vor Gesundheit und Nachhaltigkeit – so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Februar und März 2024 unter 1.554 Personen, welches in die IFH-Studie eingeflossen ist. Insgesamt betrachtet landet der Geschmack mit 42 Prozent auf Platz eins, gefolgt von Gesundheit mit 35 Prozent, Schlusslicht Nachhaltigkeit kann 23 Prozent für sich verbuchen. Bei überzeugter Bio-Kundschaft liegen Geschmack und Gesundheit mit 35 Prozent gleichauf. Für die selektiver zugreifenden Konsumenten ist mit 47 Prozent der Geschmack das entscheidende Kriterium.

Bio-Angebot weiter ausbauen

Stüber appellierte, das Angebot an Bio-Lebensmitteln im LEH weiter konsequent auszubauen. Damit verschrecke man nicht die Kundschaft, wischte sie häufig geäußerte Bedenken beiseite. „Menschen, die nichts mit Bio zu tun haben wollen, können wesentlich weniger einschätzen, wie sich das Bio-Sortiment entwickelt hat, als die Kundschaft im Allgemeinen.“ Die selektive Wahrnehmung schlägt voll zu: Wer auf der Suche nach mehr Bio ist, wird fündig, wer weiterhin konventionell kauft, bemerkt das gestiegene Bio-Angebot kaum.


Die Aussage die Bio-Nachfrage sei generell in der Stadt höher als im ländlichen Raum, ließ Stüber nicht gelten. Vielmehr sieht sie ein klassisches Henne-Ei-Problem: Wenn auf dem Land das Bio-Sortiment schmaler ist, kann auch nicht mehr gekauft werden. Zudem brauche es Durchhaltevermögen und eine ausgeprägte Kommunikation mit der Kundschaft. Man könne nicht nach zwei Wochen beurteilen, ob Bio schlecht läuft. „Wir leben in dynamischen und komplexen Zeiten und das wird auch so bleiben. Wir werden nicht wieder in die Phase laufen, in der man einen Fünf- oder Zehnjahresplan schreiben kann, der dann einfach abgearbeitet wird.“


Katalysator konventioneller Handel


Wie Stüber, plädierte auch Julius Palm, stellvertretender Geschäftsführer Followfood, dafür, Schwarz-Weiß-Denken abzulegen: auf der einen Seite der „böse“ konventionelle Handel und Discount, auf der anderen der „gute“ Bio-Fachhandel. Denn schließlich listete Rewe 2007 als erster Händler den handgeangelten Fair Trade-Thunfisch. „Mit nur einem Produkt waren wir innerhalb von eineinhalb Jahren profitabel und nach drei Jahren waren wir Marktführer in dem Bereich. Wir sind in den Bio-Fachhandel gekommen, weil wir den Erfolg mit Rewe nachweisen konnten“, erinnerte Palm das virtuell zugeschaltete Publikum.


„Im LEH haben wir einen für uns relevantesten Märkte, weil es hier Volumina gibt, die wir anderswo nicht bewerkstelligen könnten.“ Ein bestimmtes Volumen ermögliche nicht nur attraktivere Endverkaufspreise, sondern würden Projekte erst ermöglichen – „ansonsten werden wir immer in der Nische bleiben.“ Daher stieß er ins gleich Horn wie Stüber, wenn er forderte den LEH und Discount zu unterstützen, die Bio-Sortimente weiter auszubauen. Es sei doch von Anfang an das Ziel der Pioniere gewesen, Bio für alle zu ermöglichen und für die breit angelegte ökologische Ernährungswende kopiert zu werden.


Stichwort Nachahmen: Followfood hat den Spieß bereits umgedreht. Schon lange bietet das Unternehmen ein breites Sortiment von TK-Gemüse, Snacks und mehr. Denn ab einem gewissen Punkt war klar, man könne die Fischbestände noch so nachhaltig nutzen, wenn der Eintrag von Kunstdünger & Co. Meere verschmutzt sei am Ende wenig gewonnen. „Wir reagieren auf Trends, die wir im nicht nachhaltigen Bereich sehen.“ Womit große konventionelle Marken erfolgreich sind, bietet Followfood gezielt ökologische Varianten an – wie beispielsweise Instantnudeln.


Regenerative Landwirtschaft gehört zu Bio


Schon lange haben Nestlé, Unilever & Co. den Begriff regenerative Landwirtschaft gekapert und nach eigenen, gesetzlich nicht geregelten Standards definiert. Gentechnik, Kunstdünger und Pestizide können weiterhin zum Einsatz kommen. Bio hingegen ist ein gesetzlich geschützter und kontrollierter Lebensmittelstandard für nachweisliche ökologische Wirtschaftsweisen.

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Julius Palm gibt den Begriff regenerative Landwirtschat nicht kampflos auf.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0


Ganz bewusst nutzt Followfood den Begriff regenerative Landwirtschaft, um ihn verlässlich mit Bio zu verknüpfen. Denn die ökologische Landwirtschaft schont nicht „nur“ planetare Grenzen, sondern erhöht beispielsweise Bodenqualität und mehr. „Das ist eine riesige Chance, Bio zu erweitern.“ Somit würde zudem deutlich, warum Bio-Produkte etwas teurer sein müssen – wenn sie etwas bewirken sollen.

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