„Der Klimawandel kommt nicht, er ist da“, betonte Georg Hoffmann, Nachhaltigkeitsmanager Alfred Ritter (Marke Ritter Sport), auf der Partnertagung der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller (AöL) am 23. Oktober auf Schloss Kirchberg. Die Land- und Lebensmittelwirtschaft muss sich dringend weiter ökologisieren. Doch wie wird Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsvorteil? titelte die Podiumsdiskussion.
Und damit fremdelte Ralf Hoppe, Leiter Vertrieb und Marketing Bauck Mühle, sichtlich. „Ökologische Lebensmittelwirtschaft ist doch ein Vorteil für uns alle! Sie hat einen maßgeblichen Einfluss darauf, die planetaren Grenzen einzuhalten.“ Dafür heißt es, in die Verantwortung zu gehen.
So hatte das Unternehmen Alfred Ritter eine Studie in Auftrag gegeben, wie sich die Regionen ihrer Kakaolieferanten durch den Klimawandel bis zum Jahr 2100 verändern. „Die Ergebnisse sind erschreckend“, meinte Hoffmann. Biodiversität erhalten, Wassermanagement: „Es sind extrem große Herausforderungen, die auf uns zukommen, denn wir wollen die Rohstoffe ja weiter verarbeiten.“ Der Ansatz: Agroforst. In Nicaragua unterhält Alfred Ritter auf einer Fläche von 2.500 Hektar eine eigene konventionelle Kakaoplantage El Cacao, allerdings werden für dessen Anbau nach eigenen Angaben lediglich 1.300 Hektar genutzt. Der Rest sind Wald und Feuchtgebiete. Natürlich wäre eine Monokultur rein wirtschaftlich betrachtet lukrativer, aber eben alles andere als zukunftssicher. Im persönlichen Gespräch nach der Diskussion erklärte Hoffmann, dass der ansonsten übliche Einsatz von Pestiziden auf El Cacao um 95 Prozent gesenkt werden konnte, da lediglich einzelne Bäume behandelt werden.
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Warum nicht zwölf Cent?
Das ökologische Handeln muss allerdings auch langfristig wirtschaftlich tragfähig sein; auch das ein Teil der Nachhaltigkeit. „Wir brauchen den Handel, der unser Tun anerkennt. Dann will ich nicht diskutieren, warum wir zehn Cent teurer werden müssen, ich wünsche mir, dass der Handel uns fragt, warum wir nicht um zwölf Cent erhöhen.“ Schmerzhaft für Hoffmann war der Ausstieg aus dem Bio-Segment vor drei Jahren. Dabei sollte sich das Unternehmen sukzessive zum Bio-Verarbeiter wandeln. „Das war ein Herzensprojekt von Alfred Ritter.“ Die Kundschaft habe allerdings nicht verstanden (oder man konnte es ihr nicht gut genug erklären), warum eine 65-Gramm-Tafel Bio-Schokolade so viel kostet wie eine 100-Gramm-Tafel konventionelle Schokolade. „Der Konsument wird immer die günstigste Ware wählen“, sagte Hoffmann und legte in Richtung Handel nach: „Wie kann ich in dieser Zeit Produkte immer billiger machen? Was für ein Irrsinn!“
Bio ist Zukunft und aus Liebe zur Zukunft räume ich Bio-Produkten mehr Verkaufsfläche ein – so sollte der konventionelle Lebensmittelhandel laut Hoppe agieren. „Ich wünsche mir, dass wir mehr über Strategien sprechen, wie wir die Endverbraucher dazu bewegen mehr Bio-Produkte zu kaufen oder kurz: mehr Konzepte, weniger Konditionsgespräche.“
Öko-Weg mit zahlreichen Kompromissen
Matthias Sinn, Head of Omnichannel Category Development Rewe, pflichtete dem im Prinzip bei. Ihm war es deutlich anzumerken, dass Rewes ökologische Transformation in seinen Augen schneller voranschreiten könnte. Allerdings könne sich das Engagement seines Unternehmens durchaus sehen lassen. So ist Rewe bereits 2009 dem Anbauverband Naturland beigetreten, um die Bio-Eigenmarke auf Verbandsstandard heben zu können. „Das war natürlich doof für Bio-Marken, die ihn nicht erfüllen“, sagte Sinn und stellte die Kehrseite heraus: „Wir sind bei den Bio-Eigenmarken nicht Preisführer und durch den Verbandsstandard wurden sie nochmals teurer.“ Sinn verwies zudem auf das im vergangenen Jahr gestartete Wegbereiter-Projekt. Landwirte, die auf Bio umstellen, müssen von Tag eins die höheren Auflagen erfüllen, können die erzeugten Produkte die ersten beiden Jahre allerdings nur konventionell mit entsprechendem Preisabschlag veräußern. Für viele Betriebe ist dies eine enorme wirtschaftliche Hürde. Um sie ein Stück weit zu senken, bezahlt Rewe ab dem zweiten Jahr einen höheren Einkaufspreis für ausgewählte Umstellerware.
Womit lässt sich der der Lebensmittelhändler nun überzeugen? „Wir suchen und brauchen authentische Bio-Marken, die eine Story zu erzählen haben, und damit einen Mehrwert gegenüber dem schaffen was schon da ist.“ Es sei schwer bei den großen Handelsketten ins Sortiment zu kommen und noch schwerer dort zu bleiben. „Die Sichtbarkeit in den Läden zu schaffen und auch zu halten ist herausfordernd. Die Regale sind voll.“ Gemessen wie sich das Sortiment in den vergangenen zehn Jahren verändert hat, sei keine allzu große Dynamik festzustellen. „Da sind immer noch die gleichen Top-Player wie schon immer.“
„Jedes Produkt sollte die Chance haben getestet zu werden klingt toll. In der hart umkämpften Realität braucht man es ohne Werbung nicht ins Regal stellen“, sagte Lukas Nossol, Leiter Kommunikation Dennree. Auch der Bio-Fachhandel stecke voller Kompromisse, was schon beim „Verpulvern von jeder Menge Diesel für die Logistik“ anfange. „Convenience ist mega erfolgreich auf dem Markt, besonders industriell hochverarbeitete Bio-Tiefkühlware, professionell erzeugt mit einer Zutatenliste, die wir früher unter Bio gar nicht kannten.“ So kam Dennree nicht umhin, ein neues Tiefkühllager zu bauen, da das vorhandene aus allen Nähten geplatzt sei. Aber: „Frische und unverarbeitete Bio-Lebensmittel sind unser eigentliches Ziel.“
Wie wichtig es ist, dass Bio-Verarbeiter und Lebensmittelhandel auf Augenhöhe agieren, hob Anne Mutter, Geschäftsführerin Holle Baby Food, mehrmals hervor. Schon sehr früh habe ihr Unternehmen direkt bei Erzeugern eingekauft und bietet feste Abnahmegarantien. „Mit langfristigen Kooperationen lassen sich Krisen abfedern.“ Der Bio-Markt sei jedoch äußerst volatil, auch weil sich Einkaufsverhalten ändert und der Handel entsprechende Neuprodukte einfordert.
Unter dem Strich war sich das Podium erwartungsgemäß einig, dass es sexy sein müsse Bio zu kaufen. Ja, man müsse noch öfter und deutlicher den ökologischen Mehrwert kommunizieren – aber bitte nicht langatmig.
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