Regionalkiste

Und die Moral von der Geschicht: Mit dem erhobenen Zeigefinger funktioniert es nicht

„Wir wissen viel, was wir aber nicht umsetzen“, sagte Prof. Dr. Lotte Rose, Frankfurt University of Applied Sciences, auf der vierten Jahrestagung des Zentrums für Ernährung, Lebensmittel und nachhaltige Versorgungssysteme (ELVe) am 6. November an der Hochschule Fulda. Anlass war die abschließende Podiumsdiskussion mit dem Titel „Mehr Pflanze, weniger Tier? Ernährungskommunikation zwischen Krisen, Konsens und Konflikt“. Man müsse sich von der Illusion verabschieden, man bräuchte nur Fakten zu einer für Mensch und Umwelt gesünderen Ernährung in die Köpfe bringen, und schon würden alle mit ihren pflanzenbetonten Speisezetteln zur Ernährungswende beitragen, machte Rose deutlich. Die Folgen des Klimawandels sind schon heute spürbar, wie also das Ruder im Ernährungssektor herumreißen?

Paukenschlag Anfang März: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellte ihre neuen Empfehlungen vor. Erstmals wurde Gesundheit und Umweltschutz gleichwertig betrachtet. „Konkret heißt das: Eine gesundheitsfördernde und ökologisch nachhaltigere Ernährung besteht zu mehr als drei Viertel aus pflanzlichen Lebensmitteln und zu knapp ein Viertel aus tierischen Lebensmitteln. Der Anteil tierischer Lebensmittel fällt geringer aus als bisher“, hieß es in der damaligen Pressemitteilung.

„Es hatte etwas von einem Paradigmenwechsel“, sagte Dr. Anja Kroke, Mitglied des Präsidiums der DGE und Professorin Hochschule Fulda (im Ruhestand). Natürlich habe man damit ein Stück weit die Kernkompetenz verlassen und daher externe Expertinnen und Experten eingebunden, „um sich vernünftig wissenschaftlich abzusichern“. Man habe jedoch schnell betont, dass sich nicht ganz so viel geändert habe, denn bereits vorherige Empfehlungen haben einen pflanzenbetonteren Speiseplan ans Herz gelegt. „Aber nun ist offiziell anerkannt, dass der Punkt ökologische Nachhaltigkeit ein wichtiger Aspekt ist, wenn es um Ernährung und Ernährungsempfehlungen geht. Weg vom Individuum und hin zu einer gesellschaftlichen Perspektive.“ Rose bekräftigte: „Das ist eine neue Ansage, die man in ihrer öffentlichen Wirkung nicht unterschätzen sollte.“

beenhere

Gemeinsam „über bio“ ermöglichen

Dieser Artikel sowie alle Inhalte von „über bio“ sind für Sie kostenfrei.
Hochwertiger Journalismus kostet neben Zeit für Recherche auch Geld. Ich freue mich über jede Unterstützerin und jeden Unterstützer, die/der das Magazin via Banküberweisung, Paypal oder jederzeit kündbares Abo bei Steady ermöglicht. Seien Sie auch mit dabei.

Essen fürs Gemeinwohl?

Etwas Wasser in den Wein goß Prof. Dr. Joachim Allgaier, Hochschule Fulda. Die DGE sei eher eine wissenschaftliche Fachgesellschaft und kein großer Player in der Medienwelt. „Die haben nicht viele Follower.“ Dennoch zeigte er sich verhalten zuversichtlich. „Pflanzliche Ersatzprodukte werden im Handel ja nachgefragt und es kommt immer mehr auf den Markt. Wenn man zwischen den Zeilen liest, glaube ich schon, dass viele Menschen verstanden haben es muss sich etwas ändern.“ Allerdings: „Vom moralischen Zeigefinger rate ich ab.“ Rose gab zu bedenken: „Ernährung ist Identität, ist etwas Soziales. Das kann ich nicht einfach ablegen, nur weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse mir sagen, ich soll anders essen.“

Während der Corona-Pandemie ließ sich ein Großteil der Gesellschaft impfen und trug Masken, um sich, aber auch speziell andere zu schützen. „Der Nutzen für die Gemeinschaft war groß“, betonte Kroke. „In der Ernährung könnte man sagen, wir sind an einem Punkt angekommen, dass unser Ernährungssystem weder gesundheitlich noch für das Klima gut ist und wir es wissen. Und wir sollten gemeinschaftlich darüber nachdenken und zum Wohle aller unsere Ernährung ändern.“ Ihrer privaten Meinung nach, müsse man diesen philosophischen Diskurs durchaus führen.

