Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln habe in vielen Produktkategorien im vergangen Jahr angezogen, die Zeit der Absatzkrise sei eindeutig vorbei. Dennoch stellen zu wenige heimische landwirtschaftliche Betriebe auf Bio um oder bekunden wenigstens ein starkes Interesse daran. „Hier wächst eine Diskrepanz, die wir inzwischen auch beim Bedienen der Nachfrage als sehr problematisch verspüren“, sagte Andreas Hopf, Geschäftsführer Vermarktungsgesellschaft Bio-Bauern.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0
Die gestrige Pressekonferenz der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern (LVÖ) stand grundsätzlich unter positiven Vorzeichen, da für 2024 voraussichtlich wieder ein echtes Mengenwachstum für Bio-Lebensmittel verzeichnet werden kann – genaueres ist kommende Woche auf der Bilanzpressekonferenz der Biofach zu erfahren. Doch der Ausbau der heimischen ökologischen Landwirtschaft hält mit der steigenden Nachfrage vielerorts nicht mit.
Mehr Bio, bitte!
„Die Bio-Verbände haben in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um neue Marktsegmente zu erschließen. Dies spüren wir nun in höheren Absatzmengen von Bio-Lebensmitteln insbesondere in Drogeriemärkten und im Discount. Bei manchen Produkten wie beispielsweise Milch, Fleisch und Eiern können wir aktuell nicht genug heimische Bio-Ware liefern“, verlautet LVÖ-Geschäftsführer Thomas Lang in einer Pressemitteilung, die nach der Pressekonferenz verschickt wurde.
Gemeinsam „über bio“ ermöglichen
Dieser Artikel sowie alle Inhalte von „über bio“ sind für Sie kostenfrei.
Hochwertiger Journalismus kostet neben Zeit für Recherche auch Geld. Ich freue mich über jede Unterstützerin und jeden Unterstützer, die/der das Magazin via Banküberweisung, Paypal oder jederzeit kündbares Abo bei Steady ermöglicht. Seien Sie auch mit dabei.
Etwa fünf bis sieben Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Bayern hätten Interesse auf Bio umzustellen. Diese Zahl sei realistisch, meinte Lang während der Pressekonferenz und betonte: „Die Betriebe wollen und brauchen Sicherheit im Hinblick auf Preise und politische Rahmenbedingungen. Das ist elementar, dann sind sie auch bereit umzustellen.“ Zuletzt verzeichnete Deutschland 2016 ein zweistelliges prozentuales Wachstum der Öko-Fläche um 14,9 Prozent, 2023 waren es 1,6 Prozent (auf 1.889.000 Hektar). Zahlen für 2024 werden ebenfalls kommende Woche auf der Bilanzpressekonferenz der Biofach präsentiert. Doch es ist bereits erwartbar, vom politischen Ziel 30 Prozent der Agrarflächen bis 2030 ökologisch zu bewirtschaften noch weit entfernt zu sein. „Es ist wichtig sich ein Ziel zu setzen, wenn man sich auf einen Weg begibt“, sagte Lang.
Die Öko-Fläche in Bayern konnte zum Stichtag 31.12.2024 im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Prozent auf 419.074 Hektar zulegen, allerdings schrumpfte im gleichen Atemzug die Fläche für den Anbau von Marktfrüchten um fünf Prozent auf 118.422 Hektar. Hinzu käme bei vielen Kulturen eine „deutlich unterdurchschnittlichen Ernte, so dass die heimische Erzeugung diametral in die andere Richtung (zur Nachfrage der Verbraucher – Anmerkung Jens Brehl) lief. Viel zu wenig Rohstoffe sind für die Marktbedienung verfügbar“, sagte Hopf.
Bio zu billig?
„Landwirte als vorsichtige Unternehmer reagieren auf eine Entwicklung, wenn sie sich als verlässlich, stabil und dauerhaft erweist“, betonte er. Viele hätten noch die Nachfragedelle der letzten Jahre – ausgelöst durch eine hohe Inflation – im Kopf und stellen heute fest, dass die Preise für ihre Erzeugnisse nur zögernd anziehen.
Tatsächlich verhagelt ein geringer Preisunterschied zu konventioneller Ware mitunter den Willen auf eine ökologische Wirtschaftsweise umzuschwenken. Im Jahresmittel 2024 ließ sich für ein Kilogramm Bio-Milch 58 Cent erlösen, konventionelle Milchbetriebe kamen im Schnitt auf 48 Cent. „Durch die höheren Kosten der Bio-Erzeuger ist der Anreiz aktuell nicht sehr hoch auf Bio umzustellen“, erklärte Antonia Rees vom Anbauverband Bioland, wo sie als Expertin den Bio-Milchmarkt analysiert. Der Orientierungspreis für einen Kilogramm Bio-Milch, der sämtliche Kosten deckt, verorten die Anbauverbände bei 69,6 Cent.
Dabei ist Bio-Milch durchaus ein knappes Gut, denn auch die Nachfrage nach entsprechenden Bio-Produkten ist 2024 fast durch die Bank weg gestiegen. „Bisher war es so, dass durch die Umsteller jedes Jahr mehr Bio-Milch dazu kam. Die letzten Jahre ist das deutlich kleiner ausgefallen, daher ist der Zuwachs der Milchmenge nur minimal. Im Oktober hatten wir sogar den Vorjahresmonat das erste Mal unterschritten. Es war ein knapp versorgtes Jahr“, so Rees.
Handel muss handeln
Die Partnerschaft mit dem Discounter Aldi sei für Naturland der logische Schritt gewesen und habe sich als vorteilhaft erwiesen. „Erfolg ist für mich erst dann, wenn wir hier eine Stabilität etablieren und die Produkte dauerhaft im Regal platziert sind“, schränkte Wilhelm Heilmann, Geschäftsführer Naturland Zeichen, ein. Kurz gesagt: stabile Lieferantenbeziehungen mit auskömmlichen Preisen. Doch Aldi bietet Naturland-Ware oftmals erstaunlich günstig an. Wie passt dies damit zusammen, dass höhere Erzeugerpreise nötig seien, um mehr Betriebe für die ökologische Landwirtschaft zu gewinnen? „Die Preise am Regal liegen in der Hoheit eines Handelspartners, da haben wir relativ wenig mitzureden“, sagte Heilmann auf entsprechende Frage von „über bio“. Man könne es ansprechen, welche Signale niedrige Preise an die Landwirte senden. „Die sind nicht besonders gut.“ Aber: Manchmal seien Aktionspreise auch im Sinne von Naturland, um entsprechende Mengen absetzen zu können.
Er sah durchaus Chancen, im derzeitigen Nachfragemarkt auch langfristig höhere Erzeugerpreise generieren zu können. Hopf rechnet damit, dass sie – zögerlich – anziehen. Der Handel sei oft zu weit weg von der Landwirtschaft, man beschäftige sich mit Produkten und Marketing, aber nicht mit Verfügbarkeit, merkte Heilmann an. Subtext: Möchten der Lebensmittelhandel und die Discounter mehr heimische Verbandsware, dann müssen sie auch verstärkt den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft unterstützen. Man sei auf einem guten Weg, Verantwortliche diesbezüglich zu sensibilisieren. Einzelne Handelspartner hätten aktiv nachgefragt, was sie tun können. „Das ist eine gute Basis“, resümierte Heilmann.
0 Kommentare zu “Deutschland sucht den neuen Bio-Betrieb”