Bio? Logisch!

„Das ist die größte Bedrohung für Bio“

Weltweit agierende Lebensmittelkonzerne von Danone bis Nestlé haben den Begriff „regenerativ“ gekapert und nach eigenen, gesetzlich nicht geregelten Standards definiert. Gentechnik, Kunstdünger und Pestizide können weiterhin zum Einsatz kommen. „Bio war jahrzehntelang das einzige alternative Narrativ zum konventionellen Anbau. Diese Zeiten sind vorbei“, mahnte Ronald van Marlen, Inhaber und General Director Nana Bio, in seinem Impulsvortrag anlässlich der Mitgliederversammlung der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) Ende April.

Paukenschlag auf der Weltklimakonferenz 2019: Der damalige CEO von Danone, Emmanuel Faber, verkündete, dass die vorherrschende Art Lebensmittel zu erzeugen eine Sackgasse sei. Ein Großteil der weltweiten Agrarflächen sei bereits degeneriert. „We broke the circle of life.“ Biodiversität auf den Feldern sei auch im Hinblick auf Ernährungssicherheit entscheidend. Van Marlen verfolgte die Rede und wartete auf das O-Wort: organic – zu deutsch Bio, ein gesetzlich geschützter und kontrollierter Lebensmittelstandard für nachweisliche ökologische Wirtschaftsweisen. Faber präsentierte allerdings eine Allianz weltweit agierender Lebensmittelkonzerne, die beim Vertragsanbau auf regenerative Landwirtschaft setzt. Keine Zertifizierung, keine gesetzlichen Vorschriften, sondern jeweils eigene Definitionen der Unternehmen. „Das war die Ankündigung, dass die Konzerne den Begriff regenerativ gekapert haben. Dabei verzichten die überhaupt nicht auf Pestizide und Kunstdünger.“

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Die Bio-Butter vom Brot geklaut

Robert Rodale gilt als Pionier der regenerativen Landwirtschaft, der diesen Ansatz in den 1970er-Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika verbreitete. Kurz und stark vereinfacht ausgedrückt geht es darum, den Boden zu verlebendigen und Humus aufzubauen. „Das sind unsere Brüder und Schwestern“, bekräftigte van Marlen, denn mit dem zertifizierten ökologischen Landbau gibt es etliche Schnittmengen. Das Problem seien die Konzerne mit ihrer absichtlichen Begriffsverwirrung, die verdächtig nach Greenwashing aussehe. „Die Antwort der Bio-Verbände in den USA fiel klar aus: Der Begriff gehört uns. Bio ist automatisch regenerativ, aber regenerativ ist nicht automatisch bio.“ Stimmen aus Europa? „Die lagen im Winterschlaf.“

Genau hier verortet van Marlen das größte Problem: Konzerne mit ihren exorbitant großen Marketingbudgets bauen Communties auf, die sich unter dem Banner des vermeintlichen Reparierens der von den Unternehmen verursachten Schäden vereinen. So paradox dies klingt, ist es ein durchaus funktionierendes Geschäftsmodell. Werde Teil von uns, mach mit, lauten die Botschaften. Imagefilme präsentieren begeisterte Stimmen von Frauen, Indigenen, jungen Menschen der weltweiten Klimabewegung, queere Personen und mehr. Die volle Bandbreite der Diversität ist abgebildet. „Darauf legen junge Menschen wert, in deren Augen ist da bei Bio oftmals Fehlanzeige und wirkt deswegen verstaubt. Eine Diversitätsprüfung niederländischer Bio-Vereinigungen würden wir nicht überleben.“

Die Bio-Lebensmittelbranche habe sich zu lange auf den Absatz fokussiert und das Pflegen und teilweise Wiederaufbauen der Öko-Bewegung vernachlässigt. „Marktanteile sind doch keine Ziele, sondern die Folge“, betonte van Marlen mehrfach. Es müsse klargestellt werden, dass der Bio-Anbau erprobte Lösungen für Klimaschutz, Artenvielfalt und mehr böte – auch wenn er nicht an allen Stellen perfekt ist und sich weiterentwickelt. „Wir tun Gutes, aber reden zu wenig darüber“, sagte eine Teilnehmerin im Publikum.

Botschaft angekommen

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass van Marlens Worte auf fruchtbare Böden fielen – ob sie aufblühen wird sich noch zeigen. Als augenöffnend bezeichnete AöL-Vorstand Wolfgang Ahammer den Impulsvortrag: „Bio ist mehr als eine Verordnung oder die Freiheit von Pestiziden.“ Volker Krause, Geschäftsführer der Bohlsener Mühle blieb hinsichtlich der Konzerne skeptisch. Mögen Rohstoffe aus regenerativen Anbau stammen, wie auch immer die weltweit agierenden Großunternehmen ihn definieren, so sei die Qualität der daraus entstandenen hochverarbeiteten Lebensmittel doch weiterhin mitunter fraglich.

„Bio muss wieder eine Bewegung werden“, meinte Anne Baumann, geschäftsführende AöL-Vorständin. Dies könne allerdings nur gelingen, wenn die hierzulande stark mittelständisch geprägte Bio-Lebensmittelbranche ihre kommunikativen Kräfte vereint. „Bio ist zu verkopft“, mahnte Andreas Wenning, Geschäftsführer der Minderleinsmühle. Van Marlens Rezept: weniger staubige Erklärtexte, kein Drumherumgerede sondern emotionsweckende Bildsprache. Dann motiviere man auch junge Menschen, (wieder) Teil von Bio zu sein.

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