Dem widersprach Rose vehement. In unserer Gesellschaft seien Menschen nicht in ihrer Fantasie, sondern ganz real abgehängt. Diese würde kaum erfahren, dass sich jemand für ihren Alltag, ihre Sorgen und ihr Wohlergehen interessiert. „Jetzt auch noch zu verlangen, sie sollen anders essen, weil das für alle gut ist, wird schwierig.“ Damit sei man wieder an den elementaren sozialpolitischen Fragen als Basis für eine Transformation angelangt. Alleinig die richtige Kommunikationstechnik führe nicht zu einem breiten Konsens. „Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft, in die wir alle integrieren. Dann ist der nächste Schritt auch leichter.“

Soll es die Schule richten?

Dem schnellen Reflex bezüglich verschiedener gesellschaftlichen Herausforderungen jeweils nach einem Schulfach zu rufen, konnte Rose nichts abgewinnen. Sie sprach sich explizit für eine bessere Bildung aus, aber nicht als von der Realität getrennter Frontalunterricht. Das Thema Ernährung müsse ganzheitlich umgesetzt werden. Ansonsten bekämen Kinder im Unterricht erzählt, wie sie gesund essen sollen und in der Mensa landet dann das Gegenteil auf den Tellern. „Wer eine Ernährungswende will, soll sie machen und weniger reden.“

Einzelne Zuhörerinnen gingen mit Rose nicht d’accord und sahen gerade die möglichst frühe Ernährungsbildung im Kindergarten und in der Grundschule als essentiell an. Es gäbe einen großen Wunsch nach Informationen, ansonsten erlebten Influencerinnen und Influencer nicht solch einen Zulauf, die dann im schlimmsten Fall „nur Halbwissen oder gar Nullwissen anzubieten haben“. Nicht zuletzt seien die Schüler von heute womöglich die Arbeitskräfte von morgen in den Großküchen, die dann ausgewogene Konzepte umsetzen.

Ebenfalls aus dem Publikum meldete Prof. Dr. Stephanie Hagspihl, Hochschule Fulda, Zweifel an, ob es künftig noch genügend Ansprechpersonen in den Großküchen gibt, die Zahl der entsprechenden Berufsausbildungen gehe zurück. „Das Wissen, wie man Vorgaben umsetzt, wird auf wenige beschränkt sein.“ Ein großer Einsatz von Fertigprodukten, die von angelerntem Personal lediglich erwärmt werden, wäre zwar „eine sehr schwarzgemalte Perspektive, aber keine unrealistische“. Auch bei den Trägern von Kindertagesstätten und Schulen vermisse sie Expertise in Sachen Ernährung. „Die starten Ausschreibungen, wissen nicht was sie tun und wundern sich dann über die schlechte Qualität.“ Mitunter werde überhaupt nicht kontrolliert, ob ausgeschriebene Qualitätskriterien auch eingehalten werden.

Auch Peter Linz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) gab weitere Faktoren zu bedenken. Von den 16,6 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche in Deutschland sind fünf Millionen Hektar Grünland. Auch dieses gelte es durch Weidehaltung zu nutzen – schließlich wandeln Rinder Gras in Milch und Fleisch um. Zudem sei der Kreislaufgedanke zentrales Element in der ökologischen Landwirtschaft, zu der eine gewisse Anzahl an Nutztieren gehöre. Diese versorgen durch ihren Dung den Boden mit Nährstoffen, die wiederum Pflanzen zum Wachsen benötigen. „Nur wenige Gebiete eignen sich für den Gemüsebau. Derzeit sind das 131.000 Hektar.“ Ackerbohnen und Erbsen können erst nach fünf Jahren oder später wieder auf dem gleichen Feld angebaut werden. Stichwort: Fruchtfolge. Etabliere sich die pflanzenbetonte Ernährung weiter, sei man auf Importe angewiesen. Zwischen den Zeilen konnte man heraushören, dass sich Linz, der viele Jahre den nach Bioland-Kriterien wirtschaftenden antonius Hof in Fulda leitete, ein ausgewogenes Maß wünschte. Man dürfe den transformatorischen Trend im Ernährungssektor keinesfalls verschlafen. Dazu braucht es neben landwirtschaftlichen Erzeugern auch vielfältige Lebensmittelverarbeiter.

beenhere

Über ELVe

Das wissenschaftliche Zentrum ELVe ist eine der zentralen wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen der Hochschule Fulda. Das ELVe bündelt fachbereichsübergreifend Kompetenzen in den Bereichen Ernährung, Lebensmittel und nachhaltige Versorgungssysteme. Unsere Ziele und Aufgaben liegen in der Koordination und im Ausbau von inter- und transdisziplinären Forschungsvorhaben, im wechselseitigen Transfer von Wissen zwischen Forschung, Praxis und Gesellschaft und in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

0 Kommentare zu “Und die Moral von der Geschicht: Mit dem erhobenen Zeigefinger funktioniert es nicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert