Es ist durchaus als Erfolg zu verbuchen, dass ein breites Sortiment an Bio-Lebensmitteln beim Discounter, im konventionellen Lebensmittelhandel und in der Drogerie erhältlich ist. Der Weg führt schon lange nicht mehr zwangsläufig in den Bio-Fachhandel. Warum kaufen junge Menschen dennoch dort ein – oder eben nicht? Dieser Frage ging der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) auf der Biofach in einer Diskussionsrunde nach.
Gleich zu Beginn stellte Moderatorin Anna-Katharina Thiel, Netzwerk und Kommunikation BNN, klar, dass es nicht die Jugend gibt, sondern selbstverständlich auch in dieser Altersgruppe unterschiedliche Ansichten anzutreffen sind. Dennoch sind junge Menschen die Zukunft der Bio-Branche: als treue Kundschaft oder gar als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Demnach ist ein offenes Ohr empfehlenswert, was die Teilnehmerinnen der Diskussionsrunde vom Bio-Fachhandel speziell und von der Bio-Branche allgemein erwarten.
Preis, Nähe und Kompetenz
Ann-Sofie Henryson, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau Deutschland, schätzt das Einkaufserlebnis im Laden des Dottenfelderhofs im hessischen Bad Vilbel, welches sie sich bewusst gönnt. Preislich tendiere der Bio-Laden allerdings in Richtung Apotheke. Zudem steht für sie fest: „Ich fahre nicht extra mit dem Auto, um im Bio-Laden einzukaufen.“ Das widerspreche dem ökologischen Gedanken. Am Ende ist der Preis durchaus ausschlaggebend, ob bei Aldi oder im Bio-Laden eingekauft wird. Nicht nur bei jungen Menschen ist das Budget mitunter begrenzt. Der Bio-Fachhandel könne sein Teuer-Image daher gerne kommunikativ abstreifen und neue Zielgruppen ansprechen, getreu dem von Henryson formulierten Motto: „Wir haben auch Produkte für 89 Cent, Energydrinks und Burger Patties.“
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Oftmals entscheidet ganz banal die räumliche Nähe, welche Einkaufsstätte bevorzugt angesteuert wird. So meinte eine junge Frau im Publikum, dass sie bei Rewe einkaufe, obwohl sie selbst in der Bio-Branche arbeite. Die Filiale der Bio Company um die Ecke nutzt Hanna Simon, Werkstudentin digitale Kommunikation BNN, vornehmlich für die kleineren Einkäufe. Der Bio-Supermarkt punktet bei ihr besonders mit dem frischen Sauerkraut und einer breiten Auswahl an veganem Gebäck.
Yelena Podesta, Trainee Verbandsmanagement beim Demeter Landesverband Baden-Württemberg blieb besonders positiv im Gedächtnis, dass man ihr im Bio-Laden erklären konnte, wie viel die Erzeuger verdienen. „Antworten auf spezifische Fragen zu bekommen, ist ein echter Mehrwert.“
Praktisch soll der Einkauf sein
Der eine oder andere konnte sich im Publikum ein Lächeln nicht verkneifen, als Simon von einer Freundin erzählte, die bat in den Bio-Laden begleitet zu werden. „Sie war sich unsicher, wie man sich dort verhält und wie die Waren aufgebaut sind.“ Anscheinend gilt es noch Hürden abzubauen und außerhalb der „Bio-Bubble“ die Sichtbarkeit zu verstärken.
Manchmal möchte man nur rasch den Einkauf erledigen und sich nicht in Gespräche verwickeln lassen, war ein weiterer Diskussionspunkt. Bei DM kann man schnell reinspringen, an der Selbstbedienungskasse seine Produkte scannen und bezahlen.
Doch darf ein Bio-Laden ohne direkten Kundenkontakt auskommen? Mit diesem Gedanken kann sich spontan sicherlich nicht jeder und jede anfreunden. In der DNA ist speziell bei inhabergeführten Geschäften noch verankert, dass Bio-Läden nicht nur Einkaufsstätten sind, sondern vor allem auch politische Orte, an denen man sich bewusst zum Austausch trifft. Das darf weiterhin auf Wunsch bleiben, dennoch sollte es möglich sein, im oftmals hektischen Alltag seine Einkäufe rasch zu erledigen. Mehr Mut in Richtung SB-Kassen und modernem Auftritt meinte auch André Houillon, Leiter Gut Wulksfelde Lieferservice, der sich als Gast im Publikum an der Diskussion beteiligte. Podesta fand lobende Worte für Apps.
In den Augen von Simon spricht für den Bio-Fachhandel, dort nicht mit einer zu großen Auswahl überreizt zu werden. Bestenfalls ist das Sortiment gut kuratiert. Und für sie darf es durchaus die eine oder andere politische Botschaft sein: „Wir sind nicht die Verzichtgesellschaft, sondern sind die mit den Bonusfunktionen“, spielte sie, wenn auch nicht offen ausgesprochen, auf die ökologischen Vorteile in Sachen Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt an.
Vertrauen in die nächste Generation
Junge Menschen sind nicht nur Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch engagierte Arbeitskräfte. Thiel fragte daher die Diskussionsteilnehmerinnen, was sie von der Bio-Branche als Arbeitgeber erwarten. Einen sicheren Arbeitsplatz, Perspektive und ein Gehalt, von dem man gut leben kann waren die wesentlichen Antworten.
Doch Geld ist bei weitem nicht alles. Die jungen Menschen möchten gesehen und vor allem wertgeschätzt werden – abseits von kostenfreien Obstkörben. Wenn sie hören, sie sollen sich mehr einbringen, antworten sie selbstbewusst: Dann gebt uns die Chance. „Einfach mal loslassen: Wir können es auch – halt oft anders“, so Podesta.
„Der Bio-Fachhandel könne sein Teuer-Image daher gerne kommunikativ abstreifen“ – ein hartnäckiges Image, nicht zuletzt gespeist aus den Mondpreisen, die häufig aufgerufen werden.